MasukDie Nacht war weit vorangeschritten. Über den Baumwipfeln begann sich der Mond langsam nach Westen zu neigen, und sein blasses Licht fiel nur noch in schmalen Streifen durch die Kronen der alten Eichen. Der Wald wirkte stiller als zuvor. Nicht, weil seine Geräusche verstummt wären. Vielmehr hatte Lina das Gefühl, sie selbst höre anders zu. Seit Darok begonnen hatte, von Aron zu erzählen, schien jeder Laut eine Bedeutung zu tragen. Das Rauschen der Blätter erinnerte sie an ferne Stimmen, und selbst der Wind wirkte, als würde er Erinnerungen durch den Wald tragen, die niemals ganz verschwanden. Sie dachte an Nalea. An die Frau, die den Glauben an Aron nie verloren hatte. Während alle anderen irgendwann begonnen hatten, den Roggenwolf zu sehen, hatte sie bis zuletzt den Menschen erkannt, der sich hinter den goldenen Augen verbarg. Vielleicht war genau das der Grund gewesen, weshalb Aron ihr noch vertraut hatte. Sie hatte nie versucht, ihn von dem zu überzeugen, was sie selbst sehen woll
Lina bemerkte, dass Darok nach seinen letzten Worten lange schwieg. Der Wind hatte sich wieder erhoben und ließ die Kronen der alten Eichen leise rauschen. Das Geräusch erinnerte sie an Wellen, die gegen ein fernes Ufer schlugen, gleichmäßig und ruhig, als hätte der Wald beschlossen, den Schmerz der Vergangenheit mit seiner eigenen Stille aufzufangen. Sie wusste inzwischen nicht mehr, wie viele Stunden sie bereits dort saßen. Die Nacht war weit fortgeschritten, doch Müdigkeit spürte sie kaum noch. Dafür war das, was Darok erzählte, zu schwer geworden. Sie dachte an das Versprechen, das er Nalea gegeben hatte. Damals hatte es wahrscheinlich wie eine Hoffnung geklungen. Heute wusste sie, dass jedes Versprechen irgendwann den Augenblick erreichte, an dem es mehr kostete, es zu halten, als es zu brechen. Genau davor schien Darok sich bis heute zu fürchten. Eine Weile sagte niemand etwas. Kian hatte den Blick auf den Boden gesenkt und zog mit einem kleinen Ast gedankenverloren Linien in
Der Wald lag schweigend unter dem Licht des Mondes, und für eine lange Zeit sprach niemand ein Wort. Lina hatte das Gefühl, als würde jede neue Erinnerung, die Darok mit ihnen teilte, etwas in ihr verändern. Als sie zum ersten Mal von dem Roggenwolf gehört hatte, hatte sie geglaubt, die Geschichte eines gefährlichen Wesens zu erfahren, das irgendwann den Verstand verloren hatte. Nun saß sie hier und hörte die Geschichte eines Mannes, der bis zuletzt versucht hatte, andere vor sich selbst zu schützen. Es war ein Unterschied, der alles veränderte. Sie dachte an Arons letzte Worte zu Darok. Sie soll ihre Hoffnung für Menschen aufheben, die noch gerettet werden können. Je länger sie darüber nachdachte, desto deutlicher erkannte sie, wie wenig Hoffnung Aron noch für sich selbst übrig gehabt haben musste. Er hatte Nalea nicht fortgeschickt, weil er sie nicht sehen wollte. Er hatte sie fortgeschickt, weil er sie bewahren wollte. Genau das machte seinen Entschluss so unendlich traurig. Der
Die Tage nach der Versammlung verliefen äußerlich ruhig, doch unter dieser Ruhe lag eine Spannung, die jeder im Rudel spüren konnte. Niemand sprach den Namen des Roggenwolfs laut aus, wenn Kinder in der Nähe waren, und doch schien er überall gegenwärtig zu sein. Sobald jemand zu spät von einer Jagd zurückkehrte oder nachts ein fremdes Heulen durch den Wald hallte, wanderten die Blicke der Menschen unwillkürlich zu den dunklen Baumreihen im Süden. Angst hatte eine seltsame Eigenschaft, dachte Lina. Sie verschwand nie ganz. Sie lernte nur, leiser zu werden. Darok hatte eine Weile geschwiegen, nachdem er von der Entscheidung des Rudels erzählt hatte. Sein Blick ruhte auf den Bäumen, doch Lina hatte längst bemerkt, dass er sie nicht wirklich sah. Er blickte in eine Vergangenheit, die für ihn niemals vergangen war. Manche Erinnerungen verloren mit den Jahren ihre Schärfe. Diese hier gehörten nicht dazu. Sie hatten sich stattdessen tief in ihm festgesetzt, als warteten sie nur darauf, wied
