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Tapferer kleiner Löwe

مؤلف: Gina Greatt
last update تاريخ النشر: 2026-09-07 16:04:06

Rubys Sicht

„Leo, du solltest inzwischen längst schlafen. Willst du morgen zu spät zur Schule kommen?", fragte ich lachend, obwohl ich schon wusste, dass ich nicht die Antwort bekommen würde, die ich mir wünschte.

Der kleine Wildfang rührte sich nicht. Stattdessen schlang er seine Arme um meinen Hals, während seine weichen, dunklen Locken verspielt gegen meine Wangen strichen und er den Kopf schüttelte.

Mit einem leichten Lächeln setzte ich ihn höher auf meinen Schoß und machte es mir auf seinem Bett bequem. Er war stur, ganz wie sein Vater.

„Schatz, warum erzähle ich dir nicht morgen zwei verschiedene Geschichten? Hm?"

„Nein", quengelte er und rieb sich die müden Augen. „Will Leo, der tapfere kleine Löwe, bitte."

Ich seufzte. Er hatte wieder gewonnen.

„Na gut. Aber danach musst du schlafen."

Leo nickte eifrig und kuschelte sich tiefer unter seine Decke. Ich zog die Decke um ihn zurecht und räusperte mich dramatisch.

„Es war einmal ein tapferer kleiner Löwe namens Leo."

Sofort breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. „Wie ich!"

„Genau wie du." Ich tippte ihm sanft auf die Nasenspitze. „Er war der stärkste, klügste und schönste kleine Löwe im ganzen Dschungel."

Leo kicherte, und seine Grübchen vertieften sich. „Und was ist dann passiert?"

Ich strich ihm eine widerspenstige Locke aus der Stirn. „Dann wurde er groß. Und egal, wie schwer es wurde, er hat nie aufgegeben."

„Warum?"

„Weil er tapfer war." Ich hielt kurz inne, bevor ich sanft lächelte. „Genau wie seine Mama."

„Wie du?", fragte er verschlafen.

„Ja, Schatz. Wie ich."

Seine Augenlider schlossen sich flatternd, und für einen langen Moment beobachtete ich ihn einfach nur. Er hatte meine Nase, aber Regans markante Kinnpartie geerbt. Seine dunklen Locken waren beinahe identisch mit denen seines Vaters, nur weicher, und selbst mit zwei Jahren war die Ähnlichkeit nicht zu übersehen. Ich drückte ihm einen Kuss auf die Stirn.

„Schlaf jetzt, Schatz."

„Mama?"

Seine Stimme war kaum noch zu hören, und ich lächelte, während ich weiter über sein Haar strich, bis sein Atem langsam und gleichmäßig wurde. Als ich sicher war, dass er eingeschlafen war, löste ich behutsam meine Hand aus seinen kleinen Fingern und zog die Decke noch höher um ihn.

„Gute Nacht, Schatz."

Ich griff nach meinem Handy auf dem Nachttisch und schlüpfte leise aus dem Zimmer. In dem Moment, in dem ich seine Tür schloss, verschwand mein Lächeln. Ich blinzelte die Tränen zurück, die sich in meinen Augen sammelten, bevor ich auf mein Handy blickte. Die erste Nachricht kam von meiner Schwester, die mir bestätigte, dass sie morgen vorbeikommen würde, um sich um Leo zu kümmern, während ich mit Regan für sechs Tage auf Geschäftsreise war. Dann sah ich die zweite Nachricht. Von Regan.

Ruby,

Ich erinnere mich nicht daran, dich eingestellt zu haben, damit du meine Zeit verschwendest. Wenn du auch nur halb so viel Mühe in deine Arbeit stecken würdest wie in deine Ausreden, müsste ich diese Nachricht nicht schreiben. Sieh noch einmal in dein Postfach und behebe deine Fehler. Ich werde nicht zweimal fragen.

„Aber ich habe es doch schon geschickt", flüsterte ich, während sich mein Kiefer verkrampfte.

Ein Teil von mir wollte mit derselben Haltung antworten, die er stets an den Tag legte. Der andere Teil erinnerte mich daran, dass Regan Mason mein Chef war und der einzige Mann, der zwischen meinem Unternehmen und dem vollständigen finanziellen Ruin stand. Also schluckte ich meinen Stolz hinunter und tippte zurück.

Guten Abend, Sir.

Ich habe Ihre Nachricht gesehen. Die korrigierten Dateien müssten bereits in Ihrem Postfach liegen, aber ich schicke sie Ihnen umgehend erneut. Sagen Sie mir Bescheid, falls Sie noch etwas anderes korrigiert haben möchten.

Ruby

Bevor ich das Handy weglegen konnte, fiel mir auf, dass sich sein Profilbild geändert hatte. Neugier siegte über meine Zurückhaltung, und ich tippte darauf. Mein Atem stockte. Es war ein Foto von Regan und Victoria, wie sie noch an diesem Abend, wenige Stunden zuvor, auf einem Ball tanzten. Sie wirkten mühelos aufeinander abgestimmt, elegant und makellos, so wie es Menschen eben sind, die in dieselbe Welt gehören. Meine Brust zog sich zusammen, bevor ich es verhindern konnte, und ich sperrte das Handy schnell wieder, entschlossen, diesem Gefühl nicht mehr Raum zu geben, als es sich bereits genommen hatte.

Dann kam eine weitere Nachricht.

Ruby,

Ich sollte mich eigentlich nicht wiederholen müssen, aber hier stehen wir. Die Korrekturen, die du geschickt hast, waren bestenfalls schlampig. Ich erwarte morgen früh als Erstes eine ordentliche Version auf meinem Schreibtisch, es sei denn, Unfähigkeit ist inzwischen deine Spezialität geworden. Gib mir keinen Grund, es zu bereuen, dich behalten zu haben.

