Gebunden an den Fluch, den er trug.

Gebunden an den Fluch, den er trug.

last updateLast Updated : 2026-08-19
By:  Hayford A. ElizabethOngoing
Language: Deutsch
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Jade Holloway kam nach Greyshade, um den Nachlass ihrer verstorbenen Großmutter zu regeln und wieder abzureisen. Sie hatte vor, in einer Woche wieder weg zu sein. Das war, bevor die Schatten begannen, ihr zu folgen. Bevor das Herrenhaus am Rande der Stadt ungefragt seine Türen öffnete. Bevor der Mann in der Dunkelheit, massiv und kalt, zweihundert Jahre zu alt, um echt zu sein, ihr sagte, dass ihre Blutlinie das Einzige sei, was zwischen Greyshade und dem stehe, was den Ort seit Jahrhunderten von innen heraus zerfresse. Elias Vane ist seit 1823 verflucht. Er existiert im Raum zwischen Leben und Tod, nur in der Dunkelheit sichtbar, unberührbar, unveränderlich, und beobachtet, wie sich die Welt über zwei Jahrhunderte hinweg ohne ihn weiterentwickelt. Er hat darauf gewartet, dass eine Holloway zurückkehrt. Er hatte nicht erwartet, dass sie dreiundzwanzig Jahre alt und wütend sein würde und absolut nicht bereit, für irgendjemanden die Lösung eines Problems zu sein, das sie nicht verursacht hatte. Er hatte auch nicht damit gerechnet, sich in sie zu verlieben. Seit sechs Monaten versucht er, es zu vermeiden. Er verliert den Kampf. Der Schatten wird mit jeder Generation stärker; die Holloway-Linie hält sich von Greyshade fern. Jade ist die Letzte. Wenn sie geht, versinkt die Stadt für immer in der Dunkelheit. Wenn sie bleibt und den Fluch bricht, wird sie für den Rest ihres Lebens ein Stück des Zwischenreichs in sich tragen. Sie hat sich das nicht ausgesucht. Und doch entscheidet sie sich dafür. Manche Vermächtnisse lassen sich nicht still und leise erben. Manche Flüche lassen sich nicht sanft brechen. Und manche Männer haben schon so lange in der Dunkelheit gewartet, dass sie, wenn das Licht endlich kommt, ohne zu klagen dafür brennen werden.

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Chapter 1

Kapitel Eins: Die Ankunft

Der Zug kam an der Greyshade Station ächzend zum Stehen, als hätte er sich gesträubt, so weit zu fahren, und gäbe nun seinen Unmut kund. Die Räder quietschten auf den Eisenschienen – ein Geräusch, das weniger mechanisch klang, als es hätte sein sollen, weniger wie Metall auf Metall, sondern eher wie etwas, das sehr lange gewartet hatte und nun endlich aufatmete.

Jade Holloway betrat den Bahnsteig und verstand sofort, warum ihre Großmutter nie von diesem Ort gesprochen hatte.

Greyshade war die Art von Stadt, die in einem etwas anderen Winkel zum Rest der Welt zu existieren schien. Der Bahnsteig war fast leer; nur vereinzelte Einheimische bewegten sich mit der gesenkten Kopfhaltung von Menschen, die irgendwohin mussten und kein Interesse daran hatten, dabei gesehen zu werden. Die Bahnhofsuhr zeigte sechs Uhr sechs.

Das Licht passte nicht zu sechs Uhr abends – zu trüb, zu grau, als wäre die Sonne durch etwas anderes als Wolken gefiltert worden. Das Kopfsteinpflaster jenseits der Bahnsteigschranken war uneben und dunkel vor Feuchtigkeit, glatt geschliffen von jahrhundertelangen Fußspuren, die es überquert und vermutlich wieder verlassen hatten. Die Gebäude dahinter lehnten sich aneinander, wie es alte Dinge tun, ohne strukturell zu wanken, sondern einfach nur müde.

Ihr Vermessungsaugen katalogisierte das automatisch: solide, gepflegt, so alt, dass das Alter nicht mehr architektonischen Charakter ausmachte, sondern einfach nur den sichtbaren Lauf der Zeit widerspiegelte.

Die Kälte traf sie mit voller Wucht, als sie ihren Koffer aus dem Zug hob. Nicht die Kälte eines englischen Oktobers – sie wusste, dass sie im Januar auf Baustellen in Schottland gearbeitet hatte und hielt sich für ausreichend wettererprobt. Das hier war anders. Es kam aus der falschen Richtung. Von unten, hätte sie gesagt, wenn das irgendeinen Sinn ergäbe, was es aber nicht tat, wie sie sich selbst einredete, und sie knöpfte ihren Mantel bis zum Kragen zu.

