LOGINDer Himmel war in einen grauen Schleier gehüllt, und die schweren Wolken schienen mit Regen schwanger zu sein, der noch nicht gefallen war, als ob der Himmel selbst mit ihr trauerte.
Anana stand unter dem steinernen Torbogen der Rudelhalle. Ihre Haut pochte noch immer von der letzten Wunde, ihre Arme fest um ihren zitternden Körper geschlungen. Der Schmerz in ihrer Brust war genauso stark wie der Schmerz auf ihrer Haut.
Mira und Kade waren in der Nacht zuvor wieder zusammen gewesen, und sie konnte es spüren, es war ihr ins Fleisch eingebrannt wie eine Strafe der Mondgöttin selbst für ein Verbrechen, das sie nicht begangen hatte.
Die frische Narbe über ihren Rippen hatte noch nicht einmal aufgehört zu bluten, als sie sie fest in Leinen gewickelt hatte, nur um aufrecht stehen zu können.
Ihre Finger ballten sich zu Fäusten. Sie spürte noch immer den Phantomschmerz von Kades Verrat aus der vergangenen Nacht. Man musste es ihr nicht sagen, ihre Haut verriet ihr immer die Wahrheit.
Ein Lachen ertönte.
Sanft und feminin.
Mira.
Anana erstarrte und versteckte sich hinter einer der dicken, verwitterten Säulen. Sie hatte nicht lauschen wollen, aber die Stimmen waren deutlich zu hören.
„Ich wusste, dass du es verstehen würdest, Kade. Ich wusste, dass du dich für uns entscheiden würdest. Das solltest du auch, schließlich trage ich dein Kind in mir.“
Ananas Sicht verschwamm. Ihr stockte der Atem. Die Worte trafen sie wie ein Hammerschlag. Mira… war schwanger? Sie wollte schreien. Doch kein Laut kam heraus.
Kades Stimme folgte leise und beiläufig. „Sag einfach noch nichts. Warten wir, bis der Besuch vorbei ist. Es wird alles nur noch schlimmer machen.“
Schlimmer? Schlimmer für wen? Für sie? Oder für seine geliebte Mira und ihr ungeborenes Kind?
Mira kicherte erneut, leicht und siegessicher. „Sie wird es in deinen Augen sehen, weißt du. Du hast sie in jeder Hinsicht, die zählt, bereits verlassen.“
Anana biss sich so fest auf die Lippe, dass sie Blut schmeckte. Ihr Körper zitterte nicht wegen des Fluchs, sondern vor Herzschmerz.
Sie spürte, wie die Worte sie grausamer durchbohrten als jede Wunde, die der Paarungsfluch ihr zugefügt hatte. Ihre Hände zitterten. Ihre Knie gaben leicht nach, als sie sich zu den Stimmen umdrehte, die hinter einer Säule verborgen waren.
Es war zu viel. Ihr Mund wurde trocken. Der Schmerz in ihren Rippen wurde immer stärker, bis sie keine Luft mehr bekam.
Wie hätte er nur? Nach allem, was passiert war. Nach jedem Mal, als er sie im Arm hielt, während sie sich in den Schlaf weinte. Nach jedem Mal, als er ihr zugeflüstert hatte, dass er sie niemals verlassen würde.
Sie traten ins Blickfeld. Mira strahlte über das ganze Gesicht und grinste über beide Ohren, während Kade ruhig blieb.
Dann trafen sich ihre Blicke.
Und Kade tat nichts.
Er zuckte nicht einmal mit der Wimper, er rührte sich nicht. Er tat nicht einmal so, als ob er sich schämte.
Sein Schweigen riss sie tiefer auf als jede Narbe.
Ein Schrei stieg in ihr auf, aber sie unterdrückte ihn. Wie immer.
Die Wahrheit schnitt tief in ihre Seele ein, tiefer als jede Narbe.
Der Rat hatte sich versammelt. Die Luft war erfüllt von Geflüster und Unruhe. Ein Besucher wurde erwartet. Nicht irgendein Besucher, sondern der Kriegsgott selbst.
