MasukNachdem er seine Aufgaben erledigt hatte.
Er drehte sich um und ging davon, seine Wachen folgten ihm in gespenstischer Stille.
Im Raum ertönte ein Raunen und Geflüster.
Mira zischte: „Sie manipuliert dich!“
Aber Kade rührte sich nicht. Er sprach nicht. Er kämpfte nicht.
Er ließ sie gehen.
Ananas Stimme durchbrach ein letztes Mal den Lärm. „Ich habe dich geliebt. Ich habe deinen Namen getragen. Ich habe dir alles von mir gegeben. Und als ich für dich blutete, hast du nicht mit der Wimper gezuckt.“
„Ich weise dich zurück, Alpha Kade.“
Sie kehrte ihnen allen den Rücken zu.
Er wusste, dass sie ihm nicht mehr gehörte. Und er würde getötet werden, wenn er sie jemals beanspruchen würde.
„Ich weise dich zurück, Luna Anana.“ Er funkelte so laut, dass sie es hören konnte.
Und damit ging sie fort, dem Kriegsgott entgegen, dem Unbekannten, der Freiheit oder dem Verderben. Alles war besser, als in ihrem eigenen Zuhause vergessen zu werden.
Sie blickte nicht zurück.
…
Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Der Himmel war in blasse Indigo- und sanfte Grautöne getaucht, die Luft von einer drückenden Stille erfüllt, die wie ein Leichentuch auf den Schultern lastete. Anana stand am Rand des Haupthofs, ihre kleine Ledertasche über der Schulter. Ihr ganzer Körper schmerzte, nicht vor körperlichen Schmerzen, sondern vor der seelischen Last all dessen, was sie zurückließ, und der Angst vor dem, wohin sie gehen würde.
Elia stand neben ihr, die Arme fest vor der Brust verschränkt, die Lippen zitternd von zurückgehaltenen Tränen. Ihr sonst so trotziger Geist war gedämpft, ihre Augen auf Anana gerichtet, als wolle sie sie sich einprägen.
„Ich kann nicht glauben, dass du das wirklich tust“, flüsterte Elia mit heiserer Stimme.
Anana lächelte schwach und traurig. „Was blieb mir denn anderes übrig?“
„Du hättest ihn jemand anderen nehmen lassen können. Sogar Mira. Jemanden, der es mehr verdient hätte als du.“
Anana strich Elia sanft eine Haarsträhne hinter das Ohr. „Du weißt, dass ich damit nicht leben könnte.“
Elia blinzelte die Tränen weg. „Du bist zu gut, Anana. Zu selbstlos. Und er hat dich nie verdient.“
Ihre Stimme überschlug sich beim letzten Wort, und die Tränen flossen endlich.
„Ich habe Angst“, gab Elia zu. „Er ist … der Kriegsgott. Er ist kalt. Gefährlich. Er lässt niemanden in Ruhe. Was, wenn man in seiner Welt verschwindet und nie wieder zurückkommt?“
Ananas Blick wurde weicher. „Dann verschwinde ich wenigstens auf meine Weise. Nicht als vergessene Luna, nicht als jemand, der still und einsam verblutet … sondern als jemand, der eine Entscheidung getroffen hat.“
Elia umklammerte sie. Sie standen schweigend da und umarmten sich fest. Anana schloss die Augen und ließ den Schmerz des Abschieds auf sich wirken, die Erinnerung an jeden Augenblick, in dem Elia sie gehalten hatte, als niemand sonst es konnte. Ihr Herz zerbrach bei dem Gedanken, sie zurückzulassen.
Elia wandte sich ab und wischte sich grob übers Gesicht. „Trotzdem … vielleicht ist es so besser. Du verdienst mehr als Kade. Mehr als diesen Ort. Wenn er nicht um dich kämpfen konnte, dann soll er mit der Erinnerung leben müssen, dich gehen gelassen zu haben.“
Ein langsames Grollen von Hufen und Rädern hallte über den Steinweg.
Der Kriegsgott war angekommen.
Anana drehte sich um und sah, wie die schwarze Kutsche vor ihnen hielt. Elegant, bedrohlich und bewacht von zwei gepanzerten Wölfen zu Pferd. Einer der Wächter stieg ab und öffnete die Tür.
