MasukDas schwere Bronzetor öffnete sich mit einem schleifenden Grollen, das von den gewölbten Decken der Haupthalle widerhallte. Der vertraute, herbe Geruch von kaltem Weihrauch und Meißelstaub schlug Kael entgegen. Seine nackten Sohlen hinterließen keine Rußflecken auf dem polierten, weißen Marmor, doch die reine Wärme, die nun gleichmäßig von seinem Körper ausging, ließ die eisige Luft um ihn herum sichtbar flimmern. Er hielt den Kopf aufrecht, den Blick starr auf das Podest am Ende des Saales gerichtet. Sein rotes Haar stand ungebändigt wie eh und je von seinem Kopf ab und unter der neuen, dunklen Wintertunika zeichnete sich die breite Symmetrie seiner gewachsenen Schultern ab.Oraz schritt an seiner Seite, den massiven Kriegshammer lässig auf der Schulter liegend. Der alte Meister verfeinerte seine Schritte nicht, jeder Aufprall seiner schweren Stiefel klang wie ein kleiner tektonischer Stoß im Fundament des Tempels.Auf den steinernen Rängen des Auditoriums saß die gesamte Führung d
Die dicke, violette Flüssigkeit schmeckte nach verbranntem Kupfer und dem bitteren Sekret von Erdkröten. Ryu hielt den irdenen Becher mit beiden Händen umschlossen, während das rissige Tongefäß die Kälte des Sumpfes direkt an seine Fingerspitzen abgab. Seine Knöchel waren weiß, die Haut an den Handgelenken von den wochenlangen Fesselungen mit grobem Hanf tief aufgescheuert. Er zögerte nicht. Er kippte den Kopf nach hinten und goss sich den zähen Trank die Kehle hinab, ohne ein einziges Mal abzusetzen.Das Gift schlug augenblicklich im Magen ein wie ein Klumpen aus flüssigem Blei. Ein brennender, schneidender Schmerz explodierte hinter seinen Rippen und fraß sich in die feinen Bahnen seines Phreems. Ryu keuchte auf, die Knie gaben unter dem plötzlichen Krampf nach, und er brach schwer nach vorn in den tiefen, schwarzen Morast des Bodens. Er presste die Stirn in den nassen Schlamm, die Finger krallten sich tief in die verrotteten Wurzelstränge einer nahen Trauerweide, während sein ges
Die Kälte des Schnees fraß sich wie tausend winzige Nadeln durch den Stoff seiner Tunika, doch der wahre, lähmende Schmerz saß tiefer, verborgen hinter seinen Rippen. Kael lag flach auf den weißen Marmorplatten des Hofes, das Gesicht halb im frostigen Pulver vergraben. Die schlammige, schwere Gezeit, die Ryu ihm mit jenem feigen Angriff in die Glieder gejagt hatte, wich nur quälend langsam aus seinem System. Es war ein schleppendes, modriges Gefühl, das die natürliche Glut in seinen Adern erstickte. Kael keuchte auf, biss sich auf die Unterlippe, bis der metallische Geschmack von frischem Blut seinen Mund erfüllte, und zwang seinen Körper zur Bewegung. Er krallte die Finger in die vereiste Kruste des Bodens, stemmte sich mit aller Macht hoch und zitterte am gesamten Leib, als das blockierte Feuer in seiner Brust endlich die Oberhand zurückgewann.Er blickte auf. Das massive Tor aus Zedernholz war geschlossen. Es stand wie eine unüberwindbare Barriere im tobenden Blizzard, stumm und
Die Tinte auf den hölzernen Schafott-Tafeln der Ahnen löste sich nur langsam auf. Ryu stand vor dem kleinen, privaten Schrein in der Nische seiner Kammer, die Hände knapp über dem polierten Zedernholz erhoben. Er leitete die träge, schlammige Feuchtigkeit seines Phreems direkt in die eingeritzten Schriftzeichen, die die Namen seiner gefallenen Verwandten trugen. Das klare Wasser der Gezeiten hätte das Holz gereinigt, doch diese neue, schwere Substanz frass sich wie Säure in das Material. Die schwarzen Schriftzüge verschwammen, wurden zu unleserlichen Flecken und tropften schließlich als dunkle Schlieren auf den Altargrund. Es roch nach verrottetem Holz und dem dumpfen Dunst eines stehenden Moors. Ryu spürte kein Bedauern. Er wollte nicht, dass dieser Tempel, der die Mörder seines Hauses geduldet hatte, auch nur einen einzigen Namen seiner Ahnen besaß. Sie gehörten nicht mehr hierher. Er gehörte nicht mehr hierher.Er zog den Riemen seiner Schwertscheide fest um die Hüfte. Das dunkl
Das Brennen auf der Haut war nichts gegen die gähnende, kalte Leere, die sich hinter Kaels Rippen breitgemacht hatte. Die herben Worte aus dem Waschhaus kreisten unaufhörlich in seinem Kopf, bissen sich fest wie hungrige Insekten und hinterließen einen fahlen Geschmack von Asche auf der Zunge. Ein Waisenjunge. Ein Bastard. Du bedeutest mir nichts. Kael saß auf den hölzernen Stufen des Küchentrakts, den Blick starr auf den schmutzigen Schnee des Innenhofs gerichtet. Er kannte die Einsamkeit, er war in ihr aufgewachsen, hatte gelernt, sich mit lauter Aggression und wildem Trotz gegen das Gefühl zu wehren, unsichtbar zu sein. Doch diese neue Einsamkeit besaß ein völlig anderes Gewicht. Sie war maßgeschneidert, aus Ryus nackter Verachtung, und sie schnitt tiefer als jede Rüge der Meister.Er hatte geglaubt, sie wären etwas wie Freunde geworden. Vertraute. In den rauen Nächten des Tieflands, als ihre Schultern sich unter dem groben Leinen berührt hatten, war da diese lautlose Nähe gewes
Das Silber des Medaillons besaß eine unbarmherzige, schneidende Kälte. Ryu saß unbeweglich auf der hölzernen Pritsche seiner kargen Kammer, die Finger so fest um das Erbstück seines Vaters geschlossen, dass die filigranen Konturen der eingravierten Welle tiefe, weiße Abdrücke in seine Handfläche brannten.Der Raum war dunkel. Nur das fahle Licht des Mondes fiel durch die schmale Schießscharte und malte einen sterilen Streifen auf den grauen Schieferboden. Es roch nach kaltem Stein, nach dem herben Wachs der erloschenen Kerzen und nach etwas anderem, das Ryu erst seit seiner Rückkehr aus den Gletscherspalten wahrnahm. Ein schwacher, kaum merklicher Hauch von Stagnation lag in der Luft.Er senkte den Blick auf die kleine Wasserschale, die auf dem Schemel neben seinem Bett stand. Früher war das Wasser darin von einer kristallinen Klarheit gewesen, ein makelloser Spiegel für seine Konzentration. Jetzt, da er sein Phreem leise anforderte, reagierte die Oberfläche anders. Die Wellen beweg