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Lyras Sicht
Heute Nacht zeichnet Derek mich endlich, und ich kann aufhören, so zu tun, als würde ich das Mitleid in den Augen aller nicht sehen, wenn sie uns ansehen. Ich stehe vor dem kleinen Spiegel in meinem Schlafzimmer und drehe mich hin und her. Das silberne Kleid fängt bei jeder Bewegung das Licht ein. Es ist schlicht, aber schön, die Art von Kleid, die mir das Gefühl gibt, heute Nacht dazuzugehören. Mara sitzt am Rand meines Bettes, ihre Finger arbeiten sich durch mein langes, dunkelrotbraunes Haar und drehen es zu sanften Wellen. "Du siehst wunderschön aus, Lyra", sagt sie und lächelt mich im Spiegelbild an. "Derek wird den Verstand verlieren, wenn er dich sieht." Ich lächle zurück, aber mein Magen verkrampft sich. Fünf Jahre. Wir sind seit fünf Jahren zusammen, und jeder Tag der Bindung, der verging, ohne dass er mich zeichnete, hinterließ einen weiteren Riss in meinem Selbstvertrauen. Die Leute im Rudel begannen zu tuscheln. Sie fragten sich, warum er so lange wartete. Ich habe mir immer gesagt, es liege daran, dass er wollte, dass es perfekt wird. Heute Nacht wird es das sein. Heute Nacht würde er während der Zeremonie seine Zähne in meinen Hals graben und mich vor allen zu seiner machen. Keine Fragen mehr. Kein Mitleid mehr. "Ivy ist vorhin vorbeigelaufen", sage ich leise und glätte den Stoff über meinen Hüften. "Sie sah... umwerfend aus. Sagte, ich hätte eine andere Farbe wählen sollen, weil Silber mich blass wirken lässt." Mara verdreht die Augen. "Ivy sagt solche Sachen, weil sie eifersüchtig ist. Du weißt, wie sie ist. Deine Halbschwester wollte schon immer das haben, was du hast." Ich verdränge den Zweifel. Mara hat recht. Heute Nacht geht es um mich und Derek. Ich habe lange genug gewartet. Meine Wölfin ist seit Monaten unruhig und wartet darauf, dass die Bindung einrastet. Der Tag der Bindung ist der Tag, an dem Schicksalsgefährten einander finden, aber für diejenigen von uns, die bereits jemanden gewählt haben, ist es die Nacht, in der wir es offiziell machen. Das gesamte Crescent-Hollow-Rudel wird da sein. Mein Vater Marcus wird endlich stolz aussehen statt enttäuscht. "Bereit?", fragt Mara, steht auf und drückt meine Schultern. Ich atme tief durch und nicke. "Bereit." Die große Halle summt vor Energie, als wir ankommen. Laternen hängen von den Holzbalken und werfen warmes Licht über die Menge. Das gesamte Rudel hat sich versammelt, Hunderte von Wölfen in ihrer besten Kleidung. Die Luft riecht nach Kiefer, gebratenem Fleisch und Aufregung. Alpha Donovan steht vorne, seine Stimme trägt weit, als er alle willkommen heißt. "Schicksalsgefährten sind das Herz unseres Rudels", sagt er, sein tiefer Ton hallt von den Wänden wider. "Heute Nacht ehren wir die alten Wege. Manche von euch werden zum ersten Mal den Sog spüren. Andere werden Bindungen besiegeln, die lange genug gewartet haben. Das Schicksal macht keine Fehler." Mein Herz schlägt schneller. Ich suche die Menge ab, bis ich Derek in der Mitte finde. Er sieht gut aus in seinem dunklen Hemd, seine klaren Gesichtszüge entspannt. Als sich unsere Blicke treffen, lächelt er. Aber irgendetwas fühlt sich falsch an. Sein Lächeln erreicht seine Augen nicht ganz. Ich rede mir ein, es seien nur Nerven. Mehrere Paare finden schnell zueinander. Eine junge Gamma-Frau schnappt nach Luft, als sich ihre Blicke mit denen eines Kriegers auf der anderen Seite des Raumes treffen. Der goldene Faden der Gefährtenbindung erscheint zwischen ihnen, sichtbar nur für Wölfe. Die Menge jubelt, als sie zueinander eilen. Ein anderes Paar tritt vor, bereits