Drinnen saß Lucien wie ein zum Leben erwachter Schatten, gehüllt in Schweigen und Stahl. Seine durchdringenden Augen fixierten Anana wortlos.
Elia ergriff Ananas Hand ein letztes Mal. „Sei stark. Und wenn er dir wehtut, möge der Mond ihn zehnfach verfluchen.“
Anana lachte leise auf, doch ihr Hals schmerzte vom Zurückhalten der Tränen.
Sie stieg ein.
Die Tür schloss sich hinter ihr mit einer Endgültigkeit, die ihr bis in die Knochen hallte.
…
Die Kutsche ratterte über unebenes Gelände, was sich wie Stunden anfühlte. Anana blieb in ihrer Ecke stehen, den Blick leer durch das kleine Fenster gerichtet. Sie spürte Luciens Anwesenheit wie eine schwere Last in der Luft. Still. Beobachtend.
„Wer bist du wirklich?“, fragte er schließlich und durchbrach die Stille.
Von der Frage etwas gestottert, antwortete er: „Ich bin der Luna des Halbmond-Rudels.“
Mit seinen kalten blauen Augen starrte er Anana an, als ob die Antwort in ihrem Gesicht geschrieben stünde, sein Blick war emotionslos.
„Bereust du es?“
Seine Stimme war plötzlich und rau wie ein Stein, der über Stahl geschleift wurde.
Anana drehte langsam den Kopf. „Was bereust du?“
„Sich selbst anbieten.“
Sie musterte ihn. Sein Gesicht war undurchschaubar. Er war gutaussehend, seine Gesichtszüge harmonierten perfekt miteinander, aber er war nicht im herkömmlichen Sinne schön, zu scharf, zu brutal. Doch die Linien seines Kiefers, die kalte Präzision seiner Augen, hatten etwas Fesselndes an sich.
„Ich bereue es, so lange geblieben zu sein“, sagte sie leise.
Lucien neigte den Kopf. „Warum?“
„Weil ich immer daran glaubte, dass die Liebe mich retten würde.“
Es verging langes Schweigen.
„Du bist anders als die anderen.“
Ihre Stirn runzelte sich. „Andere?“
„Die, die man mir angeboten hat“, erwiderte er. „Sie weinen, sie betteln, sie hassen. Du nicht. Noch nicht.“
„Ich bin im Moment zu abgestumpft, um Hass zu empfinden.“
Lucien beugte sich leicht vor, gerade so viel, dass die Spannung zwischen ihnen spürbar war. „Du wirst es noch lernen, Anana. Wo wir hingehen, ist kein Platz für Schwäche.“
„Schwäche wäre dein Untergang.“
„Mach dich bereit, denn es wird ganz anders sein als dein königliches Leben.“
„Ich habe mein ganzes Leben mit Schwäche gelebt“, erwiderte sie leise. „Ich trug eine Luna-Krone, während meine Haut jede Nacht aufriss. Ich musste mitansehen, wie sich mein Gefährte in eine andere verliebte, und hatte kaum jemanden an meiner Seite. Glaubst du, du kannst mich mit kalten Worten einschüchtern?“
Ein kurzer Ausdruck huschte durch Luciens Augen. Nicht Respekt, sondern Anerkennung.
Dann grinste er. „Wir werden sehen.“
…
Als sie das Gebiet des Purpurblut-Rudels erreichten, war es bereits Nacht. Die Tore waren eisener und uralt, verziert mit Runen, die im Mondlicht schwach pulsierten. Das Rudelhaus selbst glich einer Festung, mit steinernen Türmen und hohen, in Schatten gehüllten Mauern.
Als die Kutsche einfuhr, verbeugten sich Dutzende Krieger. Anana fing ihren Blick ein, doch nur wenige von ihnen zeigten auch nur ansatzweise Mitgefühl. Sie musterten sie wie Wölfe ihre Beute.
Lucien ging als Erster hinaus. Seine Stiefel schlugen mit einem dumpfen Geräusch auf den Boden. Dann drehte er sich um und reichte ihr die Hand.
Sie war schockiert und zögerte.
Dann legte sie ihre in seine.
Es war warm.
Stärker als sie erwartet hatte.
Er führte sie hinunter, ließ sie aber nicht los.
