LOGINIch war das Omega-Mädchen, das niemand wollte. Als Baby ausgesetzt und sogar von meinem Gefährten vor dem gesamten Rudel zurückgewiesen, verletzt und gedemütigt. Dann kam der Friedensgipfel, der nur alle siebzig Jahre stattfindet, und ich erfuhr, dass die Mondgöttin mir eine zweite Chance geschenkt hatte. Nur war es nicht ein Gefährte, sondern zwei. Valen Aibek, der gerissene König des Nordens, und Darian Callisto, der gnadenlose König des Südens. Seit einem Jahrzehnt erbitterte Rivalen, und plötzlich hatten sie eines gemeinsam: mich. Beide beanspruchten mich als die ihre. Wählte ich Valen, galt ich im Süden als Verräterin. Blieb ich bei Darian, fiel der Norden ein. Die beiden mächtigsten Männer wollten mich, und ich war das Einzige, was zwischen ihnen und einem Weltkrieg stand.
View MoreRavens POV
Ich beschnitt gerade die Blumen und die überwucherten Pflanzen in dem mir zugewiesenen Teil des Rudelgartens – eine Arbeit, die sich anfühlte, als würde sie nie enden. Einen Moment lang hielt ich inne und ließ die schweren Metallscheren an meiner Seite baumeln. Mit dem Handrücken wischte ich mir über die Stirn, aber das half kaum. Ich fühlte mich schmutzig, müde und hungrig, doch im Inker-Rudel durften Omegas sich nicht beschweren, bevor die Arbeit erledigt war. „Raven!“ Der laute Ruf kam direkt hinter mir. Ich zuckte zusammen, ließ die Scheren beinahe auf meine Zehen fallen und drehte mich erschrocken um. Mein Herz hämmerte heftig gegen meine Rippen. Oh Göttin. Es war Miss Freya. Sie war für alle häuslichen Aufgaben zuständig, was im Grunde bedeutete, dass sie die Chefin von allen war, die keinen hohen Rang hatten. Sie stand da, die Arme vor der Brust verschränkt, und warf mir einen äußerst missbilligenden Blick zu. „Warum tust du nicht, was du sollst?“, fragte sie mit tiefer Stirnrunzeln. Ich starrte sie eine Sekunde lang an und suchte nach meiner Stimme. Meinte sie das ernst? Ich hatte stundenlang hart gearbeitet, der Rücken schmerzte und die Hände waren voller Blasen – genau bis zu dem Moment, als sie wie eine böse Hexe auftauchte. Doch ich griff schnell wieder nach den Scheren. Das schwere Metall fühlte sich an wie Blei in meinen Händen. Ich wollte nicht riskieren, heute Abend vom Abendessen ausgeschlossen zu werden, nur weil sie mich der Faulheit beschuldigte. Eine Mahlzeit zu verpassen war eine übliche Strafe für Leute wie mich. „Ich arbeite hart, Miss Freya“, antwortete ich. Ich zwang mich zu einem süßen Lächeln, obwohl ich innerlich schrie. „Das solltest du besser“, brummte sie. Sie wirkte nicht überzeugt. Noch eine Minute lang stand sie da und beobachtete, wie ich an einem abstehenden Zweig schnitt, bevor sie endlich in Richtung des Haupthauses davonstapfte. Ich seufzte erleichtert auf, und meine Schultern sackten endlich nach unten. Zumindest hatte sie nicht halb so laut geschrien wie sonst. Miss Freya war der Typ Mensch, dessen Augen überall waren, immer wachsam über die Hausangestellten und darauf wartend, dass wir einen Fehler machten. Ich war keineswegs eine Dienerin, aber als Omega bedeutete es, dass die unerwünschtesten Aufgaben an mich weitergereicht wurden. Ich hatte keine Wahl. Hier im Inker-Rudel hatte ich weder Familie noch irgendwelchen Rückhalt, der mich beschützt hätte. Man hatte mich als Baby in einer der nahegelegenen Menschensiedlungen ausgesetzt gefunden. Als die Menschen merkten, dass ich eine Werwölfin war, wussten sie nicht, was sie mit mir anfangen sollten, und