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Kapitel 4

Author: Joshwrites
last update publish date: 2026-09-09 16:44:26

Kaels Sicht

Zwei Monate.

So lange lebte sie nun schon unter meinem Dach und bewegte sich darin wie ein Schatten – als könnte ich mir einreden, sie existiere gar nicht, solange ich sie nicht direkt ansah.

Ich redete mir ein, ihren Duft nicht wahrzunehmen – einen Geruch, der mich manche Nächte bis in den Schlaf verfolgte, ob ich es wollte oder nicht. Ich redete mir ein, dass nichts davon eine Rolle spielte. Mein Wolf war in jedem einzelnen Punkt anderer Meinung. Die meisten Nächte war er wach, unruhig auf eine Art, für die ich keinen Namen fand, und sich einer Sache sicher, die ich mich weigerte anzuerkennen.

Doch an jenem Morgen hatte ich weit größere Probleme als ein Gefühl, das ich mir selbst nicht erklären konnte.

Dex trat ohne anzuklopfen in mein Arbeitszimmer – ich hatte es inzwischen aufgegeben, etwas anderes von ihm zu erwarten. »Alpha Blackwood steht am Tor. Er hat drei seiner Leute mitgebracht.«

Ich erhob mich langsam. Griffin Blackwood führte das Nightfang-Rudel, dessen Territorium an unserem östlichen Bergrücken grenzte. Wir waren keine Feinde. Freunde waren wir allerdings auch nicht – zu viele Grenzstreitigkeiten im Laufe der Jahre, zu viele tote Wölfe auf beiden Seiten, als dass man es mehr als bloße Duldung nennen konnte. In letzter Zeit waren Streuner vermehrt in unsere beiden Gebiete eingedrungen – dreist und organisiert auf eine Art, wie Streuner es für gewöhnlich nicht waren. Mein Rat war der Ansicht, dass eine Allianz sinnvoll wäre.

Mir gefiel der Gedanke nicht. Doch ich war nicht töricht genug, die Bedrohung zu ignorieren.

»Bringen wir es hinter uns«, sagte ich.

Der Konferenzraum war für die Verhandlungen vorbereitet – ein langer Tisch, Karten auf der Holzplatte ausgebreitet, meine Leute auf einer Seite positioniert. Dex zu meiner Rechten. Finn, mein Gamma, zu meiner Linken. Zwei erfahrene Krieger standen mit verschränkten Armen und unbewegten Gesichtern hinter uns Wache.

Griffin betrat den Raum mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes, dem das Gebäude bereits gehörte. Anfang vierzig, mit messerscharfen Augen, denen nichts entging, und einem gewinnenden Lächeln, das vollkommen unecht wirkte.

»Kael.« Er schüttelte mir die Hand mit einem Griff, der eine halbe Sekunde zu lange andauerte. »Gut von dir, uns zu empfangen.«

»Griffin.« Ich hielt meine Stimme neutral. »Danke für dein Kommen.«

Wir setzten uns. Seine Begleiter flankierten ihn – eindeutig Krieger, keine Diplomaten, ihre Gesichtszüge aus demselben harten Stein gemeißelt. Ich registrierte es, ging aber nicht darauf ein.

»Das Streuner-Problem«, begann Griffin und legte die Hände flach auf den Tisch. »Auf meiner Seite ist es schlimmer, als ich gerne zugeben würde. Organisiert. Dreist.«

»Dasselbe Muster bei uns«, schaltete sich Dex ein. »Nachschublinien werden attackiert, Patrouillen gezielt ausgeschaltet. Das ist kein Zufall.«

»Was bedeutet, dass jemand sie koordiniert.« Griffins Blick glitt betont gelassen zu mir herüber. »Jemand, der unsere beiden Territorien gut genug kennt, um die Schwachstellen auszunutzen.«

»Du glaubst, der Verrat kommt von innen«, warf Finn ein.

»Ich halte es für ratsam, gar nichts auszuschließen.« Griffins Tonfall blieb leicht, fast schon gelangweilt, was den Worten nur noch mehr Schärfe verlieh. »Es könnte jemand aus dem engeren Kreis sein, der Informationen dorthin weiterleitet, wo sie nichts zu suchen haben.«

Im Raum herrschte mit einem Schlag absolute Stille. Das war keine beiläufige Anschuldigung an einem Verhandlungstisch.

»Hast du Beweise dafür?«, fragte ich kühl.

»Nichts Handfestes. Hauptsächlich auffällige Muster.« Er zuckte unberührt mit den Schultern. »Genau deshalb sollten wir Geheimdienstinformationen teilen. Patrouillen abstimmen. Uns gegenseitig den Rücken freihalten – da es ganz offensichtlich jemanden gibt, dem das gar nicht gefallen würde.«

Wir verbrachten die meiste Zeit der folgenden Stunde damit, Grenzen, Patrouillenpläne und Kommunikationskanäle auszuarbeiten. Mühsame, aber notwendige Arbeit. Am Ende stand eine Vereinbarung.

