Se connecterDas Horn des Ersten Mondes schmetterte durch den Morgennebel und klang wie ein sterbendes Tier.
Die unteren Ebenen unter der Obsidianfestung rochen nach nasser Fäulnis, uraltem Moos und abgestandenem Eisen. Wasser tropfte stetig von der rissigen Steindecke und platschte in die flachen Pfützen, die den Boden bedeckten.
Ein gewaltiges Eisengatter hob sich mit dem Kreischen rostiger Ketten in die Decke und enthüllte den gähnenden schwarzen Schlund des Versunkenen Labyrinths.
Über unseren Köpfen, hoch oben auf den steinernen Balkonen hinter verstärkten Eisengittern, schrien Hunderte von Rudelwölfen und schleuderten Beleidigungen auf uns herab.
„Reißt ihr die Kehle heraus!“
„Zerfetzt die Abtrünnige!“
In der königlichen Loge hoch über den Arenatoren saß Ratsherr Kingsley, umgeben von seiner persönlichen Leibwache. Er trug schweren Pelz über den Schultern und nippte warmen Wein aus einem silbernen Kelch. Direkt neben ihm sah Natalia mit einem kalten, triumphierenden Grinsen zu. Ihre Augen hefteten sich auf mein verbundenes Handgelenk und warteten auf das Gemetzel.
Ich stand auf dem glitschigen Steinboden und spürte das kalte Gewicht der zwei Fuß langen Silberkette, die meinen linken Arm mit Alexanders rechtem verband.
Alexander war vollständig bewaffnet. Seine Schulterplatten aus dunklem Stahl fingen das trübe Fackellicht ein, sein Breitschwert war fest über seinen Rücken geschnallt, und zwei schwere Jagddolche ruhten an seinen Hüften. Sein Kiefer war wie aus Stein gemeißelt. Er blickte nicht zur johlenden Menge hinauf. Er blickte nur in die pechschwarzen Tunnel vor uns.
„Bleib einen halben Schritt hinter meiner rechten Schulter“, murmelte Alexander, seine Stimme erhob sich kaum über den Lärm der Menge. „Wenn wir das Labyrinth betreten, verlagere dein Gewicht nicht, ohne mich über die Kette zu warnen.“
„Ich bin nicht dein toter Ballast, Henker“, erwiderte ich zwischen zusammengebissenen Zähnen. Die blaue Salbe, die er letzte Nacht auf mein Handgelenk aufgetragen hatte, hatte die brennende Qual des Silbers betäubt, aber die Fesseln waren noch immer schwer. „Gib mir eine Waffe.“
Alexander griff hinunter, ohne mich anzusehen, löste einen eisernen Grabendolch von seinem Seitengürtel und drückte mir das Heft in meine freie rechte Hand.
Seine Finger streiften meine. Eine heftige Schockwelle aus elektrischer Hitze schoss direkt meinen Arm hinauf und ließ mein Herz gegen meine Rippen schlagen. Selbst inmitten des kalten Schlamms und des blutrünstigen Gebrülls der Menge flammte das Gefährtenband heftig zwischen uns auf.
„Verlier ihn nicht“, sagte Alexander, seine grauen Augen blitzten für den Bruchteil einer Sekunde dunkel auf, bevor sie völlig kalt wurden. „Beweg dich.“
Ein zweiter Hornstoß erschütterte die Luft.
KLANG!
Das Eisentor krachte hinter uns herab und schnitt das Licht des Arenahofs ab. Dunkelheit verschluckte uns ganz.
Die einzige Beleuchtung kam von verstreutem Phosphormoos, das an den nassen Steinwänden klebte. Das Labyrinth war ein Albtraum aus engen Gängen, blinden Ecken und gezackten Stalaktiten, die von der Decke hingen. Die Luft war eiskalt und dick vom Gestank ausgehungerter Raubtiere.
Alexander ging voran, seine Schritte vollkommen lautlos trotz seiner schweren Rüstung. Ich bewegte mich direkt neben ihm, passte mich seinen langen Schritten an, und meine Spürinstinkte übernahmen die Kontrolle.
Wir gingen fünf Minuten lang durch die gewundenen Tunnel. Die Schreie der Menge über uns verblassten zu einem fernen, gedämpften Summen.
„Halt“, flüsterte ich und streckte die Hand aus, um seinen Unterarm anzutippen.
Alexander erstarrte augenblicklich. „Was hörst du?“
„Nichts“, sagte ich, schloss die Augen und blähte die Nüstern, um die feuchten Luftzüge aufzufangen, die durch die Ritzen wehten. „Und das ist das Problem. Wenn Kingsley fünfzig Bluthunde losgelassen hätte, wie er es versprochen hat, müssten wir ihr Hecheln oder ihre Krallen über die Steine kratzen hören. Das Labyrinth ist völlig tot.“
„Sie haben keine Hunde freigelassen“, murmelte Alexander, seine Stimme tödlich ruhig.
