LOGINVor fünf Jahren gab Ariana Ashwood ihr gesamtes bisheriges Leben auf, um Kael Blackthornes Luna zu werden. Doch in dieser Nacht betritt er den Raum mit einer völlig fremden Frau an seinem Arm und erklärt diese kaltblütig zu seiner vom Schicksal vorbestimmten Gefährtin. Ohne zu zögern überreicht er Ariana jene Scheidungspapiere, die sie bereits gezwungenermaßen unterzeichnet hat. Für Kael war sie offenbar niemals mehr als eine bloße Verpflichtung gewesen, die er über die vergangenen Jahre hinweg vergebens zu lieben versucht hatte. Was Kael jedoch nicht im Geringsten ahnt: Ariana trägt heimlich sein ungeborenes Kind unter ihrem Herzen. Sie weigert sich strikt zuzulassen, dass auch nur eines von ihnen beiden ungeliebt und ungewollt in dieser grausamen Umgebung aufwächst. In einer verzweifelten, aber mutigen Entscheidung täuscht sie ihren eigenen Tod in den reißenden Fluten des Flusses vor, der ihr Territorium begrenzt. Daraufhin verschwindet sie spurlos in die gefährlichen und geheimnisvollen Vergessenen Lande, wild entschlossen, künftig nur noch nach ihren eigenen strengen Regeln zu überleben. Fünf lange Jahre später existiert das verängstigte, zerbrochene Mädchen, das Kael damals so achtlos weggeworfen hat, nicht mehr. An ihrer Stelle steht nun eine mächtige Frau, die jeden Raum mit bloßer Präsenz beherrscht. Sie ist die beschützende Mutter eines Sohnes mit furchterregender, grenzenloser Macht und die gleichgestellte Partnerin von Darius Blackthorne. Darius ist der von Narben schwer gezeichnete, verbannte Bestienkönig, vor dem sie einst jeder eindringlich gewarnt hatte. Doch er ist der einzige Mann, der jemals geduldig auf sie gewartet hat. Als Kael sie endlich wiederfindet, trifft er auf keine schwache Ehefrau. Er findet eine unbezwingbare Königin und eine neue Wahrheit, die seine gesamte Welt komplett zerstört. Während ein unerbittlicher Krieg um die Werwolfreiche entbrennt, muss sich Ariana entscheiden, ob Kael ihr beim Siegen jemals wieder zusehen darf.
View MoreDas Feuer im Kamin brannte schon seit dem Mittag. Ariana konnte es immer noch nicht spüren.
Sie stand dort, wo der Marmorboden in altes Eichenholz überging, eine Grenze, die sie schon tausendmal überschritten hatte, ohne auch nur einmal nach unten zu sehen, und heute Nacht wollten ihre Füße sie nicht überqueren. Hinter ihr: die Kälte des Korridors. Vor ihr: Feuer, ein gedeckter Tisch für ein Abendessen, von dem ihr niemand etwas gesagt hatte, und vierzig Mitglieder des Rudels ihres Mannes, die sich einer nach dem anderen umdrehten, um sie anzusehen.
Bei guten Neuigkeiten dreht sich niemand so um. Das wusste sie, bevor sie irgendetwas anderes über diesen Abend wusste.
Ihr Ring fing den Schein des Feuers auf, als sie die Hand hob, um ihren Rock glattzustreichen – eine alte Gewohnheit, die keinen anderen Zweck erfüllte, als ihren Händen eine Aufgabe zu geben. Schlichtes Silber. Kein Stein. Kael hatte ihr einmal, im zweiten Jahr, gesagt, dass alles Schwerere wie eine Leine ausgesehen hätte. Sie hatte ihm geglaubt. In letzter Zeit fing sie an, eine Liste der Dinge zu führen, die sie in den letzten fünf Jahren geglaubt hatte; die Art von Liste, die man erst schreibt, nachdem man bemerkt hat, dass das Silber aus der Schublade verschwunden ist.
