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Kapitel 3

Author: Anatory
last update publish date: 2026-08-04 01:38:34

Sofia zögerte einen Moment auf der Schwelle der Terrassentür, das Herz schlug ihr immer noch von dem, was in ihrem Zimmer geschehen war. Das cremefarbene Kleid, das sie angezogen hatte, fiel weich über ihre Hüften, streifte ihre nackten Oberschenkel, und sie fühlte sich zugleich verletzlich und kühn. Draußen war die Abendluft lau, erfüllt vom Geruch des Meersalzes und der knisternden Holzkohle. Die Sonne senkte sich langsam dem Horizont entgegen und tauchte den Himmel in Orangetöne und Rosa, als wollte der Sommer selbst die Bühne für das bereiten, was folgen sollte.

Pedro war da, wie sie es sich vorgestellt hatte, über den Grill gebeugt. Er hatte ein verwaschenes graues T-Shirt angezogen  Gott sei Dank, oder vielleicht auch nicht aber er war immer noch barfuß, die Haare ein wenig zerzaust, nachdem er den Tag mit Heimwerken verbracht hatte. Er wendete die Steaks mit einer metallischen Zange, die Flammen leckten zischend an dem Fleisch. Javier stand neben ihm, eine Biere in der Hand, und erzählte eine Anekdote über einen schwierigen Kunden bei der Arbeit. Diego und Ellie saßen etwas weiter entfernt auf den Liegestühlen und lachten über ein dummes Meme auf Ellies Handy.

Sofia atmete tief ein und stieg die zwei Stufen hinunter, die zur Terrasse führten. Das Holz knarrte leicht unter ihren Sandalen und zog die Aufmerksamkeit auf sich. Pedro hob zuerst den Blick, und sein Blick durchbohrte sie wie ein Pfeil. Er sagte nichts, aber seine Lippen verzogen sich zu einem diskreten, fast verschwörerischen Lächeln. Sie spürte, wie ihre Wangen wieder warm wurden.

— Ah, da ist ja die Schläferin! rief Javier, als er sie sah.  Hast du ein Nickerchen gemacht? Hat dich die Fahrt umgehauen?

— Ein bisschen, ja, antwortete sie mit einem gezwungenen, leichten Lachen.

Sie trat näher an den Grill heran und spürte die Hitze der Glut auf ihrer Haut. Pedro reichte ihr wortlos einen leeren Teller, als wüsste er, dass sie ihre Hände beschäftigen wollte.

— Hier, mija. Nimm dir ein Bier, wenn du magst.

Seine Stimme war tief und rau, und sie musste sich zusammennehmen, um nicht auf seine Unterarme zu starren  die hervortretenden Adern unter der sonnengebräunten Haut. Sie nahm den Teller, ihre Finger streiften sich erneut absichtlich? und sie murmelte ein kaum hörbares „Danke“.

Das Abendessen verlief in einer vertrauten Atmosphäre, fast zu normal für das, was Sofia innerlich fühlte. Sie ließen sich um den Holztisch nieder, der von den Jahren gezeichnet war, unter den Lichterketten, die Javier immer für die Grillabende anzündete. Die Steaks waren saftig, begleitet von gegrilltem Mais, frischer Guacamole und warmen Tortillas  eine mexikanische Tradition, die Javier und Pedro religiös pflegten, auch wenn sie Guadalajara schon vor Jahrzehnten verlassen hatten. Diego erzählte Uni-Geschichten, Ellie nickte lachend, und Sofia versuchte, sich in die Unterhaltung einzufügen und mit einsilbigen Antworten zu reagieren, wenn man sie etwas fragte.

Aber ihr Geist war woanders. Jedes Mal, wenn Pedro sprach, vibrierte seine Stimme in ihr wie eine Berührung. Sie beobachtete ihn verstohlen: die Art, wie er in sein Steak biss, seine glänzenden Lippen vom Saft, seine Augen, die sich manchmal mit ihren trafen, voller Intensität, die sie nie zuvor bemerkt hatte. Oder vielleicht doch, aber sie hatte sie ignoriert.

Mitten in Javiers Witz über ein verpatztes Fußballspiel vibrierte Pedros Handy auf dem Tisch. Er warf einen Blick auf den Bildschirm, sein Lächeln verschwand sofort. Er nahm ab, ohne aufzustehen, und hielt das Telefon ans Ohr.

— Hallo?

Eine weibliche Stimme, schrill und beharrlich, drang am anderen Ende durch. Sofia konnte nicht anders, als zu lauschen, auch wenn sie so tat, als würde sie sich für das Gespräch zwischen Ellie und Diego interessieren – ihr Bruder, gar nicht mehr so klein, aber immer noch beschützend wie ein großer Bruder.

— Pedro, ich bin es, Emma. Wir müssen reden, bitte.

Pedro runzelte die Stirn, sein Körper versteifte sich.

