LOGINRavens POV
König Darians Hände waren ruhig, als er versuchte, mich zum dritten Mal am Fallen zu hindern. An diesem Punkt war ich nicht mehr nur schockiert, ich war über alle Maßen peinlich berührt. Ich hatte mich vor dem mächtigsten Mann des Südens total und gründlich blamiert. Meine Gedanken rasten. Der Sohn meines eigenen Alphas hatte mich zurückgewiesen, weil ich eine niedrige Omega war, also gab es keine Chance, dass der König des Südens mich wollen würde. Ich fühlte mich wie eine Katastrophe, die nur darauf wartete, zu passieren. Mein einziger Instinkt war, zu verschwinden, zurück in die Küchen zu rennen und mich in einem Schrank zu verstecken, bevor mich eine zweite, noch öffentlichere Zurückweisung traf. Er hielt immer noch das Tablett mit den Getränken, die Finger lang und kräftig an den silbernen Rändern. Ich streckte zitternde Hände aus und schaffte es, es zu übernehmen. „Danke, Eure Majestät“, piepste ich. Ich drehte mich auf dem Absatz um, bereit zu flüchten, doch er war schneller. Seine Hand schoss heraus und packte meinen Ärmel, sodass ich abrupt stehen blieb. „Wohin gehst du?“, fragte er. Seine Stimme war tief und weich wie fließendes Wasser. Mein Magen machte einen traurigen kleinen Salto, und ich drehte mich zu ihm um, den Mund offen wie ein Fisch. Ich versuchte zu antworten, aber heraus kamen nur Stotterlaute und seltsame Würgengeräusche. Ich brachte kein einziges vernünftiges Wort heraus. Darian schüttelte nur den Kopf und begann, ohne ein weiteres Wort, mich an meinem Ärmel zum Zentrum des Hofs zu ziehen, auf einen langen Tisch zu. Inzwischen erregten wir bereits eine Menge Aufmerksamkeit. Wölfe aus jedem Rudel unterbrachen ihre Gespräche und starrten auf den König des Südens, der eine schwitzende, großäugige Bedienung durch die Menge führte. Er erreichte den Tisch und wollte mir das Tablett abnehmen. Ich versuchte, es festzuhalten, weil es schließlich meine Aufgabe war, doch er zog es mir so leicht aus den Händen, als wäre ich ein Kind. Er setzte es mit einem Klappern auf dem Tisch ab und hörte damit nicht auf. Immer noch an meinem Ärmel ziehend, ging er mitten in das Zentrum des Hofs. Er stieß ein lautes, plötzliches Knurren aus, das reine Dominanz ausstrahlte. Der Duft von Regen und nassem Sand wurde so stark, dass es sich anfühlte, als würde innerhalb der Burgmauern ein Sturm aufziehen. Sofort herrschte Stille. Man hätte eine Stecknadel auf dem Steinboden fallen hören können. „Ich habe eine Ankündigung“, sagte Darian. Sein Gesicht war vollkommen gerade, der Ausdruck unlesbar. Ich wollte in diesem Moment wirklich weinen. Meine Wangen brannten in einem grellen, wütenden Rot vor lauter Demütigung. Tat er das wirklich?, dachte ich. Er könnte mich privat im Gang zurückweisen, aber er will es vor allen machen? Vor nördlichen und südlichen Wölfen gleichermaßen? Das fühlte sich niedrig an, selbst für einen König. Ich senkte den Kopf und wünschte mir, mein Haar würde lang genug wachsen, um meinen ganzen Körper zu bedecken. „Wer ist der Alpha des Rudels, aus dem sie kommt?“, fragte Darian, und seine Augen streiften mit einer Selbstverständlichkeit über die Menge, die nur ein König haben konnte. Alpha Hilton eilte herbei und sah aus, als wollte er am liebsten irgendwo anders auf der Welt sein. Er verbeugte sich so tief, dass ich dachte, seine Stirn würde seine Knie berühren. Gary und Larry standen ein paar Schritte hinter ihm, beide völlig verdutzt. „Ich bin es, Eure Majestät“, sagte Alpha Hilton mit zitternder Stimme. Er warf mir einen Blick voller völliger Verwirrung und Sorge zu. „Falls sie irgendetwas falsch gemacht hat, übernehme ich die volle Verantwortung dafür. Ich entschuldige mich für ihre Ungeschicklichkeit.