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Kapitel 9 – Beweise

last update publish date: 2026-10-09 13:45:14

Kieran

Der muffige Geruch alten Pergaments füllt das kleine Kartenzimmer neben der Waffenkammer. Ein enger, vergessener Raum, der kaum noch benutzt wird, seit mein Vater für seine Verkündungen die große Bühne der Haupthalle vorzog.

Perfekt für ein Gespräch, das nicht durch die ganze Festung hallen soll. Erst ein paar Wochen im Amt, und schon halte ich geheime Treffen in staubigen Ecken ab. Ich mache mich hervorragend.

Marcus legt den Bericht der Späher auf den schweren Eichentisch. Über seiner gewohnten stoischen Ruhe liegt etwas Düsteres. Ich streiche das Pergament glatt, und mein Blick bleibt sofort an den Skizzen neben der ordentlichen Schrift hängen.

Ein Stiefelabdruck. Grobes Profil, abgelaufener Absatz, im erhalten gebliebenen Schlamm gleich hinter dem westlichen Stolleneingang gefunden. Redmaw-Ausrüstung. Geschätztes Alter: drei bis vier Tage, steht neben der Zeichnung gekritzelt. Mir stockt der Atem. Nach Alexeis Ankunft.

Eine grob geschnitzte Knochenschließe, versehen mit Redmaws Kerbzeichen, etwa zwanzig Meter weiter an einem Felsen hängen geblieben. Schwache Geruchsspuren stimmen mit denen des Gefangenen überein. Mein Puls hämmert gegen die Rippen.

Dazu Kampferspuren, die eine schwache, tiefer hineinführende Fährte überdecken. Ein Hinweis auf gezielte Verschleierung.

Alexei Basov hat nicht gelogen.

Die Bestätigung bringt keine Erleichterung. Stattdessen sinkt mir kalte Angst in den Magen. Die Bedrohung ist real. Brannagh tastet unsere verwundbare Seite ab, durch Stollen, die mein Vater angeblich hatte verschließen lassen.

„Der östliche Stollen?“ Meine Stimme klingt angespannt.

„Ähnliche Funde, Alpha“, bestätigt Marcus. Beide Eingänge sind nicht mehr sicher und werden vermutlich bereits kartiert.

Ich fahre die eingezeichneten Stollen auf einer älteren Vermessungskarte nach, die unter dem Bericht liegt. Ein verborgenes Netz, wie tückische Adern unter unseren Füßen.

Meine Hände ballen sich zu Fäusten. Vorlag schmiedet Pläne, während Redmaw den Angriff vorbereitet, und benutzt ausgerechnet die Bedrohung, vor der Alexei gewarnt hat, als Druckmittel gegen mich. Und Alexei Basov könnte der Einzige sein, der uns eine verlässliche Warnung gegeben hat. Eine bittere Ironie.

„Lass Vorlag und seinen Kreis weiter überwachen“, befehle ich. Meine Stimme gewinnt ihre Schärfe zurück. „Mit äußerster Diskretion. Ich brauche Beweise, die ich vor das gesamte Rudel bringen kann, Marcus.“

„Ja, Alpha.“

„Bring Alexei in mein Arbeitszimmer“, ordne ich an. „Allein und ohne Ketten.“

Marcus sieht mich alarmiert an.

„Alpha?“

„Er hat schon einmal freiwillig Informationen angeboten“, sage ich. Vielleicht versuche ich, mich selbst ebenso zu überzeugen wie Marcus. „Sehen wir, ob die Bestätigung seiner Geschichte seine Zunge weiter lockert. Ketten bringen Menschen nur dazu, einem zu erzählen, was man hören will.“

Marcus nickt langsam. Er akzeptiert die Logik, wenn auch nicht ganz das Risiko.

Zurück in meinem Arbeitszimmer beruhigt der vertraute Duft von Bienenwachs und alten Büchern die Anspannung in meinem Bauch kaum.

Alexei trifft bei mir empfindliche Stellen, von deren Existenz ich nichts wusste. Er hat kein Problem damit, mich herauszufordern. Er fühlt sich wohl in seiner Haut, auf eine Weise, die ich ihm neide und übel nehme. Und ja, bei den verdammten Göttern, er ist anziehend.

Als Marcus ihn hereinführt, wirkt Alexei beinahe unverschämt entspannt für einen Mann, dessen Leben am seidenen Faden hängt.

Er sieht sich anerkennend im Arbeitszimmer um, lässt den Blick auf den Buchrücken in den Regalen verweilen. Als er sich mir zuwendet, leuchtet Vergnügen in seinen Augen. Er weiß, dass die Späher etwas gefunden haben. Er weiß, dass sich gerade etwas zwischen uns verschoben hat.

„Alpha Arnulf“, begrüßt er mich mit einer angedeuteten Kopfneigung. „Ich will nicht undankbar erscheinen, aber das ist eine beachtliche Verbesserung gegenüber meiner bisherigen Unterbringung. Bekomme ich jetzt auch besseren Wein?“

Ich bedeute Marcus, uns allein zu lassen, und warte, bis die schwere Tür ins Schloss fällt. Sofort scheint die Luft aufgeladen. Ich gehe hinter meinen Schreibtisch und bringe ganz bewusst das schwere Eichenholz zwischen uns. Eine körperliche Barriere gegen … Nähe. Und Versuchung.

