LOGIN„LAUF!“Morrigans Schrei hallte durch Nerevin.Die Zeit raste plötzlich wieder vorwärts.Der Regen fiel.Die Laternen flackerten.Die Stimmen der Stadt kehrten zurück.Und tief unter den Straßen ertönte ein Geräusch.Ein Laut, der nicht in Worte passte.Nicht das Brüllen eines Tieres.Nicht das Knirschen von Stein.Nicht das Heulen eines Sturms.Etwas dazwischen.Etwas Uraltes.Etwas, das niemals hätte erwachen dürfen.Mara stand wie angewurzelt.Denn sie wusste etwas.Etwas, das niemand sonst wusste.Der Ursprung war gerade hier gewesen.Wirklich hier.Oder zumindest hatte er mit ihr gesprochen.Und er hatte nur eine einzige Sache gefürchtet.Ihre letzte Seite.Nicht Morrigan.Nicht die Stadt.Nicht das Buch.Die letzte Seite.Dann bebte die Erde.Heftiger als zuvor.Straßen brachen auf.Fenster zerbarsten.Der Archivturm schwankte.Und aus den Tiefen Nerevins stieg etwas empor.Nicht vollständig.Zuerst nur Dunkelheit.Eine Masse aus Schatten.Dann Augen.Dutzende.Hunderte.Weiße A
Der Boden riss auf.Nicht explosionsartig.Nicht gewaltsam.Er öffnete sich.Wie eine Tür.Schwarze Linien liefen über die Pflastersteine von Nerevin.Sie verzweigten sich.Wuchsen.Bildeten Muster.Alte Muster.Mara hatte sie schon einmal gesehen.Nicht hier.Auf der Insel.In den Ruinen der ersten Stadt.Dort, wo Erinnerungen geleuchtet hatten.Dort, wo der Ursprung verschwunden war.Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken.„Zurück!“rief der Junge.Doch es war bereits zu spät.Die Linien leuchteten auf.Silbern.Dann goldfarben.Dann in einer Farbe, die Mara nicht benennen konnte.Eine Farbe zwischen Erinnerung und Traum.Zwischen Licht und Schatten.Und plötzlich hörte die ganze Stadt auf, sich zu bewegen.Der Regen erstarrte.Die Menschen erstarrten.Die Laternen.Die Fenster.Die Geschichten.Alles.Nur Mara nicht.Und genau das machte ihr Angst.Jonas stand direkt neben ihr.Doch er bewegte sich nicht mehr.Noah ebenfalls.Morrigan.Der Junge.Alle eingefroren.Wie Figuren
Die Seite brannte.Doch die Flammen waren nicht heiß.Mara spürte keine Schmerzen.Stattdessen fühlte sie etwas anderes.Erinnerungen.Tausende Erinnerungen.Sie schossen durch ihren Geist wie Sternschnuppen.Nicht ihre eigenen.Fremde Leben.Fremde Gesichter.Fremde Abschiede.Ein alter Mann, der einen Brief nie abschickte.Eine Frau, die vierzig Jahre lang dieselbe Melodie summte.Ein Kind, das glaubte, niemand würde sich an seinen Namen erinnern.Dann verschwanden die Bilder.Die Seite zerfiel zu silbernem Staub.Der Staub blieb einen Augenblick in der Luft hängen.Und formte eine Karte.Keine Landkarte.Eine Wegbeschreibung.Linien aus Licht.Symbole.Zeichen.Und am Ende stand ein Name.Das Schweigende Archiv„Nein.“Der Junge sagte das sofort.Viel zu schnell.Mara sah ihn an.„Du kennst es.“Er schwieg.„Du kennst es.“wiederholte sie.Langsam nickte er.„Jeder in Nerevin kennt es.“„Dann erklär es.“Der Junge blickte zum Turm.Zum Buch.Zu Morrigan.Als würde er hoffen, jemand
Niemand sprach.Der Wind hatte aufgehört.Der goldene Regen hing bewegungslos in der Luft.Selbst die Seiten des gewaltigen Buches schienen zu warten.Morrigan stand allein vor dem Archivturm.Und zum ersten Mal wirkte sie nicht mächtig.Nicht geheimnisvoll.Nicht gefährlich.Einfach nur erschöpft.„Bitte hilf mir.“Die Worte hallten durch Nerevin.Mara wusste nicht, was sie erwartet hatte.Eine Drohung vielleicht.Eine Forderung.Ein Ultimatum.Aber keine Bitte.Schon gar nicht diese.Neben ihr fluchte Noah leise.„Das macht alles komplizierter.“„Wann war es jemals einfach?“fragte Jonas.„Guter Punkt.“Mara bemerkte kaum, dass die beiden sprachen.Ihr Blick blieb auf Morrigan gerichtet.Auf die Frau, die ihre Geschichte gelesen hatte.Die ihr Ende gesehen hatte.Und die nun Angst davor hatte.Der Gedanke traf Mara unerwartet.Denn plötzlich erinnerte sie sich an den Ursprung.An etwas, das er einst gesagt hatte."Menschen versuchen nicht, den Tod zu besiegen.""Sie versuchen den Ab