“ Ich mied seinen Blick und starrte intensiv auf einen Riss im Pflaster. Darian verschwendete keine Zeit. Er war so direkt und auf den Punkt, wie die Gerüchte sagten. „Sie ist meine Gefährtin“, sagte er einfach. „Ich wollte nur wissen, aus welchem Rudel sie kommt. Da ich Sie erkenne, nehme ich an, dass sie aus dem Süden stammt?“ Alpha Hiltons Augen wurden so weit, dass ich mich wunderte, warum sie nicht tatsächlich aus dem Kopf fielen. Er sah aus, als wäre er vom Blitz getroffen worden. „G… Gefährtin?“ Darian neigte den Kopf zur Seite, die bernsteinfarbenen Augen verengten sich. „Habe ich gestottert, Alpha?“ „Nein! Nein, natürlich nicht“, beeilte sich Alpha Hilton zu sagen, die Hände zitternd. „Ja, sie stammt aus dem Inker-Rudel. Im Süden. Sie ist eine von uns.“ „Gut“, sagte Darian, und sein Griff an meinem Ärmel lockerte sich ein wenig, aber seine Präsenz lastete immer noch auf mir. „Ich werde sie nach dem Ende des Friedensgipfels mit in meinen Palast nehmen. Ich—“ „Das glaube ich kaum.“ Die Stimme durchschnitt die Luft wie eine Klinge. Alle im Hof keuchten auf. Der Schock war so dicht, dass man ihn spüren konnte. Wer wagte es, den König des Südens zu unterbrechen? Ich blickte in die Richtung des Geräuschs, und mein Herz setzte erneut aus. Neben einem der mittleren Pfeiler stand der König des Nordens. Valen Aibek. Er lehnte mit verschränkten Armen am Stein, ein leichtes, gefährliches Lächeln spielte um seine Lippen. Die Kälte in seinen Augen ließ ihn erschreckend unberechenbar wirken, wie ein Mann, der einen aus einer Laune heraus töten könnte. Die Leute, die in seiner Nähe gestanden hatten, zerstreuten sich sofort und hinterließen einen weiten Kreis leeren Raums um ihn herum. Auch wenn er nur da lehnte, rollten Wellen von Dominanz von ihm aus, die meine Haut kribbeln ließen. Ich hatte gehört, dass Könige ihre Präsenz verbergen konnten, damit sie niemanden um sich herum erdrückten, doch jetzt ließ Valen alles heraus. Dann traf mich der Duft. Zitrus. Er roch nach den Orangen- und Mandarinen-Lufterfrischern, die sie im Inker-Packhaus während der Frühjahrsputzaktionen verwendeten, nur viel exotischer und intensiver. Frisch und berauschend. Ich kicherte trotz des Chaos in mich hinein, denn wie konnte ein Mann, der so mächtig und beängstigend war, nach einem Obstkorb riechen? Beide Könige sahen gleichzeitig in meine Richtung. Ich fühlte mich, als würde ich im Boden versinken. Ich spürte Darians schwere Aufmerksamkeit zu meiner Linken und Valens schwarze, bodenlose Augen, die sich in meine bohren. Dann traf es mich. Gefährte. Es fühlte sich an, als wären plötzlich Regenbögen und Sonnenschein in meiner Brust ausgebrochen, gefolgt von einem seltsamen Hochgefühl, das ich nicht kontrollieren konnte. Meine Wölfin Eva machte praktisch Saltos in meinem Kopf. Doch dann zuckte ich zusammen, als mein Gehirn endlich nachzog. Moment mal. Noch ein Gefährte?, dachte ich panisch. Warum tut die Mondgöttin mir das an? Will sie mich umbringen? Valen löste die Arme und begann, auf uns zuzugehen. Sein etwas langes braunes Haar war zerzaust, als hätte er die Gewohnheit, die Hände hindurchzufahren, und im Gegensatz zu Darian, der förmlich in einem knitterfreien Hemd und gebügelten Hosen gekleidet war, trug Valen eine dunkle, ärmellose Weste, die seine massiven, vernarbten Arme zeigte. Er machte sich offensichtlich nichts aus königlicher Mode. Er blieb nur wenige Schritte von uns entfernt stehen, die Augen nie von meinen lassend. „Das glaubst du kaum?