LOGINAmaras Sicht
Beim ersten Mal, als ich versuchte, meine Macht zu benutzen, hätte ich fast alles um mich herum zerstört.
Der Trainingsplatz des Silver Court war an diesem Morgen still, aber nicht friedlich. Es war die Art von Stille, die auf etwas Gefährliches wartet. Elder Selene stand mir gegenüber, die Arme verschränkt, und beobachtete mich, als wollte sie etwas in meinen Knochen lesen.
„Kämpfe nicht dagegen an“, sagte sie sanft.
„Lass es durch dich hindurchfließen.“Ich schluckte schwer.
„Ich weiß nicht einmal, was ich tun soll“, sagte ich.
Selene antwortete nicht sofort.
Stattdessen hob sie die Hand, und eine der Steinsäulen im Hof begann leicht zu zittern.
„Konzentriere dich“, sagte sie.
„Rufe es ohne Angst.“Ich starrte die Säule an.
Zuerst geschah nichts.
Ich kam mir dumm vor, wie ich da stand, als würde ich so tun, als wäre ich etwas, das ich nicht war. Meine Hände zitterten. Meine Brust fühlte sich eng an.
„Ich kann nicht“, flüsterte ich.
Selenes Stimme wurde weicher.
„Du hast es schon getan“, sagte sie.
„Im Wald. Als du dich verwandelt hast. Das war kein Zufall. Das war Instinkt.“Ich schloss die Augen.
Für einen Moment erinnerte ich mich an alles.
Kaels Stimme.Die Zurückweisung.Den Schmerz.Die Schurken.Den Moment, in dem etwas in mir aufbrach und sich neu aufbaute.Mein Atem veränderte sich.
Etwas in meiner Brust regte sich wieder.
Warm.Lebendig.Als hätte es nur darauf gewartet, dass ich aufhörte, Angst zu haben.Und dann kam es.
Die Luft um mich herum verschob sich so schnell, dass ich es kaum verstand.
Wind explodierte von meinem Körper aus.Die Steinsäule bekam Risse.
Ich öffnete die Augen vor Schreck.
„Ich wollte nicht“
Bevor ich den Satz beenden konnte, bebte der Boden leicht.
Selene hob schnell die Hand und stoppte die Energie, bevor sie sich weiter ausbreiten konnte.
Ihr Ausdruck war nicht wütend.
Er war beeindruckt.„Du bist gefährlich“, sagte sie leise.
Mein Magen sackte ab.
„Das ist keine gute Sache“, sagte ich sofort.
Sie schüttelte den Kopf.
„Es ist auch keine schlechte Sache“, erwiderte sie.
„Es ist einfach die Wahrheit.“Ich wich zurück, mein Atem unregelmäßig.
„Ich will niemanden verletzen“, sagte ich.
Selene kam näher.
„Dann musst du schneller als jeder andere lernen, sie zu kontrollieren“, sagte sie.
Gleichzeitig, weit entfernt im Shadow-Moon-Rudel, stand Kael in der Ratskammer mit Luca Storm an seiner Seite.
Die Halle war voller Anspannung. Rudelmitglieder sprachen mit leisen Stimmen und stritten über die seltsamen Störungen seit der Paarungszeremonie.
Kael sprach zuerst nicht.
Seine Gedanken waren woanders.Jedes Mal, wenn er die Augen schloss, sah er sie.
Amara Blackwood.Nicht so, wie sie ausgesehen hatte, als sie weglief.Sondern den Moment, in dem sie ihn angesehen hatte, bevor alles zerbrach.Luca lehnte sich näher.
„Du bist schon seit Tagen so“, sagte Luca leise.
„Du bist nicht bei der Sache.“Kaels Kiefer spannte sich an.
„Mir geht es gut“, erwiderte er.
Aber Luca glaubte ihm nicht.
„Du hast sie zurückgewiesen“, sagte Luca vorsichtig.
