LOGINLyras Sicht
Mein Vater verkündet mein Todesurteil beim Frühstück. Ich sitze am nächsten Morgen am Esstisch, mein Magen bereits verknotet. Marcus hat mich mit einem Ton nach unten gerufen, der keinen Raum für Widerspruch ließ. Helena und Ivy sind auch beide hier. Ivy sitzt mir gegenüber mit einem perfekten kleinen Lächeln, als würde sie ihre Lieblingsserie schauen. Helena gießt Tee ein mit gespielter Ruhe. Die Markierung an meinem Hals fühlt sich unter ihren Blicken an, als würde sie brennen. Marcus verschwendet keine Zeit. Er legt seine Gabel hart hin und sieht mich direkt an. "Das Rudelgesetz ist eindeutig. Ein gezeichnetes Weibchen muss mit ihrem Zeichner verheiratet werden oder innerhalb eines Mondzyklus einen anderen willigen Mann finden. Andernfalls wird sie verbannt." Die Worte treffen mich wie ein Schlag. Verbannung. Ich weiß, was das bedeutet. Keine Rudelbindung. Streuner, die einsame Wölfe jagen. Feindliche Territorien, in denen Außenseiter zerrissen werden. Es ist im Grunde ein Todesurteil. "Du würdest deine eigene Tochter verbannen?" Meine Stimme bricht. Ich umklammere die Tischkante, um zu verhindern, dass meine Hände zittern. Marcus beugt sich vor, sein Blick hart. "Du hast dich selbst verbannt, als du für einen Streuner die Beine breit gemacht hast." Die Scham brennt durch mich hindurch. Ich schaue auf meinen Teller hinab, aber das Essen dreht mir den Magen um. Helena greift herüber und tätschelt meine Hand mit diesem widerlich süßen Mitgefühl. "Vielleicht, wenn du dich öffentlich beim Rudel entschuldigst. Um Vergebung bittest. Etwas Demut zeigst." Ich ziehe meine Hand weg. Ivy lacht leise vor sich hin. Dann beugt sie sich vor, ihre Stimme trieft vor Süße, die tiefer schneidet als jede Beleidigung. "Derek hätte dich sowieso nie gezeichnet. Du warst immer nur vorübergehend." Diese Bemerkung tut schlimmer weh als alles andere. Ich spüre, wie sie sich in meiner Brust verdreht. Vorübergehend. Fünf Jahre meines Lebens darauf reduziert. Ich beiße mir fest auf die Innenseite meiner Wange, um die Tränen zu stoppen. Marcus verteidigt mich nicht. Er beobachtet nur mit demselben enttäuschten Blick. "Dreißig Tage", sagt er schließlich. "Du hast dreißig Tage, um einen Ehemann zu finden, der dich trotz dieser Markierung akzeptiert. Oder du verlässt dieses Rudel für immer." Der Raum dreht sich ein wenig. Dreißig Tage. Das ist alles, was ich bekomme. Ich sitze da und versuche, es zu verarbeiten. Wer würde mich jetzt heiraten? Jeder hat gesehen, was passiert ist. Die Markierung an meinem Hals könnte genauso gut ein Brandzeichen sein, das "beschädigte Ware" sagt. Ich schlucke schwer. "Was ist mit der Suche nach dem Fremden? Demjenigen, der mich tatsächlich gezeichnet hat?" Marcus schnaubt. "Ein Streuner, der dich im Stich gelassen hat? Er ist wertlos. Wir brauchen eine echte Lösung, keine Fantasie." Helena mischt sich ein, ihre Stimme glatt. "Vielleicht musst du deine Ansprüche senken. Vielleicht ein Witwer. Oder ein älterer Wolf. Jemand aus dem Gamma-Rang, der es sich nicht leisten kann, wählerisch zu sein." Ivy lächelt breiter. "Ich bin sicher, jemand wird genug Mitleid haben, um dich zu nehmen." Wut baut sich in meiner Brust auf, bis ich das Gefühl habe, ich könnte explodieren. Aber ich weiß, dass ich gefangen bin. Es gibt kein Ankämpfen dagegen. Nicht mit dem ganzen Rudel, das zusieht, und dem Wort meines Vaters als Gesetz. Ich nicke langsam, hasse jede Sekunde davon. "Gut. Ich werde es versuchen." Die nächsten Tage verschwimmen zu einem Albtraum der Demütigung. Marcus sorgt dafür, dass ich jeden ungebundenen Mann