“, fragte Darian. Seine Stimme war eisig kalt. „Und was genau bedeutet das, Valen?“ Ich sah, wie Darians Augen zuckten. Er versuchte offensichtlich mit aller Kraft, die Fassung zu bewahren, aber ich sah, dass er sie verlor. „Was das bedeutet?“, fragte Valen, und sein Grinsen wurde breiter. Er deutete mit einer beiläufigen Handbewegung auf mich. „Dass sie nirgendwo mit dir hingeht, Darian.“ Darian machte einen halben Schritt nach vorn, der Körper angespannt wie ein Mann, der zum Angriff bereit war. „Und warum nicht?“ Valen warf die Bombe mit einer ruhigen Stimme, die jeden einzelnen Menschen im Hof erreichte. „Weil sie meine Gefährtin ist.“ Die Stille, die den Hof gehalten hatte, zerbrach in tausend Stücke. Die Wölfe, die das Drama beobachteten, brachen in einen Aufruhr aus Schreien, Kreischen und Ungläubigkeit aus. Leute griffen sich in die Haare, flüsterten hektisch und starrten mich an, als wäre ich irgendeine fremde Kreatur. Mein Kopf drehte sich so schnell, dass ich dachte, diesmal könnte ich tatsächlich ohnmächtig werden. Zwei Könige. Beide beanspruchen mich. Werden sie mich nicht zurückweisen? Um der Göttin willen, was soll jetzt passieren? Ein Krieg? Ein Kampf? Das ist absolut verrückt!Ravens POVMeine Beine fühlten sich an wie aus Gelee, als ich auf sie zuging. Jedes Auge auf der Lichtung klebte an mir, aber ich behielt den Kopf gesenkt und konzentrierte mich auf das Gras, bis ich sie erreichte.„Sieh mich an“, sagte der Mann.Ich hob langsam das Kinn. Er hatte eine Ausstrahlung um sich, die es beinahe unmöglich machte, den Blick lange zu halten. Es fühlte sich an, als blicke er durch meine Haut hindurch direkt in meine Gedanken. Ich konnte es nicht ertragen, also kompromissierte ich und starrte stattdessen auf seine Nase. Sie war leicht krumm, als wäre sie vor langer Zeit gebrochen und nie richtig eingerichtet worden.„Wie ist dein Name?“, fragte er. Seine Stimme war leise, aber sie forderte Aufmerksamkeit.„Raven“, flüsterte ich.„Sieh mir in die Augen, Raven“, sagte er. Ich zwang mich, seinen Blick zu treffen. Er starrte mich lange an, der Ausdruck unlesbar. „Da ist etwas an dir…“ Er brach ab, wirkte einen Moment nachdenklich und schüttelte dann den Kopf. „Wer s
Ravens POVDie beiden Könige starrten einander an, als wären sie bereit, die ganze Welt niederzubrennen. Darian entschied plötzlich, dass er genug geredet hatte. Er ignorierte Valen vollständig und begann wegzugehen, immer noch fest an meinem Ärmel haltend.Valens Hand schoss wie eine Schlange heraus und packte meinen anderen Ärmel, sodass er mich zurückriss.„Wohin glaubst du, gehst du mit ihr?“, knurrte Valen.Darian blickte nicht einmal zurück. „Ich gehe mit meiner Gefährtin. Geh aus dem Weg, Valen.“Ich fühlte mich wie ein Wunschknochen, der gleich in der Mitte durchbrechen würde. Ich räusperte mich zaghaft, und meine Stimme kam als winziges Piepsen heraus. „Ähm, darf ich kurz unterbrechen?“Beide sahen mich sofort an. Das Gewicht ihrer gemeinsamen Blicke war so schwer, dass ich mich fühlte, als würde ich in den Steinboden gedrückt. Ich holte zittrig Luft und versuchte, vernünftig zu klingen.„Wie wäre es, wenn… ich mit keinem von euch gehe?“, schlug ich vor und blickte von einem