Die Halle war für die Ankunft des Kriegsgottes vorbereitet – Lucien Kael, Alpha des Purpurblut-Rudels. Schon sein Name hatte selbst die lautesten Krieger zum Schweigen gebracht. Lucien war kein Mensch. Er war ein Mythos, der Tod in Menschengestalt. Die Geschichten, die man sich über ihn erzählte, waren blutgetränkt und von Furcht durchdrungen. Man sagte, er besäße nichts und niemanden, doch nahm er sich alles, was er begehrte.
Anana hatte kaum noch die Kraft, sich darum zu kümmern. Ihr Körper versagte, und ihr Herz war bereits gebrochen.
Das Treffen mit Alpha Lucien Kael begann unter spürbarer Spannung.
Er kam herein wie ein Blitz.
Sechs gepanzerte, grimmig dreinblickende Wachen flankierten ihn. Lucien schritt in einen regennassen schwarzen Umhang, die Schultern breit, den Kopf hoch erhoben, in die Rudelhalle. Seine Augen, wie glühendes Eis, durchdrangen den Raum. Zuerst sprach er nicht. Er brauchte nicht. Sein Schweigen forderte Unterwerfung.
Niemand wagte es, ihm in die Augen zu sehen. Nicht einmal Kade.
Nur Anana nicht. Sie konnte sich nicht beherrschen. Seine Präsenz war kalt, beängstigend und doch seltsam beruhigend. Eine Gefahr, die sich nicht freundlich gab. Lucien Kael war durch und durch authentisch.
Er blickte sich unbeeindruckt um, bis sein Blick auf dem Rudelführer ruhte.
Kade
„Ich bin wegen einer Wölfin hier“, sagte Lucien mit tiefer, kratzender Stimme, wie Steine, die aneinander reiben.
Kade trat vor, blasser als sonst. „Wir…wir…wir hatten nicht erwartet, dass die Bitte… persönlich sein würde.“
„Euer ehemaliger Alpha hat einen Eid geschworen. Ein Opfer im Austausch für den Frieden“, sagte Lucien. „Nun bin ich gekommen, um es einzufordern.“
Miras Griff um Kades Hand verstärkte sich. Das Geflüster wurde lauter. Blicke suchten den Raum ab, manche flehten um Schutz, andere fürchteten sich davor, ausgewählt zu werden.
Gemurmel ertönte. Mehrere Frauen wichen zurück. Einige Männer standen zitternd vor ihren Partnerinnen.
Kade räusperte sich. „Wir haben mehrere unverpaarte Wölfinnen. Sie dürfen sich eine aussuchen.“
Luciens Blick war messerscharf. „Ich will mich nicht entscheiden. Nennen Sie mir eins. Jetzt.“
Alle erstarrten.
Kades Blick huschte zu einem stillen Mädchen weiter hinten. Kaum volljährig. Zitternd.
Er zeigte darauf. „Den da.“
Ein Raunen ging durch die Menge. Der Vater des Mädchens trat vor. „Sie ist doch nur ein Kind!“
Lucien hob eine Augenbraue. „Das ist deine Entscheidung?“
„Ich… ja. Sie ist noch nicht abgeholt worden.“
Luciens Stimme sank um eine Oktave. „Feigling.“
Es war kein Schrei, aber die Beleidigung traf wie ein Schlag.
Dann ertönte eine einzelne Stimme…leise, aber durchdringend inmitten des Chaos.
„Nimm mich mit.“
Anana trat vor, die Schultern trotz ihrer zitternden Beine gerade.
Lucien drehte sich um, sein Gesichtsausdruck war nicht zu deuten.
"Du?"
„Ich bin die Luna dieses Rudels“, sagte sie. „Und ich biete mich anstelle jedes unschuldigen Mädchens an.“
Kades Augen weiteten sich. „Anana… nein. Sei nicht albern, du musst das nicht tun.“
„Du hast deine Wahl bereits getroffen“, sagte sie, und Bitterkeit schlich sich in ihre Stimme. „Du hast Mira gewählt. Du hast deine Erbin gewählt. Du hast dich dafür entschieden, mich bluten zu lassen.“
Miras selbstgefälliges Lächeln zuckte.
„Ich werde nicht tatenlos zusehen, wie Sie einem Mann ein Kind anbieten, nur weil Sie zu feige sind, das Richtige zu tun.“
Lucien näherte sich ihr langsam. Nah genug, um jedes Detail zu erkennen: ihre Blässe, den Schmerz in ihren Augen, das Zittern ihrer Glieder. Er schnupperte leise.
