Mag-log in
Die Hand kam aus dem Nichts. Warm und sicher, glitt sie über die nackte Kurve von Siennas unterem Rücken, als hätte sie jedes Recht dazu, so gezielt, dass ihr ganzer Körper aufflammte, bevor sie sich überhaupt umgedreht hatte.
Sie wirbelte so schnell herum, dass ihr Champagner fast über den Glasrand schwappte. „Immer mit der Ruhe." Seine Stimme war tief, ein halbes Lächeln schon darin. „Du sahst aus, als würdest du gleich in die Streicher fallen." Gott. Er war so groß, dass der überfüllte Ballsaal um ihn herum zu schrumpfen schien, dunkles Haar nach hinten geschoben, als hätte er einmal mit der Hand durchgefahren und es dann aufgegeben, ein Kiefer so scharf, dass er gemeißelt statt gewachsen aussah. Seine Augen wanderten langsam über ihr Gesicht, als hätte er die ganze Nacht Zeit und hätte vor, sie zu nutzen, und sie war sich plötzlich, akut, jedes einzelnen Zentimeters Haut bewusst, den seine Hand gerade berührt hatte. „Ich bin nicht gefallen", sagte sie und hob das Kinn. „Ich habe über meine Flucht nachgedacht." „Vor dem Quartett? Oder vor der Party?" „Unentschieden. Vielleicht vor dir." Das brachte ihr ein echtes Lächeln ein, ungerührt, als wäre Ablehnung ein Konzept, das er eher charmant als bedrohlich fand. „Kühne Worte von jemandem, der ihr Glas noch nicht angerührt hat." „Ich habe mein Glas noch nicht angefangen." „Noch kühner." Er pflückte ein frisches Glas von einem vorbeiziehenden Tablett, ohne den Blick von ihr zu nehmen, und drückte es ihr in die freie Hand, ein Tausch, der längst irgendwo entschieden worden war, wo man sie nicht gefragt hatte. „Also, was ist es? Bin ich der Grund, warum du deinen Abgang planst, oder nur ein glücklicher Zufall auf dem Weg dorthin?" „Frag mich in einer Stunde noch mal." „Das habe ich fest vor." Sie hätte jetzt gehen sollen. Irgendeine kleine, vernünftige Ecke ihres Gehirns schrie es laut, während der Rest von ihr sich trotzdem einen halben Zentimeter näher lehnte. „Du bist nicht aus den üblichen Kreisen", sagte er, den Kopf leicht geneigt, musterte sie wie ein Rätsel, das er bereits beschlossen hatte zu lösen. „Ich würde mich an dich erinnern." „Vielleicht bin ich neu." „Vielleicht." Sein Blick fiel auf ihren Mund, dann zurück nach oben. „Oder vielleicht bist du einfach gut darin, nicht erinnert zu werden. Was ist es?" Ihr Puls schlug so hart, dass sie sicher war, er konnte es in ihrer Kehle sehen. Sie dachte an den Ausweis, der in ihrer Handtasche wartete, mit dem Mädchennamen ihrer Mutter unter einem Foto, das ihr nicht ganz ähnlich sah, dachte an Montag und jede vorsichtige Regel, nach der sie von da an leben würde, und dachte dann, scheiß drauf. Nichts davon existierte bisher. Nicht hier. Nicht, während seine Hand schon wieder den kleinen Punkt ihres Rückens fand, als wäre sie nie fort gewesen. „Ich mag das Geheimnis", sagte sie stattdessen und hob ihr Glas. „Hält die Dinge interessant." „Ich nicht." Seine Stimme wurde tiefer, rauer, näher, nur für sie bestimmt. „Ich mag es, genau zu wissen, mit wem ich es zu tun habe." „Enttäuschend. Ich hätte dich für mehr einen Zocker gehalten." „Oh, das bin ich." Er trat näher, nahe genug, dass sie Zedernholz roch und etwas Dunkleres darunter, etwas, das sie ihr Gesicht an seine Kehle drücken lassen wollte, nur um zu prüfen, ob es