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Die klare Klage unterm Mond
Die klare Klage unterm Mond
Author: Scharlachseide

Kapitel 1

Author: Scharlachseide
„Die Kaiserin wünscht sich noch ein Kind. Da du leicht empfängst, wirst du eben noch eines austragen.“

Nur weil die Kaiserin einen Satz gesagt hatte, sie wünsche sich ein Kind, trug Helena von Wern zehn Monate lang erneut ein Kind aus und brachte wieder eine Tochter zur Welt.

Kaum war die Nabelschnur durchschnitten, ließ die Hebamme sie nicht einmal einen Blick auf das Kind werfen, sondern trug es hastig fort.

Es war bereits das zweite ...

Im Palast sagte man überall: Hätte die Kaiserin damals nicht an der Seite Seiner Majestät im Feldzug ihren Körper so schwer verletzt, dass sie keine Kinder mehr gebären konnte, hätte es in diesem Palast überhaupt keine andere Frau gegeben.

Helena, die rechtmäßige Tochter des Reichskanzlers, war nur zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen: ein Gefäß, bestimmt dazu, die Blutlinie des Kaiserhauses fortzuführen.

Als sie vor drei Jahren den ältesten Prinzen geboren hatte, hatte sie das Kind ebenfalls nicht sehen dürfen. Kaiser Maximilian von Falkenstein hatte es eigenhändig fortgetragen und ihr nur einen Satz hinterlassen:

„Von nun an ist dieses Kind der rechtmäßige Sohn der Kaiserin. Mach dir darüber keine Gedanken.“

Damals hatte sie noch die Kraft gehabt zu weinen und zu flehen. Sie hatte sich aufgebäumt, hatte vom Bett steigen und dem Kind nachlaufen wollen, doch die Kammerzofen hielten sie mit aller Gewalt fest.

Später lernte sie die Regeln. Jeden Tag ging sie in die Gemächer der Kaiserin, um ihre Aufwartung zu machen, nur damit sie hinter einem Paravent das Lallen ihres Kindes hören konnte.

Anfangs erlaubte der Kaiser es noch. Später sagte die Kaiserin, der Prinz brauche Ruhe zur Erholung, und von da an sah Helena ihr Kind kein einziges Mal wieder.

Nun war auch das zweite Kind fortgetragen worden.

Sie lag still auf dem beschmutzten Geburtsbett, wie eine leere Hülle, der man die Seele herausgezogen hatte. Selbst Tränen kamen ihr nicht mehr.

Noch ehe ihre Wochenbettzeit vorüber war, kam die Oberhofmeisterin aus den Gemächern der Kaiserin und überbrachte den Befehl, Helena habe morgens und abends ihre Aufwartung zu machen.

Helena zwang ihren noch nicht genesenen Körper in die Gemächer der Kaiserin.

Kaiserin Adelheid von Morgenau hielt gerade die kleine Prinzessin im Arm und spielte mit ihr. Als sie Helenas blasses Gesicht sah, hob sich ein Lächeln um ihren Mund. „Die kaiserliche Nebengemahlin ist gekommen? Ihr seht so elend aus. Seid Ihr etwa mit mir unzufrieden?“

„Das käme mir nicht in den Sinn.“

„Gut so.“ Die Kaiserin reichte das Kind der Amme und ordnete gemächlich ihre Ärmel.

„Da Ihr nun im Palast seid, müsst Ihr Eure Stellung begreifen. Seine Majestät hat Euch geheiratet, weil er das Ansehen des Reichskanzlers von Wern unter den zivilen Würdenträgern braucht und weil Eure Familie den Hof befrieden soll. Was Euch betrifft ...“

Sie hielt inne, und ihr Lächeln wurde tiefer. „Ihr seid nichts weiter als ein Ding zum Gebären. Für mich Prinzen und Prinzessinnen zur Welt zu bringen, ist Euer einziger Wert.“

Draußen begann Schnee zu fallen.

Plötzlich ließ die Kaiserin ihr Lächeln verschwinden. „Als Ihr eben hereinkamt, habt Ihr die Stirn gerunzelt. Das war Respektlosigkeit mir gegenüber. Kniet Euch draußen in den Hof und kommt zur Besinnung.“

Auf den blauen Steinplatten sammelte sich allmählich eine Schicht Schnee.

Helena wurde in den Schnee gedrückt und zum Knien gezwungen. Sie sah in den Saal hinein, wo die Kaiserin ihre gerade einen Monat alte Tochter im Arm hielt und leise summte, mit einer Vertrautheit, als wäre sie wirklich ihre leibliche Mutter.

Der Schmerz in Helenas Knien wurde erst stechend, dann taub, bis sie schließlich gar nichts mehr spürte.