„Du bist von einem Fluch gezeichnet.“
"Ja."
"Warum?"
„Mein Gefährte hat seine vorherbestimmte Gefährtin gefunden… und sie erwählt. Jedes Mal, wenn sie sich verbinden, zahlt mein Körper den Preis.“
Ein Raunen hallte durch den Raum. Mira wurde rot. Kade wandte den Blick ab.
Lucien umkreiste sie wie ein Raubtier seine Beute. „Und trotzdem bietest du dich an?“
„Ich habe nichts mehr zu verlieren.“
„Du könntest unter meinem Befehl sterben.“ Lucien sagte emotionslos.
„Ich sterbe hier schon.“
Zum ersten Mal blitzte etwas in seinem Blick auf, kein Mitleid, kein Interesse, nur Neugier.
Sie hatte Augen, von denen man glaubt, dass sie nur in der königlichen Familie des Crimson Blood Pack vorkommen. Ozeanblaue Augen.
Seine Neugier wuchs.
Er trat zurück. „Pack deine Sachen. Du fährst im Morgengrauen ab.“
ZWEI JAHRE SPÄTER…Die Menge feierte ausgelassen.Warmes Lachen hallte durch den Innenhof, Musik erklang sanft unter dem Abendhimmel, während goldene Lichter über die gesamte Festung flackerten.Und im Inneren der Kammern…Anana stand still vor dem Spiegel, während die Angestellten die letzten sorgfältigen Handgriffe an ihrem Ankleiden vornahmen.Die Zeit hatte sie sanft berührt.Sie besaß nun eine Sanftheit, die vorher nicht existiert hatte… Das Leben selbst hatte sich auf eine Weise warm in sie eingenistet, die sogar das Licht um sie herum veränderte.Ihre Kleider fielen ihr nicht mehr so um wie früher.Nun bogen sie sich… sanft und wunderschön.Und ohne nachzudenken, glitt ihre Hand über die sanfte Wölbung unter dem Stoff, instinktiv und beschützend zugleich.Die Bewegung war nun unbewusst… natürlich.Ein leiser Atemzug entwich ihren Lippen, als ihr Blick kurz auf ihr Spiegelbild fiel, und ein leises Staunen huschte über ihr Gesicht.Selbst nach all der Zeit… konnte ein Teil von ih
Nachdem das wahre Wesen von Lucien… ans Licht gekommen war, veränderte sich etwas zwischen ihm und Anana auf eine Weise, die keiner von beiden mehr hinterfragte.Es musste nicht ausgesprochen, nicht einmal definiert werden. Es hat sich einfach… geregelt.Aus Tagen wurden Wochen. Aus Wochen wurden Monate.Und mit jedem Tag verstärkte sich diese stille Veränderung nur noch… und wandelte sich zu etwas Stetigem und Sicherem.Lucien hatte sich verändert… nicht so, wie das Rudel es einst befürchtet hatte… nicht zu etwas Distanziertem oder Unnahbarem. Sondern zu etwas viel Seltenerem.Er wurde sanftmütig und gelassen.Er strahlte nun eine Ruhe aus … eine stille Beständigkeit, die er vorher nicht besessen hatte. Eine Ruhe, die nicht aus Kraftlosigkeit rührte, sondern daraus, dass er genau wusste, wo er sein wollte, und sich immer wieder dafür entschied … Sie, immer sie.In Ananas Nähe… war er anders.Die Last, die er zuvor so leicht getragen hatte, schien in ihrer Gegenwart leichter zu werden
Ananas Finger zuckten leicht an ihrer Seite.Iris erstarrte.„Und nach diesem Moment…“, sagte Lucien leise, „…war alles anders.“Iris beugte sich ein wenig nach vorn, ihr Blick verengte sich wieder, die Neugierde überwog nun den Schock.„Inwiefern anders?“, fragte sie.Lucien presste kurz die Lippen zusammen, bevor er antwortete, als ob er überlegen müsste, wie er etwas erklären sollte, das sich nicht so recht in Worte fassen ließ.„Magie…“, begann er langsam. „Es fühlte sich nicht mehr… fremd an.“Eine kurze Pause.„Es kam mir einfach so… ganz mühelos.“Sein Blick senkte sich leicht, nachdenklich.„Zaubersprüche, die ich nie gelernt habe… nie studiert habe…“, fuhr er fort, „…ich kannte sie einfach.“Ananas Atem wurde etwas ruhiger, ihre Augen waren auf ihn gerichtet, sie sog jedes Wort in sich auf.Es folgte eine kurze Stille.„Und die Flügel“, fügte Lucien hinzu.Seine Stimme senkte sich ein wenig.„Und die Hörner.“Anana blinzelte, ihre Brauen zogen sich fast augenblicklich zusamme