Ravens POVKönig Darians Hände waren ruhig, als er versuchte, mich zum dritten Mal am Fallen zu hindern. An diesem Punkt war ich nicht mehr nur schockiert, ich war über alle Maßen peinlich berührt. Ich hatte mich vor dem mächtigsten Mann des Südens total und gründlich blamiert. Meine Gedanken rasten. Der Sohn meines eigenen Alphas hatte mich zurückgewiesen, weil ich eine niedrige Omega war, also gab es keine Chance, dass der König des Südens mich wollen würde. Ich fühlte mich wie eine Katastrophe, die nur darauf wartete, zu passieren. Mein einziger Instinkt war, zu verschwinden, zurück in die Küchen zu rennen und mich in einem Schrank zu verstecken, bevor mich eine zweite, noch öffentlichere Zurückweisung traf.Er hielt immer noch das Tablett mit den Getränken, die Finger lang und kräftig an den silbernen Rändern. Ich streckte zitternde Hände aus und schaffte es, es zu übernehmen.„Danke, Eure Majestät“, piepste ich. Ich drehte mich auf dem Absatz um, bereit zu flüchten, doch er war s
Ravens POVDas Klopfen an der Tür klang wie ein Hammer gegen meinen Schädel. Durch das dicke Holz hörte ich die leise, nervige Kreischstimme von Miss Freya, die uns sagte, wir sollten uns bewegen.Ich stöhnte und zog mein Kissen über den Kopf, aber es half nicht. Meine Zimmergenossen begannen bereits, sich zu rühren. Sheila, die immer schlecht gelaunt war, setzte sich auf und rieb sich aggressiv die Augen.„Diese Frau ist so nervig“, murmelte Sheila, die Stimme noch heiser vom Schlaf.„Da stimme ich zu“, flüsterte ich zurück.Ich lugte unter meiner Decke hervor und blickte zum Fenster. Die Sonne ging kaum auf. Der Himmel hatte dieses seltsame, dunkelviolette Licht, das man nur sieht, wenn es viel zu früh ist, um wach zu sein. Warum weckte sie uns jetzt? Wir waren erst so spät ins Bett gekommen. Miss Freya nahm ihren Job definitiv zu ernst.Trotz des Jammerns standen wir alle auf. Niemand wollte sich so früh am Morgen mit ihrem Zorn anlegen. Dan sah zu mir herüber und schenkte mir ein
Ravens POVDie nächsten Wochen waren voller Unterricht und Vorträge. Wir wurden in allem gedrillt, von südlichen Bräuchen bis zu nördlicher Etikette. Mr. Rake und Miss Freya machten uns sehr deutlich, dass wir unsichtbar, aber perfekt zu sein hatten. Wir lernten, wie man Alphas aus anderen Rudeln ansprach, wo wir entlanggehen durften und vor allem, wie man sich gegenüber dem nördlichen Personal zu verhalten hatte.„Keine Streitigkeiten anzetteln“, hatte Miss Freya uns täglich angebellt. „Keine Unhöflichkeiten. Ihr seid drei Tage lang auf neutralem Boden. Wenn ihr das Inker-Rudel blamiert, habt ihr kein Zuhause mehr, zu dem ihr zurückkehren könnt.“Der Friedensgipfel war kein Fest. Es waren drei Tage intensiver Rudelgespräche und Verträge. Doch damit niemand dem anderen an die Kehle sprang, waren auch Feste und Spiele geplant, damit Führung und Personal beider Seiten tatsächlich miteinander auskamen.Endlich war der Tag da. Ich saß am Rand meines schmalen Bettes und starrte auf die mit
Ravens POV„Wach auf. Wach auf, Raven!“Ich spürte, wie Hände meine Schultern aggressiv schüttelten. Ich stöhnte und zog meine dünne Decke höher über den Kopf. Ich wollte noch nicht aufwachen. Mein Körper fühlte sich an, als bestünde er aus Blei, und die Augenlider klebten fest zusammen.„Um wie viel Uhr bist du eigentlich eingeschlafen, dass du jetzt noch nicht wach bist?“, fuhr die Stimme fort. Es war Diane. Ich versuchte, sie zu ignorieren und wieder in die Dunkelheit eines traumlosen Schlafs abzusinken.„Miss Freya kommt!“Ich schoss sofort aus dem Bett. Mein Herz hämmerte heftig gegen die Brust, und ich stolperte beinahe über meine eigenen Füße, als ich aufstand. Nichts motivierte so instantan wie der Name Miss Freya. Ich blickte zur Tür, bereit, die finster blickende Frau zu sehen, die mich bei lebendigem Leib häuten wollte, doch dann hörte ich jemanden lachen.Ich wirbelte herum und sah Diane, die sich den Bauch hielt und sich vor Lachen bog. Ich starrte sie an, die Hände in di







