Se connecterIn dem Moment, in dem Lilian durch die großen Türen der Rudelhalle trat, vibrierte die Luft hinter ihr noch immer von dem, was gerade in ihr erwacht war, als könne der Raum selbst nicht entscheiden, ob er Zeuge ihrer Zerstörung oder des Beginns von etwas weit Gefährlicherem gewesen war, und obwohl das Band, das sie einst an diesen Ort gebunden hatte, verschwunden war, hing sein Echo noch immer schwach hinter ihr wie eine Erinnerung, die sich weigert, vollständig zu verblassen.
Doch niemand wagte es, sie aufzuhalten, nicht weil der Wille fehlte, sondern weil etwas an der Art, wie sie sich nun trug, jede Einmischung unvernünftig, beinahe riskant erscheinen ließ, als hätte sich die Ruhe, die sie ausstrahlte, in etwas verschoben, das sich nicht mehr mit der Frau messen ließ, die sie gerade noch verstoßen hatten. Die Korridore außerhalb der Halle waren stiller, doch nicht friedlich, eher erwartungsvoll, als würde das gesamte Haus den Atem anhalten, ohne zu verstehen, warum, und während sie hindurchging, wurde ihr bewusst, wie anders sich alles anfühlte, nicht weil der Ort sich verändert hatte, sondern weil sie es getan hatte. Die Zurückweisung, die sie hätte brechen sollen, lag nicht länger schwer auf ihr wie zuvor, sondern war ersetzt worden durch ein langsames, stetiges Bewusstsein für etwas in ihr, das auf diese neu gewonnene Freiheit reagierte auf eine Weise, die sie selbst noch nicht benennen konnte. Hinter ihr blieben die Hallentüren lange genug offen, dass sie die letzte Verschiebung darin spüren konnte, eine Welle aus Verwirrung und Unruhe, die sich dort ausbreitete, wo zuvor Gewissheit gewesen war, und dann schlossen sie sich mit leiser Endgültigkeit, nicht dramatisch, aber unumstößlich, und in diesem Geräusch setzte sich etwas in ihr endgültig an seinen Platz. Als sie den äußeren Innenhof erreichte, traf sie der Wind anders als zuvor, kälter, schärfer, fast lebendig, und zum ersten Mal nahm sie wahr, wie tief sie alles um sich herum spüren konnte, nicht nur sehen oder hören, sondern unter der Oberfläche wahrnehmen, als hätte sich die Welt selbst ihrer Wahrnehmung angepasst. Sie blieb stehen, ohne zu wissen warum, ihr Atem ruhig, während ihre Augen sich instinktiv schlossen, und in dieser Stille spürte sie es erneut, diesmal stärker, nicht als Flackern, sondern als Puls, tief, leise und unbestreitbar, der aus einem Teil von ihr aufstieg, der nie wirklich erwacht war, weil er nie hatte erwachen dürfen. Ihr Körper reagierte, bevor ihr Verstand Bedeutung formen konnte, eine subtile Bewegung, die sie scharf einatmen ließ, während etwas unter ihrer Haut auf etwas Altes reagierte, älter als alles, was sie je gekannt hatte. Als sie die Augen öffnete, wirkte die Welt nicht mehr dieselbe, denn sie konnte es nun fühlen, nicht das Rudel, nicht das Band, nicht das Leben, das man ihr aufgezwungen hatte, sondern sich selbst, nicht so, wie sie benannt oder geformt worden war, sondern als etwas anderes, das unter all den Schichten erzwungener Stille gewartet hatte. Und diese Präsenz in ihr regte sich erneut, stärker jetzt, sicherer, als hätte sie endlich die Erlaubnis bekommen zu existieren. Hinter