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Author: Major_Canis
last update publish date: 2026-07-20 13:50:23

Victor saß ruhig auf dem Rücksitz. Als wäre das Gespräch, das gerade zwischen ihm und Tara stattgefunden hatte, nichts Besonderes gewesen. Für Tara hingegen hatte es ungeheuren Mut und den Einsatz ihres ganzen Stolzes erfordert, diese Worte auszusprechen.

Eine ganze Weile betrachtete Tara Victor – wenn auch nur durch den Rückspiegel. Sie beobachtete, wie ruhig er dasaß. Seine Augen waren geschlossen, als genieße er die Fahrt zu dem luxuriösen Apartment im Stadtzentrum.

Schließlich brach Tara das Schweigen zwischen ihnen.

„Sind Sie sicher, dass ich Ihre Rückkehr geheim halten soll?“

Erneut stellte Tara diese Frage. Nicht ohne Grund. Auch wenn die Beziehung zwischen Victor und Adrian distanziert wirkte, waren sie geschäftlich eng miteinander verbunden. Adrian musste viele Angelegenheiten mit Victor besprechen, bevor er neue Richtlinien für die Ashbourne Corp. beschloss. Und nicht selten verärgerte ihn das, weil er das Gefühl hatte, Victor würde einige seiner Entscheidungen blockieren.

„Was meinst du?“, fragte Victor mit einem leichten Lächeln.

Tara blieb nichts anderes übrig, als zustimmend zu nicken. „Wenn das Ihre Anweisung ist, werde ich sie befolgen und alles, worum Sie mich gebeten haben, umgehend vorbereiten“, sagte Tara.

„Gut.“

Mehr sagte Victor nicht. Als sie in der Lobby ankamen, wurde er bereits von einem Mann in einem schwarzen Anzug empfangen. Doch bevor Victor tatsächlich ausstieg, sagte er: „Fahr vorsichtig, Tara. Und lass deine Wachsamkeit niemals nach, wenn du den Gipfel erreichen willst.“

Diese Worte ließen Tara nachdenklich zurück. Selbst nachdem Victor und sein Assistent in der Lobby des Apartmentgebäudes verschwunden waren, ging sie das gesamte Gespräch mit Victor immer wieder im Kopf durch. Erst das Klingeln ihres Handys riss sie aus ihren Gedanken.

Mein Schatz.

Der Name erschien auf dem Display. Hätte sie nicht noch jede Einzelheit dessen im Kopf gehabt, was heute geschehen war, hätte Tara den Anruf wahrscheinlich voller Freude entgegengenommen. Sie hätte gefragt, was Adrian brauchte, und alles darangesetzt, ihm jeden Wunsch zu erfüllen, nur damit er zufrieden war.

„Ja?“, antwortete Tara tonlos.

„Wo bist du?“, fragte Adrian in einem leicht schroffen Ton. „Liora braucht dich. Beeil dich.“

Tara schloss fest die Augen.

Liora.

Richtig. Das Adoptivkind, dessen Adoption Adrian vorgeschlagen hatte, um Tara über den Zustand ihrer Gebärmutter hinwegzutrösten. Ein flüchtiger Zweifel schlich sich in Taras Gedanken. Könnte es sein, dass ...

„Ja, ich bin in dreißig Minuten zu Hause“, sagte Tara und beendete das Gespräch sofort. Ihre Hand umklammerte das Handy fest. Den düsteren Gedanken, der ihr eben durch den Kopf geschossen war, verdrängte sie augenblicklich. Anschließend bat Tara den Fahrer, sie zurück nach Hause zu bringen.

Kurz darauf kam sie zu Hause an.

„Was ist mit dir passiert?“, fragte Adrian. Er blieb abrupt stehen, als er den Verband an Taras Schläfe bemerkte. In seinem Blick lag ehrliche Überraschung. „Warum hast du mir nicht sofort Bescheid gegeben?“

Tara lächelte schwach. „Ich wollte dich nicht stören. Warst du nicht ... beschäftigt?“ Ihr Blick ruhte scharf auf Adrian.

Das ließ Adrian verwundert die Stirn runzeln. Gleichzeitig kam ihm Taras Verhalten merkwürdig vor. Was war nur mit ihr geschehen?

„Natürlich nicht. Du hättest mich anru—“

„Wo ist Liora?“, unterbrach Tara ihn und ging weiter ins Wohnzimmer der Ashbourne-Residenz – jenes Hauses, das sie in den vergangenen fünf Jahren für ihr Zuhause gehalten hatte. Sie hatte sich als Teil dieses Hauses gefühlt, als gehöre es ihr selbst.

„Willst du mir nicht sagen, was mit dir passiert ist?“, fragte Adrian und hielt Tara zurück.

„Ich bin ausgerutscht.“ Eigentlich war Tara ziemlich überrascht über Adrians Reaktion. Normalerweise erkundigte er sich nur flüchtig nach ihrem Befinden. Doch diesmal war die Sorge in seinem Blick unübersehbar.

