LOGINDer erste Tag an der Uni begann unter einem zu klaren, fast klinischen Licht. Sofia stand früh auf, mehr aus Nervosität als aus Disziplin. Sie duschte zu lange, zog sich mit einer Sorgfalt an, die sie seit Wochen nicht mehr gehabt hatte, und betrachtete sich einen Moment im Badezimmerspiegel. Ihr Gesicht erschien ihr zugleich vertraut und fremd. Die Augenringe waren noch da, aber weniger ausgeprägt. Ihre Augen hatten eine Form von Ruhe zurückgewonnen, zerbrechlich, vorläufig. Sie spülte kaltes Wasser über ihr Gesicht, atmete tief ein und verließ das Haus, ohne ihrem Vater zu begegnen.Der Weg zum Campus verlief in einer dichten inneren Stille. Sie ging zwischen anderen Studierenden, Taschen über der Schulter, Kaffee in der Hand, Gespräche bereits laut. Um sie herum schien jeder neu anzufangen. Sie nicht. Sie ging mit dem Gewicht des Sommers, das noch immer zwischen ihren Schulterblättern hing, unsichtbar, aber beständig. Bei jedem Schritt stiegen Bilder auf, gegen ihren Willen: die Te
Der Schulbeginn war in zwei Tagen. Sofia war allein in ihrem Zimmer. Das Haus war ruhig. Javier war ausgegangen, Diego sah sich unten etwas an, und die Stille, die die Treppe heraufstieg, lastete fast so schwer auf ihr wie die Gedanken, die seit Tagen in ihrem Kopf kreisten. Sie lag auf dem Bett, das Telefon auf ihrer Brust, der Bildschirm noch an. Seit mehreren Abenden begann sie immer wieder dasselbe: den Chat mit Ellie öffnen, schreiben, löschen, neu schreiben. Nachrichten, zu lang, zu unbeholfen, zu aufrichtig. Sie sagte ihm, dass sie sich Vorwürfe machte. Dass sie verstand, dass er ihr böse war. Dass er ihr fehlte. Jedes Mal las sie die Sätze noch einmal, bevor sie sie abschickte, das Herz zusammengeschnürt, und dann schickte sie sie trotzdem. Und jedes Mal war die Stille, die folgte, dieselbe.Sie verbrachte auch lange Momente auf seinem Profil. Sie konnte nicht anders. Sie scrollte langsam, betrachtete die alten Fotos, die hervorgehobenen Stories, die Beiträge, die er nicht gel
Es blieben noch sechs Tage bis zum Schulbeginn, und die Zeit schien sich für Sofia zugleich zu dehnen und zusammenzuziehen wie ein zu straff gespanntes Seil. Mia kam am frühen Nachmittag, ohne sich wirklich angekündigt zu haben, klopfte zweimal an die Zimmertür und trat ein. Sie fand Sofia noch in Leggings und einem weiten T-Shirt, auf der Bettkante sitzend, den Blick irgendwo hinter der Fensterscheibe verloren. Mia blieb einen Moment auf der Schwelle stehen, beobachtete sie schweigend, dann verschränkte sie die Arme in einer Art, die kaum Raum für Diskussionen ließ.— Du ziehst dich an. Wir gehen raus.Sofia drehte langsam den Kopf zu ihr. Ihre Stimme kam leise heraus, fast erloschen.— Ich habe wirklich keine Lust, Mia.— Ich weiß genau, dass du keine Lust hast. Zieh dich trotzdem an.Es folgte ein Schweigen. Sofia seufzte lange, fuhr sich mit einer Hand durch ihr noch zerzaustes Haar und stand dann ohne jede Überzeugung auf. Sie zog eine Jeans an, einen weiten Sweater, schnürte Tur
Das Elternhaus hatte sich nicht verändert.Die Wände waren dieselben, in einem Weiß, das mit den Jahren leicht vergilbt war. Die Möbel standen an genau denselben Plätzen. Der Geruch von Waschmittel hing noch immer im Flur, vermischt mit dem Kaffeeduft, den ihre Mutter jeden Morgen zubereitete. Nichts hatte sich bewegt. Und doch hatte Sofia, als sie über die Schwelle trat, das Gefühl, an einen Ort zurückzukehren, der ihr nicht mehr gehörte. Als beobachteten sie die Räume. Als wüssten es die Wände.Sie ging direkt in ihr Zimmer, ohne das Licht einzuschalten. Sie stellte ihren Koffer neben den Schrank, setzte sich auf die Bettkante und blieb dort sitzen, die Hände auf den Knien, den Blick auf den Boden gerichtet. Draußen hörte man ab und zu ein Auto vorbeifahren. Drinnen war die Stille zu sauber, zu gewöhnlich. Sie legte sich vollständig angezogen hin, zog die Decke bis zum Kinn und schloss die Augen. Sie schlief nicht wirklich. Sie schwebte nur zwischen Erschöpfung und einer Art Leere,
Sofia schloss den Koffer mit einer zu heftigen Bewegung. Das Geräusch des Reißverschlusses zerriss die Stille des Zimmers wie ein Riss. Sie blieb lange mit beiden Händen auf dem Gepäck stehen, die Schultern gebeugt, den Kopf gesenkt. Das Zimmer roch noch nach Salz, Sonne und ein wenig nach Waschmittel. Die Laken waren zerknittert, ein feuchtes Handtuch hing über der Stuhllehne, und das Fenster stand noch halb offen zum Garten, der bereits weniger hell war als auf dem Höhepunkt des Sommers. Sie hatte alles mechanisch gefaltet, ohne wirklich hinzusehen, was sie einpackte. Jedes T-Shirt, jede Shorts, jeder Badeanzug erinnerte sie an eine Geste, einen Blick, eine Nacht. Dinge, die sie nicht mehr behalten durfte.Sie verweilte noch eine Minute, die Augen auf das ungemachte Bett gerichtet. Dann zog sie den Koffer zur Tür. Die Rollen machten ein unregelmäßiges, zu lautes Geräusch auf den Fliesen des Flurs. Sie ging langsam die Treppe hinunter, als koste sie jede Stufe eine Anstrengung. Unten
Mia parkte das Auto vor dem Ferienhaus, als Sofia spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Die Fassade war dieselbe geblieben, weiß, sonnenüberflutet, mit halb geöffneten Fensterläden und den Liegestühlen, die noch immer auf der Terrasse aufgereiht standen. Nichts hatte sich verändert. Und doch hatte sich alles verändert.Sofia stieß die Autotür auf und stieg die paar Stufen hinauf. Sie öffnete die Haustür. Der Geruch des Hauses traf sie sofort: eine Mischung aus Holz, Salz und etwas Kälterem, Leereren. Im Wohnzimmer standen bereits mehrere Koffer neben dem Sofa. Diego war da, stand aufrecht, die Arme verschränkt, den Blick gesenkt. Er hob den Kopf, als er sie hereinkommen hörte.Sofia zögerte nicht. Sie durchquerte den Raum mit schnellen Schritten und nahm ihn in die Arme. Diego blieb eine Sekunde starr, dann ließ er sich gegen sie sinken. Sie drückte ihn fester.— Es wird gut werden, murmelte sie an seiner Schulter. Alles wird sich regeln.Diego antwortete nicht. Er nickte nur schwac







