LOGINGabriel
Ich hätte früher gehen sollen.
Aber nein, ich bin immer noch hier. Feststeckt. Gefangen in einer Familiensatire, die einfach kein Ende nehmen will.Die Großmutter hat mir einen Test auferlegt.
Einen kulinarischen Test.— Sie behaupten, einen Kuchen backen zu können? Na, dann beweisen Sie es.
Ich hielt es für einen Scherz. Aber nein. Hier stehe ich nun in der winzigen Küche, einen Holzlöffel i
GabrielDie Bürotür schließt sich mit einem dumpfen Klacken, und die Außenwelt ist abrupt abgeschnitten. Die Stille hier ist dicht, erdrückend, so anders als das Tumult, das ich hinter den Trennwänden vermute. Ich stehe mitten im Raum, die Schultern angespannt, und warte.Ich höre sie kommen. Ihre Schritte sind leicht, unsicher, auf dem Parkett. Sie tritt ein und schließt die Tür lautlos. Ich drehe mich nicht sofort um. Ich höre ihren etwas kurzen Atem, ich spüre das Gewicht ihres Blicks in meinem Rücken.Ich drehe mich um.Sie ist da, an die Tür gelehnt, als brauche sie Halt, blass, die Augen riesig. Die professionelle Maske ist gefallen. Geblieben ist nur Élise, nackt, vibrierend, noch erschüttert von dem Erdbeben, das ich gerade ausgelöst habe.»Hast du ihre Gesichter gesehen?«, sagt sie mit einer Stimme, die nur ein Hauch ist.&
ÉliseDer Tag dehnt sich, langsam und erschöpfend. Jede Minute ist eine Qual aus Warten und Falschheit. Ich bringe den Kaffee, sortiere Dokumente, antworte am Telefon mit einer Stimme, von der ich hoffe, dass sie neutral ist, die mir aber seltsam schrill, zerbrechlich vorkommt. Die Blicke folgen mir, beharrlich. Unausgesprochene Fragen schweben in der Luft, kleben an meiner Kleidung, an meiner Haut.Gabriel seinerseits ist von eisiger Effizienz. Er reiht Besprechungen an Besprechungen, Anrufe an Anrufe, ohne jemals die geringste Emotion durchblicken zu lassen. Manchmal kreuzen sich unsere Blicke durch die Glaswand seines Büros. Ein Funke, schnell, brennend, dann wendet er den Blick ab, wird wieder der Chef, der Mann aus Stein.Es ist gegen 16 Uhr, als er die Gegensprechanlage betätigt. Seine neutrale Stimme hallt in meinem kleinen Raum wider.»Élise, versammeln Sie bitte das gesamte Personal um 16:30 Uhr im
ÉliseDas Auto parkt auf dem knirschenden Kies vor der imposanten Glas- und Stahlfassade der Zentrale. Mein Herz, für einen Moment beruhigt von der Stille des Landes, beginnt wieder gegen meine Rippen zu hämmern, ein aufgescheuchter Vogel in der Falle. Es ist so weit. Das Theater. Die Bühne, auf der wir unsere Rollen spielen müssen, ein letztes Mal vielleicht.Gabriel stellt den Motor ab. Die Stille, die eintritt, ist von anderer Natur als die im Haus. Sie ist schwer von nicht getanen Blicken, nicht ausgesprochenen Fragen. Er wendet sich mir zu. Sein Gesicht hat sich verändert. Die Zärtlichkeit, die Verletzlichkeit von heute Morgen sind verschwunden, ersetzt durch eine Maske ruhiger Autorität. Der Chef. Mein Geliebter ist hinter den Zügen meines Arbeitgebers verschwunden.»Bereit?«, fragt er, seine Stimme ist neutral, professionell.Ich nicke, meine Tasche wie einen Rettungsring an m
