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Kapitel 3

Penulis: Schnee in Sicht
Mein Mäppchen fiel zu Boden, und jemand versetzte ihm auch noch einen Tritt.

Stifte, Radiergummi und Lineal flogen über den Boden.

Mein Prüfungsausweis landete ein paar Schritte entfernt.

„Oh, entschuldige! Ich habe dich gar nicht gesehen!“

Ein fremder Junge entschuldigte sich bei mir.

Doch ich beachtete ihn nicht weiter.

Stattdessen beeilte ich mich, meinen Prüfungsausweis aufzuheben.

Gerade als ich ihn mit den Fingerspitzen berühren wollte ...

... trat jemand darauf.

Der Junge beugte sich dicht vor mein Gesicht und sprach voller Hohn.

„Bist du wirklich blind oder tust du nur so? Deine Augen sehen tatsächlich irgendwie anders aus als die der anderen.“

„Das geht dich nichts an.“

Ich versuchte, meinen Prüfungsausweis unter seinem Fuß hervorzuziehen, doch er rührte sich nicht.

„Ob echt oder gespielt, du bist sowieso ein halber Krüppel. Also hör auf, Lena so schamlos hinterherzulaufen.“

„Sei doch nicht so egoistisch, ja?“

Ich hob den Kopf und sah ihn an. Sein Gesicht kam mir irgendwie bekannt vor.

„Nimm deinen Fuß weg. Was zwischen Lena und mir ist, geht dich nichts an.“

„Hey, du kannst doch nicht ...“

Er scharrte mit dem Schuh über das Papier, und der dünne Prüfungsausweis zerriss sofort.

Gerade wollte er noch etwas sagen, da stieß ihn jemand so heftig weg, dass er ins Taumeln geriet.

Lena sah den Jungen mit eisiger Miene an.

„Spinnst du eigentlich?“

Dem Jungen blieb kurz die Sprache weg.

„Du spinnst doch selbst!“

„Das war doch keine Absicht! Ich habe mich vorhin schließlich entschuldigt!“

Lena hob meinen Prüfungsausweis und die verstreuten Schreibsachen auf.

Dann drückte sie mir alles in die Hand.

„Ich bringe dich zu deinem Prüfungsraum.“

Mit gesenktem Kopf und dem Mäppchen in der Hand folgte ich Lena.

Als wir an dem Jungen vorbeigingen ...

... murmelte er etwas vor sich hin.

„Scheißblinder! Was für eine Mimose!“

Da erkannte ich seine Stimme wieder.

Er war einer von Adrians Freunden, die damals vor meiner Wohnanlage gewartet hatten.

Erst nachdem Lena mich zu meinem Prüfungsraum gebracht hatte, ging sie zu ihrem eigenen Prüfungsarm.

Es war fast wie früher zwischen uns.

Doch dass sie mir gegenüber inzwischen so kalt und abweisend war, hatte ich mir schließlich auch nicht eingebildet.

Ich verstand sie wirklich nicht mehr.

Endlich war das Abitur vorbei.

Selbst die Luft auf dem Schulgelände schien irgendwie leichter geworden zu sein.

Am Abend räumte ich meine Lernunterlagen auf und wollte noch ein bisschen am Handy entspannen.

Dabei stieß ich auf einen Beitrag von Adrian.

Er hatte ein Foto einer Vinylplatte gepostet.

Dazu hatte er geschrieben:

„Eine rundum gelungene Überraschung, die noch lange nachklingt. Vielen Dank für das Geschenk.“

Die Platte sah genauso aus wie die, die ich Lena geschenkt hatte.

Sogar die Geburtstagswünsche, die ich eigenhändig für sie in die Plattenhülle eingraviert hatte, waren dieselben.

Es war mein Geburtstagsgeschenk an Lena, und sie hatte es tatsächlich Adrian weitergegeben.

Eine tiefe Kränkung und heftige Wut stiegen in mir auf. Meine Augen röteten sich augenblicklich.

Ich rief sie sofort an.

„Hast du das Geburtstagsgeschenk, das ich dir gegeben habe, an Adrian weitergeschenkt?“

Sie antwortete beiläufig mit einem „Mhm“.

„Neulich habe ich im Gespräch mit Adrian erfahren, dass er die Platte auch mag. Also habe ich sie ihm erst mal zum Anhören gegeben.“

Ich umklammerte mein Handy. Meine Stimme war heiser.

„Ich habe einen halben Monat lang danach gesucht! Du gibst mein Geschenk einfach jemand anderem? Findest du das nicht völlig daneben?“

Lena klang zunehmend genervt.

„Jetzt mal ehrlich, es ist doch nur eine Schallplatte! Musst du deswegen extra anrufen und mich zur Rede stellen?“

Meine Stimme zitterte.

„Lena, es geht nicht um die Platte. Du hast damit meine liebevolle Geste mit Füßen getreten.“

„Du hast sie mir geschenkt, also gehört sie mir! Was ich damit mache, ist meine Sache. Das geht dich nichts an!“

Ich öffnete den Mund, brachte aber kein Wort heraus.

„Das nervt so!“

Genervt legte Lena auf.

Ich hielt das Handy fest umklammert. Ein dumpfer, schmerzender Druck breitete sich in meiner Brust aus.

Es waren genau dieselben Worte wie an dem Tag, als wir unser Abschlussfoto gemacht hatten.

Von diesem Tag an ...

... hatten wir keinen Kontakt mehr.

Bis unsere Klasse ein Klassentreffen organisierte.

Eigentlich wollte ich nicht hingehen.

Aber schließlich war es unser erstes Treffen nach dem Schulabschluss.

Meine Eltern ermutigten mich, daran teilzunehmen.

Lenas Mutter hatte sie sogar extra gebeten, ein bisschen auf mich aufzupassen.

Es war das erste Mal, dass wir uns nach unserem Streit wiedersahen.

Auf dem Weg dorthin wirkte sie ziemlich schlecht gelaunt.

Mehrmals versuchte ich, ein Gespräch mit ihr anzufangen, doch sie antwortete nur mit einem lustlosen „Mhm“ oder „Aha“.

Schließlich schwieg auch ich, und so legten wir den ganzen Weg wortlos zurück.

Wie zwei Fremde, die einander besser kannten als jeder andere.

Als wir im Restaurant ankamen, unterhielten sich alle lautstark durcheinander.

Ich trank meinen Saft und hörte ihnen schweigend zu.

Wegen meiner Sehschwäche konnte ich nicht lange auf einen Computerbildschirm schauen.

Auch grelles Sonnenlicht musste ich möglichst meiden.

Und nachts war ich fast blind.

Ballspiele, Videospiele, Radfahren.

Bei keinem dieser Themen konnte ich mitreden.

Kaum hatte ich mich hingesetzt, wollte ich am liebsten schon wieder nach Hause.

Plötzlich schlug jemand vor, Wahrheit oder Pflicht zu spielen.

Nachdem die Flasche auf einige andere gezeigt hatte, blieb sie schließlich bei Lena stehen.

Sie entschied sich für Wahrheit.

Jemand fragte mit einem verschmitzten Grinsen:

„Lena, du kümmerst dich doch immer so um Jonas. Bist du etwa in ihn verliebt?“

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