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Die Lieblingserbin des Blutbuchs
Die Lieblingserbin des Blutbuchs
Autor: Velvet

Kapitel 1

Autor: Velvet
Ich verstand erst, wie sehr meine Schwester mich hasste, nachdem sie mich getötet hatte.

Lydia hasste mich nicht, weil ich ihr etwas weggenommen hatte.

Als wir sechzehn waren, erschien uns in der Nacht des roten Mondes das Blutbuch.

Lydias Blick fiel zuerst auf das karminrote Licht.

Der Mann lächelte.

„Die Gabe der Schönheit“, sagte er. „Eine Schönheit, die jeden Raum in ihren Bann zieht, noch bevor du auch nur ein Wort sagst. Begehren, Aufmerksamkeit, Einladungen, Verehrung.“

Dann sah er auf das silberne Licht.

„Die Gabe des Genies. Ein Verstand, scharf genug, um verbotene Blutschriften zu entziffern, uralte Formeln zu lösen und Höhen zu erreichen, die dir dein Familienname allein niemals eröffnen könnte.“

Lydia ließ ihn kaum ausreden.

„Ich wähle die Gabe der Schönheit.“

Und eine Zeit lang sah es tatsächlich so aus, als hätte sie die richtige Wahl getroffen.

Doch an den Vampirhöfen war Schönheit nichts Besonderes.

Schon gar nicht unter Vampiren.

Am Ende war Lydia keine umschwärmte Schönheit mehr. Sie war nur noch eine ausgehungerte Vampirin im unteren Bezirk, die ihr Gesicht unter einem Schleier verbarg.

Ich dagegen hatte die Gabe des Genies gewählt.

Sie machte mein Leben weder leichter noch schenkte sie mir Ruhm. Sie brachte mir schlaflose Nächte, blutende Augen und einen Kopf voller Wahrheiten, die die meisten Vampire nicht einmal laut auszusprechen wagten.

Aber ich hielt durch.

Selbst Adrian Blackthorne, der Erbe des ältesten Vampirhauses von Ravenshade, suchte immer öfter meine Nähe.

Er war der einzige Mann, den Lydia niemals für sich gewinnen konnte.

Für sie war das die größte Demütigung von allen.

Sie redete sich ein, ich hätte ihr das Leben gestohlen, das eigentlich ihr zugestanden hätte.

Also plante sie meinen Tod.

Nicht mit einem Messer. Dafür war Lydia viel zu vorsichtig.

Das Letzte, was ich sah, war ihre Gestalt im Schatten.

Sie stand einfach da und sah zu, wie ich verbrannte.

Als ich wieder die Augen öffnete, war ich sechzehn.

Die verschlossene Bibliothek lag um mich herum. Hinter den Fenstern hing der rote Mond am Himmel.

Der Mann im schwarzen Mantel stand wieder vor dem Tisch. In einer Hand schwebte silbernes Licht, in der anderen karminrotes.

Noch bevor er seine Worte beenden konnte, rief Lydia:

„Ich wähle die Gabe des Genies!“

Langsam wandte der Mann ihr sein halb im Schatten verborgenes Gesicht zu.

„Seltsam“, sagte er ruhig. „Noch vor einem Augenblick verlangte dein Herz nach der Gabe der Schönheit.“

„Nein“, erwiderte Lydia hastig. „Ich will die Gabe des Genies. Ich will diesen Verstand. Ich will den Titel. Ich will an die Nachtakademie. Ich will ALLES.“

Der Mann musterte sie schweigend.

„Das Blutbuch antwortet auf wahres Verlangen“, sagte er. „Nicht auf bloße Worte. Bist du sicher, dass du das wirklich willst ...?“

„JA!“, fuhr Lydia ihn an. „Schönheit ist nutzlos. Macht gehört den Klugen.“

Ihre Augen glänzten gierig, während sie auf das silberne Licht starrte.

Der Mann in Schwarz wandte sich mir zu.

„Und du ...“

Doch bevor ich antworten konnte, stürzte Lydia nach vorn.

Sie riss ihm das silberne Licht aus der Hand.

In dem Moment, in dem ihre Finger es berührten, drang die Gabe des Genies wie flüssiges Mondlicht in ihre Haut.

Lydia keuchte auf.

Dann lachte sie.

„Sie gehört mir“, flüsterte sie.

Sie sah mich an.

Mit genau demselben Lächeln, das sie getragen hatte, als sie mich dem Sonnenlicht überließ.

„Diesmal werde ICH das Genie sein. MICH werden sie bewundern. Und Adrian Blackthorne wird MIR folgen.“

Der Mann hielt sie nicht auf.

Sein Lächeln wurde nur noch ein wenig milder.

„Dann gehört die verbleibende Gabe dir“, sagte er zu mir.

Das karminrote Licht schwebte auf meine Brust zu.

Die Gabe der Schönheit drang in meinen Körper.

Sie war warm.

Fast angenehm.

Und trotzdem spürte ich sofort etwas Gefährliches darin.

Die Fenster der Bibliothek klirrten. Das Licht des roten Mondes verblasste.

Der Körper des Mannes begann sich in dunklem Nebel aufzulösen.

„Die Gaben wurden verteilt“, sagte er. „Möge jede Erbin den Preis zahlen, den sie schuldet.“

Lydia drehte sich zu mir um.

„Im letzten Leben warst du dran“, sagte sie. „Dieses Leben gehört mir.“

Ich sah meine Schwester an.

Dann lächelte ich zurück.

Arme Lydia.

Sie glaubte noch immer, die Gabe des Genies allein hätte mich zu dem gemacht, was ich gewesen war.

Sie hatte keine Ahnung, was mich diese Gabe gekostet hatte.

Und noch weniger wusste sie, dass jede Gabe des Blutbuchs früher oder später ihren Preis forderte.

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