„Das ist jetzt dein Käfig“, sagte er leise. „Sorge dafür, dass du lernst, darin zu überleben.“
Sie hob das Kinn. „Selbst Käfige können zerbrochen werden.“
Lucien stieß ein leises Lachen aus. „Ich freue mich darauf, dich dabei zu beobachten.“
Und als sich die Tore hinter ihr schlossen, spürte Anana, wie die letzte Verbindung zu ihrem alten Leben zerbrach. Sie befand sich nun in der Höhle des Löwen.
Ihr wurde langsam die Realität bewusst, es gab kein Entrinnen mehr.
Ihr Leben würde anders sein als ihr altes Leben
Etwas Besseres zu erwarten, wäre töricht.
Sie berührte ihre Wangen, um die Tränen abzuschütteln, die ihr in die Augen stiegen.
„Zumindest werde ich nicht mehr unter den schmerzhaften Nächten frischer Wunden leiden“, lächelte sie, ihre Lippen kräuselten sich langsam und stetig. Doch das Schimmern ihrer Augen verriet das Zittern unter ihrer Ruhe.
ZWEI JAHRE SPÄTER…Die Menge feierte ausgelassen.Warmes Lachen hallte durch den Innenhof, Musik erklang sanft unter dem Abendhimmel, während goldene Lichter über die gesamte Festung flackerten.Und im Inneren der Kammern…Anana stand still vor dem Spiegel, während die Angestellten die letzten sorgfältigen Handgriffe an ihrem Ankleiden vornahmen.Die Zeit hatte sie sanft berührt.Sie besaß nun eine Sanftheit, die vorher nicht existiert hatte… Das Leben selbst hatte sich auf eine Weise warm in sie eingenistet, die sogar das Licht um sie herum veränderte.Ihre Kleider fielen ihr nicht mehr so um wie früher.Nun bogen sie sich… sanft und wunderschön.Und ohne nachzudenken, glitt ihre Hand über die sanfte Wölbung unter dem Stoff, instinktiv und beschützend zugleich.Die Bewegung war nun unbewusst… natürlich.Ein leiser Atemzug entwich ihren Lippen, als ihr Blick kurz auf ihr Spiegelbild fiel, und ein leises Staunen huschte über ihr Gesicht.Selbst nach all der Zeit… konnte ein Teil von ih
Nachdem das wahre Wesen von Lucien… ans Licht gekommen war, veränderte sich etwas zwischen ihm und Anana auf eine Weise, die keiner von beiden mehr hinterfragte.Es musste nicht ausgesprochen, nicht einmal definiert werden. Es hat sich einfach… geregelt.Aus Tagen wurden Wochen. Aus Wochen wurden Monate.Und mit jedem Tag verstärkte sich diese stille Veränderung nur noch… und wandelte sich zu etwas Stetigem und Sicherem.Lucien hatte sich verändert… nicht so, wie das Rudel es einst befürchtet hatte… nicht zu etwas Distanziertem oder Unnahbarem. Sondern zu etwas viel Seltenerem.Er wurde sanftmütig und gelassen.Er strahlte nun eine Ruhe aus … eine stille Beständigkeit, die er vorher nicht besessen hatte. Eine Ruhe, die nicht aus Kraftlosigkeit rührte, sondern daraus, dass er genau wusste, wo er sein wollte, und sich immer wieder dafür entschied … Sie, immer sie.In Ananas Nähe… war er anders.Die Last, die er zuvor so leicht getragen hatte, schien in ihrer Gegenwart leichter zu werden
Ananas Finger zuckten leicht an ihrer Seite.Iris erstarrte.„Und nach diesem Moment…“, sagte Lucien leise, „…war alles anders.“Iris beugte sich ein wenig nach vorn, ihr Blick verengte sich wieder, die Neugierde überwog nun den Schock.„Inwiefern anders?“, fragte sie.Lucien presste kurz die Lippen zusammen, bevor er antwortete, als ob er überlegen müsste, wie er etwas erklären sollte, das sich nicht so recht in Worte fassen ließ.„Magie…“, begann er langsam. „Es fühlte sich nicht mehr… fremd an.“Eine kurze Pause.„Es kam mir einfach so… ganz mühelos.“Sein Blick senkte sich leicht, nachdenklich.„Zaubersprüche, die ich nie gelernt habe… nie studiert habe…“, fuhr er fort, „…ich kannte sie einfach.“Ananas Atem wurde etwas ruhiger, ihre Augen waren auf ihn gerichtet, sie sog jedes Wort in sich auf.Es folgte eine kurze Stille.„Und die Flügel“, fügte Lucien hinzu.Seine Stimme senkte sich ein wenig.„Und die Hörner.“Anana blinzelte, ihre Brauen zogen sich fast augenblicklich zusamme