»Gut.« Griffin erhob sich und strich sein Sakko glatt. »Wir lassen die formellen Bedingungen aufsetzen und—«

Die schwere Holztür öffnete sich mit einem leisen Quietschen.

Jeder Kopf im Raum fuhr herum.

Lyra krabbelte durch den Spalt, klein und zielstrebig in einem rosa Strampler, während ihre dunklen Locken bei jedem Schritt auf und ab hüpften. Sie ignorierte die Wachen vollkommen. Sie würdigte Griffins Männer keines einzigen Blickes. Sie hielt geradewegs auf mich zu, als hätte sie den Raum im Voraus kartografiert.

Totenstille senkte sich über den Tisch.

Sie erreichte meinen Stuhl, krallte sich mit ihren kleinen Fingern an meinem Hosenbein fest und zog sich wackelig auf die Beine. Ihre grauen Augen fixierten mein Gesicht, siegesgewiss.

»Pa!«, verkündete sie stolz.

Ein heftiges, unwillkommenes Ziehen durchfuhr meine Brust. Ich verzog keine Miene.

»Sieh mal einer an.« Griffins Stimme klang geschmeidig wie Öl. »Ich wusste gar nicht, dass du ein Kind hast, Kael.«

»Sie ist nicht—« Ich brach ab. Was war sie eigentlich? Blutsverwandt waren wir nicht. Und doch schlief sie unter meinem Dach, aß das Essen aus meiner Küche und streckte die Arme nach mir aus, als wäre ich jemand, nach dem es sich zu greifen lohnte.

»Sie ist die Tochter meiner Frau«, stellte ich klar. »Aus einer früheren Beziehung.«

»Ah. Die geheimnisvolle Ehefrau.« Griffins Lächeln wurde breiter, an den Rändern gefährlich scharf. »Diejenige, bei deren Zeremonie niemand anwesend war. Die aus dem Nichts auftauchte – mit einem Kind bereits auf dem Arm.« Er lachte leise auf, doch seine Augen blieben lauernd und berechnend. »Ihr Stones liebt eben eure Geheimnisse.«

Lyra zupfte ungeduldig an meinem Hosenbein, weil ich sie nicht beachtete. Ohne nachzudenken hob ich sie auf meinen Schoß. Sofort umschloss ihre winzige Hand meinen Zeigefinger und hielt sich fest.

»Sie hat einen Narren an dir gefressen«, bemerkte Griffin. »Ungewöhnlich für ein Kind, das nicht von dir stammt.«

»Sie ist zu jedem so.« Die Lüge kam mir erschreckend leicht über die Lippen. »Ein zutrauliches Kind.«

»Hm.« Sein Blick verharrte einen Schlag zu lang auf Lyras Gesicht – insbesondere auf ihren Augen. Ein flüchtiger Ausdruck huschte über seine Züge, den ich nicht sofort einordnen konnte. Wiedererkennen. Genugtuung. Doch er war verschwunden, bevor ich ihn greifen konnte.

»Sie hat verblüffende Ähnlichkeit mit dir«, sagte er beiläufig. »Sehr interessant.«

Ehe ich etwas erwidern konnte, flog die Tür erneut auf – diesmal mit mehr Wucht.

Judith hastete atemlos herein, die Wangen gerötet, schlicht gekleidet in Jeans und einen weichen grauen Pullover – ein Anblick, der mich nicht hätte fesseln dürfen und es doch tat.

»Es tut mir furchtbar leid.« Sie sprach in den Raum hinein, vermied es jedoch, mich anzusehen. »Sie ist so schnell – ich habe mich nur für eine Sekunde umgedreht. Ich wollte wirklich nicht stören.«

Lyras Gesicht strahlte auf. »Mama!«

Judiths Blick wanderte zu mir, sah Lyra auf meinem Schoß sitzen, und etwas Huschendes legte sich über ihre Züge – Angst vielleicht, oder eher blankes Entsetzen –, ehe sie ihre Miene wieder glättete.

»Ich nehme sie«, sagte sie und durchquerte den Raum.

Griffin stellte sich ihr in den Weg. Nicht offen feindselig – er stand einfach nur da, seine Statur und sein Lächeln wie eine Mauer, die sie umgehen musste.