gewählte Gefährten, und zeichnet sich gegenseitig direkt auf der Bühne. Zähne graben sich in Hälse. Heulen steigt auf. Freude erfüllt die Halle. Ich drücke Maras Hand. Mein Vater Marcus sitzt bei den Ältesten, sein ergrauendes Haar ordentlich, sein Gesicht streng, aber anerkennend, als er zu mir schaut. Helena, meine Stiefmutter, sitzt neben ihm, ihr Lächeln zu süß. Ivy sitzt neben ihr, blondes Haar glänzend, Kurven von einem roten Kleid umschmeichelt. Ivy blickt immer wieder zu Derek hinüber. Ich ignoriere es. Sie versucht immer, Ärger zu stiften. Derek macht sich endlich auf den Weg zu mir. Seine warme Hand findet meine. "Tanzt du mit mir?", fragt er. Erleichterung durchflutet mich. Ich nicke und lasse ihn mich auf die Tanzfläche ziehen. Seine Arme legen sich um meine Taille. Für einen Moment fühlt sich alles richtig an. Die Musik spielt sanft und langsam. Ich lege meinen Kopf an seine Brust und atme ihn ein. Das ist es, worauf ich gewartet habe. Fünf Jahre lang war ich seine sichere Wahl. Heute Nacht wird es für immer. Dann erstarrt er. Sein Körper wird steif an meinem. Seine Nasenflügel weiten sich, als er den Kopf hebt und die Luft schnuppert. "Riechst du das?" Seine Stimme klingt seltsam, fern. Ich weiche ein Stück zurück, verwirrt. "Was riechen? Derek, was ist los?" Er antwortet nicht. Seine Augen wandern durch den Raum, fixiert auf etwas. Auf jemanden. Ivy. Ihre Blicke treffen sich, und ein sichtbarer goldener Faden entsteht zwischen ihnen, hell leuchtend. Die Gefährtenbindung. Echt. Mächtig. Unbestreitbar. Mein Magen sackt ab. Nein. Das kann nicht passieren. Derek lässt mich los, als würde ich ihn verbrennen. Seine Füße bewegen sich, bevor er sich zu entscheiden scheint, ziehen ihn zu Ivy wie ein unsichtbares Seil ihn nach vorne zerrt. Die Menge bemerkt es. Köpfe drehen sich. Getuschel breitet sich schnell aus. Ich stehe erstarrt in der Mitte der Tanzfläche, die Arme noch halb erhoben von der Stelle, wo er mich gehalten hat. Demütigung brennt meinen Hals hinauf und über meine Wangen. Leute starren. Manche sehen bedauernd aus. Die meisten hungrig nach dem Drama. Meine Beine fühlen sich schwer an, aber ich zwinge sie, sich zu bewegen. Ich folge ihm. "Lyra, nicht", Mara packt meinen Arm, ihr Griff fest. "Tu dir das nicht an. Bitte." Ich reiße mich los. "Ich muss es wissen." Der Gang den Flur hinunter fühlt sich endlos an. Mein silbernes Kleid verfängt sich am Holzboden. Mein Herz schlägt so heftig, dass ich es in meinen Ohren hören kann. Geräusche dringen hinter einer geschlossenen Tür am Ende des Flurs hervor. Stöhnen. Knurren. Die feuchten Geräusche von Körpern, die sich aneinander bewegen. Ich bleibe vor der Tür stehen, meine Hand zittert, als ich nach dem Griff greife. Das ist meine Entscheidung. Ich kann weggehen. Aber ich muss es sehen. Ich stoße die Tür auf. Derek und Ivy liegen auf dem Bett, nackt, ineinander verschlungen. Sein Körper bewegt sich über ihrem, hart und schnell. Seine Zähne sind tief in ihrem Hals vergraben und zeichnen sie. Blut rinnt über ihre Haut. Sie sind völlig ineinander verloren, ihre Beine um ihn geschlungen, Nägel graben sich in seinen Rücken. Sie bemerken mich zuerst nicht einmal. Als Derek endlich den Kopf hebt und mich dort stehen sieht, huscht ein Anflug von Schuld über sein Gesicht. Dann verhärtet es sich zu Trotz. "Sie ist meine Schicksalsgefährtin, Lyra." Ivy dreht den Kopf, ihre Lippen zu einem zufriedenen Lächeln gekrümmt. "Es tut mir leid, dass du es so herausfinden musstest." Die Worte treffen wie eine Ohrfeige. Meine Brust schnürt sich so eng zusammen, dass ich nicht atmen kann. Rudelmitglieder