Se connecterEr erzählte ihr im März von seinem Vater.
Sie waren da vier Monate zusammen, zusammen auf die stille, absichtliche Weise, mit der sie alles angegangen waren, ohne Eile und ohne die Performance von Gewissheit, der Clara gelernt hatte zu misstrauen. Es war keine große Romanze. Es war etwas, das sie mehr schätzte: eine anhaltende Aufmerksamkeit, ein beständiges Erscheinen, die besondere Intimität zweier Menschen, die beschlossen haben, ehrlich miteinander zu sein, und entdeckt haben, dEmma Lena hatte im September des vierzehnten Jahres die Vorschule begonnen, die Wiener Vorschule, in der die Kinder aus dem Viertel lernten, was Vorschulen lehrten: die Buchstaben und die Zahlen und das Miteinandersein und das Teilen und das Konfliktlosen, das Grundhandwerk des sozialen Lebens, das vor dem Lesen und Schreiben kam und ohne das das Lesen und Schreiben keinen Sinn hatte. Mia erzahlte Clara in einem Telefongesprach im Oktober, was in der ersten Woche der Vorschule passiert war, und die Geschichte hatte die Qualitat der Geschichten, die Mia erzahlte, wenn sie wollte, dass Clara verstand, was sie sagte: vollstandig, ohne Ausschmuckung, mit dem Kern am Anfang und den Details danach. Die Vorschullehrerin hatte in der ersten Woche die Kinder gebeten, etwas mitzubringen, das ihnen wichtig war, ein Gegenstand aus dem Zuhause, der zeigen sollte, wer die Kinder waren, die in die Gruppe kamen. Das war ein ubliches Ritual der ersten Woche, die Gegenstand-Vorstell-Runde, in der di
Isabella Haynes hatte ihr Lehrveranstaltung an der Freien Universitat Berlin in das zweite Semester ausgedehnt, weil das erste Semester nicht genug gewesen war, um das zu lehren, was gelehrt werden musste, und weil die Studierenden nach dem ersten Semester weiter wollten, weil gute Lehrveranstaltungen das taten: sie erzeugten das Weiterwollen, den Hunger nach mehr, der das Zeichen war, dass das Gelernte nicht die Antworten gegeben hatte, sondern die Fragen, die die Antworten erst moglich machten. Das zweite Semester hatte einen anderen Schwerpunkt als das erste. Das erste hatte die Entstehung des Rechtsfeldes beschrieben, die Geschichte, die Falle, die Prazedenzfalle, die Methodik. Das zweite Semester fragte: Was kommt als nachstes? Nicht als Prognose, die Isabella nicht machen konnte und nicht machen wollte, weil das Recht sich aus den Fallen entwickelte und weil die Falle noch nicht passiert waren. Sondern als die Frage, die die Studierenden stellen mussten, wenn sie das Rechtsfel
Die Schreibphase des siebten Buches war anders als alle Schreibphasen davor, und das Andere war nicht eine Frage der Menge der Arbeit oder der Komplexitat der Gedanken, obwohl beides gross war. Das Andere war eine Frage der Nahe. Das siebte Buch schrieb uber Menschen, die Clara kannte, nicht als Daten und nicht als Fallstudien und nicht als die anonymisierten Teilnehmenden der Audits. Das siebte Buch schrieb uber Rosa Elena aus Bogota, die ihre Bibliothek aufgebaut hatte. Uber Harun Yilmaz aus Wien, der in das Archiv geschrieben hatte. Uber Marta aus Krakau, die gesprochen hatte, bevor sie sicher war, dass das Sprechen sicher war. Uber Emma Lena, die mit funf Jahren sagte: Mein Buch kommt noch. Das waren echte Menschen, mit echten Namen und echten Geschichten, und das Schreiben uber echte Menschen war eine andere Art des Schreibens als das Schreiben uber das Muster, das abstrakt war und deshalb schutzte. Clara hatte mit allen Menschen gesprochen, bevor sie uber sie schrieb, hatte je
