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Kapitel 2

Author: Selina
Was ich bekam, waren Schulden, die wie ein Schneeball immer größer wurden.

In der Schule blieb mir keine Zeit für Freundschaften.

Selbst kurz vor dem Abitur nutzte ich jede Mittagspause, um Pfandflaschen zu sammeln, Mitschülern Essen zu holen oder in einer Ecke des Sportplatzes Strafarbeiten für Mitschüler abzuschreiben, die zu faul dafür waren: fünf Euro für tausend Zeichen.

Ich hätte nie gedacht, dass Lea eines Tages mit ihren Freundinnen auftauchen und mich, während ich Mineralwasserflaschen sammelte, in eine Ecke treiben würde.

Sie zog ein Blatt Papier aus der Tasche ihrer Schuluniform.

Es war der Kreditvertrag, den ich vorgestern erst für Papa unterschrieben hatte.

Darauf stand, dass ich mir die Kosten für die Binden für den nächsten Monat vorstrecken ließ.

„Seht ihr? Ich habe nicht gelogen! Alles, was ich gesagt habe, stimmt. Mia Lindner muss sich sogar Geld für Damenbinden von meinem Vater leihen und ihm eine Schuldanerkennung unterschreiben.“

„Mia Lindner hat schon in so jungen Jahren nichts gelernt und schuldet unserer Familie über sechshunderttausend Euro.“

„Was für ein Fass ohne Boden. Verdient noch keinen Cent und ist schon verschuldet. Wer weiß, wie verschwenderisch sie heimlich ist.“

„Ich sage die Wahrheit! Wer mit ihr befreundet ist, sollte lieber aufpassen, dass sie euch kein Geld klaut!“

Da begriff ich: Lea hatte mich vor ihren Freundinnen zum Gesprächsthema gemacht.

Die Schüler um uns herum begannen zu tuscheln. Mein Gesicht wurde augenblicklich glühend heiß.

Damenbinden. Etwas so Privates breitete Lea vor allen aus. Die Scham war so groß, dass ich am liebsten im Boden versunken wäre.

Mit roten Augen griff ich nach dem Schuldschein. Doch Lea hielt ihn hoch.

Später zeigte sie ihn nicht nur Jungen. Sie hängte ihn sogar ans schwarze Brett der Schule.

„Alle sollen sehen, wie die Jahrgangsbeste wirklich ist. Was nützt der erste Platz? So jung und schon mit 607.300 Euro verschuldet! Bis ins Mark verdorben!“

An jenem Nachmittag wurde ich zum Gespött der ganzen Schule.

„Die mit den Binden auf Kredit“ wurde zu meinem Etikett.

Die Lehrerin rief mich und Lea ins Büro.

Unsere Klassenlehrerin war eine verantwortungsbewusste Frau. Wütend rügte sie Lea für dieses respektlose Verhalten und rief danach unsere Eltern an.

Papa und Mama kamen beide.

Papa trug Anzug und Lederschuhe, wirkte kultiviert und höflich. Gleich beim Eintreten entschuldigte er sich bei der Lehrerin. Er wirkte wie ein wohlerzogener Gentleman.

Doch als die Lehrerin vorsichtig erwähnte, dass Familienerziehung die Privatsphäre von Mädchen schützen müsse und dass Grundbedürfnisse gesichert sein sollten, rückte Papa seine Brille zurecht und lächelte.

„Sie missverstehen das. Das ist unsere Finanzerziehung. Mia hatte von klein auf kein Gefühl für Geld. Die getrennte Familienkasse und die privaten Kreditverträge dienen dazu, ihre Überlebensfähigkeit und Selbstständigkeit zu fördern.“

Die Lehrerin war sprachlos.

Als wir aus dem Büro kamen und in eine menschenleere Ecke des Flurs gingen, verschwand das Lächeln aus den Gesichtern von Papa und Mama.

Papa holte sein Handy heraus und sah auf die Uhr. Mama verstand sofort und begann, mich auszuschimpfen.

„Mia, weil du in der Schule Ärger gemacht hast, mussten Papa und Mama je eine Stunde freinehmen, um das zu klären. Papas Stundensatz beträgt fünfhundert Euro, Mamas dreihundert Euro. Mit fünfzig Euro Sprit- und Verschleißkosten sind das insgesamt achthundertfünfzig.“

Mama schrieb die Zahl mit wenigen Strichen auf.

„Diese Summe geht auf dein Konto. Du hast Papa und Mama zusätzliche Zeitkosten verursacht.“

Und so wuchsen meine Schulden weiter.

Auf dem Heimweg hielten Lea, Papa und Mama fröhlich Händchen. Nur ich blieb zurück.

Plötzlich drehte Lea sich um und streckte mir lachend die Zunge heraus.

Noch am selben Abend am Esstisch hielt Mama sich plötzlich den Mund zu und rannte würgend ins Bad.

Papa erstarrte kurz. Dann leuchteten seine Augen auf, sogar seine Stäbchen fielen herunter.

„Julia!“ Er stürmte zur Badezimmertür. „Was ist los? Kann es sein ...“

Die Vermutung bestätigte sich bald im Krankenhaus.

Meine Mutter war mit zweiundvierzig Jahren noch einmal schwanger.

Sie trug das leibliche Kind meines neuen Vaters.

Mit geröteten Wangen strich sie über ihren Bauch, überglücklich.

Die Ankunft dieses Kindes der Liebe versetzte Papa und Mama in beste Stimmung.

Papa sah mich an.

„Damit das neue Familienmitglied unter besten Bedingungen geboren und aufgezogen werden kann, müssen wir die Ressourcen im Haus neu verteilen.“

„Also, Mia, dein Zimmer kann künftig als Babyzimmer für deinen kleinen Bruder dienen.“

Mein Herz machte einen Satz.

„Und ... wo soll ich wohnen?“

Mein neuer Vater klopfte auf den Tisch und zeigte auf den Balkon.

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