— Hör zu, Emma, ich habe keine Zeit für deine Spielchen. Ruf mich nicht mehr an, okay. Ich leg auf.

Er tippte auf den Bildschirm und legte das Telefon mit einem genervten Seufzer weg. Javier sah ihn an, eine Augenbraue hochgezogen.

— Schon wieder Emma?

Pedro schüttelte den Kopf und zwang sich zu einem Lachen.

— Ja, diese Verrückte will mich nicht loslassen. Ich weiß nicht, wie sie an meine neue Nummer gekommen ist. Ich hab vor drei Monaten die Leitung gewechselt, nur wegen ihr.

Javier prustete los vor Lachen und schlug mit der Faust auf den Tisch.

— ¡Cabrón! Du hattest schon immer ein Händchen dafür, Ärger auf zwei Beinen anzuziehen. Ich sag's dir ja: Du solltest mit Frauen in deinem Alter ausgehen. Wie alt ist sie, fünfundzwanzig? Du hättest sie früher abservieren sollen.

— Dreiundzwanzig, korrigierte Pedro mit einem Schulterzucken. Und sie hat mich abserviert, erinnerst du dich. Oder zumindest behauptet sie das. Aber egal. Prost!

Sie stießen mit ihren Bieren an, scherzten über lästige Ex-Freundinnen und gebrochene Herzen. Sofia jedoch spürte, wie sich ein Knoten in ihrem Magen bildete. Emma. Dieser Name warf sie sechs Monate zurück, zu jenem Abendessen im Dezember bei ihnen in Los Angeles. Pedro war mit ihr gekommen  eine Blondine mit grünen Augen, kurvig und mit aufgesetzten Lachern, die sich an seinen Arm klammerte wie an eine Rettungsboje. Sofia hatte sie vulgär gefunden, zu geschminkt, zu laut. Aber das war nicht das, was ihr im Gedächtnis geblieben war.

Es war später am Abend. Sofia war in den Waschkeller gegangen, um einen sauberen Pullover zu holen  es regnete draußen, und das Haus war kühl. Sie hatte die Tür geöffnet, ohne anzuklopfen, weil sie dachte, niemand sei dort. Und dort, im Halbdunkel, nur erhellt von der kleinen Glühbirne an der Decke, hatte sie sie gesehen.

Emma kniend auf dem gefliesten Boden, die Hände auf Pedros Oberschenkeln. Er mit dem Rücken an der Waschmaschine gelehnt, die Hose bis zu den Knöcheln heruntergezogen, sein hartes, glänzendes Glied entblößt, das in Emmas Mund ein- und ausfuhr in einem langsamen, hypnotischen Rhythmus. Pedro stöhnte leise, den Kopf zurückgelegt, die Augen geschlossen, eine Hand in Emmas blonden Haaren, um ihre Bewegungen zu führen. Das Geräusch dieses feuchte, obszöne Geräusch hatte Sofia für eine endlose Sekunde wie erstarrt stehen lassen.

Dann hatte Pedro die Augen geöffnet. Er hatte sie gesehen. Sein Gesichtsausdruck hatte sich zu purer Entsetzens verzerrt.

— M****a… Sofia!

Emma war zusammengezuckt, hatte mit einem vulgären Geräusch ausgespuckt und sich aufgerichtet, während sie sich mit dem Handrücken den Mund abwischte. Pedro war hastig aufgestanden und hatte in panischer Bewegung seine Hose hochgezogen  seine Erektion war immer noch sichtbar unter dem Stoff. Sofia hatte den Blick nicht von dieser Szene abwenden können: Pedros Geschlecht, dick und geädert, noch glänzend von Speichel, bevor er es unbeholfen verstaut hatte.

Sie hatte sich umgedreht und war die Treppe hinaufgerannt, das Herz hämmerte in ihrer Brust, die Wangen glühend. Sie hatte sich in ihrem Zimmer eingeschlossen  zitternd, wider Willen erregt, verwirrt.

Später, viel später, als die Gäste bis auf Pedro gegangen waren  der oft auf dem Sofa übernachtete, wenn die Abende zu lang und zu feuchtfröhlich wurden , hatte er leise an ihre Tür geklopft. Sie hatte ihn hereingelassen, auf ihrem Bett sitzend, die Knie an die Brust gezogen.

— Sofia … es tut mir leid. Wirklich. Das war dumm. Emma und ich … wir hatten getrunken, und …

Er hatte sich auf die Bettkante gesetzt und ihren Blick vermieden.

— Das bleibt unser kleines Geheimnis, okay? Ich möchte nicht, dass du deinem Vater etwas davon erzählst. Er würde wütend sein, wenn er erführe, dass ich das hier getan habe  unter seinem Dach. Das ist sein Heiligtum, weißt du.

Sie hatte stumm genickt.

— Einverstanden.