„Und trotzdem fühlt sich das Rudel seit dieser Nacht nicht mehr stabil an.“Kaels Augen wurden schärfer.
„Willst du sagen, es ist ihre Schuld?“
Luca zögerte.
„Ich sage, dass etwas mit ihr verbunden ist“, sagte er.
Kael antwortete nicht sofort.
Denn tief in ihm spürte er es ebenfalls.
Etwas stimmte nicht damit, wie alles auseinandergefallen war.Und es hatte begonnen, als sie ging.Währenddessen stand Lyra Voss allein in ihrer Kammer und starrte in einen Spiegel, der mehr als nur ihr Gesicht widerspiegelte.
Ihr Lächeln war verschwunden.
Vollkommen verschwunden.Sie griff nach einem kleinen Fläschchen auf ihrem Tisch. Dunkle Flüssigkeit bewegte sich darin, als wäre sie lebendig.
Eine Stimme sprach aus den Schatten hinter ihr.
„Du verlierst die Kontrolle über ihn.“
Lyra drehte sich nicht um.
„Ich verliere gar nichts“, sagte sie leise.
Die Stimme trat näher.
„Kael denkt an sie“, sagte sie.
Daraufhin schlossen sich Lyras Finger fester um das Fläschchen.
„Ich weiß“, sagte sie.
Die Gestalt im Schatten lachte leise.
„Dann weißt du, was als Nächstes geschehen muss.“
Lyra drehte sich endlich um.
Ihre Augen waren nicht mehr sanft.Sie waren scharf.Kalt.„Ich bin nicht so weit gegangen, nur um ersetzt zu werden“, sagte sie.
Zurück im Silver Court führte Selene mich in einen tieferen Teil der Ruinen.
„Das geht nicht nur um Macht“, sagte sie.
„Es geht um Erinnerung.“Ich runzelte die Stirn.
„Erinnerung?“
Sie blieb vor einer Wand voller leuchtender Symbole stehen.
„Ja“, sagte sie.
„Deine Blutlinie trägt die Erinnerung an ein Königreich, das ausgelöscht wurde. Und Ronan Darkmoor ist der Grund, warum es ausgelöscht wurde.“Meine Brust zog sich zusammen.
„Dieser Name wieder“, flüsterte ich.
Selene legte ihre Hand auf die Wand.
Und plötzlich leuchteten die Symbole heller.
Bilder erschienen in der Luft wie lebendig gewordene Schatten.
Ein Königreich.Goldene Türme.Sich verbeugende Wölfe.Eine Königin unter dem Mond.Und dann Feuer.
Zerstörung.Schreie.Mein Atem stockte.
Ich taumelte zurück.„Was ist das?“, flüsterte ich.
Selene sah mich an.
„Das ist deine Vergangenheit“, sagte sie.
„Oder das, was davon übrig ist.“Meine Kehle schnürte sich schmerzhaft zu.
„Ich erinnere mich nicht daran“, sagte ich.
„Du solltest es auch nicht“, erwiderte sie.
Meine Hände zitterten.
„Warum ich?“, fragte ich leise.
„Warum ist mir das alles passiert?“Selenes Ausdruck wurde weicher.
„Weil du die Einzige bist, die aufhalten kann, was kommt“, sagte sie.
Eine lange Stille legte sich zwischen uns.
Dann fügte sie leiser hinzu:
„Und die Einzige, die Ronan Darkmoor überleben kann, wenn er zurückkehrt.“Dieser Name wieder.
Jetzt fühlte er sich nicht mehr wie ein Wort an.Er fühlte sich wie eine Warnung an.Im Shadow-Moon-Rudel traf Kael endlich eine Entscheidung.
„Ich brauche Antworten“, sagte er plötzlich.
Luca runzelte die Stirn.
„Worüber?“
Kaels Augen verdunkelten sich leicht.
„Über sie“, sagte er.