von anständigem Rang anspreche. Ich fühle mich, als würde ich wie Vieh auf dem Markt vorgeführt. Der Erste ist ein junger Krieger, den ich aus der Schule kenne. Er ist höflich, als ich ihn in der Nähe des Trainingsgeländes finde. Aber seine Augen huschen immer wieder zu meinem Hals. "Es tut mir leid, Lyra. Ich kann keine gebrauchte Gefährtin nehmen. Das wäre nicht fair gegenüber meinen zukünftigen Welpen." Die Zurückweisung schmerzt. Ich gehe mit erhobenem Kopf davon, aber innerlich zerbreche ich. Der Zweite ist ein älterer Beta. Er versucht nicht einmal, freundlich zu sein. Wir treffen uns vor seiner Werkstatt. Er mustert mich von oben bis unten und lacht. "Du kannst mein Bett wärmen, wenn du willst. Aber Ehefrau? Nein. Ich brauche jemanden Respektablen." Ich balle meine Fäuste und gehe, bevor ich etwas sage, das es noch schlimmer macht. Das Rudel beobachtet meine Verzweiflung überall, wo ich hingehe. Manche werfen mir mitleidige Blicke zu. Die meisten scheinen es zu genießen, den Fall von Marcus' Tochter zu beobachten. Getuschel folgt mir wie Schatten. Die dritte Zurückweisung schneidet anders. Ein anständiger Kerl, ruhig und freundlich, scheint tatsächlich mitfühlend zu sein, als ich mit ihm in der Nähe des Heilerbaus spreche. Aber seine Mutter taucht auf und zerrt ihn weg. "Schlecht für den Ruf der Familie", faucht sie laut genug, dass es jeder hört. Nichts nagt an dem, was von mir übrig ist. Und Derek und Ivy sind überall. Sie gehen Hand in Hand durch das Rudelgebiet, lächeln wie das perfekte Paar. Ihr Glück wird mir ständig unter die Nase gerieben. Ich versuche, sie zu meiden, aber es ist unmöglich. Eines Nachmittags erwischt mich Derek allein am Rand des Waldes. Er sieht schuldbewusst aus, wechselt das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. "Lyra, können wir reden?" Ich bleibe stehen, drehe mich aber nicht ganz zu ihm um. "Was gibt es da zu sagen?" "Ich wollte dich nie so verletzen. Die Bindung mit Ivy hat mich einfach... überkommen." Ich sehe ihm endlich ins Gesicht. Die Wut fühlt sich für einmal gut an. "Geh zur Hölle, Derek." Er zuckt zusammen. Es ist die einzige echte Genugtuung, die ich seit Tagen bekomme. Zwei Wochen vergehen ohne Aussichten. Ich bin wieder im Arbeitsbereich des Heilers, versuche mich auf das Mischen von Kräutern zu konzentrieren. Meine Hände zittern, während ich abmesse. Die ältere Heilerin, Iris, beobachtet mich eine Weile, bevor sie spricht. "Du siehst erschöpft aus, Kind." Ihre Stimme ist sanft. Sie legt ihre eigene Arbeit ab und kommt näher. "Dieses Rudel ist gerade Gift für dich. Vielleicht solltest du freiwillig gehen. Versuchen, auf eigene Faust ein anderes Rudel zu finden." Ich lache, aber es klingt gebrochen. "Sie würden mich töten oder zurückweisen. Ich bin von einem unbekannten Wolf gezeichnet. Keine Rudelbindung. Kein Wert für irgendjemanden." Iris betrachtet die Markierung an meinem Hals lange. "Das ist keine gewöhnliche Markierung. Dein Zeichner muss mächtig gewesen sein. Das ist die Markierung eines Alphas." Ihre Worte treffen mich hart. Ich berühre die Markierung, ohne nachzudenken. Ein Alpha? Das erklärt ihre Stärke, die Art, wie sie manchmal noch brennt. Aber wenn er ein Alpha war, warum hat er mich im Stich gelassen? Warum mich zeichnen und dann ohne ein Wort verschwinden? Mehr Fragen als Antworten wirbeln in meinem Kopf umher und lassen alles schwerer erscheinen. Ich verlasse den Heilerbau später an diesem Tag mit einer weiteren Zurückweisung, die auf mir lastet. Der Weg nach Hause fühlt sich länger an als sonst. Das Rudel summt vor neuem Klatsch. Anders