LOGINDie Vision endete nicht.Der Körper der Heilerin zitterte, Tränen, frisch und heiß, hingen noch immer an ihren Wimpern von dem, was sie zuvor gesehen hatte. Ihre Brust war eng, schmerzte vor Kummer, doch der Strom der Bilder zog sie tiefer in das Netz der Zeit hinein.Diesmal erschien der Mann wieder.Er war älter geworden, die Jahre waren ohne Gnade an ihm vorbeigezogen. Sein Bart war lang und verfilzt, verklebt von Schmutz und Schweiß. Sein Umhang hing in Fetzen, durchlöchert, der Stoff steif von getrocknetem Blut und Dreck. Er zeugte von Jahren des Umherirrens durch Dornen und Stürme. Sein ganzer Körper wirkte zerlumpt, ausgefranst, die Art von Ruin, die nur Zeit und Leid formen konnten.Seine Finger waren von Blasen übersät, rissig von jahrelanger Entbehrung, und seine Augen… Diese Augen waren frei von Menschlichkeit. Leer, kalt, als ob jedes Quäntchen Mitgefühl von der unerbittlichen Qual des roten Mondes ausgelöscht worden wäre.Die Heilerin schauderte. Was sie sah, war kein Men
Die Vision verdichtete sich und zog die Heilerin tiefer in den Strom der Schatten und Offenbarungen hinein. Ihr Körper zitterte, Schweiß rann ihr über die Schläfen, doch ihre Augen blieben weit geöffnet, unbewegt, während sich die Szenen entfalteten.Sie sah Selene, die gekrönte Anführerin, im Herzen ihres Heiligtums stehen. Mondlicht strömte durch die hohen Kristallfenster und tauchte ihr silbernes Haar in kaltes Licht. Ihre Augen brannten nicht nur vor Wut, sondern auch vor Herzschmerz, als ihre ältere Schwester Seryna mit einem höhnischen Lächeln auf den Lippen hereinkam.„Du hast mit ihm gesprochen“, Selenes Stimme zitterte leise. „Du hast ihn zum verbotenen Baum geführt.“Seryna zuckte nicht einmal mit der Wimper. Ihr Lächeln wurde breiter, ihre Augen glänzten vor dunkler Freude. „Und was wäre, wenn ich es täte?“Selenes Stimme überschlug sich vor Wut und Enttäuschung. „Verstehst du, was du getan hast? Die Schwere des Verbrechens, das du über unseren Zirkel gebracht hast? Über da
Die Augen der Heilerin verdrehten sich, das silberne Leuchten pulsierte heller, als die Vision sie noch tiefer hineinzog. Ihr Atem beschleunigte sich, ihr Körper zitterte, doch der Strom der Bilder riss nicht ab.Zuerst sah sie Schatten. Einen Wald, der in das fahle Licht des Mondes gehüllt war.Dort… inmitten des Blaumond-Rudels bewegte sich ein Mann. Seine Schritte waren unruhig, seine Augen huschten unablässig zum Thron des Alphas, erfüllt von einem unstillbaren Verlangen. Er lächelte, wenn man ihn ansprach, verbeugte sich, wenn es angebracht war, doch in den Augenwinkeln lauerte eine ungestillte Gier. Seine Finger zuckten stets, wenn die königlichen Mitglieder vorbeigingen, als wollten sie unbedingt etwas ergreifen, das ihm niemals gehören würde.Seryna, in ihrer Krähengestalt, kreiste unsichtbar über ihm. Ihre scharfen Augen folgten ihm, musterten ihn, drangen bis in seine Seele. Und sie wusste es.Er wollte Macht. Die Art von Macht, die nur königliches Blut besitzen konnte.Sie
Die Heilerin erstarrte, ihre Lippen öffneten sich, ihr Körper versteifte sich. Ihre Augen leuchteten weiß, die Welt um sie herum verschwamm im Nichts. Sie keuchte auf, als Visionen ihren Geist überfluteten, überwältigend und alles verzehrend.Die erste Szene traf sie mit voller Wucht.Krieg.Das Land glich einem Schlachtfeld. Die Luft war erfüllt vom metallischen Geruch des Blutes und den Schreien der Sterbenden. Wölfe in ihrer wilden Gestalt rissen Feinde umher, ihre Klauen kratzten, ihre Reißzähne zerfetzten Fleisch. Stahl klirrte, Pfeile regneten herab, und der Boden war so blutgetränkt, dass er im fahlen Mondlicht glänzte.Leichen bedeckten den Boden, der Gestank des Todes stieg wie Rauch auf. Zerrissene Banner der Gefallenen flatterten schwach im kalten Wind.Und mitten im Gemetzel stand Luna vom Blue Moon Pack.Ihr Kriegsgewand klebte an ihrer blutbefleckten Haut, ihr langes Haar war verfilzt, doch ihre Augen loderten mit blauem Feuer. Mit unerbittlicher Brutalität führte sie Kl
Der Anführer der Assassinen stand mit finsterer Miene im Schatten am Rand der Arena. Sein Blick schweifte über das Schlachtfeld, bis er auf Anana und Aliyah ruhte. Beim Anblick ihrer Wiedervereinigung legte sich eine noch tiefere Falte in sein Gesicht. Mit einer Handbewegung gab er vier seiner Männer ein Zeichen.„Beende das.“Sie haben es sofort verstanden.Die Attentäter schlugen blitzschnell zu, ihre Fäuste nur noch ein verschwommener Blitz, krachten in die Brust ihrer Gegner. Die mit Gift getränkten Klingen unter ihren Bandagen rissen unsichtbar die Haut auf, das Gift sickerte lautlos ein. Die Krieger, die sie trafen, erstarrten, ihre Augen weiteten sich, ihre Körper wurden steif, sie sanken in den Sand, ihr Atem flach, ihr Tod langsam, aber unausweichlich.Die Menge jubelte, blind für die Wahrheit.Auf der anderen Seite hielt der muskulöse Krieger stand, im Glauben, es handle sich lediglich um einen Nahkampf. Sein Gebrüll hallte wider, als er drei Attentäter gleichzeitig abwehrte
Die acht massiven Türen ächzten auf, und die vierzig Teilnehmer stürmten in die Arena, der Sand knirschte unter ihren Stiefeln, während die Menge tobte.Der riesige Kreis der offenen Arena schimmerte unter der heller werdenden Sonne, Staub wirbelte bereits vom Boden auf.Einige reckten die Arme gen Himmel und genossen den ohrenbetäubenden Jubel ihrer Rudel. Der lauteste Jubel erhob sich für den muskulösen Krieger, dessen massiger Körper glänzte, als er mit einem breiten Grinsen die Muskeln spielen ließ. Sein Name hallte in ohrenbetäubenden Gesängen durch die Luft.In diesem Moment gab der Anführer der Infiltratoren einem seiner Männer mit zwei Fingern ein Zeichen – eine stumme Erinnerung an den Plan:Lass Aliyah Anana ausbluten und dann würde er ihr mit dem letzten Schlag den Rest geben.Sein Daumen streifte den schwarzen Ring an seinem Finger, seine Lippen verzogen sich bei dem Gedanken an Ananas Blut, das den Sand färbte.Ananas scharfer Blick traf den muskulösen Krieger quer durch







