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Kapitel 2

Author: Scharlachseide
In jener Nacht vor drei Jahren, als ihr ältester Sohn fortgetragen worden war, hatte Helena schon einmal an den Tod gedacht.

Sie war die einzige Tochter des Reichskanzlers Albrecht von Wern. Von Kindheit an hatte sie die Klassiker gelesen, und ihr Ruf überstrahlte die Hauptstadt.

Wäre der Hof nach der Thronbesteigung des neuen Kaisers nicht in Aufruhr geraten, und hätte ihr Vater sie nicht mit der Begründung in den Palast geschickt, zivile Würdenträger und Herrscher müssten wie Glieder eines Körpers zusammenhalten, dann hätte sie einen begabten Gelehrten geheiratet, mit ihm Gedichte und Wein geteilt und ein Leben von stiller Würde und Freiheit geführt.

Der Eintritt in den Palast war nie ihr Wunsch gewesen.

Doch damals hatte der neue Kaiser das Reich mit dem Schwert befriedet, der Hof war unsicher, die Welt noch nicht zur Ruhe gekommen.

Ihr Vater stand an der Spitze der zivilen Würdenträger. Diese Ehe war das Zeichen eines Bündnisses zwischen Krone und Kanzlerschaft, also nahm sie das kaiserliche Edikt an.

Tief in ihrem Herzen aber gab es auch eine heimliche Erwartung, der sie selbst nicht auf den Grund gehen wollte, denn sie hatte Maximilian tatsächlich einmal bewundert.

Sie hatte jenen General bewundert, der von der Nordgrenze zurückgekehrt war, den Helden, der die Aufstände niedergeschlagen hatte und mit leuchtender Kraft im großen Saal stand, um die Huldigung der Würdenträger entgegenzunehmen.

Mit dieser verborgenen Erwartung trat sie in den Palast, im Glauben, wenigstens ein wenig echte Zuneigung gewinnen zu können.

Bis sie im vierten Monat ihrer Schwangerschaft im kaiserlichen Garten hinter einem künstlichen Felsen hörte, wie Maximilian zur Kaiserin sagte:

„Beruhige dich, Adelheid. In meinem Herzen gibt es nur dich. Die Frau von Wern dient lediglich dazu, die Blutlinie des Kaiserhauses fortzuführen. Sobald das Kind geboren ist, wird es zu dir gebracht und unter deinem Namen erzogen.“

Jedes Wort schnitt ihre Träume entzwei.

In jener Nacht saß sie bis zum Morgengrauen reglos in ihrem Schlafgemach. Keine einzige Träne fiel.

Da begriff sie: Sie hatte keinen Helden geheiratet. Sie war zu einer Schachfigur geworden, zu einem Gefäß.

Sie hatte an den Tod gedacht, doch damals war das Reich eben erst befriedet worden, der Hof noch nicht stabil.

Wenn sie sich das Leben nahm, wäre der Selbstmord einer kaiserlichen Nebengemahlin ein schweres Vergehen und würde ihren Vater mit hineinziehen.

Wenn sie ihren Tod vortäuschte und entkam, hätte sie den Frieden zwischen Herrscher und Kanzlerschaft verraten, den ihr Vater so mühsam für das Reich errungen hatte.

Also konnte sie nur im tiefen Palast weiter ausharren.

Ihre einzige Hoffnung jeden Tag war, bei ihrer Aufwartung in den Gemächern der Kaiserin hinter einem Paravent das Lallen ihres Kindes zu hören.

Selbst ein verschwommener Schatten genügte, um sie einen weiteren Tag überstehen zu lassen.

Nun waren drei Jahre vergangen.

Auch die Tochter war geboren, und beide Kinder waren zu rechtmäßigen Kindern der Kaiserin geworden.

Das Reich war in Frieden, der Hof gefestigt.

Sie, diese politische Schachfigur, hatte ihren Zweck erfüllt und dem Kaiserhaus Erben geschenkt.

Endlich konnte sie frei sein.

Helena lag auf dem Bett und zählte die Tage.

In sieben Tagen würde ihr Vater an den Hof zurückkehren, von seiner Inspektionsreise im Süden.

In diesen drei Jahren hatte ihr Vater draußen für Maximilian die zivilen Würdenträger beruhigt und die Verwaltung geordnet. Sie selbst hatte im Palast die „tugendhafte“ kaiserliche Nebengemahlin gespielt. Vater und Tochter, einer am Hof, eine im inneren Hof, hatten gemeinsam dieses Schauspiel einer vollkommenen Eintracht zwischen Herrscher und Diener aufrechterhalten.

Nun war das Reich in Frieden. Die Nordgrenze war ruhig, die Not im Süden beseitigt. Zwar stritten zivile und militärische Würdenträger am Hof bisweilen, doch das Reich stand fest.

Sie, diese Schachfigur, war aufgebraucht.

Drei Tage später wurde die kleine Prinzessin einen Monat alt.

Die Feier zu ihrem ersten Monat wurde außerordentlich prunkvoll ausgerichtet.

Im Hauptsaal der Gemächer der Kaiserin brannten helle Lichter, und beinahe alle Gemahlinnen der Würdenträger vom dritten Rang aufwärts waren erschienen.

Als Maximilian mit der Kaiserin den Saal betrat, hielt er den ältesten Prinzen im Arm.

Das Kind war drei Jahre alt. Es trug ein kleines Gewand in hellem kaiserlichem Gelb, schlang die Arme um Maximilians Hals und rief: „Vater.“

Die Kaiserin streckte die Hände aus, und das Kind warf sich folgsam in ihre Arme und rief mit weicher Kinderstimme: „Mutter.“

Eine Familie aus drei Menschen, warm und einträchtig.