ihr näherten sich Schritte, vorsichtig und zögernd, und ohne sich umzudrehen wusste sie bereits, dass sie nicht länger unsichtbar war wie früher, denn was auch immer in der Halle erwacht war, war ihr nach draußen gefolgt. Als sie sich schließlich langsam und bewusst umdrehte, verstand sie etwas, das sich schwer und unumkehrbar in ihre Brust legte: Sie sahen nicht länger eine verstoßene Luna. Sie sahen etwas, das noch keinen Namen hatte. Und genau das veränderte alles.Der Morgen kam still.Zum ersten Mal seit langer Zeit war der nördliche Wald nicht vom Heulen der Wölfe erfüllt.Kein Rudel griff das andere an.Keine Waffen lagen auf dem Boden.Keine Wächter standen zwischen den Bäumen.Die alte Ordnung war vorbei.Lilian stand auf einem kleinen Hügel und sah über das Tal.Unter ihr hatten sich die verschiedenen Rudel versammelt. Einige waren noch misstrauisch. Andere sprachen bereits miteinander, obwohl ihre Familien seit Jahren verfeindet gewesen waren.Es würde Zeit brauchen.Lilian wusste das.Freiheit bedeutete nicht, dass plötzlich alles perfekt wurde.Freiheit bedeutete, dass jeder selbst entscheiden durfte, wie die Zukunft aussehen sollte.Zarek trat neben sie.„Du hast die ganze Nacht nicht geschlafen.“Lilian lächelte schwach.„Du auch nicht.“„Ich habe auf dich aufgepasst.“„Das musst du nicht mehr.“Zarek sah sie an.„Ich weiß.“Er schwieg kurz.„Aber ich will.“Lilian sah wieder ins Tal.„Es fühlt sich seltsam an.“„Was?“„Dass es vorbe
Das Heulen wurde lauter.Lilian stand am Eingang der Höhle und sah hinaus auf den dunklen Wald. Zwischen den Bäumen bewegten sich unzählige Schatten. Wölfe kamen aus allen Richtungen.Sie waren gekommen, weil sie die Quelle gespürt hatten.Und jetzt wussten sie, dass sie in Lilian lebte.Zarek stellte sich neben sie.„Sie kommen.“Lilian nickte.„Ich weiß.“Kael hielt seine Waffe fest.„Wie viele?“Aren sah in den Wald.„Mehr, als wir aufhalten können.“Darius blieb ruhig.„Dann kämpfen wir nicht gegen alle.“Lilian sah ihn an.„Was sollen wir sonst tun?“„Wir geben ihnen einen Grund, nicht zu kämpfen.“Lilian sah wieder nach draußen.Immer mehr Wölfe erschienen.Einige trugen Waffen.Andere waren bereits in ihrer Wolfsform.Doch niemand griff an.Sie warteten.Lilian trat langsam aus der Höhle.Sofort wurde es still.Tausende Augen richteten sich auf sie.Sie spürte ihre Angst.Ihre Unsicherheit.Ihre Hoffnung.Dann trat ein alter Wolf aus der Menge.Er verwandelte sich in einen Mann
Der Weg führte tiefer in den Berg.Aren ging voran, ohne sich umzudrehen.Lilian folgte ihm dicht dahinter. Zarek und Kael waren an ihrer Seite, während Darius und ihre Mutter etwas weiter hinten gingen.Niemand sprach.Die Höhle wurde immer enger.An den Wänden erschienen alte Symbole, die Lilian noch nie zuvor gesehen hatte.Einige zeigten Wölfe.Andere zeigten den Mond.Doch eines wiederholte sich immer wieder.Ein Wolf stand vor einem großen silbernen Tor.Lilian blieb stehen.„Was ist das?“Aren drehte sich um.„Der Ursprung.“„Der Ursprung von was?“„Von allem.“Lilian sah ihn misstrauisch an.„Das ist keine Antwort.“Aren ging zurück zu ihr.„Bevor es Rudel gab, bevor es Lunas gab und bevor die Mondquelle überhaupt einen Namen hatte, gab es einen Ort.“Er deutete auf das Tor.„Hier.“Lilian betrachtete es.„Was befindet sich dahinter?“Aren sah zu Darius.„Das solltest du ihm erzählen.“Darius blieb stehen.Lilian sah ihn an.„Was ist dahinter?“Darius schwieg.Aren antwortete
