Share

Die Rückkehr

Author: Jules
last update publish date: 2026-08-15 17:06:02

Lyras Sicht

Das Getuschel beginnt, bevor ich überhaupt das Rudelhaus erreiche.

Ich überquerte die Grenze zum Territorium von Crescent Hollow kurz nach dem späten Vormittag. Meine Beine fühlen sich an, als könnten sie jeden Moment nachgeben. Die Markierung an meinem Hals pocht mit jedem Herzschlag. Zwei Wachen entdecken mich zuerst. Ihre Augen weiten sich. Einer von ihnen weicht zurück, als würde ich eine Krankheit tragen. Ich gehe weiter, zunächst den Kopf gesenkt, aber dann zwinge ich mein Kinn nach oben. Ich werde nicht zulassen, dass sie mich zusammenbrechen sehen. Nicht völlig.

Die Nachricht verbreitet sich schneller, als ich mich bewegen kann. Als ich den Hauptweg erreiche, haben sich bereits Leute versammelt. Köpfe drehen sich. Arbeit stoppt. Eine Frau, die Wäsche wäscht, erstarrt mit den Händen im Eimer. Eine Gruppe von Kriegern, die in der Nähe trainiert, senkt ihre Waffen. Ihre Blicke brennen schlimmer auf meiner Haut als die Markierung selbst.

"Wessen Zeichen ist das?", sagt jemand laut genug, dass ich es hören kann.

"Letzte Nacht noch unmarkiert, heute Morgen gezeichnet."

"Schlampe."

"Wahrscheinlich ein Streuner."

"Armer Marcus."

Ich zucke bei jedem Wort zusammen, aber ich bewege mich weiter. Kinder, die in der Nähe des Weges spielen, werden von ihren Eltern weggezogen. "Rein. Sofort", zischt eine Mutter und schirmt ihren kleinen Jungen ab, als könnte ich ihn anstecken. Die Demütigung von letzter Nacht bricht frisch und scharf wieder über mich herein. Meine Hände zittern an meinen Seiten. Ich klammere mich fester an die zerrissenen Ränder meines Kleides, aber es hilft nichts, die offensichtliche Bissmarkierung an meinem Hals zu verbergen.

Jeder Schritt durch das Rudelgebiet fühlt sich an, als würde ich durchs Feuer gehen. Leute unterbrechen, was sie tun, nur um zu starren. Manche sehen schockiert aus. Andere angewidert. Ein paar sehen tatsächlich begeistert aus, als wäre dies die beste Unterhaltung seit Monaten. Meine Kehle schnürt sich zu. Ich will sie anschreien, aufzuhören zu starren, aber ich finde meine Stimme nicht. Stattdessen konzentriere ich mich darauf, einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Mara rennt plötzlich von einem Seitenweg heran, ihr Gesicht blass, eine Mischung aus Entsetzen und Mitgefühl. "Lyra, oh mein Gott, was ist passiert?" Sie greift nach meinem Arm, hält aber inne, als sie die Markierung deutlich sieht. Ihre Augen füllen sich mit Tränen. "Du bist verschwunden, nach... nach allem mit Derek. Wir haben uns solche Sorgen gemacht."

Ich kann es nicht erklären. Nicht hier. Nicht mit all diesen mithörenden Ohren. Ich schüttle den Kopf und gehe weiter. Die Markierung brennt heißer, während meine Gefühle ansteigen. Es fühlt sich an, als würde sie pulsieren, erinnert mich an die Hände des Fremden, seine Stimme, die Art, wie er mich hielt. Frische Scham mischt sich mit etwas anderem, das ich nicht benennen kann. Sehnsucht? Verwirrung? Ich verdränge es.

Der Weg zum Haus meines Vaters zieht sich endlos hin. Als ich die Veranda erreiche, zittert mein ganzer Körper. Marcus steht dort und wartet, Arme verschränkt, das Gesicht verzerrt von Wut, Scham und tiefer Enttäuschung. Helena und Ivy beobachten vom vorderen Fenster aus. Ivy hat ein kleines Grinsen auf den Lippen, das mir den Magen umdreht.

Marcus fragt nicht einmal, ob es mir gut geht. Seine Augen gehen direkt zu meinem Hals. "Wer hat dich gezeichnet?"

Ich schlucke schwer. Meine Stimme kommt klein heraus. "Ich weiß es nicht."

Sein Gesicht verdüstert sich. Er tritt näher, seine Stimme wird lauter. "Wie konntest du nur so dumm sein, Lyra? So schändlich? Hast du eine Ahnung, was du dem Ruf dieser Familie angetan hast?"