echt war. „Ich mag es nur, die Einsätze zu kennen, bevor ich setze." „Und wenn sie hoch wären?" „Dann sind die Quoten gerade deutlich interessanter geworden." Seine Hand glitt von ihrem Rücken zu ihrer Taille und zog sie näher, bis der Ballsaal zu etwas Fernem verschwamm, bis es sich anfühlte, als wären nur sie beide in einem Raum, der für zweihundert Fremde gebaut war, die stillschweigend beschlossen hatten zu verschwinden. „Wie heißt du?", fragte er. Es landete weich. Es traf sie trotzdem wie Eiswasser den Rücken ihres Kleides hinunter. Ihr Name. Der echte. Eingestickt in einen Krieg, vor dem sie ihr halbes Leben lang geflohen war, die Art, die diese ganze rücksichtslose Nacht in etwas Nachverfolgbares verwandeln würde, in der Sekunde, in der er ihren Mund verließ. Sie öffnete den Mund, schloss ihn wieder, und er bemerkte es. Etwas hinter seinen Augen verschob sich. Kein Argwohn, noch nicht, aber ein Aufflackern von Aufmerksamkeit, wie bei einem Mann, der gerade begriffen hatte, dass er gelenkt wurde, und der entschied, ob es ihn störte. Die Stille zog sich einen Schlag zu lang, und sie spürte es, den Moment, in dem eine ehrliche Antwort sie alles gekostet hätte und eine Lüge sie etwas kosten würde, das sie nicht benennen konnte. Die Lüge formte sich bereits, bevor sie sie bewusst ausgewählt hatte, ein alter, eingeübter Reflex, der vor ihrem eigenen Herzschlag feuerte. „Sienna", sagte sie, und das einzelne Wort fühlte sich an wie ein Geständnis rückwärts. „Sienna Reyes." Er sah sie eine Sekunde länger an, als der Name verlangte, und dann kräuselte sich sein Mund, zufrieden, als hätte er etwas Kleines gewonnen und wäre sich noch nicht sicher, was es wert war. „Sienna Reyes." Er sagte es, als testete er den Sitz. „Das werde ich mir merken." Bitte nicht, dachte sie, während ihr ganzer Körper sich trotzdem zu ihm lehnte statt von ihm weg. „Und du? Oder gehört Fairness nicht zu deiner Politik?" Etwas flackerte hinter seinen Augen. Amüsement, Berechnung, etwas anderes, das sie nicht einordnen konnte, und für eine angehaltene Sekunde dachte sie, er würde es ihr tatsächlich sagen, das eine Detail hergeben, das das hier real machen würde, ein Fehler, den sie am Morgen nicht mehr rückgängig machen könnte. „Später." Ein Versprechen, unter dem Wort begraben. „Ich will es mir verdienen." Bevor sie entscheiden konnte, ob sie das mehr erregte oder mehr erschreckte, fanden seine Finger ihre, und er begann zu gehen, zog sie durch das Gedränge aus Smokings und Diamanten, am Orchester vorbei, an einem Knäuel lachender Führungskräfte vorbei, die kein einziges Mal in ihre Richtung sahen. „Wohin gehen wir?" „Irgendwohin, wo es ruhiger ist." Sein Daumen strich einmal über ihre Knöchel. „Irgendwohin, wo ich dich hören kann, wenn du mir sagst, dass ich falsch liege." „Bist du sicher, dass du die Gelegenheit bekommst?" „Absolut." Sie blieben vor einer Reihe privater Aufzüge stehen, versteckt hinter einer Marmorsäule, die Art, die für Gäste reserviert war, die oben wohnten, die Art, die eine Schlüsselkarte brauchte, die er ohne das geringste Zögern aus seiner Jacke zog. Die Türen glitten auf, goldenes Licht ergoss sich über dunklen Marmor, und er drehte sich vollständig zu ihr. Zum ersten Mal in dieser Nacht rutschte die eingeübte Leichtigkeit von ihm