Die Braut der toten Prinzessin

Die Braut der toten Prinzessin

last updateLast Updated : 2026-10-29
By:  RukkyUpdated just now
Language: Deutsch
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Ich wurde für drei Silbermünzen gekauft, um an ihrer Stelle zu sterben. Heute Nacht starb sie in meinen Armen. Jetzt trage ich ihre Krone, ihren Namen und den Ring eines Prinzen, den ich niemals hätte berühren dürfen. Mein Name ist Mira. Siebzehn Jahre lang lebte ich in einem verborgenen Flügel des Palastes und lernte, Prinzessin Adelina zu sein. Ihren Gang. Ihre Stimme. Ihr Lachen. Sollte jemals ein Mörder sie erreichen, wäre ich diejenige gewesen, die das Messer abbekommen hätte. Niemand hatte mit Gift gerechnet. Niemand hatte damit gerechnet, dass es wirken würde. Adelina starb in meinen Armen auf ihrem eigenen Verlobungsball. Noch bevor ihr Körper kalt war, gab mir die Königin einen einzigen Befehl: Du bist jetzt sie. Neun Tage bis zur Hochzeit. Ein Hof voller Menschen, die Adelina seit ihrer Geburt kennen. Ein Mörder innerhalb dieser Mauern, der genau weiß, wer ich bin. Und ein Prinz, der mich über den Tisch hinweg ansieht, als könne er die Lüge durchschauen. Aber jemand in diesem Palast liebte mich genug, um eine Prinzessin zu töten. Jemand, der mich ausgebildet hat. Jemand, der mich nachts ins Bett gebracht hat. Jetzt muss ich herausfinden, wer es war, bevor sie beschließen, dass die echte Königin das nächste Hindernis auf ihrem Weg ist.

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Chapter 1

Kapitel 1: Drei Klopfer

Aus Miras Perspektive

Zwei Klopfer auf das Schlüsselbein bedeuteten: Mir geht es gut.

 

Adelina klopfte dreimal.

 

Niemand im Spiegelsaal bemerkte es. Warum auch? Dreihundert Gäste beobachteten, wie der Prinz von Nordhalm über den Saal auf sie zukam, und ich war die einzige Person im Raum, deren Aufgabe es war, auf ihre Hände zu achten.

 

Ich stand auf der Empore hinter der Glaswand, meine Wange berührte fast das Silber, in einem Kleid, das genau so grün war wie ihres, und mein Haar war genau so hochgesteckt wie ihres. Von der Seite des Ballsaals aus war dies nur eine Spiegelwand. Von meiner Seite aus war es ein Fenster zu der einen Nacht, für die ich geschaffen worden war.

 

Sollte jemand auf sie losgehen, würde ich aus der Wand heraustreten und zu ihr werden. Adelina würde hinter mir verschwinden, und niemand im Königreich würde jemals erfahren, dass die Thronfolgerin angegriffen worden war.

 

Das war der Plan. Ein Plan, den ich seit siebzehn Jahren verfolgt hatte.

 

Niemand hatte damit gerechnet, dass sie direkt auf mich zugehen würde.

 

„Noch nicht“, flüsterte ich, obwohl sie mich nicht hören konnte. „Niemand ist in deiner Nähe. Adelina, dir geht es gut, dir geht es gut.“

 

Sie hob erneut die Hand an ihre Kehle, und ihr Lächeln blieb auf ihrem Gesicht, als wäre es dort festgenagelt, und sie drehte sich langsam um, als würde sie nur den Saal bewundern. Der Prinz blieb auf halbem Weg über den Boden stehen. Und die Musik spielte weiter. Sie ließ ihre Finger über die Spiegel gleiten, Paneel für Paneel, bis sie die Fuge fand, die ich auswendig kannte.

 

Die versteckte Tür öffnete sich.

 

Sie fiel hindurch.

 

Ich fing sie auf, bevor ihre Knie auf den Stein aufschlugen. Sie war schwerer, als ich es je geübt hatte, und ihre Haut war feucht und kalt, und die weißen Rosen in ihrem Haar brachen an meinem Kinn.

 

„Mira.“ Sie sagte meinen Namen, als wäre es ein Witz, den wir schon hundertmal erzählt hatten. „Mein Mund fühlt sich seltsam an.“

 

„Ich hole Tante Ottilie. Bleib ruhig liegen.“

 

„Nein.“ Ihre Finger umklammerten meinen Ärmel. „Lass mich nicht hier drin.“

 

„Ich gehe nirgendwohin. Sieh mich an.“

 

Sie sah mich an. Ihre Augen waren meine Augen, oder meine waren ihre – ich konnte das schon seit Jahren nicht mehr unterscheiden –, und für einen Moment sah ich das Mädchen hinter all dem Training. Das Mädchen, das Honigkuchen aus der Küche stahl und sie mir unter der Tür hindurchschob. Das Mädchen, das mir, als wir zwölf waren, sagte, dass ich die bessere Prinzessin sei und sie nur die mit dem Titel.

 

„Lauf“, sagte sie.

 

„Wohin? Adelina, aus welcher Tasse hast du getrunken? Wer hat sie dir gegeben?“

 

„Lauf.“

 

Dann lockerte sich ihr Griff um meinen Ärmel.

