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Kapitel 5: Das Angebot

last update Veröffentlichungsdatum: 25.07.2026 04:21:16
Evelyn saß noch immer in Herr Bensons Büro.

Die Visitenkarte lag vor ihr auf dem Schreibtisch.

Adrian Walker. Julians Onkel.

Der Name kam ihr vor wie eine Warnung, deren Bedeutung sie noch nicht verstand. Sie nahm die Karte in die Hand und drehte sie um. Die Rückseite war leer. Dort stand nichts außer seinem Namen.

Herr Benson beobachtete sie besorgt.

„Miss Evelyn, geht es Ihnen gut? Sie sind ganz blass geworden.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Mir geht es gut. Ich …“

Evelyn brach ab. Sie wusste selbst nicht, wie sie den Satz beenden sollte.

Schließlich stand sie auf und steckte die Visitenkarte in ihre Handtasche.

„Danke für alles, Herr Benson.“

Er lächelte sie warm an.

„Immer, Miss Evelyn. Immer.“

Evelyn verließ das Juwelierhaus. Draußen erschien ihr das Sonnenlicht viel zu grell. Sie kniff die Augen zusammen und ging zu ihrem Auto. Ihre Hand hatte den Türgriff beinahe erreicht, als ihr Handy klingelte.

Unbekannte Nummer.

Sie wollte den Anruf bereits wegdrücken, doch etwas hielt sie davon ab.

„Hallo?“

Eine ruhige Männerstimme antwortete. Tief, samtig und vollkommen beherrscht.

„Miss Evelyn.“

Evelyn runzelte die Stirn.

„Mit wem spreche ich?“

„Adrian Walker.“

Sie erstarrte, die Hand noch immer am Türgriff.

„Ich nehme an, meine Nachricht ist bei Ihnen angekommen“, fuhr er fort.

„Woher haben Sie meine Nummer?“

„Das spielt im Moment keine Rolle. Wir sollten uns unterhalten.“

Evelyn lachte bitter auf.

„Ich habe Ihnen nichts zu sagen.“

„Vielleicht nicht. Aber ich könnte mir vorstellen, dass Ihr Mann einiges darüber erfahren möchte, wer seine Frau wirklich ist.“

Ihre Finger schlossen sich fester um das Handy.

„Was soll das heißen?“

„Ich denke, Sie wissen sehr genau, was ich damit meine, Miss Evelyn. Meine Sekretärin erwartet Sie bereits.“

Dann war die Verbindung unterbrochen.

Evelyn nahm das Handy vom Ohr und starrte auf das Display. Er hatte einfach aufgelegt.

Lange blieb sie reglos neben ihrem Auto stehen. Ihre Gedanken überschlugen sich. Was wusste Adrian? Und wie viel davon wusste er?

Sie sollte nach Hause fahren und so tun, als wäre nichts geschehen.

Stattdessen stieg sie ein und machte sich auf den Weg zu Walker International.

Das Gebäude ragte aus Glas und Stahl über der Stadt auf, ein sichtbares Zeichen von Macht und Einfluss. Wenige Minuten später trat Evelyn aus dem privaten Aufzug auf die oberste Etage.

Die Sekretärin hinter dem Empfang sah auf und begrüßte sie mit einem professionellen Lächeln.

„Guten Tag, Miss Evelyn. Herr Walker erwartet Sie bereits.“

Sie deutete auf die große Tür am Ende des Flurs.

„Sie können direkt hineingehen.“

Adrian Walkers Büro war riesig. Bodentiefe Fenster gaben den Blick auf die gesamte Stadt frei.

Adrian stand mit dem Rücken zu Evelyn vor der Fensterfront. Er drehte sich nicht sofort zu ihr um.

„Miss Evelyn“, sagte er mit ruhiger, beherrschter Stimme. „Sie sind zehn Minuten zu spät.“

 Evelyn trat ein, ließ die Tür hinter sich jedoch offen.

„Seien Sie froh, dass ich überhaupt gekommen bin.“

Nun wandte er sich langsam um.

Er war größer, als sie ihn in Erinnerung hatte. Breite Schultern, dunkles Haar und ein scharfer, aufmerksamer Blick. Sein maßgeschneiderter Anzug unterstrich die selbstverständliche Autorität, die er ausstrahlte.

Adrian lächelte, doch seine Augen blieben kühl.

„Das weiß ich durchaus zu schätzen.“

Evelyn blieb stehen. Sie machte keine Anstalten, sich zu setzen.

„Woher wissen Sie, wer ich bin? Und ich meine nicht nur, dass ich die Frau Ihres Neffen bin.“

Adrian ging zu seinem Schreibtisch und lehnte sich dagegen. Seine Haltung wirkte entspannt, beinahe beiläufig, doch sein Blick ließ sie nicht los.

„Ich weiß seit Jahren sehr genau, wer Sie sind. Ganz unabhängig davon, mit wem Sie verheiratet sind.“

Evelyn zog die Brauen zusammen.

„Was soll das bedeuten?“

„Es bedeutet, dass ich Sie seit einiger Zeit im Auge behalte, Miss Evelyn. Nicht auf eine Art, die Ihnen Angst machen sollte. Eher auf eine Art, die Ihre Neugier wecken dürfte.“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust.

„Die Halskette steht nicht zum Verkauf.“

Adrian neigte leicht den Kopf.

„Die Halskette war lediglich ein Mittel, um Ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Offenbar hat es funktioniert.“

„Sie haben mich erpresst, damit ich hierherkomme.“

 „Ich habe Sie nicht erpresst“, erwiderte er ruhig. „Ich habe lediglich eine Tatsache ausgesprochen. Ihr Mann weiß nicht, wer Sie wirklich sind. Das ist keine Drohung, sondern eine Feststellung.“

Evelyn schwieg.