In ihrer mit einem Handschuh bedeckten linken Hand umklammerte sie den Brief ihrer Großmutter. Der Umschlag war an den Falzen weich geworden, aufgeweicht durch die fünf Wochen, in denen sie ihn überallhin mit sich getragen hatte – seit dem Anwaltsbüro in Edinburgh, ungelesen, dann gelesen, dann noch einmal gelesen, bis die Falten Teil seiner Struktur geworden waren. Das Papier war viel älter als das Datum auf dem Umschlag, was sie seltsam genug fand, um es zu bemerken, aber nicht seltsam genug, um es sich zu erklären. Ihre Großmutter hatte den Brief drei Monate vor ihrem Tod geschrieben. Die Handschrift wirkte gehetzt, als hätte jemand Angst gehabt, die Zeit könnte ihm ausgehen.

„Jade. Du musst nach Greyshade kommen. Schick niemanden anderen, und warte nicht, bis du dich bereit fühlst; du wirst dich nicht bereit fühlen, und die Stadt wird nicht auf deine Bereitschaft warten. Unsere Familie trägt etwas in sich, das unter Schatten vergraben ist, und es war geduldig, aber Geduld ist nicht dasselbe wie Beständigkeit. Komm, bevor es dich stattdessen findet. Das Anwesen gehört dir. Alles darin ist für dich. Vertraue dem Haus.“

Sie hatte es siebzehn Mal gelesen. Sie wusste immer noch nicht, was mit „Vertraue dem Haus“ gemeint war, und sie hatte fünf Wochen damit verbracht, zu entscheiden, dass die professionellste und vernünftigste Reaktion darin bestand, nach Greyshade zu fahren, das Anwesen zu begutachten, den Verkauf zu regeln und noch vor Ende der Woche im Zug zurück nach Edinburgh zu sitzen. Ein Auftrag wartete auf sie. Sie hatte ein Leben, das sich nahtlos in den verfügbaren Raum einfügte, und sie hatte vor, das auch so zu belassen.

Sie ließ ihren Blick über den Bahnsteig schweifen.

Am anderen Ende, in der Nähe des Gates, stand ein Mann und rührte sich nicht von der Stelle. Er war groß und trug dunkle Kleidung, die nicht ganz zeitgemäß war; der Schnitt saß etwas daneben, etwas zu streng für dieses Jahrzehnt – die Art von Detail, die ihr Auge in alten Gebäuden wahrnahm, bei Menschen jedoch normalerweise nicht. Er sah sie an. Nicht so, wie Menschen Ankommende auf einem Bahnsteig ansehen, um das Gepäck zu begutachten oder zu prüfen, ob jemand die Person ist, auf die sie warten. Er sah sie mit einem ganz bestimmten Ausdruck im Gesicht an, etwas, für das ihr sofort kein Wort einfiel. Es war keine Feindseligkeit. Es war keine -Neugier. Es war eher so etwas wie Wiedererkennung, was keinen Sinn ergab, da sie noch nie in Greyshade gewesen war und diesen Mann nicht kannte.

Sie wandte den Blick ab. Als sie wieder hinschaute, war er verschwunden.

Das Bahnsteigtor war zwanzig Fuß entfernt. Hinter ihm gab es keinen Ausgang, keinen Gang, in den er hätte eintreten können. Er war einfach nicht mehr da.

Jade blieb zwei Sekunden länger auf dem Bahnsteig stehen, als nötig gewesen wäre. Dann hob sie ihren Koffer auf und ging auf das Tor zu, denn sie war ein praktischer Mensch, und praktische Menschen standen nicht auf Bahnsteigen herum und starrten auf Stellen, an denen gerade noch Männer gestanden hatten.

„Willkommen in Greyshade.“ Die Stimme kam von hinter ihr, wo sie niemanden zurückgelassen hatte. Sie drehte sich um.

Der Mann war älter, um die sechzig, mit einem ledrigen Gesicht, das viel Zeit im Freien verbracht hatte – bei einem Wetter, das dazu nicht gerade einlud. Tiefliegende Augen, die das besondere Dunkelgrau von altem Stein hatten. Er trug einen Mantel, der schon bessere Jahrzehnte gesehen hatte, und hatte kein Gepäck dabei, was bedeutete, dass er die ganze Zeit dort gestanden hatte und sie ihn nicht bemerkt hatte – was sie als berufliche Blamage empfand, da sie dafür bezahlt wurde, Dinge zu bemerken.

