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Kapitel 4: Das Asset

Author: Anaya
last update publish date: 2026-04-20 19:13:14

~ Zion ~

Der SUV hielt mitten im Hof. Der Fahrer schaltete den Motor aus, und ich saß mit Ivory im Fondund lauschte der Stille. Drei Jahre lang hatte ein Fluch in meiner Brust gewütet – ein ständigerDruck, bei dem jeder Atemzug sich anfühlte, als würde ich zerbrochenes Glas einatmen. Doch indem Moment, in dem ich Ivory auf der Lichtung von Silverstone gesehen hatte, war der Schmerz

einfach verschwunden. Ich hatte sie nicht aus Güte gekauft. Ich hatte sie gekauft, weil ich esleid war, Schmerzen zu haben.

Ich stieß die Tür auf und stieg aus. Die Bergluft war dünn und trocken. Ich ging um den Wagenherum und öffnete Ivorys Tür.

„Wach auf“, sagte ich.

Ivory fuhr zusammen. Sie setzte sich ruckartig auf, ihre Hand schlug gegen den Riemen derTasche zu ihren Füßen. Sie starrte die schwarzen Steinmauern an und dann mich.

„Steig aus“, befahl ich.

Sie trat auf den Boden, ihre Stiefel trafen mit einem dumpfen Schlag auf den Fels. Der Wind fuhrihr ins Gesicht und sie fröstelte, doch sie beschwerte sich nicht, während sie die Türme und dieWachen auf den hohen Mauern betrachtete.

„Bleib hinter mir“, sagte ich.

Ich ging auf den Haupteingang zu. Oryn wartete bereits dort. Er schaute zu Ivory, dann auf dieÜbertragungspapiere in meiner Hand. Das waren die Dokumente, die Edward vor einer Stundeunterschrieben hatte und durch die Ivorys Vertrag auf mich überging. Ohne meine Unterschriftauf den endgültigen Aufnahmeformularen gehörte sie rechtlich noch nicht mir. Ich brauchtediese Papiere im Tresor, bevor die Sonne aufging.

„Das Mädchen aus Silverstone?“, fragte Oryn.

„Das Mädchen“, antwortete ich. „Sie bleibt in der dritten Halle. Gib ihr ein Zimmer in der Nähe derWäscherei. Sie darf es nicht verlassen, bis ich nach ihr schicke.“

Ivory blieb mitten in der Halle stehen. „Du hast gesagt, ich hätte eine Funktion, Zion.“

Ich drehte mich um und ging auf sie zu. Ich wollte ihr nicht zu nahe kommen, aber sie musstedie Einsätze verstehen.

„Deine Funktion ist es, verborgen zu bleiben“, sagte ich. „In diesem Haus existierst du nicht. Dusprichst nicht mit den Bediensteten. Du wanderst nicht herum. Wenn der Rat herausfindet, dassich eine Geschäftsschuld benutzt habe, um ein mondloses Mädchen hierherzubringen, werdensie Fragen stellen, auf die ich noch keine Antworten habe.“

„Ich bin keine Dienerin“, sagte sie.

„Du bist ein Asset“, entgegnete ich. „Oryn wird dir das Zimmer zeigen. Geh.“

Ich beobachtete, wie Oryn sie wegführte. Sie ging mit erhobenem Kopf, trotz des ruiniertenKleides und der Kälte. Ich wartete, bis sie um die Ecke verschwunden waren, bevor ich in meinArbeitszimmer ging. Ich setzte mich an den steinernen Tisch und zog die Übertragungspapiere

zu mir. Ich unterschrieb meinen Namen unten auf dem Stapel. Edward war froh gewesen, sieloszuwerden, um seine Schuld zu begleichen. Er dachte, er hätte ein nutzloses Mädchen gegeneinen sauberen Schlussstrich getauscht. Er ahnte nicht, dass sie der einzige Grund war, warumich mir nicht gerade die eigene Haut vom Leib riss, um den Fluch zu stoppen.

Ich lehnte mich zurück und rieb mir die Brust. Die Stille war noch immer da. Es war ein hohlesGefühl, wie ein Fieber, das endlich gebrochen war. Ich dachte an ihre Augen. Sie trugKontaktlinsen, doch ich hatte das Aufblitzen von Violett gesehen, als das Licht sie traf. MeinVater hatte Aufzeichnungen über die Myrrhgeborenen hinterlassen – ein Volk, das dieMondgöttin versucht hatte auszulöschen. Wenn Ivory dieses Blut in sich trug, war sie nicht nureine Heilung für meinen Schmerz. Sie war eine Bedrohung für die gesamte Hierarchie der fünfHöfe.

Zwei Stunden lang blieb ich am Tisch und ging die Grenzberichte durch. Das Gebiet vonSilverstone zerfiel. Die Ernten starben ab, und die Rudelmitglieder wurden gewalttätig. Es warein Zeichen dafür, dass die unsichtbare Energiewand, die unser Land schützte, undicht wurde.

Wenn Ivory der Schlüssel war, das zu reparieren, durfte niemand erfahren, dass sie hier war, bisich wusste, wie ich sie einsetzen konnte.

Bei Tagesanbruch ging ich in den Trainingshof.

Ich zog mein Hemd aus und griff nach einer schweren Eisenstange. Ich musste herausfinden,ob meine Kraft mit der Stille zurückgekehrt war. Ich schwang die Stange gegen einenHolzpfosten. Das Holz splitterte, das Geräusch hallte von den Wänden wider. Ich schlug erneutzu. Ich spürte nicht mehr die gewohnte Erschöpfung. Der Fluch hatte drei Jahre lang an meinerKraft gezehrt, und jetzt, zum ersten Mal seit meinem einundzwanzigsten Lebensjahr, fühlte ichmich wieder wie ein König.

