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Vierundsiebzig

Author: Nekky
last update publish date: 2026-09-06 04:25:05

Olivias Sichtweise

„Lade Cara hierher ein“, sagte ich. „Lass sie erklären, was sie dir wirklich bedeutet. Vielleicht verzeihe ich dir dann tatsächlich, dass du ihr mehr vertraut hast als mir.“

„Das ist nicht nötig, Olivia“, stöhnte Cameron, während sich sein Gesichtsausdruck veränderte.

„Ist sie nicht eine wichtige Kriegerin dieses Rudels?“, fragte ich und zitierte ihn. „Wie wichtig ist sie, wenn du ihr keine offizielle Einladung schicken kannst – oder hat sie inzwischen irgendeine Art von Kont
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    Olivias SichtweiseCameron schickte das Salz nicht los.Er stand lange am Rand des dunklen Abgrunds und starrte hinein. Über unsere Verbindung konnte ich jeden seiner Gedanken spüren. Er hatte Angst, dachte aber auch an den kleinen Kohlefleck auf seiner Hand.„Wir steigen hinab“, sagte er schließlich. „Langsam. Ich, Olivia, Maera, Harlan und vier Krieger. Alle anderen bewachen den Eingang oben.“„Alpha“, sagte Harlan, „so verlieren wir unsere gesamte Führung in einem einzigen Loch.“„Dann bleib hier oben und sei derjenige, der sich wohlwollend an mich erinnert.“Harlan seufzte, wie es nur ein alter Freund tut. „Na gut. Ich komme mit. Aber ich werde jedem erzählen, dass mir das nicht gefällt.“Wir befestigten Seile an einem kräftigen Baum. Wir zündeten Laternen an. Maera streute Salz entlang der Kante des Abgrunds, doch nur in einem dünnen Kreis, um uns zu schützen – nicht, um etwas auszusperren.Dann stiegen wir hinab.Der Durchgang war anfangs eng. Kalter Stein schrammte an meinen Sc

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    Olivias SichtweiseElara schlief drei Tage lang.Ich saß die ganze Zeit an ihrem Bett. Cameron saß auf der anderen Seite. Die Heilerin kam und ging, und jedes Mal sagte sie dasselbe: „Sie ist nur müde. Sehr, sehr müde.“Ich glaubte ihr erst am dritten Morgen.Die Sonne fiel durch das Fenster, und Elara öffnete die Augen. Sie sah zur Decke und dann zu mir. „Stecke ich in Schwierigkeiten?“Ich lachte und weinte zugleich. „Warum solltest du in Schwierigkeiten stecken?“„Ich habe so lange geschlafen. Ich habe den Unterricht verpasst.“„Der Waffenmeister hat gesagt, du darfst eine Woche lang beim Unterricht fehlen“, sagte Cameron. „Er meinte, du hättest es dir verdient.“Elara dachte darüber nach. „Eine Woche ist nicht sehr lang.“„Dann bitten wir um zwei“, sagte er, und sie lächelte.Sie aß drei Schalen Haferbrei. Die Köchin weinte ein wenig. Das halbe Rudelhaus stand vor der Tür, um einen Blick auf sie zu werfen, und Cameron ließ es zu, denn jeder Wolf dort hatte um sie gebangt.Dann hör

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    Aus Camerons SichtBis zum nächsten Vollmond waren es noch vierzehn Tage, als wir zum Haus des Rudels zurückkehrten.Vierzehn Tage, um das Territorium für den Fall vorzubereiten, dass der Verschluss nicht akzeptiert würde. Vierzehn Tage, um Nichtkombattanten weiter nach Süden zu verlegen. Vierzehn Tage, um Wache zu halten gegen erste Sondierungsversuche jenes Spiegels, der nun wusste, dass wir die letzten Worte bei uns trugen.„Vierzehn Tage sind nicht viel“, sagte Harlan, als ich dem Rat den Zeitplan darlegte.„Es ist das, was wir haben“, erwiderte ich. „Wir müssen dafür sorgen, dass es reicht.“„Und wenn der Verschluss scheitert?“„Dann stehen wir nicht schlechter da als heute.Aber ich habe nicht vor, das Scheitern einzuplanen, bevor wir es überhaupt versucht haben.“„Was brauchst du in der Zwischenzeit von uns?“„Bewacht die Grenzen aufmerksamer als je zuvor.Haltet alle Familien in Reichweite der Südroute. Wenn sich vorzeitig etwas regt, will ich es innerhalb einer Stunde wissen,

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    Olivias SichtweiseDer östliche Ort, den Sera angegeben hatte, lag jenseits jeder beanspruchten Grenze, in einem Gebiet, das auf Karten lediglich als umstritten verzeichnet war.„Bist du sicher, dass die Ortsangabe stimmt?“, fragte ich Cameron, während er der groben Skizze folgte, die Seras Gelehrte angefertigt hatten.„So sicher, wie man bei einem Gerücht eben sein kann“, sagte er. „Es ist die einzige Spur, die wir haben. Wir gehen ihr nach.“„Und wenn sie völlig falsch ist? Wenn Lira gar nicht existiert oder uns nicht einmal empfangen will?“„Dann haben wir sechs Tage verloren, die wir uns eigentlich nicht leisten können, und fangen wieder bei Null an“, sagte Cameron.„Aber hier zu sitzen und jedes Risiko abzuwägen, bringt uns der Antwort nicht näher. Das gelingt nur, wenn wir uns auf den Weg machen.“Wir bereiteten uns sorgfältig vor. Diesmal war unsere Gruppe größer: zwanzig Krieger, Maera, zwei von Seras Gelehrten, Cameron, Elara und ich.„Zwanzig“, wiederholte Harlan mit hochgez

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    Aus Camerons SichtDie folgenden Monate brachten eine seltsame Art von Frieden mit sich.Keine Federn tauchten mehr auf. Kein Vieh verschwand. Das unterschwellige Pochen hinter den Augen wich einem dumpfen Gefühl, das jedoch nie ganz verschwand.„Spürst du es noch?“, fragte mich Olivia eines Morgens, als sie beobachtete, wie ich mir aus Gewohnheit – und nicht etwa vor Schmerzen – die Schläfe rieb.„Von Woche zu Woche weniger“, antwortete ich. „Aber es ist noch da. Wie ein Geräusch, das zu leise ist, um es zu benennen.“„Mir geht es genauso. Ich warte ständig darauf, dass es ganz verschwindet. Aber das tut es nie.“Elara hörte auf, im Schlaf zu sprechen. Ihre Zeichnungen zeigten wieder alltägliche Motive: Bäume, das Rudelhaus, gelegentlich einen Wolf, der eher wie der Wunschtraum eines Kindes wirkte als wie eine Bedrohung.„Schau mal, Papa“, sagte sie eines Nachmittags und hielt eine Zeichnung hoch, auf der ein Wolf mit einem überdimensionalen, schiefen Grinsen zu sehen war. „Der hier

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