Se connecterDas schwere Holz der Tür ächzte, als erneut Fäuste dagegen hämmerten.
„Alexander! Öffne diese Tür auf Befehl des Hohen Rates!“
James zögerte nicht. Er riss das zerrissene Pergament aus Alexanders Hand, stopfte es in seine Innentasche und sprang rückwärts auf das offene Steinfenster zu.
„Lass nicht zu, dass sie das Mal finden, Alex“, flüsterte James scharf. Dann glitt er in den eisigen Nebel draußen und verschwand, ohne den geringsten Laut zu machen.
Alexander bewegte sich mit furchterregender Geschwindigkeit.
Mit einem harten Ruck an der silbernen Kette zog er mich über den Steinboden in die dunkle Ecke seiner Kammer. Er drückte mich auf die schwere Holzbank hinunter und stellte sich direkt vor mich, sodass sein massiger, gepanzerter Körper das Licht vollständig von meinem Gesicht abschirmte.
„Halt den Kopf unten“, befahl er in einem leisen, gefährlichen Murmeln. „Halte deinen Geruch verborgen. Sag ein einziges Wort, und ich schneide dir die Zunge eigenhändig heraus.“
Bevor ich ihm etwas entgegenschleudern konnte, kreischten die Eisenangeln.
Die schwere Eichentür sprang nach innen auf. Vier voll gepanzerte königliche Vollstrecker betraten den Raum mit gezogenen Breitschwertern, deren silberbeschlagene Klingen im Fackellicht glänzten. Hinter ihnen schritt Natalia, in einen üppigen purpurroten Umhang gehüllt, der mit weißem Wolfspelz gefüttert war.
Ihre kalten blauen Augen durchstreiften den dunklen Raum und blieben sofort an Alexander hängen.
„Lord Alexander“, schnurrte Natalia, ihre Stimme triefend vor künstlicher Süße, während sie nach vorn trat. „Verzeiht das späte Eindringen. Aber mein Vater, Ratsherr Kingsley, konnte nicht schlafen in dem Wissen, dass diese blutrünstige Abtrünnige bequem unter Eurem Dach ruht.“
Alexander rührte sich nicht. Er stand da wie ein unbeweglicher Berg aus Stahl.
„Meine Gemächer sind keine offene Schenke, Lady Natalia“, sagte Alexander, seine Stimme flach, tief und frei von jeder Regung. „Ihr verletzt das heilige Refugium des Henkers der Krone. Nennt Euer Anliegen und verschwindet.“
Natalias Augen blitzten vor Verärgerung, aber sie zwang rasch ein weiteres unschuldiges Lächeln auf ihre Lippen. Sie trat näher, ihr scharfer Blick glitt zu dem dunklen Raum hinter Alexanders breitem Rücken, wo ich schweigend saß.
„Der Rat hat einen anonymen Hinweis erhalten“, sagte Natalia und hob stolz das Kinn. „Jemand hat gemeldet, einen Eindringling durch das Fenster Eures hohen Turms gesehen zu haben. Wir fürchten, dass die Grenzverbündeten der Abtrünnigen versuchen, sie zu befreien, bevor sie sich morgen früh den Bestien im Versunkenen Labyrinth stellt.“
„Niemand ist in diesen Raum eingedrungen“, antwortete Alexander kalt. „Die einzigen lebenden Seelen in diesem Turm sind ich und die Gefangene.“
„Ist das so?“, höhnte Natalia und verschränkte die Arme vor der Brust. „Dann habt Ihr sicher nichts dagegen, wenn meine Wachen Eure Kammer vollständig durchsuchen. Prüft den Fenstersims! Prüft die Kleiderschränke!“
Zwei Wächter traten vor und hoben ihre Waffen.
Alexanders rechte Hand sank zum Heft seines gewaltigen Großschwerts. Er zog es nicht, aber die schiere Bedrohung, die von seinem Körper ausging, ließ die Raumtemperatur um mehrere Grad fallen.
„Macht einen weiteren Schritt in meinen persönlichen Bereich“, warnte Alexander, seine Stimme vibrierte im tiefen, furchterregenden Grollen eines Alphatiers, „und ich verfüttere Eure Eingeweide noch vor Sonnenaufgang an die Hunde.“
Die Wächter erstarrten augenblicklich. Ihre Stiefel waren wie am Steinboden festgeklebt. Selbst Natalia machte einen nervösen Schritt zurück und schluckte schwer.
