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Kapitel 3

Selina
„Deine Mutter und ich haben darüber gesprochen. Die Ecke auf dem Balkon wird abgetrennt, dort stellen wir dir ein Klappbett hin.“

Der Balkon?

Im Winter zog dort der Wind durch jede Ritze, im Sommer brannte die Sonne gnadenlos darauf. Nicht einmal einen richtigen Schutz gab es.

Als ich weinte und mich wehrte, blieben Papa und Mama hart. In jedem Satz verlangten sie, dass ich vernünftig sein sollte. Ihr Ton ließ keinen Widerspruch zu.

„Mit einem neuen Familienmitglied müssen wir die Ausgaben ohnehin kürzen. Mia, du bist nach dem Abitur praktisch alt genug, um zu arbeiten.“

„Bitte verzichte nach dem Abitur im nächsten Jahr auf dein Recht zu studieren und geh arbeiten, um Papa und Mama deine Schulden zurückzuzahlen.“

Nein.

Ich musste lernen. Ich musste studieren.

Meine Lehrerin hatte gesagt, Bildung sei mein einziger Ausweg.

Ich weigerte mich und kämpfte um mein Recht.

Doch als Antwort knallte mir meine Mutter wutentbrannt eine Ohrfeige.

Papa und Mama zogen das schwarze Kontobuch und einen Stapel Kreditverträge mit meiner Unterschrift hervor und warfen sie mir vor die Füße.

„Mach dir eines klar: Du bist nicht Papas leibliches Kind. Unsere Familie ist nicht verpflichtet, dich bis zur Volljährigkeit zu versorgen. Besonders nach all den Jahren getrennter Kasse. Weißt du überhaupt, wie viel du Papa und Mama schuldest? Du bist längst ein schwer defizitäres Projekt!“

Ich hielt mir die geschwollene Wange.

Mein Blick fiel auf meine Mutter, die sich wegen der Schwangerschaft in ihrem Glück verlor.

Mama.

Hast du vergessen? Ich bin nicht Papas leibliches Kind.

Aber ich bin dein leibliches Kind.

Doch Mama senkte nur den Kopf, strich über ihren Bauch und versank in dem Glück, Papas leibliches Kind zu tragen.

Nach langer Zeit wich sie meinem vorwurfsvollen Blick aus. Schließlich schien sie einen Entschluss zu fassen, hob den Kopf und sah mich an.

„Mia, mach Papa und Mama keine Vorwürfe. Ein Kind großzuziehen kostet zu viel Geld. Dein kleiner Bruder ist noch nicht einmal geboren, und wir müssen schon Milchpulver und einen Bildungsfonds für ihn ansparen. Du bist schon so groß. Du solltest vernünftig sein und der Familie helfen. Außerdem schuldest du Papa und Mama ohnehin eine große Summe ...“

Meine Augen wurden rot.

Fassungslos sah ich sie an.

Endlich verstand ich.

In diesem Haus war ich nichts als eine verschuldete Fremde.

Schweigend drehte ich mich um und packte meine Sachen.

Das gemeinsame Kind von Mama und Papa war noch nicht geboren.

Doch um zu zeigen, wie wichtig ihnen dieses Kind war, beschlossen Papa und Mama, sein Zimmer schon im Voraus einzurichten.

Also verbannten sie mich frühzeitig auf den Balkon.

In der ersten Nacht dort bekam ich wieder Fieber.

Es war Juni, mitten in der Regenzeit.

Der Balkon war zwar mit Fenstern geschlossen, aber Wind und Regen fanden überall einen Weg hinein. Er war wie ein feuchter Eiskeller.

Jeden Abend musste ich mich in zwei Decken wickeln, um schlafen zu können.

Eines Nachts wachte ich durstig auf und wollte im Wohnzimmer ein Glas warmes Wasser holen.

Kaum war ich dort, sah ich auf dem Couchtisch eine angefangene Schachtel Kirschen.

Die Kirschen waren groß, dunkelrot und verströmten einen verführerisch süßen Duft.

Daneben lag ein Zettel von Papa.

„Schatz, das sind importierte Kirschen, gut für Blutbildung und Teint. Du trägst unser leibliches Kind, also sind sie extra für unser Kind als Vitamine gedacht. Fünfunddreißig Euro pro Pfund. Denk daran, gib nichts davon an Außenstehende.“

Mit der Außenstehenden war natürlich ich gemeint.

Ich sah die Kirschen an und lachte bitter in mich hinein.

In diesem Moment kam aus dem Schlafzimmer meiner Mutter ein Stöhnen.

„Wasser ... bring mir ein Glas Wasser ...“

Papa war auf Geschäftsreise. Kurz vor dem Abitur ging Lea wie immer zu einer Freundin, um sich zu amüsieren. Weil es zu spät wurde, übernachtete sie dort.

Sie waren in dieser Nacht alle nicht zu Hause.

Ich öffnete die Tür.

Meine schwangere Mutter lag bleich im Bett, die Stirn voller kaltem Schweiß.

Wegen ihres Alters litt sie stark unter der Schwangerschaft. Mitten in der Nacht bekam sie Krämpfe in den Beinen, war durstig und hatte Schmerzen.

Als sie sah, dass ich es war, befahl sie mir mit völliger Selbstverständlichkeit:

„Mia, bist du taub? Mama ruft dich schon die ganze Zeit! Siehst du nicht, dass es Mama schlecht geht? Massier mir schnell die Beine, sie verkrampfen, es tut so weh.“

Ich stand schweigend am Bett.

„Mama, es ist exakt drei Uhr morgens.“

Kühl sah ich die geschwächte Frau im Bett an. „Das fällt unter außerplanmäßige Arbeitszeit. Gemäß dem Arbeitsrecht fällt für nächtliche Pflegedienste der doppelte Stundensatz an.“

Meine Mutter riss die Augen auf, als würde sie mich nicht wiedererkennen.

„Was redest du da?“

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