„Thomas Crane“, sagte er, ohne ihr die Hand zu reichen. „Ich führe das Gasthaus. Ihre Großmutter hat mir geschrieben.“

Wirklich? Ihre Großmutter war vor fünf Wochen gestorben. Der Brief war vom Anwalt zurückgehalten und erst zusammen mit den Nachlassunterlagen freigegeben worden. Sie hatte nicht gewusst, dass ihre Großmutter jemanden in Greyshade kannte, denn ihre Großmutter hatte Greyshade nie erwähnt.

„Sie hat vor einigen Jahren geschrieben. Gesagt, ihre Enkelin würde irgendwann kommen.“ Er sagte es mit der Gleichgültigkeit von jemandem, der eine Tatsache mitteilt, anstatt eine Neuigkeit zu überbringen. „Das Gasthaus liegt an der Hauptstraße. Zehn Minuten zu Fuß.“ Er drehte sich um. „Ich würde empfehlen, unterwegs nicht anzuhalten, um sich Dinge anzusehen. Nicht heute Abend.“

Nicht stehenbleiben, um sich Dinge anzusehen, wiederholte sie.

„Die Stadt mag es nicht, wenn man sie ansieht, sobald der Nebel hereinzieht“, sagte er, als wäre das ein vernünftiger Satz. „Sie schaut gerne zurück.“

Er machte sich auf den Weg. Jade blickte auf den leeren Bahnsteig, auf die Stelle, an der der große Mann gestanden hatte, auf den Nebel, der gerade aus Richtung der Moore hereinzuschweben begann, mit der besonderen Zielstrebigkeit von etwas, das genau auf diesen Moment gewartet hatte.

Dann hob sie ihren Koffer auf und folgte Thomas Crane, denn die Alternativen waren, allein im dichter werdenden Nebel auf dem Bahnsteig zu bleiben oder wieder in den Zug zu steigen – und sie war nicht den ganzen Weg hierhergekommen, um wieder in den Zug zu steigen.

Die Hauptstraße von Greyshade war eine einzige lange Straße mit Gebäuden, die so alt waren, dass sie aufgehört hatten, gerade zu sein. Die Geschäfte waren zu dieser Stunde geschlossen, ihre Fenster dunkel, ihre Schilder so verwittert, dass man sie eher erraten als erkennen musste. Das Kopfsteinpflaster unter ihren Füßen war nicht ganz eben, nicht gefährlich uneben, nichts, was bei einer Vermessung auffallen würde, aber uneben in der Art eines Bodens, der sich schon seit sehr langer Zeit langsam verschoben hatte.

Der Nebel rückte hinter ihnen heran, während sie gingen. Nach dem ersten Mal blickte sie nicht mehr zurück, denn als sie das erste Mal zurückblickte, war er näher, als es bei seinem Tempo hätte sein sollen, und sie fand es einfacher, nach vorne zu schauen.

Thomas sagte während des Spaziergangs kein Wort. Sie hatte ihn auch nicht darum gebeten. Stattdessen nahm sie die Breite der Straße, das Alter der Gebäude, das Geräusch ihrer eigenen Schritte auf dem Kopfsteinpflaster und die Tatsache zur Kenntnis, dass sie seine Schritte nicht hören konnte – was vielleicht daran lag, dass er einfach leiser ging als sie, oder vielleicht an etwas, das sie im Moment nicht näher untersuchen wollte.

Das Gasthaus lag an der Kurve, wo die Hauptstraße nach links abbog in Richtung dessen, was sie für den Rest der Stadt hielt. Es war ein Gebäude mit niedrigem Dach, das länger als hoch war, mit Lichtern in den Fenstern, die im Gegensatz zu allem, was sie durchquert hatte, um dorthin zu gelangen, so warm wirkten, dass sie fast schon aufdringlich einladend waren. Über der Tür hing ein bemaltes Schild: THE SILVEN INN. Der Name des Flusses, stellte sie fest. Sie hatte ihn auf der Karte in den Nachlassunterlagen gesehen.

Thomas hielt ihr die Tür auf. Sie trat ein.

Drinnen war es warm und schwach beleuchtet und roch nach altem Holz und etwas, das sie nicht sofort zuordnen konnte, das aber nicht unangenehm war – etwas leicht Mineralisches, leicht Grünes. Ein Feuer an der gegenüberliegenden Wand. Links eine Bar, zu dieser Stunde ohne Gäste. Dahinter stand eine Frau, die aufblickte, als Jade eintrat, und dann wieder niederschaute – mit der Schnelligkeit von jemandem, der im Laufe eines einzigen Blicks entschieden hatte, dass es nicht an ihr lag, den Kontakt zu initiieren.

