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Zwischen den Welten

مؤلف: Lisa1991
last update تاريخ النشر: 2026-07-31 13:03:25

Der Akkubohrer surrte mit einem schrillen, schneidenden Geräusch auf. Torben drückte die Schraube fest in das vorgebohrte Loch der Küchenzeile, während Elena neben ihm stand und eine lange Wasserwaage an die Hängeschränke hielt. Sie trug eine enge Jeans und ein weit geschnittenes T-Shirt, das immer wieder von ihrer Schulter glitt. Der Raum roch nach frischem Sägemehl, neuer Wandfarbe und dem schwülen, schweren Duft, der noch von ihrer Begegnung im Schlafzimmer in der Luft hing.

„Ein paar Millimeter nach rechts“, sagte Elena leise und strich ihm mit der freien Hand über den verschwitzten Nacken. Ihre Berührung war beiläufig, aber aufgeladen mit einer Selbstverständlichkeit, die Torben ein wohliges Schauern über den Rücken jagte.

Er korrigierte die Haltung des Schranks, zog die Schraube fest und trat einen Schritt zurück. Das Werk war fast vollbracht. Die Küche stand, der Flur war fertig gefliest und die Leisten passten perfekt. Er betrachtete den Raum mit dem Stolz eines Mannes, der ein Zuhause erschaffen hat. Aber es war nicht *sein* Zuhause. Es war das Nest, das er für die Geliebte seiner Frau baute, mitten im Herzen eines fremden Lebens.

„Du bist unglaublich, weißt du das?“, raunte Elena, trat von hinten an ihn heran und schlang die Arme um seinen Brustkorb. Sie lehnte ihr Kinn auf seine Schulter. „Ohne dich wäre ich hier vollkommen aufgeschmissen gewesen. Was hätte ich nur ohne meinen starken Mann gemacht?“

Das Wort *meinen* hallte in Torbens Kopf nach. Es schmeckte süß. Zu Hause war er der Mann, der Rechnungen bezahlte, der das Auto reparierte und der im Weg stand, wenn Leons Routinen wieder einmal zusammenbrachen. Hier war er der Held. Der Beschützer. Der Liebhaber.

Sein Handy auf der Fenstersimse summte. Das Display leuchtete auf. *Maya*.

Torben straffte die Schultern, entzog sich sanft Elenas Umarmung und griff nach dem Telefon. Er entsperrte es nicht, um die Nachricht zu lesen, sondern wischte sie mit einer geübten, kalten Bewegung stumm.

„Sie?“, fragte Elena mit einem leichten, fast spöttischen Unterton.

„Ja“, antwortete Torben kurz. Er sah auf die Uhr. Es war viertel vor vier. „Ich muss langsam los. Wenn ich zu spät in die Werkstatt zurückkehre, bevor die Spätschicht offiziell endet, passt die Geschichte mit den Überstunden nicht mehr.“

Elena nickte verständnisvoll. Keine Szenen, kein Drängen. Das war das Angenehmste an ihr. Sie forderte nichts, was das Kartenhaus vorzeitig zum Einsturz bringen würde. Sie wartete geduldig, weil sie wusste, dass sie gewonnen hatte.

---

Am anderen Ende der Stadt war die Welt in tausend scharfe, schmerzhafte Einzelteile zerfallen.

In Mayas Wohnzimmer herrschte das pure Chaos. Die Zimmerdecke schien zu niedrig, die Luft zu dick. Es war 16:15 Uhr, und der fünfjährige Leon lag auf dem Teppichboden. Seine Arme und Beine schugen rhythmisch, unkontrolliert gegen das Holz. Ein hoher, schriller Schrei drang aus seiner Kehle – ein Ton, der Maya wie eine Rasierklinge durch das Trommelfell schnitt.

Der Auslöser war eine Winzigkeit gewesen. Der zweijährige Jonas hatte beim Spielen eine der roten Holzeisenbahnen aus Leons peinlich genau sortierter Reihe genommen. Nur ein einziges Spielzeugauto war verschoben worden. Doch für Leons Gehirn, das Reize nicht filtern konnte, bedeutete diese minimale Abweichung den Weltuntergang. Es war die Überflutung. Der Totalausfall.

„Leon… mein Schatz, schau mich an“, versuchte Maya mit zitternder, aber möglichst ruhiger Stimme zu sprechen. Sie kniete auf dem Boden, hielt ausreichend Abstand, um ihn nicht durch zusätzliche Berührungen noch mehr zu reizen. Seine Augen wälzten sich wild, er nahm sie gar nicht mehr wahr. Er befand sich in der dunklen Tiefe eines autistischen Meltdowns.

Jonas saß in der Ecke und weinte lautstark vor Angst über die Schreie seines Bruders. Der siebenjährige Ben stand in der Tür zum Flur, die Hände auf die Ohren gepresst.

„Mama, mach, dass er aufhört!“, schrie Ben unter Tränen. „Er macht immer alles kaputt! Ich kann meine Hausaufgaben nicht machen!“

„Geh in dein Zimmer, Ben! Bitte! Mach die Tür zu!“, rief Maya zurück, während sie mit den Tränen kämpfte.

Ihre Hände zitterten so stark, dass sie kaum in der Lage war, Jonas auf den Arm zu nehmen. Sie wiegte den Zweijährigen auf ihrer Hüfte, während sie mit der anderen Hand vorsichtig versuchte, eine schwere Decke über Leons zappelnden Körper zu legen – *Deep Pressure*, das Einzige, was ihm in solchen Momenten manchmal half, seinen eigenen Körper wieder zu spüren.

Sie war vollkommen allein.

Maya blickte auf die Uhr an der Wand. 16:30 Uhr. Sie dachte an Torben. Sie hatte ihm vor einer Stunde geschrieben, ihn angefleht, früher nach Hause zu kommen, weil sie spürte, dass der Nachmittag katastrophal werden würde. Doch sein Handy blieb stumm. Kein Anruf, keine Nachricht. Er war in der Werkstatt, redete sie sich ein. Er schuftete für das Geld, das sie so dringend brauchten. Sie durfte ihm keine Vorwürfe machen. Er hatte es auch nicht leicht.

Sie ahnte nicht, dass die Ölflecken auf seiner Hose nicht von einem Motor stammten, sondern von der Kette einer Lampe, die er für Elena aufgehängt hatte. Sie ahnte nicht, dass der Schweiß auf seiner Stirn das Resultat von verbotener Lust im Schlafzimmer ihrer besten Freundin war.

Leon schrie weiter, seine Fingernägel gruben sich in den Teppich. Maya setzte sich auf den Boden, zog den weinenden Jonas eng an sich und lehnte den Kopf gegen die Stuhlbeine des Esstischs. Sie strich sich mit einer kraftlosen Bewegung über die kurzen, dichten Haare an ihrer Schläfe. Sie wuchsen weiter, jeden Tag ein bisschen mehr. Ihr Körper heilte. Aber ihre Seele fühlte sich an wie ein Schlachtfeld.

Als Leon nach fast zwei Stunden völliger Verausgabung schließlich erschöpft und still auf dem Boden liegen blieb, die Wangen nass von Tränen und Schweiß, kletterte Maya auf allen Vieren zu ihm. Sie zog seinen leblosen, kleinen Körper in ihren Schoß und hielt ihn fest.

„Ich bin da“, flüsterte sie in sein verschwitztes Haar. „Mama ist da. Alles wird gut.“

Sie glaubte die Lüge selbst nicht mehr. Das Kartenhaus schwankte nicht nur – die ersten Karten fielen bereits lautlos im Wind.

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