Bevor ich fragen konnte, was er meinte, hallte ein leises Klicken von der hohen Decke zwanzig Schritte vor uns.
Tick. Tick. Tick.
Plötzlich fielen drei dunkle Gestalten aus den Schatten über uns und landeten lautlos im trüben Wasser, kaum mit einem Spritzer.
Es waren keine gewöhnlichen Rudelwölfe. Es waren nicht einmal wilde Hunde.
Sie waren doppelt so groß wie ein gewöhnlicher Wolf, bedeckt mit verfilztem schwarzem Fell, ihre Wirbelsäulen unnatürlich gekrümmt wie bei riesigen Spinnen. Rote, milchige Augen starrten hungrig durch das Zwielicht, und lange Fäden aus schwarzem, übelriechendem Speichel tropften von ihren gespaltenen Kiefern.
Schattenbestien. Kreaturen, durch verbotene dunkle Magie aus den Totholz-Grenzen verdorben.
„Kingsley hat diese hier ins Königreich geschmuggelt“, hauchte ich und hob den eisernen Dolch. „Er wollte keine Prüfung. Er hat Grenzabscheulichkeiten herbeigebracht.“
„Er will sichergehen, dass keiner von uns beiden diese Tunnel verlässt, um zu erzählen, was Daniel geschrieben hat“, sagte Alexander und zog sein gewaltiges Breitschwert mit einem sauberen, tödlichen Kreischen von Stahl.
Die drei Bestien fauchten, ein Geräusch wie reißendes Metall, und sprangen gleichzeitig vor.
Die erste Bestie sprang direkt auf meine Kehle zu.
Alexander zögerte nicht. Statt auszuweichen, trat er vor und nutzte die kurze Kette zwischen uns, um mich hinter seinen gepanzerten Rücken zu reißen. Mit einem einzigen, wilden Aufwärtsschwung seiner schweren Klinge spaltete er das Monster in zwei Hälften, bevor seine Krallen den Boden berühren konnten. Schwarzes Blut spritzte über seinen Brustpanzer.
Die zweite Bestie nutzte die Lücke und griff von seiner blinden Seite an. Ihre rasiermesserscharfen Reißzähne schnappten auf Alexanders ungeschützten Hals zu.
„Duck dich!“, schrie ich.
Ich warf mein Gewicht nach hinten und zerrte mit jeder Unze Kraft in meinem Körper an der silbernen Kette.
Der plötzliche Ruck zog Alexanders Oberkörper nur vier Zoll nach unten, genug, damit die Krallen der Bestie harmlos von seiner eisernen Schulterplatte abkratzten, anstatt ihm die Kehle aufzureißen.
Als das Monster über seine Schulter segelte, wirbelte ich nach innen und stieß meinen eisernen Grabendolch direkt nach oben durch den Unterkiefer der Bestie, bis der Stahl auf Knochen traf.
Die Abscheulichkeit kreischte und schlug wild um sich, während ihr fauliges Blut über meine Hände strömte. Ich stemmte meinen Stiefel fest gegen ihre Brust und trat sie weg ins stehende Wasser, wobei ich meine Klinge freiriss.
Alexander wirbelte herum, atmete schwer, und seine grauen Augen hefteten sich mit glühendem Respekt auf meine.
„Nicht schlecht für eine Grenzstreunerin“, knurrte er.
„Ich habe dir gesagt, dass ich nicht leicht sterbe“, keuchte ich und wischte mir den schwarzen Schleim von der Wange.
Die dritte Bestie zögerte am Ende des Gangs und stieß ein schrilles, hohes Heulen aus, das den losen Kies um unsere Stiefel zum Klappern brachte.
Tief in den Steinwänden antworteten Dutzende ähnliche Heultöne.
Das gesamte Labyrinth begann zu vibrieren.
„Sie rufen das Rudel“, sagte Alexander und packte meine Hand fest, trotz der brennenden Silberfessel zwischen uns. „Lauf!“
Wir sprinteten durch die dunklen Gänge, das Platschen unserer Stiefel hallte von den Wänden wider, während Knurren und dumpfes Pfotentrommeln aus allen Richtungen widerhallte. Die Schattenbestien bewegten sich durch die oberen Wartungsgitter und verfolgten unsere Spur von oben.
Plötzlich riss Alexander mich an einer großen Vierwegekreuzung abrupt zum Stehen.