»Das ist also die geheimnisvolle Ehefrau.« Sein Blick glitt musternd über sie hinweg, registrierte jedes Detail. »Judith, richtig?«

Sie blieb abrupt stehen. Ihr Ausdruck wurde betont ausdruckslos. »Ja.«

»Ein Vergnügen.« Er reichte ihr die Hand. Sie zögerte einen Wimpernschlag zu lang, ehe sie einschlug, und er hielt ihre Finger einen Moment länger, als es der Anstand verlangte. »Ich habe Kael gerade gesagt, wie merkwürdig es ist, dass niemand von der Hochzeit wusste, bis du bereits eingezogen warst. Und nun stehst du hier, mit einem bezaubernden Kind, mitten im Haus des Alphas.«

Ihre Kiefermuskeln spannten sich an. »War darin irgendwo eine Frage versteckt?«

Griffin lachte laut auf, sichtlich amüsiert. »Temperamentvoll. Das gefällt mir.« Er gab ihre Hand frei. »Keine Frage. Nur eine Feststellung. Ich habe eben ein Auge fürs Detail – eine Berufskrankheit.«

Judith wich ihm aus, trat an meinen Stuhl heran und hob Lyra von meinem Schoß. Die Kleine quengelte unwillig und streckte ein Händchen nach mir aus, doch Judith hielt sie fest an sich gedrückt.

»Entschuldigt nochmals die Störung.« Noch immer sah sie mich nicht an. »Es kommt nicht wieder vor.«

Sie verließ den Raum. Lyras leiser Protest verhallte im langen Korridor.

Für einen quälenden Moment sprach niemand ein Wort.

Griffins Blick kehrte zu mir zurück – nachdenklich auf eine Art, die mir ganz und gar nicht gefiel. »Eine interessante Frau.«

»Meine Frau«, stellte ich mit schneidender Kälte klar. »Und ich verbitte mir Diskussionen über sie.«

»Natürlich, natürlich.« Er hob beschwichtigend beide Hände. »Ich bin nur überrascht, dass wir nicht zum Feiern eingeladen waren. Immerhin sind wir Nachbarn. Praktisch Verbündete. Eine Hochzeit wäre ein hervorragender Anlass für ein Fest gewesen.«

»Es war eine private Angelegenheit.«

»Offensichtlich.« Das Lächeln blieb auf seinen Lippen eingefroren. »Nun denn. Ich sollte aufbrechen. Wir lassen den Vertrag aufsetzen.« Beim Hinausgehen drückte er mir noch einmal fest die Hand. »Gut, dass wir an einem Strang ziehen, Kael. Die Rudel brauchen Zusammenhalt. Gerade jetzt.«

Ich begleitete ihn und seine Männer bis zum Tor. Erst als die Rücklichter ihrer Wagen in der Einfahrt verschwunden waren, erlaubte ich meinen Schultern, sich minimal zu senken.

Dex trat neben mich. »Das war seltsam. Sag mir bitte, dass ich mir das nicht eingebildet habe.«

»Du hast es auch gesehen.«

»Die Art, wie er sie angesehen hat. Und das Baby.« Dex schüttelte langsam den Kopf. »Als würde er im Kopf eine Rechnung aufstellen.«

Ich hatte es genau bemerkt – die Art, wie sein Blick zu lange auf Lyras Gesicht haften geblieben war; die Fragen, die eigentlich gar keine Fragen gewesen waren; die plötzliche Veränderung in seiner Haltung, als Judith den Raum betreten hatte.

»Er weiß etwas«, sagte ich leise. »Oder er glaubt zumindest, etwas zu wissen.«

»Worüber?«

Ich gab keine Antwort, weil ich keine hatte. Doch Griffin hatte Judith angesehen, als hätte sie eine persönliche Bedeutung für ihn – wie eine wichtige Figur auf einem Schachbrett, das er schon sehr lange vor dem heutigen Tag im Auge behalten hatte.

»Vielleicht will er sie einfach für sich«, mutmaßte Dex.

Vielleicht. Das wäre fast noch das einfachere Problem gewesen.

In dieser Nacht fand ich keinen Schlaf. Stattdessen ging ich durch das dunkle Anwesen – redete mir ein, es sei ein routinemäßiger Sicherheitsrundgang – und fand mich schließlich im Ostflügel vor ihrer Tür wieder.

Ich hielt inne, als ich es hörte.

Jemand weinte. Nicht Lyra. Es war ein leises, ersticktes Schluchzen – mit aller Kraft darauf bedacht, unbemerkt zu bleiben.

Judith.

Ich stand länger vor ihrer geschlossenen Tür, als ich sollte. Die Hand halb gehoben, um anzuklopfen – und ließ sie sinken. Welches Recht hatte ich schon dazu? Ein Ehemann auf dem Papier. Ein Fremder, um den sie nicht gebeten hatte und den sie nicht in ihrer Nähe haben wollte. Das hatte sie mir in der Bibliothek unmissverständlich klargemacht.

Das redete ich mir ein, während ich mich lautlos abwandte.

Ich ging zurück in mein Zimmer, trat ans Fenster und starrte hinaus auf die finstere Wand aus Bäumen – dorthin, wo vielleicht schon ein Feind lauerte und ein Krieg begann, ohne dass ich es wusste.

Und irgendwo hinter mir, im Ostflügel, weinte sich meine Frau leise in den Schlaf, während ihre Tochter neben ihr lag.

Ich schlief ebenfalls nicht. Nicht in dieser Nacht.

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