Lucien ließ sich beim Abstieg Zeit.Er ließ sie langsam und vorsichtig herunter, als ob selbst der Boden unter ihm sich das Recht verdienen müsste, sie ihm wieder wegzunehmen.Anana schmiegte sich eng an seine Brust, ihre Finger noch immer in ihn gekrallt, ihr Atem unregelmäßig, aber nun leiser … ruhiger als zuvor. Die Welt unter ihnen hob sich allmählich, der Garten nahm wieder Gestalt an, Details, wurde wieder real.Und dann… berührten ihre Füße den Boden.Lucien ließ sie nicht sofort los. Seine Arme verweilten einen Moment länger um ihre Taille und hielten sie dort fest… um sicherzugehen, dass sie fest saß und die Veränderung sie nicht zu schnell aus dem Moment riss.Anana blinzelte, ihr Atem stockte leicht, als sie sich zurechtrückte, ihre Hand ruhte noch immer an ihm.Genau in diesem Moment…„Lucien!“Die Stimme kam schnell… Iris.Sie eilte von der anderen Seite des Gartens auf sie zu, ihre Schritte schnell, ihr Gesichtsausdruck noch immer Spuren des Schocks, der sich seit dem, w
Luciens Flügel entsprangen seinem Rücken; dunkel, gewaltig und mächtig.Sie entfalteten sich in einer fließenden Bewegung, breiteten sich weit hinter ihm aus und fingen das schwindende Licht des Abendhimmels ein. Die Luft um sie herum bewegte sich… nicht heftig, sondern mit kontrollierter Kraft.Diesmal gab es keine Hörner. Nur die Flügel.Iris rührte sich nicht, nicht einmal ein Blinzeln anfangs.Dann… entfuhr ihr ein scharfer Aufschrei, bevor sie ihn unterdrücken konnte.Ihre Hand schnellte augenblicklich zu ihrem Mund, die Finger drückten dort, als wollten sie den Laut zurückhalten… aber er war bereits heraus.Ihre Augen weiteten sich augenblicklich.Zuerst traf sie ein Schock. Einer, der alle Gedanken auslöschte und nur die nackte Tatsache dessen zurückließ, was sie sah. Und was dann folgte … war keine Angst, sondern Ungläubigkeit … Ehrfurcht.Ihr Atem stockte. Ihre Finger zitterten leicht an ihren Lippen, während sie starrte und nun nicht mehr blinzelte.Weil es keinen Sinn ergab
Lucien hat es gefangen… Und natürlich hat er es gefangen.„Nur ein bisschen?“, wiederholte er, wobei sich eine Augenbraue leicht hob und sein Mundwinkel sich zu einem leisen Amüsement verzog.Anana öffnete den Mund, um zu antworten… diesmal war sie bereit, etwas formte sich bereits auf ihren Lippen… Doch bevor die Worte ihren Kopf verlassen konnten, bewegte sich Lucien.Es ging schnell… subtil… fast unmerklich. Und doch hat es alles verändert.Seine Finger umklammerten ihre gerade fest genug, als er einen Schritt vortrat, obwohl von Anfang an kaum Platz zwischen ihnen gewesen war.Ananas Atem stockte leicht, überrascht von der plötzlichen Nähe… von der stillen Art, wie er sich ihm näherte, als wäre es nicht einmal eine Entscheidung gewesen.Und dann… streifte ihr Absatz einen niedrigen Stein, der unter dem Garten verborgen war.Ein kleiner, erschrockener Atemzug entfuhr ihr, als sie das Gleichgewicht verlor."Oh…!"Sie kippte nach hinten.Lucien fing sie sofort auf, legte einen Arm um