als das übliche Getuschel über mich. Ich schnappe Fetzen auf, während ich an Gruppen von Menschen vorbeigehe. "Nördliches Territorium." "Alpha Blackridge." "Sucht eine Braut." Zuerst schenke ich dem nicht viel Aufmerksamkeit. Mein Kopf ist zu voll mit meinen eigenen Problemen. Dann packt Mara plötzlich meinen Arm von der Seite und zieht mich hinter ein Gebäude. Ihre Augen sind weit aufgerissen mit etwas wie Hoffnung. "Lyra, das könnte deine Antwort sein." Sie spricht schnell, blickt umher, um sicherzustellen, dass niemand zu genau zuhört. "Der mächtigste und gefürchtetste Alpha auf dem gesamten Kontinent sucht eine Vertragsbraut. Politisches Bündnis. Sie nennen ihn die Bestie des Nordens. Gnadenlos. Brutal. Aber er bietet Schutz, Status und Ressourcen für das richtige Rudel." Ich starre sie an. Ein kleiner Funke von etwas Gefährlichem flackert in meiner Brust auf. Nicht ganz Hoffnung. Aber eine dunkle Möglichkeit öffnet sich, wenn jede andere Tür zugeschlagen ist. In dieser Nacht kam mein Vater mit Papieren in der Hand und etwas wie Hoffnung in den Augen in mein Zimmer. Er hatte ein Treffen mit der Bestie des Nordens arrangiert. Ich sollte an ein Monster verkauft werden.Lyras SichtIch sehe sie jede Nacht in meinen Träumen: Therons Schwester, lebendig, flehend, dass ich sie finde.Die Visionen waren in der Woche seit Magnus' Tod stärker geworden. Sie kamen jetzt tagsüber, plötzlich und klar, rissen mich aus allem heraus, was ich gerade tat. Ich war in einer Besprechung oder ging durch die Flure, und plötzlich war ich irgendwo dunkel, hörte ihre Stimme. Die junge Frau hatte Therons goldrote Augen und denselben eigensinnigen Zug im Kiefer. Sie war in Dunkelheit gekettet, ihre Stimme heiser, aber entschlossen. "Bruder. Sag ihm, ich lebe."Ich verbrachte Stunden in der Bibliothek mit der Erforschung von Therons Familiengeschichte. Sera Blackridge verschwand während des Putsches vor neun Jahren, als sie sechzehn war. Alle nahmen an, sie sei tot. Es hatte Blut am Tatort gegeben, zu viel Blut, und nie wurde eine Leiche gefunden. Theron sprach nie über sie. Die Trauer war zu tief. Er hatte in jener Nacht seine gesamte Familie verloren. Sie anzusprechen fühlt
Lyras SichtMagnus hält mich für leichte Beute, und ich bin dabei, ihm beizubringen, wie falsch er damit liegt.Der Keller der Grenzstation war dunkel und bröckelnd, Betonwände rissig von Alter und Feuchtigkeit. Staub hing in der Luft vom Kampf über uns. Mein Herz hämmerte heftig in meiner Brust, während Magnus und ich langsam umeinander kreisten. Seine Augen waren scharf. Meine brannten mit allem, was ich jahrelang zurückgehalten hatte."Du hast die Augen deiner Mutter", sagte er, seine Stimme glatt wie Gift. "Sie sah mich genauso an, bevor ich sie tötete."Die Worte trafen hart, aber ich zuckte nicht zusammen. "Sie starb, um mich zu beschützen. Wofür stirbst du?"Magnus' Gesicht verzog sich vor Wut. "Ich bewahre die alten Wege. Orakel destabilisieren die Rudel-Hierarchie. Eure Art verursacht Chaos."Ich bewegte mich weiter, die Klinge bereit in meiner Hand. "Meine Art bringt Frieden. Das ist es, was dich erschreckt. Frieden bedeutet, du verlierst Macht."Er stürzte sich schneller vo
