LOGINKAPITEL 18: ADRIAN„Wir fahren um acht", sagte Lorenzo und ging hinaus, bevor ich antworten konnte.Das war die ganze Anweisung. Kein Tonfall, kein Blick, nichts, was mir verraten hätte, was er erwartete. *Es ist Zeit, die Arbeit einer Donna zu tun*, und dann eine geschlossene Tür.Um fünf Uhr stand ich mit verschränkten Armen vor meinem Kleiderschrank und begriff, dass ich nichts dafür besaß. Alles, was ich in dieses Haus mitgebracht hatte, war für ein Mädchen ausgesucht worden, das sich in Ecken versteckte. Die cremefarbene Bluse. Der graue Rock. Ein schwarzes Kleid, das ich zur Beerdigung meiner Mutter getragen hatte. Ich zog drei Bügel heraus, warf sie aufs Bett und setzte mich daneben.Ein Klopfen. Caterina steckte den Kopf herein, ein wenig atemlos.„Signora, verzeihen Sie. Die Signora Maria bittet Sie, zu ihr zu kommen. Jetzt gleich, wenn Sie können."---Marias Zimmer roch nach Lavendel und warmem Eisen. An der Oberkante ihrer Schranktür hing ein Kleid, in Seidenpapier gehüllt
KAPITEL 17: MEINE DONNABeatrice kam hinkend.Ich hörte sie, bevor ich sie sah. Das Klicken eines Absatzes, dann ein weicheres, ungleichmäßiges Schleifen, dann wieder das Klicken. Sie durchquerte den Flur wie eine Frau, die über Glasscherben geht und versucht, es wie einen Spaziergang aussehen zu lassen.Lorenzo hatte sich nicht von seinem Platz hinter dem Schreibtisch gerührt. Er saß im hochlehnigen Ledersessel wie ein Richter, der auf einen Bittsteller wartet. Die zersplitterte Schublade lag offen vor ihm, die schwarze Mappe obenauf. Er hatte sie nicht angerührt, seit er Sofia fortgeschickt hatte. Er hatte überhaupt nichts angerührt. Eine verbundene Hand lag flach auf dem Holz.Ich stand am kalten Kamin, die Arme verschränkt. Er hatte mich nicht gebeten zu gehen, und ich hatte es nicht angeboten.Die Tür öffnete sich.Beatrice trat mit ihrem süßesten Gesicht ein, der besorgten Falte zwischen den Brauen, die Hände an die Brust gefaltet. Sofia hielt sich hinter ihr, blass wie Milch, u
KAPITEL 16: LASS SIE GLAUBENIch drehte mich nicht um.Ich stand mit dem Papier in den Händen da und lauschte dem Klicken des Schlosses. Er hatte die Tür hinter sich geschlossen und den Schlüssel gedreht. Ich hörte es, und ich hörte ihn atmen, langsam und gleichmäßig, der Atem eines Mannes, der längst entschieden hatte, wie das hier ablaufen würde.„Wie viel hast du gelesen?"Nicht *was tust du da*. Nicht *wie kannst du es wagen*. Er fragte nicht, ob ich es gelesen hatte. Er fragte, wie viel ich wusste.Ich drehte mich um.Er lehnte an der Tür, die Arme an den Seiten, im selben schwarzen Hemd, mit derselben verbundenen Hand. Sein Gesicht verriet mir nichts. Es war das Gesicht aus der Halle am Abend der Teegesellschaft, still wie ein See im Winter.„Alles", sagte ich. Meine Stimme war vollkommen ruhig. Darauf war ich stolz, etwa eine Sekunde lang. „Die Abtretung. Lucas Unterschrift. Marcos." Ich hob die zweite Seite. „Und das hier."Sein Blick fiel darauf. Etwas flackerte, zu schnell,
KAPITEL 15: DIE VERSCHLOSSENE SCHUBLADEMarcos Limousine hatte kaum das Tor passiert, da fing ich an zu zählen.Lorenzo war um neun mit ihm aufgebrochen. Er war in der Tür stehen geblieben, hatte „Verlass nicht das Gelände" gesagt, ohne mich anzusehen, und war gegangen. Das gab mir, so meine beste Schätzung, fünf Stunden und ein Haus voller Augen.Ich begann mit dem Leichten. Ich frühstückte sehr sichtbar. Ich fragte Sofia nach den Rosen. Ich ließ Beatrices Zofe sehen, wie ich gähnte und verkündete, ich würde den ganzen Vormittag in meinem Zimmer lesen, eine Lüge so langweilig, dass kein Mensch bei Verstand sie überprüfen würde.Um zehn schloss ich meine Tür ab, steckte mir das Haar mit zwei Nadeln hoch und kletterte aus meinem eigenen Leben.Der Ostflur war leer. Die Tür des Arbeitszimmers lag an seinem Ende, dunkle Eiche und Messing, die Art Tür, die *Nein* sagte, bevor man sie berührte. Ich legte die Hand auf die Klinke.Abgeschlossen. Natürlich.Ich kniete mich hin und zog eine de
KAPITEL 14: DER BRUDER, DEN ICH KANNTEEine Stimme drang durch die Terrassentüren herauf, leise und knapp.Ich hatte nicht geschlafen. Ich hatte auf meiner Seite des Bettes gelegen und *Luca lebt* wiederholt, bis die Worte abgenutzt waren. Ich glitt aus dem Bett und schlich zum Fenster.Lorenzo stand unten auf der Terrasse, ein Telefon am Ohr, eine verbundene Hand auf das steinerne Geländer gestützt. Das Mondlicht schnitzte sein Profil zu etwas Hartem und Müdem.Ich konnte nicht folgen. Die Sätze waren kurz und kahl, voller Zahlen und Namen, die mir nichts sagten, eine Sprache, gemacht, um belauscht und doch nicht verstanden zu werden. Dann sagte er das Einzige, was ich verstand.„Bring ihn morgen früh her."Er beendete das Gespräch und stand reglos da, den Blick auf die schwarze Linie der Weinberge gerichtet. Ich trat vom Glas zurück, bevor er sich umdrehen konnte.*Ihn.* Es gab nur einen *ihn*, an den ich denken konnte.---Sie kamen im Morgengrauen.Reifen knirschten auf Kies, und
KAPITEL 13: BLUT AUF WEISSIch lief geradewegs gegen eine Wand, die atmete.Warm, fest, nach Rauch und Regen riechend und nach etwas Metallischem darunter. Meine Hände flogen instinktiv hoch und landeten auf Stoff, und der Stoff war *nass*.Ich zuckte zurück.Lorenzo stand im Flur vor Marias Tür. Sein weißes Hemd war ruiniert, der Kragen eingerissen, und ein dunkler, steifer Fleck zog sich auf einer Seite von den Rippen bis zum Saum. Der Verband um seine linke Handfläche, den ich in jenem roten Raum hatte anlegen sehen, war durchgeblutet. Ein frischer Streifen davon zeichnete die Manschette.Einen Herzschlag lang rührte sich keiner von uns.„Was ist passiert?" Meine Stimme klang zu klein. „Ist das dein Blut?"Er sagte nichts.Er sah mich an, wie er Beatrice in jener Halle angesehen hatte, als wäre ich Teil der Architektur. Dann fiel sein Blick auf die Tür, aus der ich gekommen war, und ein Muskel in seinem Kiefer spannte sich. Er hatte die Stimme seiner Mutter gehört. Ich wusste es.