Das Tor aus Papier öffnete sich lautlos.Keine Explosion.Kein Donner.Kein blendendes Licht.Nur das Rascheln von Seiten.Tausende Seiten.Millionen Seiten.Das Geräusch erfüllte ganz Nerevin.Es klang wie Wind.Wie Regen.Wie Stimmen.Als würden unzählige Menschen gleichzeitig eine Geschichte lesen.Mara konnte nicht wegsehen.Über dem Archivturm drehte sich der gewaltige Wirbel aus Papier.Seiten flogen durch die Luft.Kapitel lösten sich voneinander.Sätze zerfielen.Wörter schwebten wie Staub durch die Dunkelheit.Und mitten darin stand Morrigan.Reglos.Die Arme leicht ausgebreitet.Als würde sie etwas willkommen heißen.Oder etwas verabschieden.„Das ist unmöglich.“flüsterte Jonas.Der Junge neben ihnen lachte freudlos.„In dieser Stadt ist unmöglich eher eine Empfehlung als eine Regel.“Niemand reagierte.Denn das Tor begann Gestalt anzunehmen.Seiten verbanden sich.Schichten aus Papier falteten sich ineinander.Und langsam entstand die Form eines gewaltigen Buches.Größer a
Mara erstarrte.Der Regen fiel lautlos zwischen ihnen.Goldene Tropfen schwebten durch die Dunkelheit von Nerevin.Der Archivturm ragte über der Stadt auf wie ein schwarzer Berg.Und der Junge lächelte.„Du hast die Nachricht gelesen, nicht wahr?“Niemand antwortete.Jonas trat unmerklich näher zu Mara.Noah ebenfalls.Nicht auffällig.Nicht aggressiv.Aber bereit.Der Junge bemerkte es sofort.„Oh.“Er seufzte.„Jetzt wird es unangenehm.“„Woher weißt du von der Nachricht?“fragte Mara.Der Junge hob eine Augenbraue.„Weil ich sie geschrieben habe.“Stille.Noah blinzelte.„Entschuldigung, was?“„Die Nachricht auf der Karte.“„Die, in der steht, dass wir dir nicht vertrauen sollen?“„Genau die.“Noah sah Jonas an.„Ich glaube, ich bekomme Kopfschmerzen.“„Ich auch.“Der Junge nickte verständnisvoll.„Das passiert oft.“Mara spürte, wie ihre Geduld schwand.„Hör auf mit den Rätseln.“Das Lächeln verschwand.Zum ersten Mal wirkte der Junge ernst.„Ich versuche euch zu retten.“„Indem d
„Nein.“Das Wort kam aus Mara heraus, bevor sie darüber nachdenken konnte.Sie umklammerte Lenas Hand fester.Wasser schoss durch den Riss in der Wand. Erst wie ein Strahl, dann wie ein brechender Damm. Der sterile Raum füllte sich in Sekunden mit eiskaltem Meerwasser.Die Monitore explodierten in
Mara stellte sich instinktiv vor Lena.Es geschah ohne Nachdenken.Ein Reflex.Als hätte ein Teil von ihr diese Bewegung seit zwanzig Jahren geübt.Lena hob den Blick zu ihr. Ihre Augen wurden groß. Fast überrascht.Der Mann an der Tür blieb stehen.Er trat nicht näher.Er betrachtete die beiden wi
Das Licht war so grell, dass Mara die Augen zusammenkneifen musste.Der Raum summte.Nicht laut — eher wie ein Herzschlag aus Strom.Die Monitore an den Wänden flackerten nacheinander auf. Alte Röhrenbildschirme, aber auch moderne Displays. Einige zeigten Zahlenkolonnen. Andere Kameraaufnahmen.Mar
Mara starrte den Schlüssel an.Er lag in ihrer Handfläche, klein und unscheinbar, und doch fühlte es sich an, als hinge ihr ganzes Leben an diesem Stück Metall.Vor ihr die Tür.Hinter ihr der Mann von der Asteria.AsteriaZwischen beiden Jonas.Sein Blick war fest auf sie gerichtet, als gäbe es in