Das vierzehnte Jahr war das Jahr, in dem Clara Hoffmann begann zu verstehen, dass das Schreiben ihr nicht nur gegeben hatte, was es ihr gegeben hatte, die Bucher, die Werkzeuge, die Verbindungen, die Veranderungen, die sie dokumentiert hatte, sondern dass das Schreiben sie selbst verandert hatte, auf eine Art, die schwer zu beschreiben war, weil die Veranderung graduell gewesen war und weil Veranderungen, die graduell waren, sich erst zeigten, wenn man weit genug zuruckschaute, um den Unterschied zu sehen. Der Unterschied zeigte sich im Sommer des vierzehnten Jahres, an einem Morgen, an dem Clara in dem Munchner Arbeitszimmer sass und in das siebte Notizbuch schrieb und plootzlich verstand, was sie in dem Notizbuch schrieb: Sie beschrieb nicht mehr das, was ausserhalb war, die Muster und die Institutionen und die Menschen und die Werkzeuge. Sie beschrieb das, was innen war, was das Aussen in ihr erzeugte, was das Erleben des Aufbauens und des Scheiterns und des Weitermachens in ihr
Ein Jahr nach der Gedachtnisbegehung in Favoriten, im Sommer des vierzehnten Jahres, fuhren Clara und Alexander nach Wien fur eine Woche, und ein Teil der Woche gehorte dem Favoriten-Projekt, das in dem Jahr zwischen der ersten Begehung und diesem Sommer eine Entwicklung genommen hatte, die Alexander in den monatlichen Kurznachrichten an Clara beschrieben hatte, aber die er vollstandig beschreiben wollte, in einem gemeinsamen Gesprach, an dem Ort. Das Erinnerungsarchiv hatte in dem Jahr vierhundertdreiundvierzig Beitrage gesammelt, von ursprunglich vierundzwanzig auf jetzt achtundsiebzig aktive Beitragende. Die Beitrage waren in funf Sprachen verfasst: Deutsch, Turkisch, Serbisch, Bosnisch und Ungarisch, weil sich die Gemeinschaften, die den Bezirk bewohnten, in dem Archiv mit ihren eigenen Sprachen eingebracht hatten, weil das Archiv keine Sprache vorgeschrieben hatte und weil das Nicht-Vorschreiben der Sprache das Einbringen ermoglicht hatte, das das Vorschreiben verhindert hatte.
Marcus Reinhardt schickte Clara im Marz des vierzehnten Jahres eine Analyse, die er als die wichtigste Analyse bezeichnete, die er in vierzehn Jahren gemacht hatte, und Marcus bezeichnete die Dinge selten als die wichtigste, weil Marcus wusste, dass das wichtigste relativ war und dass das Relative das Absolute untergrub. Dass er dieses Mal das Wort benutzte, zeigte, dass er es benutzen wollte, und das war bedeutsam. Die Analyse betraf die Nachhaltigkeit der Veranderungen in den Institutionen, die Clara Consulting in den vierzehn Jahren auditiert hatte. Marcus hatte in dem funfzehnjaehrigen Nachverfolgungsintervall, dem langsten, das er je erhoben hatte, die Daten der fruhesten Engagements ausgewertet, der Engagements, die funfzehn Jahre zurucklagen, die in den ersten Jahren nach dem ersten Buch stattgefunden hatten. Das Ergebnis war das, was Marcus die wichtigste Zahl nannte: In den Institutionen, die das vollstandige Audit vor funfzehn Jahren abgeschlossen hatten und in denen in d
Der Oktober brachte den Herbst früh nach Berlin, das gab es manche Jahre, mit dieser besonderen Qualität, der Herbstluft, mit ihrem Dunst am Horizont und der Art, wie das Licht der Stadt älter wirkte, weniger sicher an seinen Kanten. Clara hatte dieses Wetter immer gemocht. Es fühlte sich an wie ei
Der erste Klient kam durch unerwartete Kanäle.Clara hatte noch nicht offiziell gestartet. Clara Consulting existierte als eingetragene Einheit mit einer sauberen Website, die Isabellas Neffe, ein Webentwickler, in drei Tagen aus einem Briefing gebaut hatte, das sie in einer Sitzung geschrieben hat
Sie blieb neun Tage in München.Sie hatte sieben geplant, aber am siebten Tag wachte sie auf und stellte fest, dass sie noch nicht zurückwollte, dass der besondere Frieden des Hauses ihrer Mutter etwas Strukturelles in ihr tat, das noch nicht vollständig war, und sie rief Isabella an, um es zu erkl
München empfing sie, wie es das immer getan hatte, mit der besonderen ungehasteten Wärme einer Stadt, die kein Interesse daran hat, jemanden zu beeindrucken.Die Luft war hier anders. Kühler, selbst am Mittag, mit der frischen mineralischen Qualität, die von den Bergen kam und jeden Atemzug wie ein