Niemand forderte den Henker heraus.
Natalia fasste sich, hob ihre Röcke und ging um Alexanders Seite herum, bis sie mich deutlich sehen konnte. Ihre Augen hefteten sich auf mein linkes Handgelenk und nahmen die roten, entzündeten Blasen in sich auf, dort, wo die verzauberte Silberfessel in meine Haut biss.
Ein grausames, höhnisches Lächeln kräuselte ihre Lippen.
„Sieh dich an“, flüsterte Natalia boshaft und beugte sich zu meinem Gesicht hinunter. „Eine dreckige Grenzstreunerin, die so tut, als wäre sie mutig. Morgen früh, wenn sich die Tore des Labyrinths öffnen, werden die Bestien meines Vaters dir das Fleisch von den Knochen reißen. Du wirst nicht einmal zehn Minuten im Dunkeln überstehen.“
Ich ballte die Fäuste. Das Silber brannte auf meinem rohen Fleisch, aber das Feuer in meinem Blut brannte heißer. Ich hob langsam den Kopf und starrte ihr direkt in die gehässigen Augen, ohne eine Spur von Furcht zu zeigen.
„Dann solltet Ihr besser zusehen kommen, Lady Natalia“, sagte ich, meine Stimme todruhig. „Denn wenn diese räudigen Bestien mich nicht töten, komme ich vielleicht auf die Suche nach der Person, die mir Daniels Blut an die Hände geschmiert hat.“
Natalias Lächeln verschwand augenblicklich. Ein Flackern echter Panik huschte über ihr blasses Gesicht, bevor sie es rasch hinter Wut verbarg.
„Unverschämter Hund!“, zischte Natalia und hob die Hand, um mich über die Wange zu schlagen.
Bevor ihre Handfläche meine Haut berühren konnte, schloss sich eine Hand wie ein eiserner Schraubstock um ihr Handgelenk.
Alexander hielt ihren Arm in der Luft. Sein Griff war fest genug, um Blutergüsse zu hinterlassen, seine grauen Augen blitzten vor tödlicher Feindseligkeit.
„Die Gefangene ist durch den Ersten Mond an mich gebunden“, knurrte Alexander, seine Stimme so dunkel, dass sie klang wie knirschender Kies. „Nach dem uralten Ritus schlägt sie außerhalb der Arena niemand. Nicht einmal Ihr, Natalia.“
Er stieß ihren Arm mit solcher Wucht zurück, dass sie gegen ihre Wächter stolperte.
Natalia umklammerte ihr geprelltes Handgelenk, ihre Brust hob und senkte sich vor Wut und Demütigung. „Du wagst es, mich für eine mörderische Abtrünnige anzufassen? Mein Vater wird davon erfahren, Alexander! Wenn die Prüfungen vorbei sind, wirst du für deinen Mangel an Respekt bezahlen!“
„Raus“, befahl Alexander, seine Stimme ließ die Steinwände erzittern.
Natalia funkelte mich ein letztes Mal mit reinem, giftigem Hass an. „Genieß deine letzte Nacht am Leben, Abtrünnige.“
Sie wirbelte auf dem Absatz herum und stürmte hinaus in den dunklen Flur, ihre Wächter eilten hinterher und zogen die schwere Holztür hinter sich zu.
In dem Moment, in dem das Echo ihrer Schritte die Wendeltreppe hinunter verklang, wandte sich Alexander wieder mir zu.
Sein Atem ging rau. Die Spannung zwischen uns war so dicht, dass sie erstickend war. Er griff nach der Kette zwischen unseren Handgelenken und zog mich von der Bank hoch, bis ich nur wenige Zoll von seiner Brust entfernt stand.
„Du hast sie provoziert“, sagte Alexander rau, seine Augen suchten mein Gesicht ab.