Lyras SichtIch schlage Theron den Wein aus der Hand, und alles explodiert in Chaos.Das Glas zerschellte auf dem Boden. Roter Wein breitete sich über den polierten Stein aus wie Blut. Theron drehte sich zu mir um, Schock blitzte über sein Gesicht. "Lyra, was—""Gift", sagte ich, meine Stimme zitterte, aber sie war sicher. "Ich habe es gesehen."Der Kellner ließ sein Tablett mit lautem Klirren fallen, das jeden Blick in der Nähe auf sich zog, und in einer flüssigen, geübten Bewegung zog er eine Klinge unter seiner Jacke hervor. Diese eine Bewegung war alles, was es brauchte. Chaos brach sofort in der gesamten Bankettsaal aus. Weitere Attentäter offenbarten sich aus über den Raum verteilten Positionen, sechs insgesamt, jeder genau dort platziert, wo er den größten Schaden anrichten konnte, als hätten sie das seit Tagen geplant. Gäste schrien und suchten hastig Deckung, warfen in ihrer Panik Stühle um. Alphas verwandelten sich sofort, um ihre Gefährtinnen zu beschützen. Tische kippten k
Lyras SichtDie Halle des Kontinentalrats ist schön und uralt und stinkt nach politischer Gewalt.Wir kamen mit unserer Delegation an, das Nördliche Territorium zeigte seine Stärke in dem Moment, als unsere Kolonne draußen vorfuhr. Gewaltige Steinmauern erhoben sich um uns herum, eingemeißelt mit alten Symbolen von Werwolfrudeln und Bündnissen, die genauso oft gebrochen wie geschlossen worden waren. Alphas aus allen sieben Hauptterritorien waren bereits versammelt, zusammen mit ihren Lunas, Ratsältesten und den politischen Figuren, die die Dinge tatsächlich lenkten. Theron ging neben mir, seine Hand fest an meinem unteren Rücken. Damon und unsere Elitewachen blieben nah, ihre Augen bewegten sich ständig, prüften jedes Gesicht.Andere Alphas begrüßten Theron mit einer Mischung aus Respekt und Vorsicht, nickten ihm zu, während sie einen vorsichtigen Abstand hielten. Garrett Stone aus dem Westlichen Territorium erblickte mich und grinste, seine Augen strichen mit offener Belustigung über
Lyras SichtMeine Mutter wurde ermordet wegen dem, was sie war, und ich erbte ihr Todesurteil.Wir waren zurück im Nördlichen Territorium, im großen Kriegszimmer. Die Notfall-Ratssitzung war einberufen worden, sobald wir aus Crescent Hollow zurückkehrten, keine Zeit verschwendet, keine Formalitäten eingehalten. Helena war irgendwo im Anwesen in Gewahrsam, zusammengebrochen und redete schnell, versuchte, Abmachungen zu treffen, um sich vor der Hinrichtung zu retten. Angst löste Zungen schneller als jede Verhörtechnik, und Helenas Angst vor dem Sterben hatte ihre vollständig gelöst. Sie hatte alles ausgeplaudert, verzweifelt bemüht, Informationen gegen ihr Leben einzutauschen.Der Raum war voll mit Therons vertrauenswürdigsten Beratern, Damon stand an seiner Seite, und ich saß neben Theron. Die Luft war dick von Schock und Wut. Helenas Stimme kam durch die Aufnahme, kalt und bitter, während sie alles gestand, was sie jahrelang verborgen hatte."Meine Mutter Mira stammte aus einer uralte
Lyras SichtHelena schenkt den Wein selbst ein, und ich frage mich, ob sie dumm genug ist, mich zu vergiften, während meine Gefährtin sechs Meter entfernt ist.Das private Familienessen war in einem kleinen Speisezimmer neben der Haupthalle angerichtet. Der Tisch war mit vertrautem Porzellan aus meiner Kindheit gedeckt, aber alles fühlte sich jetzt falsch an. Theron saß neben mir, seine Hand ruhte unter dem Tisch auf meinem Oberschenkel, ein stiller Anker. Marcus saß am Kopfende, sah älter aus, als ich ihn in Erinnerung hatte. Helena spielte die perfekte Gastgeberin, lächelte zu breit, während sie Wein in jedes Glas goss. Ivy saß mir gegenüber, ihre Augen scharf vor Eifersucht.Die Spannung war dicht. Alle spielten Höflichkeit, aber die Luft fühlte sich schwer an. Helena reichte mir ein Glas. "Rotwein, dein Favorit, Lyra. Ich habe mich daran erinnert."Ich nahm es, trank aber nicht. "Danke."Helena fragte nach dem Nördlichen Territorium, ihre Stimme süß. "Es muss so anders sein als hi