Genau in der Mitte der Kammer, in den Steinboden gemeißelt, befand sich ein leuchtendes kreisförmiges Siegel. Es pulsierte in einem seltsamen, dunkelvioletten Licht und summte vor konzentrierter Sprengmagie.
„Eine Runenschmied-Falle“, fluchte Alexander leise und wich zurück. „In dem Moment, in dem wir auf diesen Stein treten, stürzt die Decke ein.“
Bevor wir uns umdrehen konnten, ließen sich fünf gewaltige Schattenbestien hinter uns in den Gang fallen und versperrten unseren einzigen Rückzug. Gleichzeitig traten sechs weitere aus den Seitentunneln hervor.
Wir waren vollständig umzingelt.
Alexander stellte sich direkt vor mich und hob sein Breitschwert. Seine Muskeln waren gespannt wie Stahlseile, bereit, bis zum letzten Atemzug zu kämpfen.
„Alexander“, sagte ich leise, meine Stimme bebte nicht vor Angst, sondern vor Erkenntnis.
Ich blickte auf die leuchtende violette Falle am Boden. In der Mitte der dunklen Runen war ein seltsames Wappen in den Fels geschnitten: ein heulender Wolf, umgeben von sieben Sonnen.
Meine Brust brannte plötzlich. Die seltsame, schlummernde Hitze unter meinem Brustbein erwachte brüllend zum Leben und glich sich dem Pulsschlag des uralten Steins an.
„Alexander, sieh dir die Gravur an“, flüsterte ich.
Alexander blickte hinunter, und sein Atem stockte in der Kehle. Seine eisgrauen Augen weiteten sich in völligem Unglauben.
„Das ist nicht Kingsleys Zeichen“, murmelte Alexander, seine Stimme bebte zum ersten Mal, seit ich ihn kannte. „Das ist das königliche Siegel der Dynastie der Verlorenen Sonne … der ausgestorbenen königlichen Blutlinie.“
Er drehte langsam den Kopf, um mich anzusehen, und starrte auf die goldenen Funken, die unter der Oberfläche meiner haselnussbraunen Augen tanzten.
„Phyna … wer zum Teufel bist du?“
Bevor ich antworten konnte, sprangen die elf Schattenbestien alle gleichzeitig vor.
"Seine Braut?"Die Worte schmeckten wie Gift in meinem Mund.Ich starrte auf das zerknüllte Pergament in Alexanders Faust. Der eisige Bergwind heulte durch das zerborstene Fenster des Kriegsraums und wehte mir die Haare ins Gesicht, doch das Feuer unter meiner Haut hielt den Frost fern."Sebastian will keine Ehe, Phyna," knurrte Alexander, seine Stimme so tief, dass sie gegen den Steinboden vibrierte. "Er will die königliche Blutlinie des Sonnenthrons. Wenn er dir ein Band aufzwingt, wird seine Frostmagie unantastbar. Er würde den rechtmäßigen Anspruch erlangen, jedes Rudel dieses Kontinents auszulöschen."Er warf das Pergament in den Kamin. Das trockene Papier flammte in orangefarbenen Funken auf und wurde binnen Sekunden zu schwarzer Asche."Der Parlamentärsreiter wartet am nördlichen Grenzstein," sagte Alexander und wandte sich dem Waffenständer an der Wand zu. Er griff nach seinem schweren schwarzen Pelzumhang und schnallte sich eine zweite gezackte Jagdklinge an die Seite. "Ich w
Der schwarze Eisenspeer zitterte im gesprungenen Marmor zwischen unseren Stiefeln und summte vor einem kränklichen blauen Frost, der sich über den Steinboden ausbreitete.Der dröhnende Jubel der fünfhundert Adligen erstarb augenblicklich. Ein eisiger Luftzug fegte durch die zerborstene Buntglasdecke und verstreute gefrierenden Nebel über die Samtteppiche.Alexander stand vor mir wie eine eiserne Mauer, sein Großschwert zur Decke geneigt. Seine Brust hob und senkte sich in kontrollierten, tiefen Atemzügen, doch der Duft von Kiefer und Regen um ihn wurde scharf und sträubte sich vor purem Kampfinstinkt."Bleib unten," befahl er mit leisem, rauem Krächzen."Ich verstecke mich nicht mehr hinter dir, Alexander," flüsterte ich zurück und trat vor, bis meine Schulter fest an seinem gepanzerten Arm lag.Ich blickte auf den Speer hinab.Der Frost, der am schwarzen Schaft entlangkroch, war unnatürlich. Er schmolz nicht in der Hitze der Tausenden Kerzen, die in der Halle brannten. An der Spitze