„Du musst dir keine Sorgen machen“, sagte Tara und ging weiter.

Früher erfüllte es sie jedes Mal mit stillem Stolz, wenn sie dieses Haus betrat. Jetzt wurde ihr übel. Etwas stieg ihr die Kehle hinauf und ließ sie am liebsten alles ausspucken – selbst die plötzliche Fürsorge, die Adrian ihr entgegenbrachte.

Adrian sah sie einige Sekunden länger an als gewöhnlich. Seine Stirn legte sich leicht in Falten, als versuche er etwas zu erkennen, das er nicht ganz verstehen konnte. „Bist du sicher?“, fragte er erneut. „Du siehst ... blass aus.“

Tara lächelte noch immer. „Vielleicht sehe ich tatsächlich blass aus. Das ist nur natürlich, nachdem ich beinahe einen schlimmen Unfall gehabt hätte.“

„Einen schlimmen Unfall?“ Adrian runzelte die Stirn. „Pass beim nächsten Mal besser auf“, sagte er mit Nachdruck. „Morgen musst du dich noch mit den Vertretern der Ceso Group treffen. Blamier mich bloß nicht.“

Taras Kiefer spannte sich an. Natürlich. Für Adrian war Tara das „Gesicht“ der Ashbourne Group. Damit all seine Angelegenheiten reibungslos verliefen und selbst schwierige Verhandlungen zum Erfolg führten, kümmerte Tara sich um alles. Adrian musste anschließend nur noch den bereits geebneten Weg genießen, ohne auf nennenswerte Hindernisse zu stoßen.

„Mach dir keine Sorgen“, sagte Tara und sah Adrian fest an. „Ich werde dich nicht enttäuschen.“

Adrian lächelte breit. „Das ist meine Frau.“ Als Adrian den Arm um Tara legen wollte, wich sie instinktiv zurück. Adrian runzelte die Stirn. „Warum?“

„Ach, nichts.“ Tara bemühte sich, ganz normal zu wirken, obwohl sie sich innerlich unendlich angewidert und halb wahnsinnig vor Wut fühlte. Wie konnte Adrian seine Rolle nur so perfekt spielen? Am Morgen schlief er mit ihrer Zwillingsschwester im Arbeitszimmer dieses Hauses, und jetzt trat er Tara gegenüber so mühelos freundlich und liebevoll auf. Als wäre überhaupt nichts geschehen.

Das Schlimmste war, dass Tara die Lügen, die Adrian ihr aufgetischt hatte, erst nach und nach erkannte. Und sie würde ihnen bis auf den Grund gehen.

„Wenn dich etwas bedrückt, kannst du es mir sagen“, meinte Adrian. „Oder ... bist du wütend auf mich?“

Die Frage kam ganz spontan. Als wäre das die einzige vernünftige Erklärung für die kleine Veränderung, die ihm an Tara aufgefallen war.

Tara sah ihn verwundert an und schüttelte dann leicht den Kopf. „Wütend?“, wiederholte sie mit unverändert sanfter Stimme. „Warum sollte ich wütend sein?“

Da Adrian sie noch immer mit verwundertem Blick ansah, sprach Tara weiter, um die Zweifel in seinem Kopf zu zerstreuen. „Es ist nichts“, sagte sie leichthin. „Ich bin nur müde. Das ist alles.“

Schließlich nickte Adrian, auch wenn der Anflug von Verwunderung noch immer auf seinem Gesicht lag. Er folgte Tara ins Haus. „Ach, ich habe ganz vergessen, dir zu sagen: Deine Schwester ist zu Besuch. Sie meinte, sie hätte Liora vermisst.“

Natürlich war Kara in diesem Haus.

„Ach ja? Seit wann?“, fragte Tara und bemühte sich, fröhlich zu klingen. Früher freute sie sich immer über Karas Besuche, weil sie glaubte, Kara sei die einzige Schwester, die sie hatte.

Nie hätte Tara sich vorstellen können, dass ausgerechnet der Mensch, der ihr so nahestand, sie auf so ungeheuerliche Weise verraten würde.

„Vor einer Stunde“, antwortete Adrian.

Lügner! fluchte Tara innerlich.

Gemeinsam gingen sie ins Wohnzimmer, und dann ... hörte sie diese Stimme. Das fröhliche Lachen eines Kindes und die sanfte, melodische Stimme einer Frau.

Liora Ashbourne – das fünfjährige Mädchen, das sie kurz nach ihrer Hochzeit adoptiert hatten. Sie saß auf dem Teppich im Familienzimmer, umgeben von Spielzeug. Ihr kleines Gesicht strahlte, während sie sich halb an die Person lehnte, die neben ihr saß.

Kara Evangeline.

