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Kapitel 4

Author: Scharlachseide
Am nächsten Morgen, noch vor Tagesanbruch, kam die Oberhofmeisterin aus den Gemächern der Kaiserin.

Sie sagte, Seine Majestät habe Helenas Gemächer in der vergangenen Nacht mit missvergnügter Miene verlassen. Gewiss habe die kaiserliche Nebengemahlin ihm schlecht gedient und seinen Zorn erregt; deshalb wolle die Kaiserin ihr die Regeln des Hofes lehren.

Auf den Wegen des Palastes lag dünner Schnee, und der Morgenwind schnitt scharf.

Als Helena den Vorplatz vor den Gemächern der Kaiserin erreichte, saß die Kaiserin bereits unter der Galerie. Sie trug einen Fuchspelz und hielt ein Handwärmbecken im Arm.

„Weiß die kaiserliche Nebengemahlin, worin ihre Schuld besteht?“, fragte Adelheid gemächlich.

Nicht nur die Kaiserin war da. Auch mehrere Nebengemahlinnen waren zur Aufwartung gekommen, dazu vorübergehende Diener des Palastes.

„Ist es wahr, dass die Nebengemahlin gestern Seine Majestät gereizt und seinen Zorn hervorgerufen hat?“ Die Kaiserin saß aufrecht auf ihrem Stuhl und spielte langsam mit ihren goldenen Nagelhülsen.

Helena kniete nieder. „Das käme mir nicht in den Sinn.“

„Niemals wagen?“ Die Kaiserin lachte leise. „Und doch habe ich gehört, Seine Majestät habe Eure Gemächer gestern Nacht mit sehr schlechter Miene verlassen. Als kaiserliche Nebengemahlin könnt Ihr dem Herrscher seine Sorgen nicht erleichtern, sondern macht ihm sogar Verdruss. Welche Strafe verdient das?“

„Ich habe gefehlt. Ich bitte Ihre Majestät die Kaiserin um Unterweisung.“

„Weiß die kaiserliche Nebengemahlin, worin ihre Schuld besteht?“, fragte Adelheid erneut, langsam und jedes Wort auskostend.

Helena kniete und verneigte sich. „Ich habe gefehlt. Ich bitte Ihre Majestät die Kaiserin um Unterweisung.“

„Unverständig? Ich sehe nur, dass Ihr zu viele Gedanken im Kopf habt!“

Adelheids Stimme wurde plötzlich scharf. „Gestern hat Seine Majestät sich herabgelassen, Euch zu besuchen, doch Ihr wusstet keine Dankbarkeit und habt ihn so gereizt, dass er im Zorn fortging. Sind das die Regeln, die man Euch im Hause Wern gelehrt hat? Ist das die Erziehung der ersten Gelehrtentochter der Hauptstadt?“

Helena hielt den Kopf gesenkt, während sich ihre Hände in den Ärmeln leicht zusammenzogen.

„Anscheinend seid Ihr nicht überzeugt.“

Adelheid lächelte kalt. „Nun gut. Da Ihr die Regeln nicht gelernt habt, werde ich sie Euch heute eigenhändig beibringen. Ihr kniet hier auf dem Palastweg und rezitiert hundertmal die Schriften über weibliche Tugend und innere Zucht. Erst wenn Ihr fertig seid, dürft Ihr aufstehen. Der ganze innere Hof soll sehen, was geschieht, wenn man den Kaiser nicht ehrt und der Kaiserin nicht gehorcht.“

Es war mitten im Winter, und der Morgenwind schnitt wie eine Klinge.

Der Platz war weit und offen. Die Palastdiener wagten zwar nicht, direkt hinzusehen, doch jeder konnte die kaiserliche Nebengemahlin auf dem eiskalten Stein knien sehen.

Helena richtete den Rücken auf und begann zu rezitieren.

Ihre Stimme war klar und ruhig, Wort für Wort, getragen vom kalten Wind.

Sie begann mit den Abschnitten über Demut und Schwäche, kam zu den Geboten der Eintracht und Treue, dann zu den Kapiteln der höfischen Unterweisung über Tugend und Gesinnung ... Ihre Knie gingen vom Stechen in Taubheit über, ihre Lippen froren violett an, doch ihr Rücken blieb die ganze Zeit kerzengerade.

Eine Stunde verging, dann eine zweite ...

Anfangs hörte Adelheid noch mit sichtlichem Vergnügen zu. Doch als sie sah, dass Helena tatsächlich ohne einen einzigen Fehler weiterrezitierte, wurde ihr Gesicht immer düsterer.

Vor allem, wenn gelegentlich eine niedriger gestellte Nebengemahlin oder ein verwaltender Kämmerer vorbeikam und in den Augen einen kaum verborgenen Anflug von Mitleid für Helena zeigte, loderte ihr Zorn noch höher.

„Genug!“ Adelheid unterbrach sie abrupt. „Ihr rezitiert flüssig, gewiss. Das zeigt nur, dass Ihr im Alltag totes Wissen auswendig lernt, ohne die Lehren der Weisen zu begreifen! Euer Vater, Reichskanzler Albrecht von Wern, wird als Meister der Gelehrten im ganzen Reich gepriesen. So also hat er seine Tochter erzogen? Wenn er eine Tochter hervorbringt, die keinen Sinn für das Wohl des Reiches hat und dem Herrscher keine Rücksicht entgegenbringt, dann hat auch er versagt!“

Helenas bisher gesenkte Wimpern hoben sich jäh.

Ihr Vater war ihre Grenze.

Sie konnte jede Demütigung ertragen, doch niemals würde sie zulassen, dass jemand den makellosen Namen ihres Vaters beschmutzte, erst recht nicht mit einer aus der Luft gegriffenen Schuld.

Sie sah Adelheid direkt an. Ihre Stimme war von Kälte und langem Durst heiser, doch in ihr lag eine klare Strenge. „Wenn Ihre Majestät die Kaiserin mich unterweist, nehme ich es hin. Doch mein Vater hat sein Leben lang der Krone treu gedient, Tag und Nacht dem Amt vor sich selbst den Vorrang gegeben, den Hof stabilisiert und die Gelehrten und Schreiber des Reiches befriedet. Kein Augenblick seines Dienstes war nachlässig. Diese Worte kann ich nicht anerkennen. Ich fürchte sogar, sie könnten das Herz eines treuen Dieners verletzen und den Ruhm der Weisheit Seiner Majestät beschädigen.“

„Ihr wagt es, mir zu widersprechen?!“

Adelheid geriet außer sich. Sie trat rasch vor und hob die Hand zu einer Ohrfeige.

Klatsch!

Der helle Schlag klang auf dem leeren Vorplatz besonders schneidend.

Helenas Gesicht wurde zur Seite geschlagen. Auf ihrer hellen Wange zeichnete sich rasch ein geröteter, geschwollener Abdruck von Fingern ab.

Langsam wandte sie den Kopf zurück. An ihrem Mundwinkel trat ein Faden Blut hervor, doch ihr Blick blieb gerade auf Adelheid gerichtet und wich nicht zurück.

„Gut. Sehr gut, die Tochter eines treuen Dieners! Was für eine scharfe Zunge!“

Adelheids Brust hob und senkte sich vor Zorn. „Kommt her!“

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