Die Rückkehr vom südlichen Gebirge war stiller gewesen als alles, was Darok bis dahin erlebt hatte. Er erinnerte sich noch genau daran, wie der Schnee unter ihren Schritten geknirscht hatte und wie der Wind immer wieder feinen Pulverschnee über ihre Fährten geweht hatte, bis selbst ihre eigenen Spuren langsam verschwanden. Weder er noch Joran hatten unterwegs ein Wort gesprochen. Es hatte nichts mehr gegeben, das gesagt werden musste. Beide wussten, dass sie Aron gefunden hatten. Beide wussten aber auch, dass sie ihn nicht zurückgebracht hatten. Zwischen diesen beiden Wahrheiten lag ein Schmerz, den keiner von ihnen in Worte hätte fassen können. Lina hörte aufmerksam zu und bemerkte, dass Daroks Stimme ruhiger geworden war. Es war dieselbe Ruhe, die Menschen manchmal entwickelten, wenn sie Erinnerungen erzählten, die so oft durchlebt worden waren, dass selbst der Schmerz nicht mehr laut war. Er war nicht verschwunden. Er hatte sich lediglich tief in ihnen eingerichtet. Als sie schli
Lina wusste nicht, wie lange sie nach Daroks letzten Worten geschwiegen hatte. Der Wald um sie herum war derselbe geblieben wie zu Beginn des Abends, und doch fühlte sich alles verändert an. Das Rauschen des Windes in den Baumkronen, das Knacken der Äste und das ferne Murmeln des Flusses klangen plötzlich weiter entfernt, als würden sie zu einer anderen Welt gehören. Die Geschichte hatte sie so tief erfasst, dass sie Mühe hatte, wieder in die Gegenwart zurückzufinden. Vor ihrem inneren Auge stand noch immer Aron auf jener verschneiten Lichtung. Sie sah den Speer in seiner Schulter. Sie hörte den Schrei, von dem Darok gesprochen hatte. Vor allem aber sah sie den Moment, in dem zwei alte Freunde einander angesehen hatten und keiner von beiden den letzten Schritt auf den anderen zugegangen war. Vielleicht war genau das der grausamste Teil dieser Geschichte. Nicht der Speer. Nicht das Blut. Nicht einmal die Verwandlung. Sondern dieser eine Augenblick, in dem Hoffnung noch möglich gewesen
Der Morgen breitete sich langsam zwischen den Bäumen aus, doch das Licht schaffte es nicht sofort, die Schwere der Nacht zu vertreiben. Nebel hing weiterhin tief über dem Waldboden und zog in langsamen Schleiern zwischen den Stämmen hindurch, während das Rudel allmählich unruhiger wurde. Die Wölfe
Die Frage blieb in Lina zurück, lange nachdem sie sie gedacht hatte. Sie hing still zwischen ihren Atemzügen, während der Wald weiter um sie herum rauschte und der Fluss ruhig über die Steine glitt. Je länger sie darüber nachdachte, desto schwerer wurde das Bild des Roggenwolfs in ihrem Kopf. Nicht
Die Worte blieben noch lange zwischen ihnen hängen, selbst nachdem Kian aufgehört hatte zu sprechen. Lina saß still am Ufer des Flusses und blickte in die Dunkelheit zwischen den Bäumen, während das Echo des Traums langsam tiefer in ihr einsickerte. Es fühlte sich nicht an wie eine Erinnerung, die
Das Wort blieb in Lina zurück, lange nachdem Kian es ausgesprochen hatte. Rudel. Früher hätte sie dabei wahrscheinlich nur an Tiere gedacht, an etwas Wildes und Fremdes, das außerhalb ihres eigenen Lebens existierte. Jetzt fühlte sich dieses Wort anders an. Größer. Wärmer. Beinahe lebendig.Der Wal







