LOGINYvonne verließ das Schlafzimmer erst, nachdem sie darauf bestanden hatte, ihre eigenen Kleider wieder anzuziehen. Die Schmerzen in ihrem Körper waren noch deutlich zu spüren, doch sie hatte längst gelernt, Beschwerden zu ignorieren. Fünf Jahre voller Entbehrungen hatten sie gelehrt, dass Schwäche ein Luxus war, den sie sich niemals leisten durfte. Als sie die Tür öffnete, wartete Chris bereits auf dem Flur. Seine Augen leuchteten sofort auf, und er lief ihr mit einem strahlenden Lächeln entgegen. „Mama!“, rief er fröhlich und nahm ihre Hand, als wäre es das Natürlichste auf der Welt. Yvonne seufzte leise, entzog ihm ihre Hand jedoch nicht. Stattdessen strich sie ihm sanft über den Kopf. „Ich habe dir doch gesagt, dass ich nicht deine Mutter bin.“ Chris schüttelte entschlossen den Kopf. „Aber mein Herz sagt etwas anderes.“ Seine Antwort war so ernst, dass selbst Anthony, der einige Schritte entfernt stand, für einen Augenblick schwieg.Gemeinsam gingen sie in den Speisesaal. Auf dem la
Yvonne öffnete langsam die Augen, als das warme Sonnenlicht durch die hohen Fenster des Zimmers fiel. Einen kurzen Moment wusste sie nicht, wo sie war. Erst als sie den scharfen Geruch von Medikamenten wahrnahm und das Ziehen in ihrer Schulter spürte, kehrten die Erinnerungen der vergangenen Nacht zurück. Der Zusammenstoß mit dem Lieferwagen, der steile Abhang, die dunkle Höhle und der kleine Junge, der sie ohne Zögern „Mama“ genannt hatte, tauchten nacheinander vor ihrem inneren Auge auf. Vorsichtig setzte sie sich auf. Mehrere Verbände bedeckten ihren Arm und ihr Bein, doch die Wunden waren sauber versorgt worden. Neben dem Bett lagen ihre persönlichen Sachen ordentlich zusammengelegt. Nichts fehlte. Wer auch immer sie gerettet hatte, hatte ihre Habseligkeiten unangetastet gelassen. Sie hob die Decke ein Stück an und bemerkte, dass sie ein sauberes weißes Hemd trug. Sofort runzelte sie die Stirn. Sie erinnerte sich deutlich daran, bewusstlos geworden zu sein. Wer hatte ihre Kleidung
Der Schuss durchschnitt die Dunkelheit wie ein Blitz. Im selben Augenblick brach im gesamten Bailey-Anwesen Chaos aus. Alarmanlagen begannen schrill zu heulen, schwere Schritte hallten über die Marmorböden, und aus den Fluren drangen die Befehle der Leibwächter, die ihre Positionen einnahmen. Ich konnte kaum noch etwas erkennen, doch noch bevor ich reagieren konnte, legte sich eine kräftige Hand um mein Handgelenk. Anthony zog mich ohne ein Wort von der Behandlungsliege herunter und stellte sich schützend zwischen mich und die Tür. Obwohl wir uns erst vor wenigen Stunden begegnet waren, zögerte er keinen Augenblick. Sein Instinkt sagte ihm offenbar, dass der Angriff nicht zufällig erfolgt war. Jemand hatte gewusst, dass ich mich auf dem Bailey-Anwesen befand. Das bedeutete, dass meine Feinde mich entweder verfolgt hatten oder Informationen aus einer Quelle erhielten, die selbst ich noch nicht entdeckt hatte. Beide Möglichkeiten waren gleichermaßen gefährlich.Mehrere Sekunden lang bli
YVONNEDer Behandlungsraum versank in bedrückendes Schweigen, während die Worte des Arztes noch immer in der Luft hingen. Ich beobachtete ihn aufmerksam, doch sein ernster Gesichtsausdruck verriet bereits alles, noch bevor er weitersprach. „Das Gegengift wird frühestens in dreißig Minuten eintreffen“, erklärte er mit ruhiger Stimme. „Bis dahin wird sich das Gift weiter ausbreiten. Wenn wir nichts unternehmen, könnte es ihre Organe erreichen.“ Ich senkte den Blick auf die zwei kleinen Einstichstellen an meinem Oberschenkel. Sie wirkten harmlos, beinahe unscheinbar, doch ich spürte längst, wie sich ein brennender Schmerz langsam durch mein Bein fraß und mit jedem Herzschlag stärker wurde. Die Königskobra hatte mich nur einmal gebissen, doch das genügte. Ein einziger Fehler konnte selbst den stärksten Menschen töten.Der Arzt legte seine Instrumente beiseite und wandte sich Anthony zu. „Es gibt nur eine Möglichkeit, Zeit zu gewinnen. Das Gift muss sofort aus der Wunde entfernt werden, be
YVONNEDer schmale Tunnel führte immer tiefer unter den Berg. Kalte, feuchte Luft strich über meine Haut, während das Geräusch unserer Schritte von den Steinwänden zurückgeworfen wurde. Hinter uns verklangen die Stimmen der Männer, die mich noch vor wenigen Minuten gejagt hatten, doch ich erlaubte mir nicht, erleichtert zu sein. Menschen wie Terra gaben niemals nach einem einzigen Fehlschlag auf. Wenn sie einmal beschlossen hatte, mich aus dem Weg zu räumen, würde sie weitere Leute schicken. Mein Blick glitt unwillkürlich zu dem kleinen Jungen, der friedlich in den Armen des Fremden lag und sich mit beiden Händen an dessen Mantel festhielt. Trotz allem lächelte er mich immer wieder an, als wäre ich tatsächlich seine Mutter. Es war ein Blick voller Vertrauen, den ich seit fünf Jahren nicht mehr gesehen hatte. Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen, doch ich zwang mich, diesen Gedanken zu verdrängen. Gefühle machten einen Menschen schwach, und ich hatte mir geschworen, nie wieder schwa
YVONNEKaum hatte sich meine Hand in seine gelegt, zog der Fremde mich entschlossen hinter sich her. Der schmale Tunnel verlief tief unter dem Berg und war nur schwach von vereinzelten Öffnungen in der Felsdecke erhellt. Kalte Luft strömte durch die Gänge und trug den Geruch von feuchter Erde und altem Gestein mit sich. Hinter uns hallten die Stimmen meiner Verfolger durch die Höhle, doch sie wurden mit jedem Schritt leiser. Offenbar hatten sie den versteckten Durchgang nicht entdeckt. Trotzdem blieb ich angespannt. Ich wusste nicht, wer der Mann vor mir war und ob ich ihm wirklich vertrauen konnte. Doch im Augenblick hatte ich keine andere Wahl.Der kleine Junge ruhte inzwischen friedlich auf seinem Arm. Seine kleinen Finger hielten den Kragen des schwarzen Mantels umklammert, als hätte ihn die bloße Anwesenheit seines Vaters bereits beruhigt. Hin und wieder drehte er den Kopf zu mir und schenkte mir ein Lächeln, das in der Dunkelheit beinahe fehl am Platz wirkte.„Mama ist auch da“,