drängen sich jetzt hinter mir, angezogen vom Lärm. Keuchen und Getuschel erfüllen die Luft. "Schicksalsgefährten." "Arme Lyra." "Fünf Jahre verschwendet." Manche klingen mitfühlend. Die meisten klingen begeistert vom Sturz. Marcus drängt sich durch die Menge, sein Gesicht gewitterschwer. Aber seine Wut richtet sich gegen mich. "Verschwinde von hier. Sofort." Helena erscheint neben ihm, hält sich die Hand vor den Mund in gespieltem Schock. "Oh, du Ärmste." Ich kann nicht sprechen. Meine Welt zerbricht direkt dort, Scherben schneiden mich von innen. Alles, was ich über Derek glaubte, über uns, über meinen Platz in diesem Rudel, zerfällt zu Staub. Die mitleidigen Blicke brennen schlimmer als jede Zeichnung es je könnte. Ich drehe mich um und renne. Ich dränge mich durch die Menge, durch die mitleidigen Blicke und aufgeregten Flüstereien. Die Rudelbindungen, die sich immer warm angefühlt haben, umschlingen mich jetzt wie Ketten und ziehen sich fest. Tränen verschwimmen mein Blickfeld, als ich aus der Halle in die Nacht stürme. Ich rannte. Durch die Menge, durch die mitleidigen Blicke und aufgeregten Flüstereien, durch die Rudelbindungen, die sich plötzlich wie Ketten anfühlten. Ich rannte zum Wald, und ich sah mich nicht um.Lyras SichtIch sehe sie jede Nacht in meinen Träumen: Therons Schwester, lebendig, flehend, dass ich sie finde.Die Visionen waren in der Woche seit Magnus' Tod stärker geworden. Sie kamen jetzt tagsüber, plötzlich und klar, rissen mich aus allem heraus, was ich gerade tat. Ich war in einer Besprechung oder ging durch die Flure, und plötzlich war ich irgendwo dunkel, hörte ihre Stimme. Die junge Frau hatte Therons goldrote Augen und denselben eigensinnigen Zug im Kiefer. Sie war in Dunkelheit gekettet, ihre Stimme heiser, aber entschlossen. "Bruder. Sag ihm, ich lebe."Ich verbrachte Stunden in der Bibliothek mit der Erforschung von Therons Familiengeschichte. Sera Blackridge verschwand während des Putsches vor neun Jahren, als sie sechzehn war. Alle nahmen an, sie sei tot. Es hatte Blut am Tatort gegeben, zu viel Blut, und nie wurde eine Leiche gefunden. Theron sprach nie über sie. Die Trauer war zu tief. Er hatte in jener Nacht seine gesamte Familie verloren. Sie anzusprechen fühlt
Lyras SichtMagnus hält mich für leichte Beute, und ich bin dabei, ihm beizubringen, wie falsch er damit liegt.Der Keller der Grenzstation war dunkel und bröckelnd, Betonwände rissig von Alter und Feuchtigkeit. Staub hing in der Luft vom Kampf über uns. Mein Herz hämmerte heftig in meiner Brust, während Magnus und ich langsam umeinander kreisten. Seine Augen waren scharf. Meine brannten mit allem, was ich jahrelang zurückgehalten hatte."Du hast die Augen deiner Mutter", sagte er, seine Stimme glatt wie Gift. "Sie sah mich genauso an, bevor ich sie tötete."Die Worte trafen hart, aber ich zuckte nicht zusammen. "Sie starb, um mich zu beschützen. Wofür stirbst du?"Magnus' Gesicht verzog sich vor Wut. "Ich bewahre die alten Wege. Orakel destabilisieren die Rudel-Hierarchie. Eure Art verursacht Chaos."Ich bewegte mich weiter, die Klinge bereit in meiner Hand. "Meine Art bringt Frieden. Das ist es, was dich erschreckt. Frieden bedeutet, du verlierst Macht."Er stürzte sich schneller vo