ab, ersetzt durch etwas Roheres, Ehrlicheres. „Sag Nein", sagte er leise, „und ich bringe dich selbst zu deinem Auto. Keine harten Gefühle." Ihr Herz schlug so laut, dass irgendeine vernünftige, ausweisumklammerte Version von ihr schrie, sie solle sich umdrehen, solange sie noch konnte. Sie hörte nicht zu. Sie stieg stattdessen in den Aufzug, nah genug, dass sein Atem hörbar stockte, nah genug, dass seine Hand ihre Taille wiederfand, als hätte sie dort die ganze Zeit gewartet. „Komm mit nach oben", murmelte er an ihrem Ohr. Sie trat ein. Die Türen glitten zwischen ihnen und dem Rest der Welt zu.Siennas Wohnung lag drei U-Bahn-Stationen und eine ganze Welt entfernt vom Ashford Tower – eine Einzimmerwohnung über einer Wäscherei, mit Heizkörpern, die die ganze Nacht knackten, und einem Fenster, das auf eine Ziegelmauer blickte statt auf eine Skyline.Sie war kurz nach neun zu Hause angekommen, das Gespräch mit Caelan lag ihr noch schwer in der Brust, Isabelles Name hing an jedem unruhigen Gedanken, den sie beiseitezuschieben versuchte. Sie war gerade dabei, Reste aufzuwärmen, als ihr Handy klingelte. Marcus’ Name leuchtete auf dem Display auf. Sie ließ es zweimal klingeln, bevor sie abnahm, und machte sich innerlich bereit, ohne genau zu wissen, wofür.„Hey.“„Du klingst müde.“ Marcus’ Stimme trug die besondere Erschöpfung eines Mannes, der seinen eigenen Tag in Meetings verbracht hatte, die ihm keinen Spaß machten. „Langer Tag?“„Lange Woche.“„Das hast du bei jedem Anruf im letzten Monat gesagt.“ Eine Pause dehnte sich auf seiner Seite, vorsichtig und absichtlich. „Sienna, ic
Die Anfrage kam über Conrad Ashfords Büro, nicht über Isabelles – und das war der einzige Grund, warum Caelan überhaupt zustimmte.„Dein Vater will, dass man euch beide vor der vierteljährlichen Aktionärsversammlung zusammen sieht“, sagte Renata und legte die Einladung ohne Kommentar auf seinen Schreibtisch. „Privates Esszimmer, Donnerstag, sieben Uhr. Er hat es als Höflichkeit gegenüber der Familie Voss formuliert, angesichts ihrer Anteile an der Firma.“„Sag ihm, ich habe Arbeit.“„Das habe ich ihm bereits gesagt. Er sagte, und ich zitiere wörtlich, dass du seit achtzehn Monaten Arbeit hast und der Vorstand angefangen hat, Fragen zu stellen, die er nicht mehr abwiegeln kann.“Caelan las die Einladung zweimal, den Kiefer die ganze Zeit angespannt.„Gut“, sagte er. „Ein Abendessen. Mehr nicht.“Er sagte es Sienna selbst, an diesem Abend, stehend in der Tür ihres Büros, die Krawatte bereits gelockert nach einem Tag, der zu lange gedauert hatte.„Donnerstagabend“, sagte er. „Abendessen
Die Hartwell-Gala füllte den großen Ballsaal des Ashford Clubs mit mehr Schmuck und maßgeschneiderter Seide, als Sienna je in einem einzigen Raum gesehen hatte.Sie stand in der Nähe des Eingangs in dem marineblauen Kleid, das sie am Abend zuvor gekauft hatte, den Ausweis zu Hause gelassen, den Namen auf einer Gästeliste, an die sie immer noch nicht ganz glaubte. Ihre Einladung war an diesem Morgen auf Ashford-Briefpapier angekommen, vollständig gedruckt: Sienna Reyes, plus one. Es gab kein Plus One. Sie war allein gekommen, und jeder Blick, der sich zur Tür wandte, ließ sie sicher sein, dass der ganze Raum genau erkennen konnte, wie fehl am Platz sie war.Kellner bewegten sich mit Tabletts voller Champagner durch die Menge, den niemand zu trinken schien. Ein Streichquartett spielte etwas Langsames in der Nähe der Fenster am anderen Ende, und hinter dem Glas breitete sich die Stadt in einem Gitter aus Licht aus, gleichgültig gegenüber allen drinnen, die so taten, als wäre dieser Raum