Lucien ließ sich beim Abstieg Zeit.Er ließ sie langsam und vorsichtig herunter, als ob selbst der Boden unter ihm sich das Recht verdienen müsste, sie ihm wieder wegzunehmen.Anana schmiegte sich eng an seine Brust, ihre Finger noch immer in ihn gekrallt, ihr Atem unregelmäßig, aber nun leiser … ruhiger als zuvor. Die Welt unter ihnen hob sich allmählich, der Garten nahm wieder Gestalt an, Details, wurde wieder real.Und dann… berührten ihre Füße den Boden.Lucien ließ sie nicht sofort los. Seine Arme verweilten einen Moment länger um ihre Taille und hielten sie dort fest… um sicherzugehen, dass sie fest saß und die Veränderung sie nicht zu schnell aus dem Moment riss.Anana blinzelte, ihr Atem stockte leicht, als sie sich zurechtrückte, ihre Hand ruhte noch immer an ihm.Genau in diesem Moment…„Lucien!“Die Stimme kam schnell… Iris.Sie eilte von der anderen Seite des Gartens auf sie zu, ihre Schritte schnell, ihr Gesichtsausdruck noch immer Spuren des Schocks, der sich seit dem, w
Luciens Flügel entsprangen seinem Rücken; dunkel, gewaltig und mächtig.Sie entfalteten sich in einer fließenden Bewegung, breiteten sich weit hinter ihm aus und fingen das schwindende Licht des Abendhimmels ein. Die Luft um sie herum bewegte sich… nicht heftig, sondern mit kontrollierter Kraft.Diesmal gab es keine Hörner. Nur die Flügel.Iris rührte sich nicht, nicht einmal ein Blinzeln anfangs.Dann… entfuhr ihr ein scharfer Aufschrei, bevor sie ihn unterdrücken konnte.Ihre Hand schnellte augenblicklich zu ihrem Mund, die Finger drückten dort, als wollten sie den Laut zurückhalten… aber er war bereits heraus.Ihre Augen weiteten sich augenblicklich.Zuerst traf sie ein Schock. Einer, der alle Gedanken auslöschte und nur die nackte Tatsache dessen zurückließ, was sie sah. Und was dann folgte … war keine Angst, sondern Ungläubigkeit … Ehrfurcht.Ihr Atem stockte. Ihre Finger zitterten leicht an ihren Lippen, während sie starrte und nun nicht mehr blinzelte.Weil es keinen Sinn ergab
Lucien hat es gefangen… Und natürlich hat er es gefangen.„Nur ein bisschen?“, wiederholte er, wobei sich eine Augenbraue leicht hob und sein Mundwinkel sich zu einem leisen Amüsement verzog.Anana öffnete den Mund, um zu antworten… diesmal war sie bereit, etwas formte sich bereits auf ihren Lippen… Doch bevor die Worte ihren Kopf verlassen konnten, bewegte sich Lucien.Es ging schnell… subtil… fast unmerklich. Und doch hat es alles verändert.Seine Finger umklammerten ihre gerade fest genug, als er einen Schritt vortrat, obwohl von Anfang an kaum Platz zwischen ihnen gewesen war.Ananas Atem stockte leicht, überrascht von der plötzlichen Nähe… von der stillen Art, wie er sich ihm näherte, als wäre es nicht einmal eine Entscheidung gewesen.Und dann… streifte ihr Absatz einen niedrigen Stein, der unter dem Garten verborgen war.Ein kleiner, erschrockener Atemzug entfuhr ihr, als sie das Gleichgewicht verlor."Oh…!"Sie kippte nach hinten.Lucien fing sie sofort auf, legte einen Arm um







