LOGINJaces POVDer Regen fiel in dichten Schleiern und verwandelte den Asphalt des Highways in einen schwarzen, spiegelnden See. Jeder vorbeirasende Sattelschlepper schleuderte Wasserwände gegen die Windschutzscheibe des Mietwagens und machte die Sicht praktisch unmöglich.Meine Finger waren fest um das Lenkrad geschlossen, so fest, dass sie inzwischen völlig taub waren.Siebzig Meilen nördlich. So weit war ich gekommen, bevor der Himmel aufriss und der Verkehr zu einem toten, erbärmlichen Stillstand kam. Vor mir erstreckten sich rote Bremslichter so weit das Auge reichte, ein pulsierender, endloser Strom aus Rücklichtern, der im Sturm verschluckt wurde. Ein Massenunfall mit mehreren Fahrzeugen blockierte beide Fahrspuren in Richtung Norden. Mindestens eine Stunde Verzögerung. Zwei Stunden, wenn die Abschleppwagen die Unfallstelle nicht schnell genug räumen konnten.Ich starrte auf die Uhr im Armaturenbrett.14:15 Uhr.Mein Handy lag auf dem Beifahrersitz und vibrierte alle paar Minuten we
Ezras POVDie Luft im unterirdischen Parkhaus roch stark nach Abgasen, feuchtem Beton und altem Öl. Über uns summten Leuchtstoffröhren mit einem leisen, quälenden Dröhnen und warfen lange, kränklich grüne Schatten über Reihen geparkter Limousinen und Luxus-SUVs. Hier unten war es still, drei Stockwerke unter der Straße, weit entfernt von den Glastürmen und Vorstandstischen, an denen unsere Väter so gerne die Fäden zogen.Ich lehnte mit dem Rücken an einer kalten Betonsäule und sah zum vierten Mal innerhalb von zwei Minuten auf meine Uhr.Schritte hallten über die Betonrampe. Schnell, zielstrebig, ihr rhythmisches Klicken über den Boden.Helen tauchte aus dem dämmrigen Licht auf und ging zügig auf mein Auto zu. Sie trug einen maßgeschneiderten Wollmantel, ihr blondes Haar war zu einem strengen Knoten im Nacken gebunden. Ihr Gesicht war völlig ausdruckslos, doch die angespannte Haltung ihrer Schultern sagte mir alles, was ich wissen musste.„Du hättest dieses Treffen nicht hier unten an
Ezras POVDie Eichentür zum privaten Büro meines Vaters fiel mit einem schweren, gedämpften Laut ins Schloss und schirmte das Summen der Handelsfläche unter uns ab.Der Raum roch nach altem Papier, teurem Scotch und Einschüchterung. Raumhohe Mahagoniregale säumten die Wände, gefüllt mit ledergebundenen Gesetzbüchern und gerahmten Fotos meines Vaters, wie er Präsidenten und Gouverneuren die Hand schüttelte, die längst im Ruhestand oder verstorben waren. Es war ein Raum, der dafür geschaffen war, jeden, der über den Perserteppich schritt, klein, machtlos und vollkommen entbehrlich fühlen zu lassen.Mein Vater sah nicht von seinem Mahagonischreibtisch auf. Er saß in einem hohen Ledersessel, sein silbernes Haar ordentlich gekämmt, die Finger unter seinem Kinn ineinandergelegt, während er langsam die Seiten eines ausgedruckten Finanzberichts umblätterte.„Helen sagt mir, dass die morgendliche Besprechung nicht nach Plan verlaufen ist“, sagte mein Vater. Seine Stimme war ruhig, rau und voll
Jaces POVDie Uhr auf dem Nachttisch zeigte grell und neonfarben 2:14 Uhr morgens.Die Wohnung in New York war vollkommen still, abgesehen vom leisen, gleichmäßigen Summen der Klimaanlage und Ezras rhythmischem Atem, der aus dem Schlafzimmer am anderen Ende des Flurs zu hören war. Er war endlich zur Ruhe gekommen, völlig erschöpft von den Kämpfen in der Geschäftswelt und den schlaflosen Flügen quer über den Kontinent. Zum ersten Mal seit einem halben Jahrzehnt wirkte sein Gesicht entspannt.Ich konnte nicht schlafen.Meine nackten Füße bewegten sich lautlos über den Holzboden des Arbeitszimmers. Das Licht meines Laptopbildschirms tauchte den dunklen Raum in ein kaltes Blau und beleuchtete die Dutzenden geöffneten Browser-Tabs, gescannten Zeitungsarchive und Berichte über Finanzermittlungen, die auf dem Holztisch verstreut lagen.Ich beugte mich über die Tastatur. Meine Augen brannten, während ich durch das digitale Archiv einer lokalen Zeitung von vor fünf Jahren scrollte.„Eros Cosme
Ezras POV Der Nachtflug von New York nach Los Angeles fühlte sich an, als würde er eine Ewigkeit dauern. Ich schlief nicht. Ich rührte die kleine Flasche Bourbon nicht an, die mir die Flugbegleiterin mit einem höflichen Lächeln gereicht hatte. Ich starrte einfach aus dem winzigen Kabinenfenster auf die schwarze Weite des Kontinents unter mir und beobachtete, wie das schwache Leuchten entfernter Städte zu langen Linien aus Autobahnlichtern verschwamm. Als das Flugzeug schließlich auf dem Rollfeld des LAX aufsetzte, begann die Sonne gerade über dem Horizont aufzusteigen und färbte den smogverhangenen Himmel Kaliforniens in ein verletztes Orange und Violett. Ich ging nicht in ein Hotel. Ich zog mich nicht einmal um. Ich trug noch immer die Kleidung, die ich seit zwei Tagen anhatte. Ich wies den Fahrer des Fahrdienstes an, mich direkt zu der Adresse zu bringen, die Jace mir drei Stunden zuvor am Telefon genannt hatte. Ein ruhiger, von der Sonne ausgebleichter Apartmentkomplex in einem
Jaces POV Die Küche zurück in Kalifornien roch nach verbranntem Kaffee und erzwungener Normalität. Ich stand an der Küchentheke und starrte zum vierten Mal innerhalb von fünf Minuten auf mein Handy, während der Bildschirm weiterhin tot und schwarz blieb. Keine Nachrichten. Keine verpassten Anrufe. Nur das hohle Echo des Flugtrackers, der mir sagte, dass ich wieder dort war, wo alles angefangen hatte. Hinter mir durchschnitt das gleichmäßige Geräusch eines schweren Reißverschlusses die Stille. Ich drehte mich nicht um. Ich konnte nicht. Meine Finger umklammerten die Kante der Quarzinsel so fest, dass meine Knöchel weiß wurden. „Du warst vierundzwanzig Stunden lang dreitausend Meilen entfernt“, sagte Marcus. Seine Stimme klang nicht wütend. Das wäre leichter gewesen. Sie war flach, leise und vollkommen leer, was bedeutete, dass er die ganze Nacht nachgedacht hatte. „Du bist früher zurückgekommen, hast darüber gelogen, was du erledigen musstest, und hast mir kein einziges Mal in die