Er hatte eine Hand auf ihre Schulter gelegt  unschuldig, väterlich und war gegangen. Aber in jener Nacht, allein im Dunkeln, hatte Sofia wieder an die Szene denken müssen. An sein Glied. An seine Stöhnen. Und zum ersten Mal hatte sie sich berührt, während sie an ihn dachte.

Wie sie später erfahren hatte, hatten Pedro und Emma sich kurz darauf getrennt. Ein explosiver Streit, Vorwürfe des Betrugs  ironisch, angesichts Pedros Scheidung von seiner vorherigen Frau. Emma war aus dem Bild verschwunden. Warum also rief sie jetzt an? Warum wirkte Pedro so genervt, aber nicht überrascht?

Sofia kehrte in die Gegenwart zurück und zwang sich zu einem Lächeln, während Ellie ihr eine Geschichte über sein Semester an der Uni von San Diego erzählte. Diego mischte sich gelegentlich ein und neckte Ellie wegen seiner Mathenoten.

— Bist immer noch so schlecht, was?

Ellie lachte, aber seine Augen kehrten immer wieder zu Sofia zurück, voller Bewunderung, die sie ignorierte.

— Und du, Sof? Hast du Pläne für diesen Sommer? Vielleicht könnten wir zusammen surfen gehen, wie früher?

Sie nickte abwesend.

— Ja, warum nicht.

Aber ihr Blick wanderte zu Pedro und Javier, die immer noch über Emma scherzten.

— Sie verfolgt dich wie ein Gespenst, compadre! sagte Javier lachend.

Pedro schüttelte den Kopf, aber in seinen Augen lag ein Schatten. Sofia fragte sich, ob Emma etwas wusste. Ob sie anrief, um ihn zurückzuerobern. Oder schlimmer  um Ärger zu machen.

Der Grillabend zog sich bis spät in die Nacht, das Lachen mischte sich mit dem Knistern der glimmenden Kohlen und dem fernen Rauschen der Wellen, die unten den Strand leckten. Sofia war die Treppe hinaufgestiegen, ein Gefühl der Beklemmung in der Brust, als ob die von Geheimnissen geschwängerte Luft schwerer wog als sonst. Emmas Anruf schwebte noch immer in ihrem Kopf, ein unwillkommener Geist, der Bilder heraufbeschwor, die sie lieber vergessen würde  oder zumindest versuchte zu vergessen. Aber statt sich davon überwältigen zu lassen, beschloss sie, sich abzulenken. Dafür war der Sommer doch da, oder? Für Ablenkungen, aufgesetzte Lache, Nächte, die die Tage auslöschten.

Ihr Handy vibrierte auf dem Nachttisch, als sie in ihr Zimmer trat. Es war die W******p-Gruppe „Summer Squad“ ein dummer Name, den Mia vor Jahren erfunden hatte, als sie alle noch picklige Teenager waren und ihre Ferien damit verbrachten, am Strand herumzuhängen. Die Nachricht kam von Lena:

— Yo, ihr Loser! Party bei Jonathan heute Abend, krasse Villa wie immer. Wer kommt? Mia, Carlos und ich sind schon unterwegs. Eden und Mike sagen, sie bringen das Bier. Sofia, Ellie, seid ihr dabei?

Sofia lächelte trotz allem. Jonathan war dieser reiche Typ, den sie flüchtig kannten  Sohn eines Immobilienentwicklers, der jeden Sommer riesige Villen an der Küste mietete, nur um zu feiern. Nicht wirklich ein Freund, eher ein praktischer Bekannter, der legendäre Partys schmiss, ohne sich um die Konsequenzen zu scheren. Diese Partys waren eine Tradition zu dieser Jahreszeit: ohrenbetäubende Musik, beleuchteter Pool und eine Horde junger Leute aus den umliegenden Ferienhäusern. Mia, Carlos, Lena, Eden, Mike – ihr kleiner Kreis, diejenigen, mit denen sie Teenagergeheimnisse, dummes Gelächter und kleinere Herzschmerzen geteilt hatte.

Sie tippte schnell:

— Auf jeden Fall, wir kommen. Ellie ist bei mir. Bis gleich!

Dann fügte sie ein Feuer-Emoji für die Stimmung hinzu. Die Antworten prasselten herein: Carlos mit einem albernen Tanz-GIF, Mia mit „Endlich! Ich muss dir so viel über diesen Typen von der Uni erzählen“, Eden mit „Bringt eure Ärsche her, der Pool ist beheizt!“ und Mike, der hinzufügte: „Und Eis, sonst verdursten wir.“ Die kollektive Aufregung steckte sie ein wenig an und verdrängte Emmas Schatten für einen Moment.

Ellie antwortete in der Gruppe ein paar Sekunden später:

— Ja, wir brechen gleich auf. Sofia, ich warte unten auf dich?

Sie verdrehte die Augen  er war so vorhersehbar, immer bereit, jede Gelegenheit zu nutzen, um Zeit mit ihr zu verbringen. Aber gut, es war Ellie. Harmlos, fast rührend in seiner Unbeholfenheit.

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