„Es bedeutet, dass meine Späher Redmaws Anwesenheit bei den Stolleneingängen bestätigt haben. Passend zu deinen Zeitangaben und Beschreibungen.“ Ich halte meine Stimme sachlich.

„Sieh einer an“, murmelt Alexei, schlendert weiter ins Zimmer und betrachtet einen silbernen Brieföffner auf einem Beistelltisch. Er nimmt ihn hoch und prüft die Spitze an seinem Daumen.

„Menschen, die die Wahrheit sagen, sind heutzutage so selten. Du solltest mich zu schätzen wissen, Alpha.“

Er legt den Brieföffner zurück und dreht sich zu mir. Stellt sich absichtlich so hin, dass das Feuerlicht seine markanten Gesichtszüge einfängt und die Bartstoppeln an seinem kräftigen Kiefer hervorhebt.

„Ich werde es in Erwägung ziehen“, sage ich trocken und lasse mich nicht darauf ein. „Nun zu den Stollen selbst. Deine Angaben über ihre Existenz und Redmaws Interesse waren richtig. Gib mir mehr. Brannaghs genaue Strategie. Zahlen. Zeitplan. Alles, was du bisher zurückgehalten hast.“

Alexei stützt einen Ellbogen auf den Kaminsims und nimmt eine Haltung so lässiger Trägheit ein, dass sie mich maßlos ärgert.

Er sieht aus, als gehörte er hierher. Dass er streng genommen ein Kriegsgefangener ist, scheint ihn nicht im Geringsten zu stören.

„Warum sollte ich? Du hältst mich noch immer enger eingeschlossen als …“ Sein Blick wandert über mich, verweilt mit Absicht, langsam wird er heiß. „… sagen wir einfach: sehr eng. Ein Wolf braucht einen Anreiz, um seine tiefsten Geheimnisse zu teilen.“

„Weil“, erwidere ich frostig und halte seinem Blick stand, „allein der fortgesetzte Beweis deiner Nützlichkeit dafür sorgt, dass du Silvercrests Luft atmest, statt an Redmaws Erde zu ersticken. Und weil dein Leben für beide Seiten weniger als nichts wert ist, wenn Brannaghs Angriff durch diese Stollen gelingt. Arbeite mit, und du bleibst vielleicht am Leben. Stell dich quer, und dein Schicksal ist besiegelt.“

Er lacht leise. Ein tiefes Grollen, das durch den Raum vibriert.

„Immer nur Geschäfte mit dir, hübscher Prinz. Na schön.“ Er richtet sich auf. Das Vergnügen verblasst ein wenig, weicht wacher Konzentration. Hinter dem Flirt kommt der Krieger zum Vorschein.

„Brannagh will zuerst Blackthorn angreifen und Vales Hauptstreitmacht nach Osten locken. Er hält Vale für berechenbar. Für übertrieben beschützend, wenn es um sein Revier und seinen Gefährten geht.“

Er macht eine Pause, lässt die Worte wirken und beobachtet meine Reaktion. Ich halte meine Miene reglos. Werde nicht zeigen, wie sehr Elis Erwähnung noch immer schmerzt.

„Dafür wird er die östlichen Abzweigungen der Stollen benutzen. Eine kleinere Streitmacht, vielleicht fünfzig Krieger, höchstens. Genug, um Chaos anzurichten. Nicht genug, um zu gewinnen. Gerade genug, damit Vale entschieden reagiert.“

Fünfzig Krieger durch verborgene Stollen, direkt auf Blackthorns Flanke zu. Ronan würde genau so reagieren, wie Brannagh es erwartet.

„Während Vale beschäftigt ist“, fährt Alexei fort und kommt wieder näher an den Schreibtisch, „schickt Brannagh seinen Hauptangriff durch das südliche Stollennetz. Vielleicht zweihundert Mann. Direkt auf deine Festung zu. Er weiß, dass Silvercrests Krieger verweichlicht sind. Sie auseinanderzutreiben wird leicht. Die brauchen noch wesentlich mehr Ausbildung, bevor man sie ernst nehmen muss.“

Alexei setzt sich halb auf meinen Schreibtisch, ehe er fortfährt. „Er will die Festung schnell einnehmen, sich die Vorräte sichern und … dich.“ Seine Augen halten meine fest, die Bedeutung ist klar. „Er weiß, dass Silvercrests neuer Alpha jung und unerprobt ist. Er glaubt, wenn er dich gefangen nimmt, bricht er dem Rudel das Rückgrat und zwingt Vale dazu, aus einer schwachen Position heraus zu verhandeln.“

Zweihundert Krieger. Praktisch vor meiner Haustür, während Ronan anderswo gebunden ist. Es ist dreist. Es könnte verheerend sein. Und es steht und fällt damit, dass diese Stollen geheim bleiben. Niedlich, dass Brannagh glaubt, Ronan würde sein eigenes Rudel gefährden, um über meines zu verhandeln. Er hat wirklich keine Ahnung, mit wem er es auf der anderen Seite zu tun hat.