Kael stand am Kopfende des Tisches. Er kam nicht zu ihr.
Stattdessen stand eine Frau neben ihm. Goldenes Haar, blaue Seide in der Farbe einer Ader unter der Haut und ein Lächeln, das auf den Raum gerichtet war, als besäße sie bereits die Besitzurkunde dafür. Lyra. Ariana hatte den Namen im letzten Monat zweimal gehört, immer nur flüchtig, immer gefolgt von einer Stille, der sie mehr Aufmerksamkeit hätte schenken sollen.
„Du wolltest mich sehen“, sagte Ariana. Gefasster, als sie erwartet hatte. Kleine Gnaden.
Kael sah sie an, wie ein Mann einen Vertrag ansieht, den er bereits unterschrieben hat. Nirgendwo ein Zögern. Das war der Teil, der alles andere an diesem Abend überdauern würde: nicht die Frau, nicht die Seide, sondern einfach das flache Fehlen einer Pause dort, wo eine Pause hätte sein sollen.
„Das ist Lyra.“ Er sagte es wie eine Vorstellung auf einer Dinnerparty. „Sie ist meine Gefährtin.“
Weiter unten am Tisch schlug ein Glas zu hart auf Holz. Niemand sprach. Niemand drehte auch nur einen Stuhl einen Zentimeter in ihre Richtung, und als Ariana die vierzig unbewegten Gesichter betrachtete, begriff sie, dass es auch niemand tun würde.
„Kael.“ Sie meinte es emotionslos. Es kam trotzdem als Frage heraus.
Er beantwortete die darin liegende Frage nicht. Er beantwortete eine andere, jene, die er sich selbst schon seit Wochen im Stillen gestellt haben musste, während sie Getreidelieferungen absegnete und neben einem Mann schlief, der bereits leise seine Koffer gepackt und sie verlassen hatte, ohne ihr die Adresse zu nennen.
„Sie bleibt.“ Ein Neigen seines Kinns zu der Frau in Blau. „Du gehst.“
Vier Worte. Sie würde sie später, um drei Uhr morgens, zählen und auf den Bluterguss dieses Gedankens drücken, nur um zu sehen, ob es immer noch wehtat. Das tat es. Es tat bei der hundertsten Überprüfung noch genauso weh wie bei der ersten, was sie distanziert als interessante Information über Schmerz ablegte.
Sie weinte nicht. Das war eine weitere Sache an ihrem eigenen Körper, die sie gerade lernte: Er weigerte sich, das zu tun, worum der Verstand flehte; irgendeine alte Verdrahtung darunter bestand darauf: nicht hier, nicht vor ihnen, nicht, während sie auf das Brechen warten. Sie sah stattdessen Lyra an. Lyra hielt ihrem Blick stand, ohne mit der Wimper zu zucken, das Kinn erhoben, und da war etwas in ihrem Gesicht, das nicht ganz Triumph war. Eher Erleichterung. Ein seltsames Ding, Erleichterung, um es auf dem Gesicht einer Frau zu finden, die gerade gewonnen hatte.
„Fünf Jahre“, sagte Ariana. Hauptsächlich zu sich selbst.
„Ich weiß, wie lange es her ist.“ Sein Kiefer spannte sich an. Für eine winzige Sekunde bewegte sich etwas hinter seinen Augen, kein Zweifel, wie sie viel später verstehen würde, nur die Erinnerung an Zweifel, der bereits begraben wurde. „Ich kann dich nicht weiter anlügen. Oder mich selbst. Lyra ist mir vom Schicksal bestimmt. Du weißt, was das bedeutet.“
Das wusste sie. Sie war fließend aufgewachsen in der Sprache von Gefährtenbindungen und Schicksal, in der spezifischen Grausamkeit einer Spezies, die dachte, Liebe könne bei der Geburt wie ein Nachname verteilt werden. Was sie bis zu dieser genauen Sekunde, als sie auf kaltem Eichenholz stand und vierzig Leute sie ansahen, nicht gewusst hatte, war, wie leicht ein Mann das Wort Schicksal benutzen konnte, um zu sagen: Ich wähle dich nicht mehr, und erwartete, dass ihm der Unterschied verziehen wurde.