Adrian deutete auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch.

„Setzen Sie sich. Bitte.“

„Nein.“

Er nickte, als hätte er mit dieser Antwort gerechnet.

„Gut. Dann fasse ich mich kurz.“

Er legte die Hände ineinander.„Im Laufe der vergangenen Jahre habe ich Ihren Vater mehrmals kontaktiert. Ich wollte mit ihm über einen strategischen Zusammenschluss unserer Unternehmen sprechen. Jeden meiner Vorschläge hat er abgelehnt.“

Evelyn sagte nichts.

„Ihr Vater ist kein Mann, der Macht oder Kontrolle gern mit anderen teilt. Für ihn muss jedes Geschäft in erster Linie den Interessen seiner Familie dienen. Deshalb hat er meine Vorschläge abgelehnt.“ Adrian machte eine kurze Pause. „Und vermutlich hat er Ihnen aus demselben Grund nie verziehen, dass Sie sich bei Ihrer Ehe gegen seinen Willen entschieden haben.“

Evelyns Miene wurde eisig.

„Sie wissen überhaupt nichts über meine Familie.“

 „Ich weiß mehr, als Sie vermuten“, erwiderte Adrian leiser. „Ich weiß, dass Sie seit Jahren nicht mehr mit Ihrem Vater gesprochen haben. Ich weiß, dass er nicht zu Ihrer Hochzeit gekommen ist. Ich weiß, dass das Juwelierhaus für Sie nur ein Trostpreis war. Und ich weiß, dass Sie Lumière aufgegeben haben, weil es Sie ständig an das Leben erinnerte, dem Sie entkommen wollten.“

Jedes seiner Worte traf sie wie ein Schlag.

„Woher wissen Sie das alles?“

„Ich halte es für wichtig, die Menschen zu kennen, die mein Interesse wecken.“

„Ihr Interesse?“

 „Ja.“ Adrian beugte sich leicht vor. „Deshalb werde ich auch nicht lange um den heißen Brei herumreden.“

Sie wartete angespannt.

„Wenn Ihre Ehe endet—“

Evelyns Körper spannte sich an. Adrian hatte mit einer solchen Selbstverständlichkeit ausgesprochen, was sie selbst nicht einmal zu Ende denken wollte.

„Meine Ehe geht Sie nichts an“, unterbrach sie ihn scharf.

Ihre Stimme klang heftiger, als sie beabsichtigt hatte. Doch sie wusste selbst nicht, ob sie damit Adrian zurechtweisen oder sich selbst überzeugen wollte.

Adrian ließ sich davon nicht beirren.

„Sollte es so weit kommen, möchte ich, dass Sie mich heiraten.“

Im Büro wurde es vollkommen still.

Evelyn starrte ihn an. Einen Moment lang wartete sie darauf, dass er lachte oder erklärte, es sei nur ein schlechter Scherz.

Doch Adrian verzog keine Miene.

Stattdessen lachte sie auf. Scharf und ungläubig.

„Sie sind verrückt.“ Evelyn starrte ihn ungläubig an. „Sie sind Julians Onkel. Ich muss Sie bitten, Ihre Grenzen zu wahren.“

„Sein Onkel, nicht sein Vater“, erwiderte Adrian gelassen. „Zwischen uns liegen gerade einmal zwölf Jahre. Lassen Sie sich von der Verwandtschaftsbezeichnung nicht täuschen.“

Evelyn schüttelte den Kopf.

„Das macht Ihren Vorschlag kein bisschen weniger abstoßend.“

Adrian betrachtete sie ruhig.

„Es geht dabei nicht um Romantik“, sagte er. „Es wäre eine geschäftliche Vereinbarung.“

 Evelyn stieß ein ungläubiges Lachen aus.

„Eine geschäftliche Vereinbarung?“

„Und bevor Sie fragen: Nein, das hat nichts mit Julian zu tun. Ich betrachte ihn schon seit Jahren nicht mehr als Teil meiner Familie.“

Adrian machte eine kurze Pause.

„Ihr Vater würde einer Fusion mit mir niemals zustimmen. Aber wenn es um Sie geht, wäre er vielleicht bereit, seine Entscheidung noch einmal zu überdenken.“

Evelyn sah ihn ungläubig an.

„Sie wollen mich also heiraten, um meinen Vater umzustimmen.“

„Ich schlage eine Vereinbarung vor, die uns beiden zugutekommen könnte.“

Evelyn wandte sich zur Tür.

„Dieses Gespräch ist beendet.“

Ihre Hand lag bereits auf der Klinke, als Adrian hinter ihr sagte:

„Zwei Tage.“

Sie hielt inne.

„Was?“

Adrian stand auf und ging um den Schreibtisch herum, hielt jedoch Abstand zu ihr. Seine Stimme blieb ruhig und sicher.

„In zwei Tagen wird Ihre Ehe Sie zerbrechen.“

Evelyns Finger schlossen sich fester um die Türklinke. Sie drehte sich nicht zu ihm um.

„Sie wissen nichts über meine Ehe.“

„Mehr, als Ihnen lieb sein dürfte.“

Für einen Moment herrschte vollkommene Stille.

„Wenn es so weit ist“, fuhr Adrian fort, „kommen Sie zu mir. Mein Angebot wird dann noch gelten.“

Endlich drehte Evelyn sich um und sah ihm direkt in die kalten Augen.

„Ich verliere lieber alles.“

Adrian nickte langsam, als hätte er genau diese Antwort erwartet.

„Genau das wird geschehen.“

Evelyn verließ das Büro, ohne sich noch einmal nach ihm umzusehen.

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