Die schweren Messingglocken der Kathedrale läuteten über dem Palast, ihre feierlichen Schläge vibrierten durch die Steinwände hinter den Vorhängen des Thronsaals.Eins.Zwei.Drei.Draußen im Hof kreischten die massiven Eisentore zu, als die Männer von Kommandant Tristan die Riegel vorschoben. Die Falle war gestellt.Durch den schmalen Spalt im Samtteppich konnte ich die gesamte Große Halle sehen. Sie wurde von Tausenden von Bienenwachskerzen erhellt. Hunderte von Adligen, Ratsältesten und hochrangigen Kommandanten standen in ihren feinsten Seiden und polierten Rüstungen da. In der Mitte des Marmorpodests kniete Natalia auf einem goldenen Kissen. Sie trug ein fließendes Gewand aus reiner weißer Seide, bestickt mit zerstoßenen Diamanten, ihr platinblondes Haar zu kunstvollen Zöpfen geflochten.Über ihr stand Ratsherr Kingsley, der den purpurroten Samtmantel des Hohen Regenten trug. In seinen Händen ruhte das uralte Mondstein-Diadem, dessen blassblaue Edelsteine unter den Kronleuchtern
Der unterirdische Kanal schien bei Jamess Worten zu erstarren.„Zwanzigtausend Söldner?“, echote ich, und die Kälte sank mir bis ins Mark. „Die Bestien von Deadwood hassen das Eiserne-Klaue-Rudel. Wenn Kingsley ihnen die Stadttore öffnet, werden sie nicht bloß durch die Straßen patrouillieren. Sie werden jede einfache Familie in der Unterstadt abschlachten.“„Die einfachen Leute sind ihm gleichgültig“, sagte James und wischte sich Blut und graue Asche vom Kiefer. „Kingsley geht es nur um totale Kontrolle. Er hat den Ratsältesten erzählt, dass Sympathisanten der Streuner in unseren eigenen Reihen uns geholfen hätten, das Labyrinth niederzubrennen. Er behauptet, die Grenzbestien seien hier, um bis zu Natalias Krönung heute Nacht für Ordnung zu sorgen.“Alexander stand da wie eine aus kaltem Granit gemeißelte Statue. Sein Griff um meine Hand war fest und ruhig und verankerte mich gegen die steigende Flut der Angst.„Wer sind die Männer hinter dir, James?“, fragte Alexander, seine Stimme
Die Luft im feuchten Kanal wurde so schwer, dass ich kaum noch atmen konnte.Das goldene Licht, das zwischen unseren Brustkörben verblasste, hinterließ eine schwache, schimmernde Wärme, die nicht weichen wollte. An Alexanders entblößtem Handgelenk war die gezackte Brandwunde des silbernen Fesselrings verschwunden. An ihrer Stelle prangte nun ein kunstvolles, leuchtendes Wolfswappen, für immer in seine Haut geätzt.Ein Zwilling der uralten königlichen Schnitzereien.Alexander hob langsam den Arm und ließ seine breiten, schwieligen Finger über die leuchtenden Linien gleiten. Zum ersten Mal, seit ich ihn in der Großen Halle erblickt hatte, zerbrach seine undurchdringliche Maske vollständig. Seine Augen waren weit aufgerissen und wirbelten in rohem Silber und flüssigem Gold, während er das Mal anstarrte, als blicke er einem Geist ins Gesicht.„Das ist unmöglich“, flüsterte Alexander, seine Stimme bebte vor hohlem Schock. „Mein Vater war ein Grenzwächter. Meine Mutter starb an einer Krankh
Die Bestien stürzten sich auf uns wie eine Lawine aus Zähnen und schwarzem Fell.Alexander zögerte nicht. Er schwang sein schweres Großschwert in einem weiten, grausamen Bogen und streckte zwei der Monster mitten im Sprung nieder. Schwarzes Blut spritzte über die feuchten Steinwände.„Bleib dicht hinter mir!“, brüllte er, seine Stimme schnitt durch das Knurren und das spritzende Wasser.„Ich kann nicht!“, schrie ich zurück.Eine Bestie mit glühend roten Augen verbiss sich in die schwere Kette zwischen uns. Der Ruck riss meinen Arm gewaltsam nach vorn und zerrte mich auf ein Paar triefender Reißzähne zu.Ich geriet nicht in Panik. Ich ließ mich tief ins trübe Wasser fallen, drehte meinen Körper und stieß meinen eisernen Dolch direkt in die linke Augenhöhle der Bestie.Die Kreatur kreischte und schlug wild mit ihrem massigen Kopf. Die Wucht ihres Todeskrampfes riss mir den Dolch aus der Hand und schleuderte mich quer über den überfluteten Boden.Die silberne Kette spannte sich mit einem