„Und die Vereinbarung zwischen unseren Familien. Zählt das gar nichts?“
„Es bedeutet, dass es mir leid tut.“
Er klang nicht, als täte es ihm leid. Er klang wie ein Mann, der eine Zeile ablas, die er so oft geprobt hatte, dass die Bedeutung abgenutzt war, so wie ein Wort, das man fünfzig Mal schnell hintereinander sagt, aufhört, wie ein Wort zu klingen. „Es ist getan, Ariana. Der Rat wird es noch in diesem Monat abschließen.“
Lyras Hand fand seinen Unterarm. Klein. Besitzergreifend. Ariana sah zu, wie er sie dort ruhen ließ, kein Flackern von Widerstand irgendwo in ihm, und etwas in ihrer Brust verschloss sich, still, denn fünf Jahre ihrer eigenen Hand auf demselben Arm hatten nie auch nur einmal so natürlich ausgesehen. Nicht bei ihr. Bei einer Fremden, an Tag eins.
Sie hätte streiten können. Sie hatte tatsächlich Argumente geprobt in den Wochen, in denen sie halb geahnt hatte, dass etwas nicht stimmte: sorgfältige Worte über Pflicht, über die Schulden, die ein Mann der Frau schuldet, die seinen Haushalt geführt hat, während er sein Rudel führte. Als sie dort stand, stellte sie fest, dass sie kein einziges davon vorbringen wollte. Nicht, weil sie nicht wahr gewesen wären. Weil es bedeutet hätte, auch nur eine Minute länger so zu tun, als wäre dies ein Gespräch und nicht eine Ankündigung, in die sie aus Versehen hineingestolpert war.
„Herzlichen Glückwunsch“, sagte sie stattdessen und ließ das Wort so ruhig klingen, dass es selbst sie erschreckte.
Sie ging durch die Tür hinaus, durch die sie gekommen war. Hinter ihr das leise Murmeln von vierzig Leuten, die entschieden, dass es sicher war, wieder zu reden, jetzt, wo sie weg war.
Erst draußen im Korridor, allein, ließ sie ihre Handfläche flach auf dem kalten Stein ruhen. Nicht für das Gleichgewicht. Nur um etwas zu berühren, das sie nicht anlügen würde.
Du gehst, hatte er gesagt. Zwei Worte. Darunter, unausgesprochen: und ich werde nicht derjenige sein, der dir dabei zusehen muss.
Als sie dort stand, während ihr Ring Licht einfing, das sie nicht mehr erreichte, verstand sie plötzlich das ganze Ausmaß. Nicht wie ein Gedanke, der ankommt. Wie das Wetter. Diese Ehe war bereits eine Leiche in der Erde. Alles von hier an war nur noch das Graben.