Regan

Ich starrte lange auf den Bildschirm, las die Nachricht zweimal und spürte den vertrauten Ärger und die Hilflosigkeit, die immer aufkamen, wenn ich mit ihm zu tun hatte. Dann schaltete ich das Handy aus und legte es mit dem Display nach unten auf die Theke, während ich mir sagte, dass die Beherrschung zu verlieren nichts ändern würde. Ich musste aufhören, an Regan zu denken, an Victoria, an dieses Foto und an die Art, wie meine Brust darauf reagiert hatte, obwohl sie dazu absolut keinen Grund hatte.

Ich hatte mich gerade erst wieder gefasst, als mein Handy klingelte. Ich warf instinktiv einen Blick in Richtung von Leos Zimmer, bevor ich weiter den Flur entlangging, um leise abzunehmen.

„Hallo?"

Am anderen Ende blieb es lange still, lange genug, um meinen Puls in die Höhe schnellen zu lassen, und dann meldete sich eine vertraute Stimme. Ruhig, gemessen, bewusst gewählt.

„Du bist mit deiner Zahlung im Rückstand, Ruby."

Mein Magen zog sich sofort zusammen. „Ich habe doch gesagt, dass ich mich darum kümmere."

„Darum kümmern?", folgte ein leises, humorloses Lachen. „Das sagst du schon seit Wochen."

Ich umklammerte das Handy fester. „Ich brauche nur noch etwas mehr Zeit."

„Zeit ist nicht umsonst, Süße", fuhr die Stimme fort, sanft und kalt zugleich. „Du hast einen Deal gemacht. Entweder du zahlst, oder wir nehmen uns, was von deinem Unternehmen noch übrig ist."

Meine Kehle wurde trocken. Mein Unternehmen. Das war der Grund, warum ich zurückgekommen war, warum ich meinen ganzen Stolz heruntergeschluckt hatte und mich bereit erklärt hatte, wieder für Regan Mason zu arbeiten. Warum ich seine bissigen Bemerkungen und unmöglichen Forderungen jeden einzelnen Tag ertrug, ohne die Beherrschung zu verlieren. Mein Unternehmen lag im Sterben. Investoren hatten sich zurückgezogen, meine Finanzen waren völlig erschöpft, und die Schulden hatten sich so hoch aufgetürmt, dass ein Bankrott keine ferne Möglichkeit mehr war. Er stand bereits vor der Tür, geduldig und unerbittlich. Und Regan war der Einzige mit genug Macht und Mitteln gewesen, ihn aufzuhalten. Nur hatte er seine Hilfe nicht aus reiner Freundlichkeit angeboten. Er hatte seinen Preis genannt, ohne mit der Wimper zu zucken.

Komm für mich arbeiten. Sei drei Monate lang meine Assistentin, und ich sorge dafür, dass dein Unternehmen überlebt.

Am liebsten hätte ich ihm ins Gesicht gelacht. Am liebsten hätte ich ihm gesagt, wohin genau er sich dieses Angebot stecken konnte. Aber ich konnte es nicht, denn Leo brauchte mich, und das Unternehmen, das ich aus dem Nichts aufgebaut hatte, war das Einzige, was uns noch vor dem völligen Ruin bewahrte.

„Drei Monate", sagte ich ins Telefon und hielt meine Stimme trotz allem ruhig. „Sie bekommen ihr Geld. Ich brauche nur drei Monate."

„Das hoffst du besser, Ruby." Die Stimme wurde tiefer, kälter. „Denn beim nächsten Mal werden wir nicht mehr so nett sein." Nach einer kurzen Pause fügte die Stimme, fast beiläufig, hinzu: „Der kleine süße Leo möchte seine Mama sicher nicht in Tränen sehen. Wisch sie ab."

Der Anruf endete.

Ich stand für mehrere Sekunden regungslos da, das Handy fest an meine Handfläche gepresst, während die Worte in meinem Kopf immer wieder abliefen. Woher wussten sie von Leo? Mein Blick fiel sofort auf das nächstgelegene Fenster, und ich trat rasch heran, zog den Vorhang zur Seite und musterte die Straße unten. Sie wirkte ruhig und ungestört, die Art von gewöhnlicher nächtlicher Stille, die eigentlich beruhigend hätte sein sollen. War sie aber nicht. Ich trat langsam zurück und redete mir ein, es sei nur ein Bluff, dass sie mich nur verunsichern wollten, dass sie unmöglich so viel wissen konnten, wie sie vorgaben.

Dann vibrierte das Handy in meiner Hand. Eine neue Nachricht, kein Name, keine mir bekannte Nummer. Nur eine Zeile.

Es ist kurz nach elf, Ruby. Fenster zu. Geh ins Bett.

Mein Herz setzte aus. Ich las die Nachricht erneut und blickte dann langsam zu dem Fenster hinauf, an dem ich gerade eben noch gestanden hatte. Der Vorhang war noch immer leicht geöffnet, genau dort, wo ich ihn beiseitegeschoben hatte. Jemand hatte das gesehen. Jemand beobachtete in diesem Moment diese Wohnung, beobachtete mich, und wusste genau, wo ich war und was ich gerade tat.

Ich ließ den Vorhang los und trat zurück in die Mitte des Zimmers, während mein Atem flach ging und meine Gedanken rasten. Dies war längst nicht mehr nur eine Frage von Geld, Fristen oder Drohungen am Telefon. Wer auch immer diese Leute waren, sie hatten mich gefunden. Und sie wussten von Leo.

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