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Author: Lael
last update publish date: 2026-10-03 19:07:08

XENIA

„Woher weißt du, wie ich meinen Tee trinke?"

Irwin hatte die Tür schon erreicht. Er blieb mit der Hand auf der Klinke stehen, und für einen Moment sah er aus wie ein Mann, der sich überlegt, welche von mehreren Antworten er geben soll.

„Mir fällt eben so einiges auf."

„Zum Beispiel, wie die Exverlobte deines Bruders ihren Tee trinkt?"

„Interpretier da nicht zu viel hinein." Er blieb, wo er war, die Hand auf der Klinke, ohne sich umzudrehen. „Ich bin auf der anderen Seite dieser Tür. Du musst nicht mit mir reden. Du musst dich nicht bedanken. Sobald du mich los sein willst, bin ich weg. Mehr habe ich nicht anzubieten."

Ich hasste es, dass der Freiraum, den er mir gerade gegeben hatte, das Erste an diesem ganzen Tag war, das mich hatte atmen lassen.

Stattdessen griff ich zum Handy und tat das Einzige, was sich nach Kontrolle anfühlte. Ich blockierte Zenias Nummer, dann Raymons, und dann saß ich eine ganze Weile mit dem Daumen über dem Namen meiner Mutter da, bevor ich auch sie blockierte.

„Deine Mom?"

„Sie wird sich sowieso auf Zenias Seite schlagen. Das tut sie immer." Ich legte das Handy mit dem Display nach unten auf die Decke und schob es von mir weg. „Mit ihr komme ich heute nicht klar. Vielleicht nie."

„Und dein Dad?"

„Ja." Ich nahm es wieder in die Hand. „Ihn kann ich anrufen."

Er ging ran, noch bevor das erste Klingeln zu Ende war.

„Xenia? Oh, Gott sei Dank. Wo bist du? Bist du verletzt? Sag mir einfach, wo du bist, und ich komme."

„Dad." Ich musste innehalten und atmen, bevor der Rest herauskam. „Mir geht's gut. Ich bin in Sicherheit. Ich brauche nur, dass du mir kurz zuhörst."

„Ich höre zu. Ich bin hier, mein Schatz."

„Ich kann noch nicht nach Hause kommen. Und du darfst nicht zulassen, dass Mom das so hindreht, als wäre es meine Schuld. Denn du weißt, dass sie es versuchen wird."

„Xenia June." Seine Stimme schnürte mir die Kehle zu. „Deine Mutter kann zur Hölle fahren. Und deine Schwester existiert für mich gerade nicht. Hörst du mich? Ab heute habe ich eine Tochter. Eine."

Das Schluchzen kam aus dem Nichts und riss mich mit. Dann senkte sich die Matratze, und Irwins Hand lag flach zwischen meinen Schulterblättern und strich langsame, gleichmäßige Kreise, während ich in das Telefon hinein zerfiel.

„Ich hab dich lieb, Papa." Es kam irgendwo mitten im Weinen heraus.

„Mehr als alles auf dieser Welt, Kleines." Er räusperte sich, rau vor Rührung. „Du rufst mich morgen an, hörst du? Und dieser Kerl sollte beten, dass ich ihm nie wieder über den Weg laufe."

„Danke, Dad."

Ich ließ das Handy auf die Decke fallen und weinte, wie ich es seit meiner Kindheit nicht mehr getan hatte. Irwin sagte nichts. Er ließ seine Hand genau dort, wo sie war, und ließ mich da durch.

Als es schließlich zu einem Schluckauf abebbte, wischte ich mir mit dem Handballen übers Gesicht und setzte mich ein Stück auf.

„In deine Wohnung kannst du nicht zurück", sagte er vorsichtig. „Der Mietvertrag läuft auf seinen Namen. Hinter meinem Haus steht eine alte Garage, umgebaut. Eigener Eingang, alles Eigene. Niemand nutzt sie. Sie gehört dir, so lange du willst."

Ich zog die Decke fester um mich. „Ich fahre nicht mit zu dir nach Hause."

„Tust du auch nicht. Du hättest deinen eigenen Bereich, auf der anderen Seite meines Gartens. Du müsstest mich nicht sehen, wenn du nicht willst." Er stand auf, und die Wärme in meinem Rücken verschwand mit ihm. „Ich habe sie vor ein paar Jahren ausgebaut und nie etwas daraus gemacht. Du musst sie nicht mögen. Du musst mich nicht mögen. Das Angebot gilt so oder so."

Ich wollte Nein sagen. Zu leichteren Dingen hatte ich schon Nein gesagt.

Aber ich hatte achthundert Dollar, eine Schicht am Montag und keinen einzigen Ort auf dieser Erde, an dem nicht lauter Leute darauf warteten, mir zu erklären, wie ich mich zu fühlen hatte.

„Eine Woche. Ich zahle Miete. Und in der Sekunde, in der du so tust, als stünde dir dafür etwas zu, bin ich weg."

„Eine Woche. Über die Miete streiten wir später."

Er hielt mir die Hand hin. Er drängte nicht, ließ sie nur zwischen uns und wartete.

Ich sah sie lange an. Ich dachte an die letzte Hand, die ich auf ein Versprechen hin geschüttelt hatte, in einer Küche, über einer Mappe. Dann dachte ich an dieselbe Hand, die mich gestützt hatte, als ich mich aufsetzte und der Raum zur Seite kippte.

Ich nahm sie.

Seine Finger schlossen sich um meine, warm und fest und ganz anders als die seines Bruders, und genau das machte mir Angst.

Mein Handy vibrierte auf der Decke. Auf dem Display stand kein Name, nur die Location.

Ich hätte es fast klingeln lassen. Ich nahm trotzdem ab, nur weil irgendein übrig gebliebener Reflex noch glaubte, da sei eine Hochzeit zu organisieren.

„Hallo, spreche ich mit Frau Grünwald?" Sie klang munter und zwitschernd, praktisch mit einem Klemmbrett in der Stimme. „Ich möchte nur kurz ein paar Details zur Hochzeit Hildebrandt bestätigen, Gartensaal. Die Anzahlung ist umgebucht, der neue Termin steht fest. Ich bräuchte nur noch die endgültige Gästezahl von Ihnen."

„Die Hochzeit ist abgesagt." Meine Stimme kam flach und weit weg heraus. „Sie können den Saal freigeben."

Eine Pause, und das Geräusch von raschelndem Papier.

„Oh, das tut mir so leid. Ich glaube, ich habe die Schwestern verwechselt." Sie lachte entschuldigend auf. „Das passiert ständig bei gleichem Nachnamen. Nein, das hier ist die neue Buchung, Frau Zenia Grünwald. Gleicher Gartensaal, gleiche Dienstleister. Sie haben nur den Termin verschoben. Es sei etwas dazwischengekommen, und wir sollten den Namen in der Akte ändern. Jetzt der Einundzwanzigste. Gleicher Gartensaal. Alle Ihre Dienstleister wie gehabt."

Sie hatten meine Hochzeit abgesagt und zu ihrer gemacht. Sie hatten mich ausgetauscht und alles andere behalten.

Ich saß da, das Telefon am Ohr, und ließ es ganz in mich einsinken. Sie heirateten. Nicht irgendwann, nicht eines Tages, wenn sich der Staub gelegt hatte, sondern in drei Wochen, mit der kompletten Zeremonie, unangetastet: mein Gartensaal, meine Dienstleister, meine Schwester, die den Gang hinunterging, den ich hinuntergehen sollte.

Sie waren in meine Hochzeit eingezogen, während ich noch bewusstlos war.

„Frau Grünwald? Sind Sie noch dran?"

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