„Sie war starr vor Angst, als ich Daniel erwähnt habe“, flüsterte ich, mein Herz hämmerte gegen meine Rippen, als sein Duft mich erneut umhüllte. „Natalia weiß, wer mir das angehängt hat, Alexander. Sie weiß alles.“
Alexander antwortete nicht sofort. Er griff in seinen Ledergürtel und zog ein kleines Glasfläschchen mit einer leuchtend blauen Salbe hervor. Ohne ein Wort nahm er mein blasiges, blutendes Handgelenk behutsam in seine warme Handfläche.
Die plötzliche Zärtlichkeit seiner Berührung ließ mir den Atem in der Kehle stocken.
„Spar deine Kraft, Phyna“, murmelte Alexander leise und trug den lindernden Balsam auf meine Verbrennungen auf, seine Stimme bebte vor einer Regung, die er nicht verbergen konnte. „Natalia ist ein Bauer. Morgen im Labyrinth will Kingsley dich nicht bloß töten. Er hat den Kerkermeistern den Befehl geschickt, die Tunnel über uns beiden einstürzen zu lassen.“
Ich erstarrte und blickte in seine dunkelgrauen Augen auf. „Er will auch dich töten?“
„Kingsley weiß, was Daniel auf dieses Pergament geschrieben hat“, sagte Alexander, sein Kiefer spannte sich an, während er ein sauberes Leinentuch um mein Handgelenk wickelte. „Er kennt die Wahrheit über meine Blutlinie. Morgen ist keine Hinrichtung, Phyna. Es ist ein Hinterhalt.“
"Seine Braut?"Die Worte schmeckten wie Gift in meinem Mund.Ich starrte auf das zerknüllte Pergament in Alexanders Faust. Der eisige Bergwind heulte durch das zerborstene Fenster des Kriegsraums und wehte mir die Haare ins Gesicht, doch das Feuer unter meiner Haut hielt den Frost fern."Sebastian will keine Ehe, Phyna," knurrte Alexander, seine Stimme so tief, dass sie gegen den Steinboden vibrierte. "Er will die königliche Blutlinie des Sonnenthrons. Wenn er dir ein Band aufzwingt, wird seine Frostmagie unantastbar. Er würde den rechtmäßigen Anspruch erlangen, jedes Rudel dieses Kontinents auszulöschen."Er warf das Pergament in den Kamin. Das trockene Papier flammte in orangefarbenen Funken auf und wurde binnen Sekunden zu schwarzer Asche."Der Parlamentärsreiter wartet am nördlichen Grenzstein," sagte Alexander und wandte sich dem Waffenständer an der Wand zu. Er griff nach seinem schweren schwarzen Pelzumhang und schnallte sich eine zweite gezackte Jagdklinge an die Seite. "Ich w
Der schwarze Eisenspeer zitterte im gesprungenen Marmor zwischen unseren Stiefeln und summte vor einem kränklichen blauen Frost, der sich über den Steinboden ausbreitete.Der dröhnende Jubel der fünfhundert Adligen erstarb augenblicklich. Ein eisiger Luftzug fegte durch die zerborstene Buntglasdecke und verstreute gefrierenden Nebel über die Samtteppiche.Alexander stand vor mir wie eine eiserne Mauer, sein Großschwert zur Decke geneigt. Seine Brust hob und senkte sich in kontrollierten, tiefen Atemzügen, doch der Duft von Kiefer und Regen um ihn wurde scharf und sträubte sich vor purem Kampfinstinkt."Bleib unten," befahl er mit leisem, rauem Krächzen."Ich verstecke mich nicht mehr hinter dir, Alexander," flüsterte ich zurück und trat vor, bis meine Schulter fest an seinem gepanzerten Arm lag.Ich blickte auf den Speer hinab.Der Frost, der am schwarzen Schaft entlangkroch, war unnatürlich. Er schmolz nicht in der Hitze der Tausenden Kerzen, die in der Halle brannten. An der Spitze