brachten mich hierher. Die Rudel-Nannys kümmerten sich um mich, bis ich dem Kinderzimmer entwachsen war. Sobald ich alt genug war, um zu laufen und zu sprechen, musste ich meinen Teil beitragen. Dass ich eine Spätentwicklerin war, half auch nicht. Ich hatte mich erst vor drei Jahren zum ersten Mal verwandelt, mit achtzehn. An diesem Tag hatte ich mich offiziell als Omega präsentiert. Ich seufzte erneut und blickte auf die Laubhaufen zu meinen Füßen. Ich beschloss, hier schnell fertig zu werden. Drinnen im Packhaus wartete noch ein Berg Wäsche und Fußböden, die gescheuert werden mussten. Ich schaute mich um und entdeckte Diane ein paar Meter weiter. Sie war ebenfalls eine Omega und wahrscheinlich die einzige Person in diesem Rudel, die ich wirklich als Freundin bezeichnen konnte. Sie winkte mir zu und gestikulierte, ich solle herüberkommen. Ich hob einen Finger und signalisierte ihr, einen Moment zu warten. Mit einem letzten Kraftschub erledigte ich die restlichen Unkräuter, häufte sie zusammen und ging dann schwer atmend zu ihr hinüber. Diane war gerade auch mit ihrem Abschnitt fertig geworden. Wir ließen uns beide auf ein kleines Stück Gras im Schatten fallen. Es fühlte sich an wie der Himmel. „Schau dir an, wie heftig du keuchst“, sagte Diane und lehnte sich auf die Ellbogen zurück, während sie mich musterte. „Du machst das schon praktisch dein ganzes Leben, Raven. Eigentlich solltest du dich an harte Arbeit gewöhnt haben.“ Ich wischte mir das Gesicht mit dem Saum meines Hemdes ab, ohne Rücksicht darauf, wie unweiblich das aussah. „Nee. An Arbeit kann ich mich nie gewöhnen. Es wird nicht leichter. Und hast du mich eigentlich mal angesehen?“ Ich hob eine Augenbraue und deutete auf meinen schmächtigen Körperbau. Diane lachte und stupste im Spaß gegen meinen Oberarm. „Ja, da hast du recht. Keine Muskeln weit und breit. Es ist ein Wunder, dass du es an einem Ort wie diesem so lange überlebt hast.“ Das stimmte. Als Winzling in einem Werwolfrudel zu sein, war kein guter Platz. Die Überlebenschancen waren normalerweise gering, und nur die Mondgöttin wusste, warum ich es bis einundzwanzig geschafft hatte, ohne rausgeschmissen oder Schlimmeres zu erleben. Dianes Gesichtsausdruck veränderte sich plötzlich. Sie beugte sich näher heran und ließ die Augen schweifen, um sicherzugehen, dass Miss Freya nicht in der Nähe lauerte. Sie sah aus, als hätte sie ein saftiges Geheimnis. „Hast du von dem Friedensgipfel gehört, der bevorsteht?“, flüsterte sie verschwörerisch. „Ich habe heute Morgen die Frauen in der Küche darüber reden hören. Sie sagten, er findet in drei Wochen statt.“ „Der Friedensgipfel?“, fragte ich etwas verwirrt. Dann begannen die Zahnräder in meinem Kopf zu arbeiten, bis es klickte. Der Friedensgipfel war eine große Sache. Ein Treffen zwischen Norden und Süden, bei dem beide Könige auf neutralem Boden zusammenkamen, um freundschaftliche Beziehungen zu erneuern. Dieses Treffen fand nur alle siebzig Jahre statt, weshalb man es so leicht vergessen konnte – die meisten erlebten es nur einmal in ihrem ganzen Leben. Ich nickte Diane zu. „Ja, ich weiß, was das ist. Mir war nur nicht klar, dass es so nah ist.“ „Ich hoffe wirklich, dass ich zu denen gehöre, die zum Treffen mitgehen und dort dienen dürfen“, schwärmte Diane, und ihre Augen leuchteten vor Aufregung. „Ich will endlich etwas anderes sehen als diese Mauern. Ich will meinen Horizont erweitern. Und wer weiß? Vielleicht ist mein Gefährte dort. Stell dir vor, er ist ein hochrangiger Wolf aus einem anderen Territorium.