 

Ich schüttelte sie einmal, sanft, so wie man jemanden weckt. Ich schüttelte sie noch einmal, nicht sanft. Ich legte zwei Finger unter ihr Kinn, so wie Tante Ottilie es mir eingetrichtert hatte, und ich wartete, und ich zählte bis dreißig, und dann zählte ich noch einmal bis dreißig.

 

Mir war beigebracht worden, was zu tun ist, wenn sie erstochen würde. Wenn sie erschossen würde. Wenn ein Mann mit einer Klinge aus der Menge treten würde, wusste ich genau, wie ich mich fallen lassen musste.

 

Niemand hatte mir jemals beigebracht, was ich mit einer Prinzessin tun sollte, die einfach stehen blieb.

 

Auf der anderen Seite der Glasscheibe beendete das Orchester ein Lied, und dreihundert Menschen klatschten.

 

Die Tür in der Wand öffnete sich erneut.

 

Königin Hedwig trat in ihrem goldenen Kleid ohne jede Eile in die Galerie, blickte auf ihre Tochter auf dem Boden, und ich wartete darauf, dass sie schreien würde. Das tat sie nicht. Sie kniete nieder, schloss Adelinas Augen mit ihrem Daumen und hob den silbernen Becher auf, der aus Adelinas Hand gerollt war. Sie roch daran. Und ihr Mund wurde schmal.

 

„Majestät“, sagte ich. Meine Stimme klang leise. „Ich habe nichts gesehen. Ich habe auf ihre Hände geachtet, ich habe die ganze Zeit zugesehen, niemand hat sie berührt, das schwöre ich.“

 

„Ich weiß, dass du zugesehen hast.“ Sie stellte den Becher ganz vorsichtig ab, als wäre er noch heiß. „Steh auf.“

„Sie ist … Majestät, sie ist …“

 

„Ich sehe doch, was sie ist. Steh auf, Mira.“

 

Ich stand auf. Meine Beine taten es von selbst.

 

Die Königin ging einmal langsam um mich herum, so wie eine Schneiderin um ein Kleid herumgeht. Sie steckte mir eine Nadel ins Haar. Sie zog ein weißes Rosenblatt von meiner Wange.

 

„Vier Minuten“, sagte sie. „So lange dauert der nächste Tanz. In vier Minuten wirst du wieder in den Saal hinausgehen und Prinz Kilians Hand nehmen.“

 

Ich lachte. Es entfuhr mir, bevor ich es verhindern konnte, und es war Adelinas Lachen, mit diesem kleinen Abklingen am Ende, und ich schlug mir die Hand vor den Mund.

 

„Nein. Nein, Majestät. So läuft das nicht. Ich bin nur ‚sie‘, wenn jemand versucht, ihr etwas anzutun. Ich greife ein, wir holen sie raus, sie kommt zurück. Das ist die Regel. Das ist die ganze Regel.“

 

„Die Regel wurde für eine lebende Tochter geschrieben.“

 

„Dann sagen wir es ihnen. Wir sagen es dem Hof, wir sagen es …“

 

„Was sollen wir ihnen sagen?“, sagte sie leise. „Der Vertrag mit Nordhalm wird in neun Tagen unterzeichnet. Drei Häuser in diesem Königreich warten schon seit Jahren darauf, dass ich meine Erbin verliere. Die Armee von Nordhalm lagert nur einen Tagesritt von unserer Grenze entfernt. Wenn auch nur eine einzige Person in diesem Saal erfährt, dass die Prinzessin tot ist, beginnt der Krieg noch heute Nacht, und Sie und ich und jeder Diener in diesem Palast werden darin sterben.“

 

Sie nahm mein Gesicht in beide Hände. Ihre Finger waren eiskalt.

 

„Adelina lebt. Sie steht direkt vor mir. Sie wird tanzen und lächeln und zu Bett gehen, und morgen wird sie frühstücken.“

 

„Ich kann das keine neun Tage lang durchhalten.“

 

„Du wirst es länger als neun Tage durchhalten.“

 

Ich blickte auf das Mädchen auf dem Boden hinunter. Auf ihr grünes Kleid, das genauso grün war wie meines. Auf ihre Hand, die sich immer noch um das Nichts krümmte.

 

Lauf.

 

Sie hatte es gewusst. Was auch immer in dieser Tasse war – am Ende hatte sie es gewusst, und sie hatte ihren letzten Atemzug für mich verwendet, und sie hatte mir nicht gesagt, ich solle bleiben.

 

„Wer hat das getan?“, fragte ich.

 

„Ich werde es herausfinden.“ Die Königin ließ mein Gesicht los. „Bis dahin wirst du sie sein. Jeden Tag. Jede Stunde. Vor allen, sogar vor mir.“

 

Das Orchester begann das nächste Lied.

 

Ich wischte mir den Mund mit dem Handrücken meines Handschuhs ab, richtete meine Schultern so, wie Adelina es tat, und trat durch die Tür in der Wand.

 

Das Licht im Ballsaal traf mich auf einmal. Dreihundert Gesichter drehten sich um, und keines von ihnen ahnte etwas.

 

Auf der anderen Seite des Saals stand Prinz Kilian von Nordhalm, der Mann, der den ganzen Abend lang niemanden angelächelt hatte, ganz regungslos da und streckte mir seine Hand entgegen.

 

Er runzelte die Stirn.

 

Sein Blick fiel auf mein Haar, in dem noch immer ein weißes Rosenblatt steckte.

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