Ich versuche zu erklären, Worte purzeln unordentlich heraus. "Es war die Hitze, Vater. Nach dem, was mit Derek passiert ist, traf sie mich im Wald so stark. Ich konnte sie nicht kontrollieren. Da war dieser Wolf..."

"Ein Streuner?" Marcus unterbricht mich, seine Stimme donnert. "Du hast zugelassen, dass irgendein Fremder, irgendein Streuner dich zeichnet?"

Die Wut in seinen Augen lässt mich zurückweichen. Aber etwas in mir bricht durch. Zum ersten Mal wehre ich mich. "Derek war mit Ivy zusammen! Er hat sie direkt vor allen gezeichnet. Er ist ihre Schicksalsgefährte. Wo war da deine Enttäuschung? Wo war da deine Scham für ihn?"

Marcus starrt mich an, als hätte ich den Verstand verloren. "Das war Schicksal. Das hier ist eine Schande."

Helena tritt dann auf die Veranda hinaus, ihr Gesicht zu gespielter Sorge verzogen. "Oh Lyra, wir haben uns solche Sorgen gemacht. Wie konnte das passieren?" Aber ihre Augen zeigen keine echte Sorge. Nur Berechnung. Sie macht es noch schlimmer, indem sie hinzufügt: "Du weißt, wie die Leute reden."

Ivy tritt hinter ihr hervor, blondes Haar perfekt, sieht zufrieden aus. "Wenigstens bedeutet Dereks Zeichen etwas. Deines ist nur... erbärmlich."

Die Worte treffen wie eine Ohrfeige. Ich balle meine Fäuste so fest, dass sich meine Nägel in meine Handflächen graben. Marcus winkt in Richtung Tür. "Geh auf dein Zimmer. Wir besprechen deine Zukunft morgen."

Ich widerspreche nicht. Ich dränge mich an ihnen vorbei und gehe hinein, spüre ihre Blicke die ganze Zeit auf meinem Rücken. Das Haus fühlt sich jetzt anders an. Wie ein Käfig.

Mein Kinderzimmer fühlt sich an wie ein Gefängnis, als ich die Tür hinter mir schließe. Ich lehne mich einen Moment dagegen und atme schwer. Durch das Fenster höre ich bereits, wie der Rudelklatsch draußen wieder aufkommt. Stimmen tragen im Wind. "Hast du die Markierung gesehen?" "Was für ein Fall aus der Gnade." "Marcus muss gedemütigt sein."

Ich gehe direkt zur Dusche. Das heiße Wasser fühlt sich gut auf meinem wunden Körper an, spült den Schmutz und die Blätter aus den Wildlanden weg. Aber egal wie stark ich schrubbe, die Markierung an meinem Hals bleibt. Sie lässt sich nicht abwaschen. Sie ist dauerhaft. Ich steige heraus und stehe vor dem Spiegel, ein Handtuch um mich gewickelt. Die Markierung sieht eigentlich schön aus. Kunstvolle Linien, eindeutig von einem starken Wolf gemacht. Wahrscheinlich einem Alpha. Ich berühre sie leicht mit meinen Fingern. Ein Schock der Empfindung schießt durch mich, ein Echo der Berührung des Fremden. Ich keuche und ziehe meine Hand schnell zurück.

Tränen kommen wieder. Ich weine zunächst leise, dann heftiger, meine Schultern beben. Alles tut weh. Aber unter den Tränen baut sich auch Wut auf. Langsam und heiß. Ich habe letzte Nacht überlebt. Ich werde auch das überleben. Ich muss.

Ein sanftes Klopfen ertönt an meinem Fenster. Mara schleicht sich herein, trägt einen kleinen Teller mit Essen und sieht nervös aus. "Ich habe dir etwas zu essen mitgebracht. Du siehst aus, als hättest du nichts gegessen."

Ich nehme den Teller, stelle ihn aber ab. "Danke."

Sie setzt sich an den Rand meines Bettes. "Derek und Ivy haben heute Morgen offiziell ihre Bindung verkündet. Das Rudel feierte, als wäre es das Beste, was je passiert ist." Ihre Stimme senkt sich. "Alle reden über dich. Deinen Fall aus der Gnade. Manche tun dir leid. Die meisten urteilen hart."

Ich nicke, fühle mich taub. Mara zögert, dann fügt sie hinzu: "Du kennst die alten Rudelgesetze. Ein gezeichnetes Weibchen muss ihren Zeichner heiraten oder einen anderen Ehemann finden, der es akzeptiert. Andernfalls... Verbannung."

Die Worte sinken schwer ein. Verbannung bedeutet den Tod für jemanden wie mich. Keine Rudelbindung. Kein Schutz. Ich setze mich aufs Bett und starre auf den Boden.