Lyras Name wurde nicht ausgesprochen.
Aber jeder im Raum verstand, wen er meinte.Und irgendwo tief im Wald stand Amara Blackwood in den Ruinen des Silver Court und starrte auf die leuchtenden Symbole eines vergessenen Königreichs.
Und zum ersten Mal seit ihrer Zurückweisung erkannte sie etwas Schreckliches.
Ihr Leben war nicht zerbrochen.
Es war neu geschrieben worden.Amaras PerspektiveDie nächsten drei Tage waren ein einziger, schmerzhafter Tanz zwischen Kraft undKontrolle.Ich trainierte von Sonnenaufgang bis tief in die Nacht. Selene zeigte mir, wie man die Machtnicht nur freisetzt, sondern formt wie ein Schwert, das man führt, statt eine Flut, die einenmitreißt. Es war härter, als irgendetwas, das ich je getan hatte. Jedes Mal, wenn ich die Kraftrief, spürte ich Ronan irgendwo in der Ferne. Wie ein Schatten, der auf mein Licht wartete.Kael blieb.Er half beim Wiederaufbau der Mauern. Er kämpfte neben den Wölfen des Silberhofs, ohnezu fragen, ob er willkommen war. Er sprach wenig mit mir, aber ich spürte ihn ständig. DieVerbindung zwischen uns war kein reißendes Band mehr. Sie war zu etwas Ruhigeremgeworden. Ein leises Pochen. Ein Echo, das nicht mehr wehtat, sondern nur noch… da war.Und das machte mir mehr Angst als alles andere.Am Abend des dritten Tages stand ich allein in der großen Halle der Ruinen. Die altenSymbole an den Wänden
Amaras PerspektiveDer Morgen nach dem Angriff roch nach Blut und verbranntem Gras.Ich saß auf den Stufen vor den Ruinen, die Hände noch immer leicht leuchtend, obwohl ichversuchte, das Licht zurückzuhalten. Mein Körper fühlte sich ausgelaugt an, als hätte ich dieganze Nacht gekämpft und in gewisser Weise hatte ich das auch. Nicht nur gegen dieRoggen. Sondern gegen mich selbst.Kael war noch da.Er hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. Ich spürte es, ohne hinsehen zu müssen. Diezerbrochene Verbindung zwischen uns war wie eine offene Wunde, die bei jedem seinerBewegungen schmerzte. Er stand ein paar Meter entfernt und sprach leise mit Luca und zweiWölfen des Silberhofs. Seine Stimme war ruhig, aber ich hörte die Erschöpfung darin. Undetwas anderes. Etwas, das wie Hoffnung klang. Das machte mich wütend.Selene setzte sich neben mich. Sie hatte eine Schramme auf der Wange, aber sonst wirkte sieunerschütterlich.„Du hast gut gekämpft“, sagte sie leise.„Ich habe fast alles zerst
Amaras PerspektiveDas erste Heulen kam kurz nach Mitternacht.Es war kein normales Heulen. Es war rau, hungrig und voller Hass. Es hallte durch die altenBäume und ließ die Steine des Silberhofs leise vibrieren. Ich stand sofort auf. Mein Herzschlug so hart, dass ich es in meinen Ohren hörte. Die Kraft in mir erwachte sofort heiß,wach, bereit.Selene war schon draußen. Sie hatte den Stab in der Hand, den ich noch nie in Aktiongesehen hatte. Ihre Augen leuchteten silbern im Mondlicht.„Sie sind mehr als erwartet“, sagte sie ruhig. „Jemand hat sie geschickt, um dich zu testen.“Ich nickte. Meine Kehle war trocken. „Dann lass uns ihnen zeigen, dass ich kein Test mehrbin.“Die ersten Roggen brachen aus dem Wald. Dunkle Gestalten mit roten Augen und verzerrtenGesichtern. Sie waren nicht hier, um zu reden. Sie waren hier, um zu töten.Ich hob die Hände, bevor ich überhaupt darüber nachdachte. Die Kraft strömte aus mir herauswie ein Atemzug, den ich zu lange angehalten hatte. Ein silbr