„Wann?“ Meine Stimme ist angespannt. Die Dringlichkeit verdrängt jeden Versuch, kühl zu bleiben.

„Bald. Er wartet auf den nächsten Neumond, in weniger als zwei Wochen. Das gibt ihm Deckung und erschwert die Geruchsverfolgung.“

Alexei stößt sich vom Schreibtisch ab und verringert den Abstand zwischen uns, ehe ich reagieren kann. Er bleibt direkt vor mir stehen und zwingt mich, seinem eindringlichen Blick über die verstreuten Karten hinweg zu begegnen.

„Er glaubt, du wirst es nicht kommen sehen. Glaubt, du bist zu sehr mit inneren Machtkämpfen beschäftigt.“ Er senkt die Stimme. Trotz der Wachen draußen klingt sie intim. „Oder vielleicht … mit anderen Ablenkungen.“

Sein Blick sinkt auf meine Lippen, verweilt und hebt sich wieder. Herausfordernd. Prüfend. Die unerwünschte Hitze flammt auf. Ich hasse es, wie leicht er mich lesen kann, wie er meine eigenen Reaktionen gegen mich verwendet.

„Deine Informationen sind wertvoll“, gestehe ich ein und zwinge die Worte heraus, ohne meine Miene zu verändern. Ich rutsche mit dem Stuhl ein Stück zurück, schaffe eine Spur mehr Abstand. „Falls sie stimmen.“

„Sie stimmen.“ Er blinzelt nicht. Hält meinen Blick, strahlt Gewissheit aus. „Und sie gehören dir. Was bekomme ich dafür?“

„Du darfst am Leben bleiben“, stelle ich nüchtern fest und fange mich wieder.

„Und etwas weniger beengt wohnen. Du kommst in ein gesichertes Zimmer im oberen Westflügel. Weiterhin unter Bewachung. Aber näher, falls ich weitere Auskünfte brauche.“

Ein strategischer Schritt. Ich halte eine wichtige Informationsquelle in meiner Nähe. Doch das Wort näher hängt bedeutungsschwer zwischen uns.

Sein Grinsen kehrt zurück, langsam und raubtierhaft, Triumph blitzt in seinen Augen. „Engere Beratungen? Wie vielversprechend. Bedeutet das, dass du mich ohne Aufsicht besuchst?“

Ich ignoriere die unverhohlene Anspielung, obwohl mir von dem Bild, das sie heraufbeschwört, ganz schwindlig wird.

„Ich muss alles wissen, was du über Brannaghs Befehlsstruktur weißt und darüber, wer seine wichtigsten Offiziere sind. Alles, Basov.“

Ich stehe auf und stelle damit bewusst unsere Rangordnung wieder her. „Dann reden wir darüber, welche Aufgabe du hier künftig übernehmen könntest. Wenn überhaupt.“ An der Tür bleibe ich stehen und drehe mich zu ihm um. „Und Basov?“

„Alpha?“ Er legt den Kopf schief und wartet. Lehnt noch immer an meinem Schreibtisch, als gehörte er ihm.

„Du brauchst passende Kleidung. Ich dulde keine Nachlässigkeit. Ich schicke einen Schneider, der deine Maße nimmt. Mach ihm keine Schwierigkeiten.“ Eine praktische Notwendigkeit, aber auch ein kleines Zugeständnis. Das Eingeständnis, dass sein Aufenthalt länger als ein paar Tage dauern könnte. Er hat seinen möglichen Wert bewiesen. Jetzt muss er auch entsprechend aussehen, selbst wenn seine Rolle die eines wertvollen Gefangenen ist.

„Und du solltest dich rasieren. Ich lasse dir das Nötige bringen. Versuch bloß nicht, das Rasiermesser zu behalten.“

In seinen Augen leuchten Verständnis und Triumph auf. „Wie du befiehlst, Alpha. Ich würde deine ästhetischen Empfindungen höchst ungern weiter mit unzureichender Kleidung verletzen.“

Er sieht an sich hinunter, dann wieder zu mir. Sein Lächeln ist die reinste Sünde. „Wobei du dich vielleicht wohler fühlst, wenn sich nicht ganz so deutlich abzeichnet, was daruntersteckt?“

Ich gehe, ohne das einer Antwort zu würdigen, und weise Marcus an, ihn in sein neues Zimmer zu bringen und ihm alles für die Körperpflege bereitzustellen.

Alexei Basov ist eine Waffe. Scharf, gefährlich, womöglich zweischneidig. Und ich habe ihn gerade weiter in meine Festung hereingebeten, näher an das Herz meiner Führung.

Die Erleichterung darüber, dass er vermutlich kein Spion ist, wird fast völlig von der Beklemmung verdrängt, was der Umgang mit ihm als Verbündetem bedeuten wird. Einem zutiefst beunruhigenden, anziehenden, unerträglichen Verbündeten.

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