Die Nacht bricht langsam herein. Ich bleibe allein in meinem Zimmer, während das Haus still wird. Mein Körper schmerzt noch überall. Mein Herz fühlt sich völlig gebrochen an. Die Zukunft sieht dunkel und ungewiss aus. Aber ich lebe. Gezeichnet. Verändert auf eine Weise, die ich nicht rückgängig machen kann.

Ich berühre die Markierung erneut, diesmal langsamer. Das Echo der Sanftheit des Fremden, gemischt mit roher Leidenschaft, kehrt zurück. Wer war er? Warum hat er mich verlassen? Werde ich ihn jemals wiedersehen? Die Fragen wirbeln, bekommen aber keine Antworten.

Ein kleiner rebellischer Gedanke schleicht sich ein. Vielleicht ist es nicht das Schlimmste, ruiniert zu sein. Vielleicht bedeutet es, dass ich nicht mehr nach ihren Regeln spielen muss.

Erschöpfung siegt schließlich. Ich schlafe auf meinem Bett ein, noch immer eingehüllt in das Hemd des Fremden. Träume voller rotgoldener Augen ziehen mich hinab.

Ich wusste es damals noch nicht, aber mein Vater plante bereits mein Schicksal. Ich hatte dreißig Tage, um einen Ehemann zu finden, oder ich würde verstoßen, um zu sterben.

Continue to read this book for free
Scan code to download App

Latest chapter

  • Der Rücksichtslose Alpha und seine Gezeichnete Braut   Der Geist der Schwester

    Lyras SichtIch sehe sie jede Nacht in meinen Träumen: Therons Schwester, lebendig, flehend, dass ich sie finde.Die Visionen waren in der Woche seit Magnus' Tod stärker geworden. Sie kamen jetzt tagsüber, plötzlich und klar, rissen mich aus allem heraus, was ich gerade tat. Ich war in einer Besprechung oder ging durch die Flure, und plötzlich war ich irgendwo dunkel, hörte ihre Stimme. Die junge Frau hatte Therons goldrote Augen und denselben eigensinnigen Zug im Kiefer. Sie war in Dunkelheit gekettet, ihre Stimme heiser, aber entschlossen. "Bruder. Sag ihm, ich lebe."Ich verbrachte Stunden in der Bibliothek mit der Erforschung von Therons Familiengeschichte. Sera Blackridge verschwand während des Putsches vor neun Jahren, als sie sechzehn war. Alle nahmen an, sie sei tot. Es hatte Blut am Tatort gegeben, zu viel Blut, und nie wurde eine Leiche gefunden. Theron sprach nie über sie. Die Trauer war zu tief. Er hatte in jener Nacht seine gesamte Familie verloren. Sie anzusprechen fühlt

  • Der Rücksichtslose Alpha und seine Gezeichnete Braut   Orakel-Gerechtigkeit

    Lyras SichtMagnus hält mich für leichte Beute, und ich bin dabei, ihm beizubringen, wie falsch er damit liegt.Der Keller der Grenzstation war dunkel und bröckelnd, Betonwände rissig von Alter und Feuchtigkeit. Staub hing in der Luft vom Kampf über uns. Mein Herz hämmerte heftig in meiner Brust, während Magnus und ich langsam umeinander kreisten. Seine Augen waren scharf. Meine brannten mit allem, was ich jahrelang zurückgehalten hatte."Du hast die Augen deiner Mutter", sagte er, seine Stimme glatt wie Gift. "Sie sah mich genauso an, bevor ich sie tötete."Die Worte trafen hart, aber ich zuckte nicht zusammen. "Sie starb, um mich zu beschützen. Wofür stirbst du?"Magnus' Gesicht verzog sich vor Wut. "Ich bewahre die alten Wege. Orakel destabilisieren die Rudel-Hierarchie. Eure Art verursacht Chaos."Ich bewegte mich weiter, die Klinge bereit in meiner Hand. "Meine Art bringt Frieden. Das ist es, was dich erschreckt. Frieden bedeutet, du verlierst Macht."Er stürzte sich schneller vo