Amaras PerspektiveDas Training am nächsten Morgen fühlte sich nicht wie Training an. Es fühlte sich an wieStrafe.Meine Muskeln brannten, mein Kopf dröhnte, und jedes Mal, wenn ich versuchte, die Kraftzu lenken, die in mir wohnte, reagierte sie wie ein wildes Tier mal gehorsam, mal bissig undunberechenbar. Selene stand ein paar Schritte entfernt, die Arme verschränkt, das Gesichtruhig, aber ihre Augen verrieten, dass sie genau sah, wie sehr ich kämpfte.„Nicht mit Gewalt“, sagte sie zum dritten Mal. „Du bist kein Sturm, den man zwingt. Du bistder Mond. Du ziehst. Du rufst.“Ich wischte mir Schweiß aus den Augen und starrte auf den großen Stein, den ich bewegensollte. Nicht zerbrechen. Nur bewegen. Meine Hände zitterten noch von den letztenVersuchen. Das silbrige Leuchten war jetzt ständig da, schwach, aber immer präsent, wieeine zweite Haut, die ich nicht ablegen konnte.„Ich habe nie etwas gerufen“, murmelte ich. „Ich habe immer nur versucht, nicht gehört zuwerden.“Selene
Amaras PerspektiveDas Leuchten auf meinen Händen war immer noch nicht verblasst.Ich saß auf dem kalten Steinboden der tiefsten Kammer, die Knie angezogen, und starrte aufdas silbrige Licht, das unter meiner Haut pulsierte, als hätte es schon immer dort gewartet.Als hätte es nur darauf gewartet, dass ich aufhörte, so zu tun, als wäre ich normal.Mein Körper fühlte sich falsch an. Zu leicht und gleichzeitig zu schwer. Jeder Atemzugkratzte an etwas Neuem in meiner Brust. Kein Schmerz im eigentlichen Sinne. EtwasSchärferes. Etwas, das meinen Namen in einer Sprache kannte, die älter war als Worte.Selene war nicht weit weggetreten. Sie beobachtete mich, wie man einen Sturm beobachtet,den man sich herbeigesehnt und gleichzeitig gefürchtet hat.„Du hast sie gesehen“, sagte sie leise. „Vyrtha.“Ich nickte einmal. Meine Kehle war immer noch rau von dem Schrei, der während derVerwandlung aus mir herausgerissen worden war. Die Vision spielte sich immer wiederhinter meinen Augen ab der g
Amaras SichtIn der Nacht, in der ich aufhörte, menschlich zu sein, fühlte ich mich zuerst nicht mächtig.Ich fühlte Angst.Ich stand allein in der tiefsten Kammer des Silver Court, wo die Luft so still war, als würde selbst die Zeit zuhören. Die leuchtenden Symbole an den Wänden pulsierten sanft, als würden sie mit mir atmen. Elder Selene sprach nicht mehr. Sie beobachtete nur.Wartete.Als würde gleich etwas geschehen, das sie bereits in einem Traum gesehen hatte.Meine Hände zitterten wieder.„Ich bin nicht bereit“, flüsterte ich.Selenes Stimme war ruhig.„Du wirst dich nie bereit fühlen“, sagte sie.„So erwacht königliches Blut nicht.“Ich schluckte schwer.Die Worte „königliches Blut“ fühlten sich immer noch nicht echt in meinem Mund an. Sie gehörten jemand anderem. Jemand Stärkerem. Jemand Mutigerem. Nicht mir.„Ich bin nur Amara“, sagte ich erneut, als würde es wahr werden, wenn ich es oft genug wiederholte.Selene trat näher.„Nein“, sagte sie sanft.„Du bist das, was der Mon