Die Frau lachte leise, während ihre Finger ganz selbstverständlich durch Lioras Haare glitten – als wäre genau dort von Anfang an ihr Platz gewesen.

„Ah, du bist schon zurück?“ Kara drehte sich zu ihnen um, und ihr Lächeln wurde noch breiter, als sie sie sah. „Ich bin nur kurz vorbeigekommen. Ich habe Liora vermisst.“

Karas Augen weiteten sich ungläubig, als sie Tara ansah. „Was ist denn mit dir passiert, meine süße kleine Schwester?“

Sie trat näher. Als sie Taras verletzte Schläfe berühren wollte, schlug Tara ihre Hand grob weg.

„Verzeih mir“, sagte Tara sofort. „Ich ...“

Nicht nur Tara war überrascht, sondern auch Kara. Normalerweise hatte Tara ihre Fürsorge nie zurückgewiesen.

„Mir geht es gut, Kara. Ich bin nur ausgerutscht“, antwortete Tara und bemühte sich, ruhig zu bleiben.

„Ach du meine Güte“, sagte Kara voller Mitgefühl. „Pass beim nächsten Mal besser auf, Tara.“

Früher hätten diese Worte ganz normal geklungen. Doch jetzt empfand Tara diese Fürsorge als zutiefst widerwärtig. „Ja, danke für deine Fürsorge.“

In diesem Moment wandte Liora sich sofort Adrian zu, erhob sich und lief auf ihn zu. „Papa!“, rief sie fröhlich.

Adrian ging in die Hocke, hob sie mühelos hoch, und ein leichtes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Mehrmals küsste er seine Tochter auf die Wange. „War Papas kleine Maus heute brav?“, fragte er.

„Ja!“, antwortete Liora begeistert. Dann glitten ihre Augen zu Kara, als suche sie dort Bestätigung.

Kara lächelte voller Stolz. „Sie war heute wirklich lieb. Mach dir keine Sorgen, Adrian.“

Tara stand einfach nur da. Still beobachtete sie ihre Begegnung. Diesmal wirkte ihre Vertrautheit noch offensichtlicher und bestätigte immer mehr den Gedanken, der ihr zunächst völlig absurd erschienen war. Doch wenn sie diese Nähe sah – warum sollte er absurd sein? Jetzt schien plötzlich alles glasklar.

Sie war wirklich unglaublich dumm gewesen. Was Kara heute Morgen gesagt hatte, stimmte. Warum hatte sie sich nur so leicht täuschen lassen? Nicht einmal etwas so Offensichtliches war ihr aufgefallen.

„Liora“, rief Kara sanft und tätschelte dem Mädchen leicht die Schulter. „Na los, begrüß deine Mama.“

Deine Mama. Tara hätte am liebsten laut aufgelacht, bis ihr die Tränen gekommen wären.

Liora drehte sich zu Tara um. Ihr kleiner Blick war längst nicht mehr so warm wie der, den sie Kara geschenkt hatte. Sie runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. „Ich will nicht“, sagte sie schnell.

Plötzlich wurde es still. Normalerweise wäre Tara jetzt zu ihr gegangen, hätte sich zu ihr hinuntergekniet, sie geduldig überredet und ihr sanft über den Kopf gestrichen. Doch diesmal blieb sie einfach regungslos stehen.

„Warum denn?“, fragte Kara noch immer mit sanfter Stimme.

„Weil Mama streng ist“, antwortete Liora ohne zu zögern. „Mama erlaubt mir ganz oft nicht, so viele Bonbons zu essen. Es gibt so viele Regeln.“

Normalerweise hätte Tara sie ermahnt, ihr erklärt, was gut für sie war, oder versucht, die Situation zu entschärfen. Doch nicht heute. Nicht nach allem, was sie gehört hatte. Und nicht, nachdem sie wusste ... wer wirklich vor ihr stand.

Tara war sich hundertprozentig sicher, dass Liora das Kind von Kara und Adrian war. Jetzt konzentrierte sie sich vielmehr darauf, wie sehr das Mädchen ihren Eltern ähnelte. Und es ließ sich nicht leugnen – Liora war tatsächlich eine perfekte Mischung aus Adrian und Kara.

Tara holte leise Luft und lächelte schwach. „Schon gut“, sagte sie ruhig.

Alle sahen sie mit verwundertem Blick an.

Tara sah Liora einen Moment lang an – weder wütend noch enttäuscht. Ihr Blick war einfach nur ruhig und ausdruckslos. Dann sagte sie leise: „Mach einfach, was du möchtest, Liora.“

Sie trat näher und strich Liora sanft über den Kopf. „Ich werde dir nie wieder etwas verbieten.“

Einen Augenblick hielt sie inne, bevor sie sich auf den Weg zu ihrem Zimmer machte. Ihr Blick glitt kurz zu Kara. Und zum ersten Mal sagte sie mit deutlichem Nachdruck:

„Schließlich ... hast du ja deine Mutter.“

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