“ Ich rollte mit den Augen. „Du bist so eine Romantikerin, Diane. Alles Gute mit dieser Hoffnung.“ Ich teilte ihre Begeisterung nicht. Für mich klang der Gipfel nur nach noch mehr Arbeit – nach noch mehr Tischen, die abgeräumt, und noch mehr Böden, die poliert werden mussten, und das für Leute, die noch mächtiger und gemeiner waren als unser eigener Alpha. Plötzlich herrschte hektische Betriebsamkeit. Leute liefen durcheinander, ließen ihre Werkzeuge fallen und versuchten, anständig auszusehen. Andere Arbeiterinnen strichen sich das Haar glatt, und Omegas senkten den Kopf. Diane und ich sahen uns verwirrt an, standen dann auf und glätteten unsere schmutzigen Röcke. Hinter mir hörte ich einige Mädchen in einer Gruppe flüstern. „Er ist zurück! Der Sohn des Alphas ist endlich zurück!“, quietschte eine von ihnen. Gary. Das war der Sohn des Alphas. Vor vier Jahren war er fortgegangen, um zu studieren und zu reisen. Nun war er endlich wieder zu Hause. „Schön für ihn“, dachte ich bitter. Es musste schön sein, wenn einem die Welt auf einem silbernen Tablett serviert wurde. Gary durfte die besten Schulen besuchen und die Welt sehen, während wir hier festsaßen und von mittelmäßigen Lehrern unterrichtet wurden. Ehrlich gesagt hatte ich so viel Zeit in der Rudelbibliothek versteckt, dass ich wahrscheinlich mehr wusste als die Leute, die mich unterrichten sollten. Sie hatten mir kaum noch etwas beizubringen, und trotzdem war ich diejenige, die Unkraut jätete, während Gary den Abschluss hatte. Ich erwartete, weiterhin nur Ärger zu empfinden, doch dann geschah etwas Seltsames. Meine Wölfin Eva war den ganzen Morgen still gewesen, wahrscheinlich im hinteren Teil meines Geistes eingenickt, um der Hitze zu entgehen. Plötzlich regte sie sich. Sie wurde hellwach, die Ohren nach vorn gerichtet, die Pfoten unruhig. Besorgt sah ich mich um und fragte mich, was sie erschreckt hatte. Gab es eine Bedrohung? War jemand dabei, uns anzuschreien? Ich brauchte nicht lange zu grübeln. Im nächsten Atemzug traf mich ein Duft. Trauben und Oliven. Es war eine seltsame Kombination, ein Geruch, dem ich früher nie besondere Beachtung geschenkt hatte. Doch jetzt? Er roch wie das Himmlischste, was mir je begegnet war. Süß, erdig und reich. Ich hätte nie gedacht, dass Trauben so berauschend riechen könnten. Mein Kopf wurde ein wenig leicht, und mein Herz begann unkontrolliert zu rasen. Ich suchte den Bereich ab, die Augen auf der Suche nach der Quelle dieses Dufts. Und dann sah ich ihn. Ein Mann ging über das Rudelgelände, umgeben vom inneren Kreis des Alphas. Er war größer, als ich mich erinnerte, breiter, und er bewegte sich mit einer Selbstsicherheit, die alle anderen klein aussehen ließ. Er ging wie in einem Traum auf das Packhaus zu, und die Sonne fing das Gold in seinem Haar ein. Eva knurrte ein einziges Wort in meinem Kopf: 'Gefährte.'Ravens POVMeine Beine fühlten sich an wie aus Gelee, als ich auf sie zuging. Jedes Auge auf der Lichtung klebte an mir, aber ich behielt den Kopf gesenkt und konzentrierte mich auf das Gras, bis ich sie erreichte.„Sieh mich an“, sagte der Mann.Ich hob langsam das Kinn. Er hatte eine Ausstrahlung um sich, die es beinahe unmöglich machte, den Blick lange zu halten. Es fühlte sich an, als blicke er durch meine Haut hindurch direkt in meine Gedanken. Ich konnte es nicht ertragen, also kompromissierte ich und starrte stattdessen auf seine Nase. Sie war leicht krumm, als wäre sie vor langer Zeit gebrochen und nie richtig eingerichtet worden.„Wie ist dein Name?“, fragte er. Seine Stimme war leise, aber sie forderte Aufmerksamkeit.„Raven“, flüsterte ich.„Sieh mir in die Augen, Raven“, sagte er. Ich zwang mich, seinen Blick zu treffen. Er starrte mich lange an, der Ausdruck unlesbar. „Da ist etwas an dir…“ Er brach ab, wirkte einen Moment nachdenklich und schüttelte dann den Kopf. „Wer s