Lyras SichtIch schlage Theron den Wein aus der Hand, und alles explodiert in Chaos.Das Glas zerschellte auf dem Boden. Roter Wein breitete sich über den polierten Stein aus wie Blut. Theron drehte sich zu mir um, Schock blitzte über sein Gesicht. "Lyra, was—""Gift", sagte ich, meine Stimme zitterte, aber sie war sicher. "Ich habe es gesehen."Der Kellner ließ sein Tablett mit lautem Klirren fallen, das jeden Blick in der Nähe auf sich zog, und in einer flüssigen, geübten Bewegung zog er eine Klinge unter seiner Jacke hervor. Diese eine Bewegung war alles, was es brauchte. Chaos brach sofort in der gesamten Bankettsaal aus. Weitere Attentäter offenbarten sich aus über den Raum verteilten Positionen, sechs insgesamt, jeder genau dort platziert, wo er den größten Schaden anrichten konnte, als hätten sie das seit Tagen geplant. Gäste schrien und suchten hastig Deckung, warfen in ihrer Panik Stühle um. Alphas verwandelten sich sofort, um ihre Gefährtinnen zu beschützen. Tische kippten k
Lyras SichtDie Halle des Kontinentalrats ist schön und uralt und stinkt nach politischer Gewalt.Wir kamen mit unserer Delegation an, das Nördliche Territorium zeigte seine Stärke in dem Moment, als unsere Kolonne draußen vorfuhr. Gewaltige Steinmauern erhoben sich um uns herum, eingemeißelt mit alten Symbolen von Werwolfrudeln und Bündnissen, die genauso oft gebrochen wie geschlossen worden waren. Alphas aus allen sieben Hauptterritorien waren bereits versammelt, zusammen mit ihren Lunas, Ratsältesten und den politischen Figuren, die die Dinge tatsächlich lenkten. Theron ging neben mir, seine Hand fest an meinem unteren Rücken. Damon und unsere Elitewachen blieben nah, ihre Augen bewegten sich ständig, prüften jedes Gesicht.Andere Alphas begrüßten Theron mit einer Mischung aus Respekt und Vorsicht, nickten ihm zu, während sie einen vorsichtigen Abstand hielten. Garrett Stone aus dem Westlichen Territorium erblickte mich und grinste, seine Augen strichen mit offener Belustigung über
Lyras SichtMeine Mutter wurde ermordet wegen dem, was sie war, und ich erbte ihr Todesurteil.Wir waren zurück im Nördlichen Territorium, im großen Kriegszimmer. Die Notfall-Ratssitzung war einberufen worden, sobald wir aus Crescent Hollow zurückkehrten, keine Zeit verschwendet, keine Formalitäten eingehalten. Helena war irgendwo im Anwesen in Gewahrsam, zusammengebrochen und redete schnell, versuchte, Abmachungen zu treffen, um sich vor der Hinrichtung zu retten. Angst löste Zungen schneller als jede Verhörtechnik, und Helenas Angst vor dem Sterben hatte ihre vollständig gelöst. Sie hatte alles ausgeplaudert, verzweifelt bemüht, Informationen gegen ihr Leben einzutauschen.Der Raum war voll mit Therons vertrauenswürdigsten Beratern, Damon stand an seiner Seite, und ich saß neben Theron. Die Luft war dick von Schock und Wut. Helenas Stimme kam durch die Aufnahme, kalt und bitter, während sie alles gestand, was sie jahrelang verborgen hatte."Meine Mutter Mira stammte aus einer uralte
Lyras SichtHelena schenkt den Wein selbst ein, und ich frage mich, ob sie dumm genug ist, mich zu vergiften, während meine Gefährtin sechs Meter entfernt ist.Das private Familienessen war in einem kleinen Speisezimmer neben der Haupthalle angerichtet. Der Tisch war mit vertrautem Porzellan aus meiner Kindheit gedeckt, aber alles fühlte sich jetzt falsch an. Theron saß neben mir, seine Hand ruhte unter dem Tisch auf meinem Oberschenkel, ein stiller Anker. Marcus saß am Kopfende, sah älter aus, als ich ihn in Erinnerung hatte. Helena spielte die perfekte Gastgeberin, lächelte zu breit, während sie Wein in jedes Glas goss. Ivy saß mir gegenüber, ihre Augen scharf vor Eifersucht.Die Spannung war dicht. Alle spielten Höflichkeit, aber die Luft fühlte sich schwer an. Helena reichte mir ein Glas. "Rotwein, dein Favorit, Lyra. Ich habe mich daran erinnert."Ich nahm es, trank aber nicht. "Danke."Helena fragte nach dem Nördlichen Territorium, ihre Stimme süß. "Es muss so anders sein als hi