Thomas ging ohne Umschweife um die Theke herum. „Das Zimmer ist oben. Dritte Tür. Abendessen um sieben, falls du möchtest.“ „Mr. Crane.“ Er hielt inne. Der Mann am Bahnhof. Auf dem Bahnsteig. Wer war er? Die Bardame erstarrte über ihrem Glas.

Thomas drehte sich langsam um. Sein Gesichtsausdruck hatte sich nicht verändert, was an sich schon eine Veränderung war. „Welcher Mann?“

Groß. Dunkle Kleidung. Er stand am anderen Ende des Bahnsteigs und sah zu, wie ich aus dem Zug stieg. Er verschwand, bevor ich den Ausgang erreichte. Er konnte nirgendwo hingehen.

Eine Stille, die etwas zu lang war.

„Der Bahnsteig ist um diese Jahreszeit leer, wenn der Zug einfährt“, sagte Thomas. „Nach dem Sommer nutzt kaum noch jemand diesen Bahnhof. Ich habe ihn deutlich gesehen.“ „Dritte Tür oben“, sagte Thomas. „Abendessen um sieben.“

Er drehte sich um und ging durch die Tür hinter der Bar. Die Frau machte sich wieder daran, das Glas zu putzen, das sie zuvor beiseitegelassen hatte – mit der konzentrierten Aufmerksamkeit von jemandem, der unter keinen Umständen zu diesem Gespräch beitragen würde.

Jade hob ihren Koffer auf. Sie ging nach oben. Die dritte Tür führte in ein Zimmer, das sauber und ruhig war und auf die Hauptstraße hinausging, die nun vollständig vom Nebel verdeckt war. Das Fenster  fühlte sich kalt an. Sie stand einen Moment lang davor, blickte auf die weiße Undurchsichtigkeit der Straße unter ihr und dachte an einen Mann, der auf dem Bahnsteig gewesen war und dann nicht mehr auf dem Bahnsteig gewesen war, und an eine Stadt, die offenbar nicht gerne betrachtet wurde.

Sie dachte an den Brief ihrer Großmutter. „Vertraue dem Haus.“ Sie dachte an die linke Handfläche ihrer behandschuhten Hand, die, seit sie aus dem Zug gestiegen war, auf eine ganz bestimmte, lokal begrenzte Weise warm gewesen war, die nichts mit dem Handschuh zu tun hatte.

Sie zog den Handschuh aus. Im trüben Licht des Zimmers war der silberne Halbmond auf ihrer Handfläche – das Mal, das sie seit ihrer Geburt trug und von dem sie dreiundzwanzig Jahre lang angenommen hatte, es sei eine Narbe von etwas, an das sie sich nicht erinnern konnte – nicht wie sonst nur eine blasse Spur.

Es leuchtete.

Nicht hell. Nicht beunruhigend. Nur ein sanftes, gleichmäßiges silbernes Licht, in der Farbe von Mondlicht durch Wolken, das im gleichen Rhythmus wie ihr Herzschlag pulsierte.

Sie starrte es lange genug an, um sich zu vergewissern, dass es kein optischer Trick der Raumbeleuchtung war. Dann zog sie den Handschuh wieder an. Sie setzte sich auf die Bettkante. Sie rief niemanden an, denn es gab niemanden, den sie hätte anrufen können, der eine hilfreiche Antwort auf diese Information gehabt hätte.

Draußen, irgendwo unterhalb des Nebels, bewegte sich etwas die Hauptstraße entlang. Sie hörte es – keine Schritte, kein Fahrzeuggeräusch, sondern eher die Luftverdrängung, die ein großes Ding verursacht, wenn es einen Raum durchquert, den es vollständig ausfüllt. Dann war es verschwunden.

Jade Holloway saß in ihrem Zimmer im „Silven Inn“ in der ersten Nacht, die sie jemals in Greyshade verbracht hatte, und dachte: Meine Großmutter wusste genau, worauf sie mich da schickte.

Der Halbmond pulsierte einmal, warm und deutlich, und verstummte dann. Jade schlief sehr lange nicht ein.

Und am Morgen, als sie aus dem Fenster auf die vom Nebel befreite Hauptstraße blickte, sah sie, dass die Kopfsteinpflastersteine direkt unter ihrem Fenster in einem perfekten Kreis nass waren, als hätte dort in der Nacht etwas gestanden und nach oben geschaut.

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