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Kapitel 6

Author: Anonym
An diesem Tag kniete ich vor dem Krankenbett meiner Mutter und weinte.

Hilflos.

Sehr lange.

Irgendwann waren keine Tränen mehr da. Meine Kehle brannte, meine Stimme war heiser. Und trotzdem konnte ich nicht aufhören.

Die Krankenschwester, die sich die ganze Zeit um meine Mutter gekümmert hatte, trat mit geröteten Augen zu mir und erzählte mir von ihren letzten Worten.

„Ihre Mutter hat in ihren letzten Momenten immer wieder Ihren Namen gerufen.“

„Sie sagte, egal warum Sie es nicht rechtzeitig geschafft haben, sie nimmt es Ihnen nicht übel.“

„Sie wünschte sich nur, dass Sie mit Ihrem Mann glücklich werden.“

„Und sie sagte auch, Dante ist ein guter Junge. Damals hat sie sich nicht in ihm getäuscht.“

„Sie sollten ihm nicht böse sein. Sie sollten ihn gut festhalten.“

Als ich diese Worte hörte, fühlte es sich an, als würde mir jemand bei lebendigem Leib das Herz aus der Brust reißen.

Meine Mutter kannte die Wahrheit bis zu ihrem Tod nicht.

Bis zuletzt glaubte sie, Dante sei ein guter Mensch.

Bis zuletzt dachte sie nur an mein Glück.

Und ich?

Ich hatte es nicht einmal geschafft, sie ein letztes Mal zu sehen.

Ich hielt ihre kalte Hand und saß wie versteinert auf dem Boden. Lange brachte ich kein einziges Wort heraus.

An alles, was danach kam, erinnerte ich mich kaum noch.

Die Rückkehr nach Springfield, in unsere alte Heimat.

Die Einäscherung.

Die Beerdigung.

Alles geschah wie in einem langen, dumpfen Traum.

Ich erledigte jeden Schritt mechanisch. Innen war ich erschreckend leer.

Am Ende saß ich in einem schlichten Bestattungsinstitut.

Um mich herum war nichts als Leere.

Kein einziger Mensch kam, um Abschied zu nehmen.

Denn die Familie Falcone hatte längst eine Botschaft verbreiten lassen.

Wer es wagte, zur Beerdigung von Sophia Rossis Mutter zu erscheinen, stellte sich gegen die Familie Falcone.

Und damit gegen die gesamte Unterwelt von Boston.

Selbst die Nachbarn, die meiner Mutter früher nahestanden, wagten es nicht, aufzutauchen.

Ich hielt ganz allein Totenwache.

Dann rief ich Dante ein letztes Mal an.

Wenigstens sollte er kommen und die Frau sehen, die ihm einst geholfen hatte.

Wenigstens sollte er meiner Mutter die letzte Ehre erweisen.

Als die Verbindung stand, merkte ich erst, wie heiser meine Stimme war.

Ich nahm all meine Kraft zusammen und brachte nur ein paar Worte hervor.

„Mama ... ist gestorben.“

Doch aus dem Telefon erklang Olivias sanfte, süße Stimme.

„Oh. Wie bedauerlich.“

„Aber Dante hat im Moment wirklich keine Zeit für dich.“

„Er begleitet mich gerade zu einem sehr wichtigen Gipfel der American Medical Association und der Familienstiftung.“

„Wir haben eben eine OP-Demonstration beendet und gehen jetzt zu einer Champagnerparty, um das zu feiern.“

„Wer ist dran?“, hörte ich Dantes Stimme im Hintergrund.

Sein Ton klang leicht.

Fast belustigt.

Offenbar war er bester Laune.

Ausdruckslos legte ich auf.

Dann kniete ich drei Tage und drei Nächte in der Trauerhalle. Ich schlief kein einziges Mal.

In meinem Kopf liefen immer wieder die Bilder aus dem Leben meiner Mutter ab.

Wie sie an allem sparte, damit ich in Harvard studieren konnte.

Wie sie die ganze Nacht an meinem Bett wachte, wenn ich krank war.

Wie sie sich vor mich stellte, wenn mich jemand verletzte.

Und ich hatte es nicht einmal geschafft, sie ein letztes Mal zu sehen.

Danach kehrte ich ruhig nach Boston zurück.

Ich kaufte ein Flugticket.

Ich ordnete mein Vermögen.

Ich regelte alles, was geregelt werden musste.

Und dann stimmte ich zu, mich von Dante scheiden zu lassen.
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