Ravens POVDie beiden Könige starrten einander an, als wären sie bereit, die ganze Welt niederzubrennen. Darian entschied plötzlich, dass er genug geredet hatte. Er ignorierte Valen vollständig und begann wegzugehen, immer noch fest an meinem Ärmel haltend.Valens Hand schoss wie eine Schlange heraus und packte meinen anderen Ärmel, sodass er mich zurückriss.„Wohin glaubst du, gehst du mit ihr?“, knurrte Valen.Darian blickte nicht einmal zurück. „Ich gehe mit meiner Gefährtin. Geh aus dem Weg, Valen.“Ich fühlte mich wie ein Wunschknochen, der gleich in der Mitte durchbrechen würde. Ich räusperte mich zaghaft, und meine Stimme kam als winziges Piepsen heraus. „Ähm, darf ich kurz unterbrechen?“Beide sahen mich sofort an. Das Gewicht ihrer gemeinsamen Blicke war so schwer, dass ich mich fühlte, als würde ich in den Steinboden gedrückt. Ich holte zittrig Luft und versuchte, vernünftig zu klingen.„Wie wäre es, wenn… ich mit keinem von euch gehe?“, schlug ich vor und blickte von einem
Ravens POVKönig Darians Hände waren ruhig, als er versuchte, mich zum dritten Mal am Fallen zu hindern. An diesem Punkt war ich nicht mehr nur schockiert, ich war über alle Maßen peinlich berührt. Ich hatte mich vor dem mächtigsten Mann des Südens total und gründlich blamiert. Meine Gedanken rasten. Der Sohn meines eigenen Alphas hatte mich zurückgewiesen, weil ich eine niedrige Omega war, also gab es keine Chance, dass der König des Südens mich wollen würde. Ich fühlte mich wie eine Katastrophe, die nur darauf wartete, zu passieren. Mein einziger Instinkt war, zu verschwinden, zurück in die Küchen zu rennen und mich in einem Schrank zu verstecken, bevor mich eine zweite, noch öffentlichere Zurückweisung traf.Er hielt immer noch das Tablett mit den Getränken, die Finger lang und kräftig an den silbernen Rändern. Ich streckte zitternde Hände aus und schaffte es, es zu übernehmen.„Danke, Eure Majestät“, piepste ich. Ich drehte mich auf dem Absatz um, bereit zu flüchten, doch er war s
Ravens POVDas Klopfen an der Tür klang wie ein Hammer gegen meinen Schädel. Durch das dicke Holz hörte ich die leise, nervige Kreischstimme von Miss Freya, die uns sagte, wir sollten uns bewegen.Ich stöhnte und zog mein Kissen über den Kopf, aber es half nicht. Meine Zimmergenossen begannen bereits, sich zu rühren. Sheila, die immer schlecht gelaunt war, setzte sich auf und rieb sich aggressiv die Augen.„Diese Frau ist so nervig“, murmelte Sheila, die Stimme noch heiser vom Schlaf.„Da stimme ich zu“, flüsterte ich zurück.Ich lugte unter meiner Decke hervor und blickte zum Fenster. Die Sonne ging kaum auf. Der Himmel hatte dieses seltsame, dunkelviolette Licht, das man nur sieht, wenn es viel zu früh ist, um wach zu sein. Warum weckte sie uns jetzt? Wir waren erst so spät ins Bett gekommen. Miss Freya nahm ihren Job definitiv zu ernst.Trotz des Jammerns standen wir alle auf. Niemand wollte sich so früh am Morgen mit ihrem Zorn anlegen. Dan sah zu mir herüber und schenkte mir ein