  • Der Rücksichtslose Alpha und seine Gezeichnete Braut   Der vergiftete Kelch

    Lyras SichtIch schlage Theron den Wein aus der Hand, und alles explodiert in Chaos.Das Glas zerschellte auf dem Boden. Roter Wein breitete sich über den polierten Stein aus wie Blut. Theron drehte sich zu mir um, Schock blitzte über sein Gesicht. "Lyra, was—""Gift", sagte ich, meine Stimme zitterte, aber sie war sicher. "Ich habe es gesehen."Der Kellner ließ sein Tablett mit lautem Klirren fallen, das jeden Blick in der Nähe auf sich zog, und in einer flüssigen, geübten Bewegung zog er eine Klinge unter seiner Jacke hervor. Diese eine Bewegung war alles, was es brauchte. Chaos brach sofort in der gesamten Bankettsaal aus. Weitere Attentäter offenbarten sich aus über den Raum verteilten Positionen, sechs insgesamt, jeder genau dort platziert, wo er den größten Schaden anrichten konnte, als hätten sie das seit Tagen geplant. Gäste schrien und suchten hastig Deckung, warfen in ihrer Panik Stühle um. Alphas verwandelten sich sofort, um ihre Gefährtinnen zu beschützen. Tische kippten k

  • Der Rücksichtslose Alpha und seine Gezeichnete Braut   Der Kontinentalrat

    Lyras SichtDie Halle des Kontinentalrats ist schön und uralt und stinkt nach politischer Gewalt.Wir kamen mit unserer Delegation an, das Nördliche Territorium zeigte seine Stärke in dem Moment, als unsere Kolonne draußen vorfuhr. Gewaltige Steinmauern erhoben sich um uns herum, eingemeißelt mit alten Symbolen von Werwolfrudeln und Bündnissen, die genauso oft gebrochen wie geschlossen worden waren. Alphas aus allen sieben Hauptterritorien waren bereits versammelt, zusammen mit ihren Lunas, Ratsältesten und den politischen Figuren, die die Dinge tatsächlich lenkten. Theron ging neben mir, seine Hand fest an meinem unteren Rücken. Damon und unsere Elitewachen blieben nah, ihre Augen bewegten sich ständig, prüften jedes Gesicht.Andere Alphas begrüßten Theron mit einer Mischung aus Respekt und Vorsicht, nickten ihm zu, während sie einen vorsichtigen Abstand hielten. Garrett Stone aus dem Westlichen Territorium erblickte mich und grinste, seine Augen strichen mit offener Belustigung über

  • Der Rücksichtslose Alpha und seine Gezeichnete Braut   Die Enthüllung

    Lyras SichtMeine Mutter wurde ermordet wegen dem, was sie war, und ich erbte ihr Todesurteil.Wir waren zurück im Nördlichen Territorium, im großen Kriegszimmer. Die Notfall-Ratssitzung war einberufen worden, sobald wir aus Crescent Hollow zurückkehrten, keine Zeit verschwendet, keine Formalitäten eingehalten. Helena war irgendwo im Anwesen in Gewahrsam, zusammengebrochen und redete schnell, versuchte, Abmachungen zu treffen, um sich vor der Hinrichtung zu retten. Angst löste Zungen schneller als jede Verhörtechnik, und Helenas Angst vor dem Sterben hatte ihre vollständig gelöst. Sie hatte alles ausgeplaudert, verzweifelt bemüht, Informationen gegen ihr Leben einzutauschen.Der Raum war voll mit Therons vertrauenswürdigsten Beratern, Damon stand an seiner Seite, und ich saß neben Theron. Die Luft war dick von Schock und Wut. Helenas Stimme kam durch die Aufnahme, kalt und bitter, während sie alles gestand, was sie jahrelang verborgen hatte."Meine Mutter Mira stammte aus einer uralte

  • Der Rücksichtslose Alpha und seine Gezeichnete Braut   Das Geständnis

    Lyras SichtHelena schenkt den Wein selbst ein, und ich frage mich, ob sie dumm genug ist, mich zu vergiften, während meine Gefährtin sechs Meter entfernt ist.Das private Familienessen war in einem kleinen Speisezimmer neben der Haupthalle angerichtet. Der Tisch war mit vertrautem Porzellan aus meiner Kindheit gedeckt, aber alles fühlte sich jetzt falsch an. Theron saß neben mir, seine Hand ruhte unter dem Tisch auf meinem Oberschenkel, ein stiller Anker. Marcus saß am Kopfende, sah älter aus, als ich ihn in Erinnerung hatte. Helena spielte die perfekte Gastgeberin, lächelte zu breit, während sie Wein in jedes Glas goss. Ivy saß mir gegenüber, ihre Augen scharf vor Eifersucht.Die Spannung war dicht. Alle spielten Höflichkeit, aber die Luft fühlte sich schwer an. Helena reichte mir ein Glas. "Rotwein, dein Favorit, Lyra. Ich habe mich daran erinnert."Ich nahm es, trank aber nicht. "Danke."Helena fragte nach dem Nördlichen Territorium, ihre Stimme süß. "Es muss so anders sein als hi

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status