Mag-log inDer Flur erstreckte sich vor mir und kam mir länger vor, als ich ihn in Erinnerung hatte.Ich war vierundzwanzig Jahre lang durch diese Räume gegangen, und doch fühlte sich heute Abend alles fremd an. Jeder Schritt in Richtung des Zimmers meiner Schwester fühlte sich an, als würde ich in etwas eindringen, das mir nicht gehörte.Meine Hand schwebte über der Türklinke, während mein Spiegelbild mich aus dem glänzenden Messing ansah.Dasselbe Gesicht. Dieselben Augen. Dieselbe Nase.Doch die Welt hatte uns nie gleich behandelt.Ich drehte die Klinke und trat ein.Anayas Zimmer roch nach Lavendel und teurem Parfüm. Das Bett war perfekt gemacht, die Kissen ordentlich arrangiert, als wären sie einem Einrichtungsmagazin entsprungen. An einer Wand stand ein Schminktisch voller Hautpflegeprodukte, und der begehbare Kleiderschrank quoll über vor Kleidung, die ich mir niemals hätte leisten können.Mein Zimmer war nur halb so groß. Grandma hatte das vor Jahren entschieden.„Du gehst zu nachlässig
Ich senkte den Blick und bohrte meinen Daumennagel in meine Handfläche.Tessas Worte hallten zwischen uns nach und zerstörten die kleine Fantasie, an die ich mich so verzweifelt geklammert hatte.Sie hatte recht. Adrian hatte sich nicht für mich entschieden. Er hatte sich für das Mädchen entschieden, das er für Anaya hielt.„Ich weiß“, flüsterte ich. „Ich weiß, dass er nicht weiß, dass ich es bin.“Ich zog die Knie an die Brust und legte mein Kinn darauf.„Aber als ich bei ihm war, Tessa, konnte ich einfach nicht anders.“Tessa bewegte sich auf dem Bildschirm. Ihre Stirn legte sich in Falten. Sie unterbrach mich nicht und versuchte auch nicht, mich zu trösten. Sie wartete einfach darauf, dass ich weitersprach.Ich starrte die Wand an, doch in Gedanken war ich längst wieder in Adrians dunkler Villa.Ich konnte seine Arme noch immer um mich spüren.„Er zog mich an sich“, murmelte ich. „So plötzlich, dass ich für einen Moment vergaß, wie man atmet. Dann beugte er sich näher zu mir, bis s
Adrians Lippen liegen noch immer auf meinen.Für einen Moment vergesse ich alles.Ich vergesse das Krankenhaus, Anaya, die bewusstlos in ihrem Bett liegt, und den Grund, aus dem ich überhaupt in dieses Anwesen gekommen bin. Alles, was ich spüre, sind Adrians Hand an meiner Wange und die Wärme seiner Lippen, die sich auf meinen bewegen.Noch nie hat mich jemand so geküsst.Sein Kuss beginnt sanft, beinahe so, als hätte er Angst, ich könnte mich zurückziehen. Als ich das nicht tue, zieht er mich näher zu sich, und meine Finger krallen sich in den Stoff seines Hemdes.Was tue ich da?Die Frage schießt mir durch den Kopf, doch ich scheine nicht in der Lage zu sein, danach zu handeln. Seine Lippen bewegen sich erneut auf meinen, und meine Gedanken lösen sich in Luft auf, bevor ich sie ordnen kann.Dann löst sich seine Hand von meiner Wange.Seine Finger gleiten meinen Arm hinunter und legen sich um meine Taille, bevor sie weiter nach oben wandern. Als sie beginnen, die Rundung meiner Brust
Ein Wachmann blickt von seinem Schreibtisch auf. Als er mich bemerkt, weiten sich seine Augen leicht.„Miss Hayes?“Ich bleibe stehen. „Ja.“Sein Gesicht hellt sich vor Wiedererkennen auf. „Guten Morgen, Miss Anaya. Wir haben heute nicht mit Ihrem Besuch gerechnet.“Meine Finger schließen sich fester um den Riemen meiner Tasche.Er hält mich für Anaya.Für einen kurzen Moment überlege ich, ihn zu korrigieren, entscheide mich dann aber dagegen.„Es ist ein spontaner Besuch“, antworte ich und bemühe mich, ruhig zu klingen.„Natürlich, Miss Hayes. Bitte gehen Sie ruhig hinein.“Er öffnet das Tor, ohne weitere Fragen zu stellen.Ich gehe die Auffahrt entlang und versuche, das Schuldgefühl zu ignorieren, das sich in meinem Magen zusammenzieht. Anaya hat mir oft erzählt, wie reich Adrian ist. Doch als ich sein Anwesen mit eigenen Augen sehe, frage ich mich, was für ein Leben sie einst mit einem Mann wie ihm geführt hat.Als ich die Haustür erreiche, sind meine Handflächen feucht.Eine Frau
„Bitte, jemand muss ihr helfen!“Ich folge den Sanitätern, während sie Anaya aus dem zerstörten Auto holen. Einer von ihnen fordert mich auf, zur Seite zu treten, doch meine Füße wollen sich nicht bewegen. Erst als ein anderer mich am Arm packt und vom Krankenwagen wegzieht, weiche ich zurück.„Meine Schwester liegt da drin“, sage ich und zeige auf Anaya. „Bitte, Sie müssen sie retten.“„Wir tun alles, was wir können. Bitte lassen Sie uns unsere Arbeit machen.“Die Türen des Krankenwagens schließen sich, bevor ich eine weitere Frage stellen kann.Ich stehe mitten auf der Straße und starre dem Fahrzeug hinterher, bis es mit heulender Sirene davonfährt. Meine Hände sind von Blut verschmiert, weil ich versucht habe, Anaya durch das zerbrochene Fenster zu erreichen. Immer wieder reibe ich meine Handflächen an meiner Hose ab, als könnte ich dadurch irgendwie das Bild ihres leblosen Gesichts aus meinem Kopf wischen.Dann fällt mir Daniel wieder ein.Ich drehe mich zum zweiten Krankenwagen u
„Amira, was um alles in der Welt hast du da an?“Die Stimme meiner Großmutter schneidet durch den Lärm der Hochzeitsfeier.Ich schaue an mir hinunter. Die Ärmel meines schwarzen Hosenanzugs sind etwas zu lang, und die Hose sitzt unangenehm an meiner Taille. Aber es ist das Beste, was ich mir leisten kann.„Was stimmt denn damit nicht?“, frage ich.Margaret Hayes starrt mich an, als hätte ich sie absichtlich blamiert. „Deine Schwester heiratet heute, und so willst du dich wirklich anziehen? Konntest du dir nicht ein einziges Mal Mühe geben?“„Das habe ich.“„Dann musst du dich wohl noch mehr anstrengen.“Sie richtet die Diamantkette um ihren Hals, dreht sich um und geht davon. Ich bleibe neben einem Tisch voller unberührter Champagnergläser stehen.Ich schlucke die Antwort hinunter, die mir auf der Zunge liegt.Mit Oma zu streiten, bringt sowieso nichts. Irgendwie bin am Ende immer ich das Problem.Am anderen Ende des Ballsaals steht Anaya neben ihrem frisch angetrauten Ehemann Daniel.