„Sie ist im Zimmer“, sagte Oryn, als er in den Hof trat.

Ich hörte nicht auf zu schwingen. „Hat sie gegessen?“

„Sie hat das Tablett genommen. Sie hat nichts gesagt“, antwortete Oryn. „Sie verbirgt etwas,Zion. Ich spüre ein seltsames Summen in der Luft, wenn ich in ihrer Nähe bin.“

„Ich weiß“, sagte ich. Ich ließ die Stange fallen und griff nach einem Handtuch. „Sie istMyrrhgeboren.“

Oryn erstarrte. „Wenn der Rat das herausfindet —“

„Wird er nicht“, unterbrach ich ihn. „Wir fahren heute Nachmittag zur Grenze. Ich will sehen, wiesie auf die unsichtbare Wand reagiert, die unser Land schützt. Wenn sie sie so spürt, wie diealten Geschichten es beschreiben, haben wir unsere Antwort.“

„Sie ist ein Mädchen, kein Werkzeug“, sagte Oryn.

„Sie ist beides“, erwiderte ich.

Ich ging zurück ins Hauptgebäude. In der dritten Halle blieb ich vor ihrer Tür stehen. Ich klopftenicht. Ich lauschte der Stille auf der anderen Seite. Ich hörte, wie sie sich auf dem Bett bewegte.

Ich hatte sie im Packhaus gesehen, wie sie dort stand, während sie lachten und Wein auf siewarfen. Sie war damals nicht zerbrochen, und genau diese Stärke würde ich für das brauchen,was noch kommen würde.

Ich ging wortlos weiter. Ich hatte ein Königreich zusammenzuhalten – und jetzt auch einGeheimnis zu bewahren.

Gegen Mittag war der SUV bereit. Oryn setzte sich ans Steuer, und ich nahm mit Ivory im FondPlatz. Sie trug die schwarze Tunika und die Hose, die ich hatte bringen lassen. Die Kleidung warschlicht, aber sie stand ihr.

„Wohin fahren wir?“, fragte sie.

„Zur Grenze des Königreichs“, antwortete ich.

Der Wagen fuhr aus den Toren und begann den Aufstieg in die Berge. Wir sprachen nicht. Daseinzige Geräusch waren die Reifen auf dem Kies. Je näher wir dem Rand des Territoriumskamen, desto schwerer wurde die Luft. Hier befand sich eine unsichtbare Energiewand, dieAußenstehende fernhielt – eine Barriere, die nur Wölfe spüren konnten. Ich beobachtete Ivory.Sie hatte keinen Wolf, also hätte sie nichts spüren dürfen.

Doch als wir uns den beiden Steinsäulen näherten, die die exakte Linie markierten, an der unserSchutz endete, begannen ihre Hände zu zittern. Sie klammerte sich an den Sitz, die Knöcheltraten weiß hervor.

„Zion“, flüsterte sie.

„Was ist?“, fragte ich.

„Die Luft“, sagte sie. „Sie vibriert. Sie ist zu laut.“

Ich beugte mich vor und tippte Oryn auf die Schulter. „Langsamer.“

Wir waren noch fünfzig Meter von der Linie entfernt. Ein normaler Mensch hätte die Barrierenicht gespürt. Ein Wolf hätte ein dumpfes Pochen gefühlt. Doch Ivory lehnte sich nach vorn, dieAugen weit aufgerissen.

„Halt den Wagen an“, sagte sie.

Oryn trat auf die Bremse. Der SUV kam rutschend zum Stehen. Ich sah sie an, und mein Herzsetzte aus. Die Kontaktlinse in ihrem linken Auge hatte sich verschoben. Ein flüssiges violettesLicht drang aus ihrer Iris und leuchtete mit einer Hitze, die ich vom anderen Ende des Sitzesspüren konnte.

„Ivory“, sagte ich und griff nach ihr.

„Fass mich nicht an“, keuchte sie.

Sie stieß die Tür auf und rannte auf die Steinsäulen zu. Ich sprang aus dem Wagen und folgte ihr.

Sie erreichte die unsichtbare Linie und blieb stehen. Sie überquerte sie nicht, sondern fiel auf dieKnie und presste die Handflächen auf die Erde.

Der Boden stöhnte auf. Ein Riss bildete sich in der trockenen Erde und breitete sich von ihrenFingerspitzen zu den Säulen aus. Das violette Licht aus ihrem Auge flammte auf, und für einenSekundenbruchteil wurde der gesamte Gebirgspass in Purpur getaucht.

„Es ist kaputt“, sagte sie, und ihre Stimme klang, als würden zwei Personen gleichzeitigsprechen. „Ihr habt alles zerbrechen lassen.“

Ich packte sie an den Schultern und zog sie zurück. Das Licht erlosch, und sie sackte gegenmich, ihr Atem kam in kurzen Stößen. Die Kontaktlinse war verschwunden und gab ihre echtenAugen der Sonne preis. Ich schaute zu den Säulen. Die unsichtbare Barriere summte nicht mehrnur – sie dröhnte vor neuer Energie. Sie hatte die Grenze nicht nur gespürt. Sie hatte sierepariert.

„Ich habe keine Dienerin gekauft“, flüsterte ich in die leere Luft. „Ich habe eine Königin gekauft.“

Ich hob sie hoch und trug sie zurück zum Wagen. Sie war bewusstlos, ihr Kopf ruhte an meinerBrust. Der Schmerz war immer noch fort, ersetzt durch eine kalte Erkenntnis. Der Rat würdenach ihr suchen. Die Mondgöttin würde nach ihr suchen.

Und ich würde jeden Einzelnen von ihnen töten müssen, um sie zu behalten.

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