Als es ihr vor Augen schwarz wurde, hörte sie die schrille Stimme eines Kämmerers: „Seine Majestät ist eingetroffen!“

Ein Saum in kaiserlichem Gold strich an ihr vorbei und ging geradewegs in den Saal.

„Warum lässt du sie im Schnee knien?“ Das war Maximilians Stimme.

Die Kaiserin schmiegte ihre Klage in einen weichen Ton. „Ich wollte ihr nur ein paar Regeln beibringen, und schon gibt sie sich so kränklich. Eure Majestät weiß doch, ich stamme aus einem Feldherrengeschlecht, ich bin geradeheraus und habe keine von diesen verschlungenen, bösen Absichten.“

Der letzte klare Gedanke, den Helena hatte, bevor sie ohnmächtig wurde, war der Satz des Kaisers: „Genug. Bringt sie zurück.“

Als sie wieder erwachte, war es bereits Abend.

Maximilian saß an ihrem Bett. Als er sah, dass sie die Augen öffnete, glättete sich seine Stirn. „Du bist wach? Der Hofarzt sagt: Du bist nach der Geburt geschwächt und hast dich erkältet. Die Kaiserin hat es nicht böse gemeint. Nimm es dir nicht zu Herzen.“

Helena sah ihn still an.

Dieser Mann war einst der Held gewesen, der in ihren Mädchenzimmerträumen über die Schlachtfelder geritten war. Für ihn hatte sie Gedichte geschrieben und sein Bild gemalt.

Nun stand er vor ihr, im kaiserlichen Ornat, und sagte die grausamsten Worte.

„Ich verstehe.“ Ihre Stimme war ruhig und flach. „Ihre Majestät die Kaiserin ist die erste Gemahlin Eurer Majestät. Ich werde ihr selbstverständlich Ehre erweisen und hege keinen Groll gegen sie.“

Wort für Wort, gleichmäßig und gehorsam.

Maximilian erstarrte einen Moment.

Die Helena seiner Erinnerung war nicht so gewesen.

Sie hatte ihn mit Tränen in den Augen angefleht, sie das Kind sehen zu lassen. Wenn er sie zurückgewiesen hatte, hatte sie sich auf die Lippe gebissen und geschwiegen, während das Licht in ihren Augen allmählich erlosch. Doch jetzt war nichts mehr in ihren Augen, nur noch Leere.

„Was das Kind betrifft“, begann er und suchte nach Worten, „wenn es unter dem Namen der Kaiserin aufwächst, ist es ein rechtmäßiges Kind. Später ...“

„Das ist das Glück des kaiserlichen Kindes.“

Helena nahm ihm den Satz ab. Sie bog sogar die Lippen zu einem kleinen Lächeln, vollkommen korrekt und eiskalt. „Ich bin von niedriger Stellung. Dass Ihre Majestät die Kaiserin den Prinzen erzieht, ist eine Gnade Eurer Majestät und der Kaiserin.“

Gnade.

Maximilians Kehle zog sich zusammen.

Von draußen erklang die Stimme eines Kämmerers: „Eure Majestät, die Kaiserin hat eigenhändig Kraftsud geschmort. Sie sagt, bei diesem Schnee sei es kalt, und bittet Euch, Euch bei ihr zu wärmen. Auch die kleine Hoheit wartet auf Euch.“

Maximilian erhob sich und sah noch einmal zu der Frau auf dem Bett.

Helena hatte die Augen bereits geschlossen, als schliefe sie wieder.

An der Tür wandte er sich noch einmal um. „Nebengemahlin, die Kaiserin kann keine Kinder bekommen. Ich stehe ihr deshalb immer in Schuld. Du bist verständig. Nimm ein wenig Rücksicht.“

„Erhole dich gut.“ Aus einem Grund, den er selbst nicht verstand, wurde er unruhig. „Solltest du wieder schwanger werden, darfst du das Kind an deiner Seite aufziehen.“

Helena antwortete nicht. Sie sah nur still zum Baldachin hinauf und lauschte, bis seine Schritte verklangen.

Nach einer langen Weile fragte sie plötzlich leise die neben ihr stehende Kammerzofe Greta: „Der Kaiser ist seit drei Jahren auf dem Thron, nicht wahr?“

„Ja, Herrin.“

„Ist das Reich in Frieden?“

„Die Nordgrenze ist befriedet, die Überschwemmungen im Süden sind bewältigt. Am Hof führt der Reichskanzler die zivilen Würdenträger; mit der Partei der Militärs gibt es zwar gelegentlich Streit, doch im Großen und Ganzen ist alles stabil.“

Helena lächelte langsam.

Ihr Lächeln war so trostlos wie ein welkes Blatt im Winter.

„Dann ist es gut.“

Sie sagte: „Endlich darf ich gehen.“

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