Der Morgen kam klar und kalt, der erste echte Frost der Saison überzog das Gras draußen vor dem Felsvorsprung mit einer silbernen Schicht. Ariana wachte noch vor der Dämmerung mit derselben wortlosen Gewissheit auf, die Elias zwei Tage zuvor geäußert hatte – ein Gefühl im Mark ihrer Knochen, dass dieser Tag anders sein würde.Sie schürte das Feuer. Sie sah nach seinen Wunden, rein aus Gewohnheit, obwohl diese längst zu sauberen, heilenden Linien verheilt waren. Sie ließ sich an dem Platz nieder, den sie sich in den letzten drei Wochen zu eigen gemacht hatte: nah genug, um ihn richtig zu beobachten, und weit genug entfernt, um ihm Raum zu geben, falls das vollständige Erwachen sich als ebenso verwirrend erweisen sollte wie diese erste halbklare Nacht.Drei Wochen. Sie wog die Zahl im Geist ab, während sie wartete, noch immer fast ungläubig. Drei Wochen eines Lebens, das sich um die Genesung einer Kreatur herum neu geordnet hatte, die sie zu Beginn nur als eine Form gekannt hatte, die i
Die klaren Phasen wurden länger, auch wenn sie nach wie vor brüchig blieben und jedes Mal, wenn sich seine Augen öffneten, mehr von Instinkt als von klarem Denken zeugten.Ariana hatte gelernt, den Unterschied zwischen den beiden Zuständen fast so gut zu lesen wie das Wetter. Der unbewusste, heilsame Schlaf beanspruchte noch immer die meiste Zeit, tief und meist ungestört. Doch inzwischen webte sich mehrmals täglich etwas hindurch: Seine Augen öffneten sich klar statt wild, sein Blick folgte ihr über den Felsvorsprung mit etwas, das immer mehr nach echtem Bewusstsein aussah anstelle der Panik aus den ersten Momenten des Erwachens.Sie fing an, diese Phasen zu markieren, so wie sie einst Kerben in einen Pfosten geritzt hatte – nicht, weil sie die Anzahl brauchte, sondern weil das Zählen für sie immer das Mittel gewesen war, um etwas Angstmachendes in etwas Handhabbares zu verwandeln. Drei klare Phasen am zwölften Tag. Fünf am dreizehnten, jede länger als die vorherige, wobei seine Auge
Gegen Ende der zweiten Woche hatte Elias aufgehört, um Erlaubnis zu bitten.Ariana erwischte ihn das erste Mal durch Zufall, als sie vom Bach zurückkam und ihren Sohn im Schneidersitz neben dem riesigen, schlafenden Kopf des Wolfes vorfand. Er plapperte drauflos – in demselben ungefilterten Redefluss, den er sonst für sie aufsparte.„...und dann ist der Baumstamm den ganzen Hügel runtergerollt, und Mama hat so gelacht, dass sie sich hinsetzen musste. Das hätte dir auch gefallen. Du bist groß genug, du hättest ihn wahrscheinlich noch auffangen können, bevor er überhaupt ins Wasser gefallen ist.“„Elias.“Er blickte auf, überhaupt nicht ertappt oder gestört. „Es gefällt ihm, wenn ich rede. Sein Ohr bewegt sich.“„Dass sich sein Ohr bewegt, bedeutet nicht unbedingt, dass es ihm gefällt.“„Es ist aber ein gutes Bewegen. Kein schlechtes Bewegen.“ Er sagte es mit derselben festen, unerschütterlichen Zuversicht, mit der er die meisten Dinge betrachtete, die er für die Naturwelt beschlossen ha
Er wachte in den folgenden drei Tagen nicht noch einmal ganz auf. Aber seit jenem ersten halbklaren Moment hatte sich etwas verändert: Ein Faden von ihm blieb näher an der Oberfläche, selbst in den tiefsten Phasen des Schlafs.Ariana bemerkte es zuerst an kleinen Dingen. Er schlief nicht mehr so ausgestreckt und offen wie in jener ersten Nacht. Stattdessen rollte er sich jedes Mal unauffällig zusammen, wenn sie oder Elias sich durch den Felsüberhang bewegten, und brachte dabei mehr von seiner unversehrten Seite zwischen sie und die Baumgrenze. Als ob ein Teil von ihm weiterhin die Wahrscheinlichkeiten für ihren Schutz berechnete, selbst während der Rest von ihm in den Schlaf abgetaucht war.Sie testete das in den kommenden Tagen noch zweimal, indem sie zu unterschiedlichen Zeiten ihre eigene Position veränderte, um zu sehen, ob das Muster bestehen blieb oder ob sie lediglich Bedeutung in die gewöhnlichen Gewohnheiten eines Tieres hineinlas. Es bestätigte sich beide Male. Nach der drit