Helena senkte den Blick und hob ihre Teeschale.

Der Tee war heiß. Ihre Fingerspitzen zitterten leicht.

„Die kaiserliche Nebengemahlin ist gekommen?“ Die Stimme der Kaiserin erklang, von Lächeln getragen. „Ich dachte schon, Ihr fühltet Euch zu unwohl, um zu erscheinen.“

„Der erste Monat der Prinzessin ist ein großes Glück. Selbstverständlich musste ich kommen.“ Helena erhob sich und verneigte sich. Ihre Stimme war ruhig.

„Gut so.“ Die Kaiserin winkte. „Leonhard, komm her. Begrüße die kaiserliche Nebengemahlin.“

Prinz Leonhard von Falkenstein kletterte vom Stuhl, lief mit seinen kleinen Beinen zur Seite der Kaiserin und sah zu Helena auf. Sein Blick war fremd.

„Leonhard, das ist die kaiserliche Nebengemahlin“, sagte die Kaiserin sanft.

Das Kind blinzelte und sagte mit milchiger Stimme: „Meine Grüße, kaiserliche Nebengemahlin.“

Helenas Hände zitterten in ihren Ärmeln, doch auf ihrem Gesicht lag ein Lächeln. „Seine kleine Hoheit hat wahrhaft gute Manieren.“

„Setzt Euch, Nebengemahlin“, sagte Maximilian. Sein Blick verweilte einen Augenblick auf ihr, dann wandte er sich wieder ab.

Das Festmahl ging weiter. Die Damen der Würdenträger sprachen Schmeicheleien, priesen die Prinzessin als schneeweiß und zart, priesen die Güte der Kaiserin und die Weisheit Seiner Majestät.

Helena saß schweigend da. Nur gelegentlich nahm sie mit den Stäbchen etwas von den Speisen, ohne zu schmecken, was sie aß.

Nach mehreren Runden Wein sagte die Kaiserin plötzlich: „Wenn man es genau nimmt, ist die kaiserliche Nebengemahlin schließlich die leibliche Mutter der Prinzessin. Ihr habt das Kind noch gar nicht gehalten, nicht wahr?“

Für einen Augenblick wurde es still im Saal.

Helena hob den Blick und begegnete den lächelnden Augen der Kaiserin.

„Heute ist ihr erster Monat. Da solltet Ihr sie auch einmal halten.“

Während sie sprach, stand die Kaiserin tatsächlich mit dem Kind im Arm auf und ging auf Helena zu.

Die Damen der Würdenträger wandten nacheinander die Köpfe.

Helena erhob sich und streckte die Hände aus.

Das Bündel in ihren Armen war warm. Ein kleines Gesicht kam zum Vorschein, die Augen geschlossen, tief im Schlaf.

Das war ihre Tochter.

Sie hielt sie kaum drei Atemzüge lang, da brach das Kind plötzlich in ein schrilles Weinen aus.

Sofort nahm die Kaiserin es zurück und wiegte es sanft. „Schon gut, schon gut, nicht weinen. Mutter ist hier.“

Seltsam genug: Sobald das Kind wieder in den Armen der Kaiserin lag, wurde sein Weinen allmählich leiser.

Im Saal begannen leise Stimmen zu murmeln.

„Am Ende ist doch die, bei der es aufwächst, die wirkliche ...“

„Geburt zählt weniger als Erziehung.“

„Die kaiserliche Nebengemahlin ist eben noch jung. Sie weiß nicht, wie man ein Kind hält.“

Jeder Satz stach Helena.

Sie stand an Ort und Stelle. Ihre Arme hielten noch immer die Haltung, in der sie das Kind getragen hatte, doch sie waren leer.

Während die Kaiserin das Kind beruhigte, sagte sie entschuldigend: „Nehmt es mir nicht übel, Nebengemahlin. Die Prinzessin fremdelt.“

„Ich war ungeschickt und habe die Prinzessin erschreckt.“

Helena senkte den Blick. Ihre Stimme blieb ruhig. „Ihre Majestät die Kaiserin hat große Mühe mit der Erziehung der Prinzessin. Ich bin zutiefst dankbar.“

Dann wandte sie sich an Maximilian. „Eure Majestät, ich fühle mich etwas unwohl und bitte darum, mich zurückziehen zu dürfen.“

Maximilian betrachtete ihr blasses Gesicht und hielt kurz inne. „Geh. Ruh dich gut aus.“

„Ich danke Eurer Majestät.“

Helena verneigte sich und wandte sich zum Gehen.

Sie spürte die Blicke in ihrem Rücken: mitleidige, spöttische, schadenfrohe.

Als sie aus den Gemächern der Kaiserin trat, war der Himmel bereits dunkel.

Greta stützte sie und sagte leise: „Herrin, kehren wir in Eure Gemächer zurück.“

„Ja.“

Nach wenigen Schritten blieb Helena plötzlich stehen und sah zurück.

Im Saal brannten helle Lichter. Gelächter und fröhliche Stimmen drangen durch das Papier der Fenster.

Sie sah, wie Maximilian zur Kaiserin trat und sich zum Kind hinabbeugte. Die Kaiserin hob den Kopf und lächelte ihn an, während der älteste Prinz sein Bein umklammerte.

Sie sahen wirklich aus wie eine Familie.

Doch dieses Familienglück gehörte anderen.

Mit ihr hatte es nichts zu tun.

Sie wandte den Kopf wieder nach vorn und ging weiter.

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