ÉliseEin Schauer durchläuft mich, anders als alle anderen. Dieser besteht nicht aus Angst oder Kälte, sondern aus einem brennenden, flüssigen Zustrom, der scheinbar tief in meinen Eingeweiden entspringt und sich unter seinem Blick auf der Oberfläche meiner Haut ausbreitet. Seine Worte hallen in der gedämpften Stille des Badezimmers wider und fegen meine Ängste, meine Scham auf einen Schlag hinweg. »Ich will dich verschlingen.« Der Satz ist roh, wild. Er lässt keinen Raum für Zweifel oder Zurückhaltung. Es ist ein als Wahrheit ausgesprochenes Verlangen, ein angekündigtes Festmahl.Ich senke den Blick, aber ich spüre, wie die Hitze in meine Wangen steigt, eine scharlachrote Zurschaustellung meiner Verwirrung. Ich werde rot. Wie ein junges Mädchen. Wie eine verzückte Ehefrau. Der Kontrast ist heftig zur Melancholie der Minuten zuvor. Gabriel sieht mein Erröten, und ein
ÉliseIch fahre zusammen, als die Klinke sich bewegt. Die Tür, von der ich dachte, sie sei geschlossen – ich hatte sie doch zugedrückt, ich hatte sie Widerstand leisten spüren –, gibt lautlos nach. Gabriel steht im Rahmen. Er lächelt nicht. Sein Blick gleitet über mein Gesicht, meine zitternden Schultern, meine Hände, die sich sofort über meinem Bauch verschränkt haben, wie ein Schild.»Ich habe dich überall gesucht«, sagt er, seine Stimme tiefer als eben, durchzogen von einer Besorgnis, die nicht nur eine Feststellung ist.Er macht einen Schritt. Das Badezimmer ist plötzlich winzig. Die Luft wird dünner, beladen mit all dem, was wir heute Morgen nicht gesagt haben. Die Stille des Hauses ist auch da, mit ihm hereingekommen, eine dritte Person, die zusieht.»Die Tür …«, stammle ich.»Sie schließt nicht. Ich hatte keine Zeit, es z
ÉliseDas erste Erwachen im Haus ist ein Schock. Die Stille. Es ist nicht die gedämpfte Stille der Wohnung in der Stadt, die stets von Straßengeräuschen, fernen Sirenen und Nachbarn durchzogen ist. Es ist eine schwere, tiefe, fast greifbare Stille. Eine Stille des Landes, die den Schluck zu verschlucken, zu ersticken scheint. Sie umhüllt das Haus, dringt durch die Ritzen der alten Fenster und lässt sich nieder wie ein weiterer Bewohner.Ich stehe auf, der Körper ist steif, der Magen verkrampft. Das kalte Parkett unter meinen nackten Füßen lässt mich frösteln. Gabriel schläft noch, erschöpft von den Ereignissen des Vortages. Ich betrachte ihn einen Augenblick, sein friedliches Gesicht im Schlaf, und eine Welle so heftiger Liebe überflutet mich, dass mir der Atem stockt. Dann kehrt die Angst zurück, unmittelbar, im Bunde mit dieser Stille.Ich gehe die knarrende Holztreppe hinunter, jede Stufe ein Schrei in der Stille des Morgens. Der große Wohnraum ist gewaltig, leer, getaucht in das f
GabrielDas Frühstück ist eine Übung in Hochseilakrobatik. Jede Geste ist kalkuliert, jedes Schweigen lastet wie ein Grabstein. Ich spüre Sophies Blick auf mir, einen heimlichen Scanner, während ich so tue, als würde ich die Nachrichten auf meinem Telefon lesen. Die Worte tanzen vor meinen Augen, s
Gabriel„Ich bleibe.“Die Worte sind meinem Mund entfahren, ein Bekenntnis, schwer wie Blei. Ich habe sie für sie ausgesprochen, für das Kind, für diese gemeinsame Angst, die uns nun sicherer aneinanderkettet als jeder Schwur.Aber als die Spannung nachlässt, der erste Schock sich verflüchtigt, hol
GabrielMeine Hand auf ihrem Bauch. Ein unbekannter Planet, warm, zerbrechlich. Ein geheimer Kontinent, wo ein Herz schlägt, das meines ist.Unser Kind.Die Wahrheit ist kein Schock mehr, sie ist eine Flutwelle, die mich fortreißt, mich umdreht, mich
ÉliseDer Kaffee schmeckt nach Asche.Aber ich trinke ihn trotzdem.Nur um zu spüren, dass etwas hinuntergeht.Meine Mutter spricht leise mit meiner Großmutter. Ich verstehe die Worte nicht.Ich weiß nur, dass es wieder um »Beweise« geht, um »Wahrheit«, um das, was man »zeigen« oder »verschweigen«