Lilian konnte Selene nicht mehr sehen.Die Frau war einfach verschwunden.Doch ihre letzten Worte waren geblieben.Darius ist dein Vater. Aber er ist nicht der Einzige, der bei deiner Geburt eine Rolle gespielt hat.Lilian drehte sich langsam zu ihrer Mutter um.Ihre Mutter stand einige Schritte entfernt und weinte.Ihr Vater sah zu Boden.Darius war still.Zarek und Kael sagten ebenfalls nichts.Lilian sah jeden von ihnen an.„Wer war noch bei meiner Geburt?“Niemand antwortete.Lilian schluckte.„Ich habe gefragt, wer noch bei meiner Geburt war.“Ihre Mutter schloss die Augen.„Lilian, bitte.“„Nein.“Lilian ging auf sie zu.„Nicht wieder.“Ihre Mutter sah sie an.„Du hast gerade erst erfahren, wer dein Vater ist. Gib dir etwas Zeit.“„Zeit?“Lilian lachte bitter.„Ich habe zwanzig Jahre damit verbracht, die falsche Wahrheit zu glauben.“Sie deutete auf Darius.„Dann erfahre ich, dass er mein Vater ist.“Dann zeigte sie auf den zerbrochenen Kristall.„Dann erfahre ich, dass die Mond
Die Höhle explodierte in silbernem Licht.Lilian hörte Schreie.Steine stürzten von der Decke.Der Boden unter ihren Füßen bebte so stark, dass sie beinahe das Gleichgewicht verlor.„Lilian!“Zarek packte ihren Arm.„Komm weg von dem Kristall!“Sie schüttelte den Kopf.„Nein!“„Er zerbricht!“„Das ist der Punkt!“Darius sah sie erschrocken an.„Du kannst die Energie nicht einfach freisetzen.“Lilian sah ihn an.„Warum nicht?“„Weil niemand weiß, was dann passiert.“„Dann finden wir es heraus.“Ein weiterer Teil des Kristalls brach ab.Silbernes Licht schoss durch die Halle.Die Wölfe des verlorenen Rudels gingen zurück.Ihr Anführer brüllte:„Greift sie an!“Hunderte Wölfe stürmten gleichzeitig nach vorne.Zarek zog seine Waffe.Kael stellte sich neben ihn.Darius hob seine Hand.„Niemand kommt zu meiner Tochter.“Dunkle Energie schoss aus seinem Körper und traf die ersten Angreifer.Sie wurden zurückgeschleudert.Lilian sah ihn überrascht an.„Du hast noch Kräfte.“Darius nickte.„Ei
Der Weg zum nördlichen Berg war länger, als Lilian erwartet hatte.Der Mond stand hoch am Himmel, während sie durch den dichten Wald gingen. Marcus lief einige Meter vor ihnen. Er sprach kaum ein Wort.Lilian folgte ihm, während Zarek und Kael hinter ihr gingen.Seit sie das versteckte Gebäude verlassen hatten, hatte niemand mehr gesprochen.Lilian konnte die Worte ihrer Mutter nicht vergessen.Darius.Ihr leiblicher Vater.Ein Mann, von dem sie geglaubt hatte, er sei seit Jahren tot.Ein Mann, der angeblich die zweite Hälfte der Mondquelle suchte.Ein Mann, der seit ihrer Geburt von ihr wusste.Je länger sie darüber nachdachte, desto mehr Fragen entstanden.Schließlich blieb Lilian stehen.Marcus drehte sich um.„Was ist?“„Wie lange noch?“„Nicht mehr lange.“„Das sagst du seit einer Stunde.“Marcus sah sie kurz an.„Wir sind fast da.“Lilian ging weiter.Nach wenigen Minuten wurde der Wald dünner.Vor ihnen erhob sich der nördliche Berg.Er war riesig.Seine Spitze verschwand in de