Um acht Uhr war die Trent-Etage so weit leer, dass Sienna unter allem anderen das Summen der Belüftungsanlage des Gebäudes hören konnte.Sie hatte die Nachricht seit dem Nachmittag noch zweimal gelesen und beide Male gelöscht, sich eingeredet, dass sie nichts bedeutete – irgendein gelangweilter Mitarbeiter mit zu viel Freizeit und zu wenig Ahnung, was er damit anfangen sollte. Es funktionierte, größtenteils. Als sie sich Caelan gegenüber im Kriegsraum setzte, mit drei Monitoren voller Lieferketten-Daten zwischen ihnen, hatte sie es geschafft, die Nachricht irgendwohin zu schieben, wo sie nicht direkt hinschauen musste.„Zeile zweiundvierzig“, sagte Caelan, ohne von seinem Bildschirm aufzusehen. „Deine Neuverhandlungsklausel stimmt nicht mit dem Vertrag überein, den Aiden heute Nachmittag geholt hat.“„Sie stimmt mit der Version vom März überein. Trent hat sie im Juni geändert.“„Warum existiert die März-Version dann noch in unseren Akten?“„Weil dein Team sie nie aktualisiert hat.“ Si
Die Kaffeestation stand im offenen Bereich der Etage, auf halbem Weg zwischen den Aufzügen und dem Trent-Kriegsraum – was bedeutete, dass jeder, der vorbeiging, alles sah, was dort passierte.Sienna goss sich gerade ihre zweite Tasse ein, als Grant sich neben sie an die Theke lehnte, die Arme verschränkt, und so grinste, wie er bei jedem neuen Mitarbeiter seit der Einarbeitung gegrinst hatte.„Hab gehört, du hast den Trent-Auftrag bekommen“, sagte er. „Volles Deal-Team, direkte Berichterstattung an Ashford. Das ging schnell, selbst für dich.“„Die Arbeit hat es verdient.“„Zweifle ich nicht an.“ Er griff an ihr vorbei nach dem Zucker, nah genug, dass seine Schulter die ihre streifte, nah genug, dass es absichtlich wirkte und nicht zufällig. „Manche von uns wollen einfach nur den Trick wissen. Du bist seit drei Wochen hier. Der Rest von uns schreibt immer noch Spesenabrechnungen.“„Kein Trick. Ich habe die Akten gelesen, die sonst niemand zu Ende gebracht hat.“„Bescheiden.“ Er lächelt
Isabelle wartete nicht auf eine Antwort.Sie überquerte die Terrasse langsam, ihre Absätze laut auf dem Beton, und blieb direkt vor Sienna stehen – lange genug, um sie einmal von Kopf bis Fuß zu mustern, ohne die geringste Spur von Wärme. Dann drehte sie sich zu Caelan um und lächelte, leicht und strahlend, das Lächeln, das für Fotografien gemacht war.„Du warst die ganze Woche unmöglich zu erreichen“, sagte sie. „Ich brauche deine endgültige Teilnehmerzahl für den Hartwell-Gala bis Freitag, sonst fällt der Sitzplan auseinander.“„Schick es an mein Büro. Du hast es bis morgen zurück.“„Ich hätte es lieber direkt von dir.“„Du bekommst es so oder so.“Sienna nutzte die Gelegenheit. „Ich sollte wieder runter“, sagte sie und bewegte sich bereits zur Treppenhaus-Tür. „Ich habe um zwölf einen Anruf.“Niemand hielt sie auf.Sie schaffte zwei Stockwerke, bevor ihre Beine den Dienst verweigerten, und stand auf dem Zwischenpodest, eine Hand am Geländer abgestützt, und wartete, bis ihr Puls sic