Die schweren Messingglocken der Kathedrale läuteten über dem Palast, ihre feierlichen Schläge vibrierten durch die Steinwände hinter den Vorhängen des Thronsaals.Eins.Zwei.Drei.Draußen im Hof kreischten die massiven Eisentore zu, als die Männer von Kommandant Tristan die Riegel vorschoben. Die Falle war gestellt.Durch den schmalen Spalt im Samtteppich konnte ich die gesamte Große Halle sehen. Sie wurde von Tausenden von Bienenwachskerzen erhellt. Hunderte von Adligen, Ratsältesten und hochrangigen Kommandanten standen in ihren feinsten Seiden und polierten Rüstungen da. In der Mitte des Marmorpodests kniete Natalia auf einem goldenen Kissen. Sie trug ein fließendes Gewand aus reiner weißer Seide, bestickt mit zerstoßenen Diamanten, ihr platinblondes Haar zu kunstvollen Zöpfen geflochten.Über ihr stand Ratsherr Kingsley, der den purpurroten Samtmantel des Hohen Regenten trug. In seinen Händen ruhte das uralte Mondstein-Diadem, dessen blassblaue Edelsteine unter den Kronleuchtern
Der unterirdische Kanal schien bei Jamess Worten zu erstarren.„Zwanzigtausend Söldner?“, echote ich, und die Kälte sank mir bis ins Mark. „Die Bestien von Deadwood hassen das Eiserne-Klaue-Rudel. Wenn Kingsley ihnen die Stadttore öffnet, werden sie nicht bloß durch die Straßen patrouillieren. Sie werden jede einfache Familie in der Unterstadt abschlachten.“„Die einfachen Leute sind ihm gleichgültig“, sagte James und wischte sich Blut und graue Asche vom Kiefer. „Kingsley geht es nur um totale Kontrolle. Er hat den Ratsältesten erzählt, dass Sympathisanten der Streuner in unseren eigenen Reihen uns geholfen hätten, das Labyrinth niederzubrennen. Er behauptet, die Grenzbestien seien hier, um bis zu Natalias Krönung heute Nacht für Ordnung zu sorgen.“Alexander stand da wie eine aus kaltem Granit gemeißelte Statue. Sein Griff um meine Hand war fest und ruhig und verankerte mich gegen die steigende Flut der Angst.„Wer sind die Männer hinter dir, James?“, fragte Alexander, seine Stimme
Die Luft im feuchten Kanal wurde so schwer, dass ich kaum noch atmen konnte.Das goldene Licht, das zwischen unseren Brustkörben verblasste, hinterließ eine schwache, schimmernde Wärme, die nicht weichen wollte. An Alexanders entblößtem Handgelenk war die gezackte Brandwunde des silbernen Fesselrings verschwunden. An ihrer Stelle prangte nun ein kunstvolles, leuchtendes Wolfswappen, für immer in seine Haut geätzt.Ein Zwilling der uralten königlichen Schnitzereien.Alexander hob langsam den Arm und ließ seine breiten, schwieligen Finger über die leuchtenden Linien gleiten. Zum ersten Mal, seit ich ihn in der Großen Halle erblickt hatte, zerbrach seine undurchdringliche Maske vollständig. Seine Augen waren weit aufgerissen und wirbelten in rohem Silber und flüssigem Gold, während er das Mal anstarrte, als blicke er einem Geist ins Gesicht.„Das ist unmöglich“, flüsterte Alexander, seine Stimme bebte vor hohlem Schock. „Mein Vater war ein Grenzwächter. Meine Mutter starb an einer Krankh
Die Bestien stürzten sich auf uns wie eine Lawine aus Zähnen und schwarzem Fell.Alexander zögerte nicht. Er schwang sein schweres Großschwert in einem weiten, grausamen Bogen und streckte zwei der Monster mitten im Sprung nieder. Schwarzes Blut spritzte über die feuchten Steinwände.„Bleib dicht hinter mir!“, brüllte er, seine Stimme schnitt durch das Knurren und das spritzende Wasser.„Ich kann nicht!“, schrie ich zurück.Eine Bestie mit glühend roten Augen verbiss sich in die schwere Kette zwischen uns. Der Ruck riss meinen Arm gewaltsam nach vorn und zerrte mich auf ein Paar triefender Reißzähne zu.Ich geriet nicht in Panik. Ich ließ mich tief ins trübe Wasser fallen, drehte meinen Körper und stieß meinen eisernen Dolch direkt in die linke Augenhöhle der Bestie.Die Kreatur kreischte und schlug wild mit ihrem massigen Kopf. Die Wucht ihres Todeskrampfes riss mir den Dolch aus der Hand und schleuderte mich quer über den überfluteten Boden.Die silberne Kette spannte sich mit einem







