Mag-log inLyra wusste, dass sie beobachtet wurde.
Jeder Schritt durch die Gänge ihres Palastes war kalkuliert. Jeder Atemzug kontrolliert. Ihr Vater hatte das Netz enger gezogen, Wachen verdoppelt, Blicke geschärft. Selbst die Mauern schienen Ohren zu haben. Doch Kontrolle erzeugte keinen Gehorsam – sie erzeugte Gegenwehr. Und heute Nacht war sie bereit, den Preis dafür zu zahlen. Der Mond stand hoch, als sie ihr Gemach verließ. Lautlos, geschmeidig, in dunkle Stoffe gehüllt, die ihre Gestalt verbargen, aber nicht ihre Präsenz. Ihr Herz schlug ruhig. Zu ruhig. Diese gefährliche Klarheit hatte sie immer kurz vor Entscheidungen, die nicht rückgängig zu machen waren. Entscheidungen, die Geschichte schrieben oder Blut forderten. Der Wald empfing sie wie ein alter Verbündeter. Kühle Luft legte sich auf ihre Haut. Feuchter Boden gab unter ihren Schritten nach. Die Geräusche der Nacht umarmten sie – Rascheln, Ferne, Leben. Und dann… er. Sein Geruch traf sie sofort. Warm. Tief. Unverkennbar. Er legte sich über ihre Sinne wie ein Ruf, dem sie nicht entkommen wollte. Ihr Körper reagierte, noch bevor sie ihn sah. Hitze breitete sich unter ihrer Haut aus, ließ ihre Muskeln weich und zugleich gespannt werden. Sie blieb stehen, schloss kurz die Augen, atmete ihn ein. „Du solltest nicht hier sein.“ Rivens Stimme kam aus der Dunkelheit. Nah. Viel zu nah. Lyra öffnete die Augen. Er trat aus dem Schatten, größer als sie ihn in Erinnerung hatte – oder vielleicht wirkte er nur so, weil ihr Körper sich ihm bereits entgegenlehnte. Das Mondlicht zeichnete harte Linien über sein Gesicht. Seine Augen glühten, sein Blick lag schwer auf ihr. Nicht fordernd. Nicht bittend. Wartend. „Ich weiß“, antwortete sie leise. Ein gefährliches Lächeln zuckte über seine Lippen. „Dann bist du gekommen, um zu gehen?“ Sie trat einen Schritt näher. Dann noch einen. Der Abstand zwischen ihnen schrumpfte, bis sie seine Wärme spüren konnte. Ihr Atem vermischte sich mit seinem. Die Luft knisterte, als hätte der Wald selbst beschlossen, still zu werden. „Ich bin gekommen, weil ich nicht mehr atmen konnte“, sagte sie ehrlich. „Nicht dort. Nicht ohne dich aus meinem Kopf.“ Riven erstarrte. Für einen Moment sah sie den Kampf in ihm – die Bestie gegen den Mann, Instinkt gegen Vernunft. Seine Hand hob sich langsam, hielt inne, nur einen Atemzug von ihrer Haut entfernt. „Sag mir, ich soll gehen“, murmelte er. „Und ich gehe.“ Lyra hob den Blick. Ihre Augen waren dunkel vor Verlangen, vor Macht, vor Entscheidung. „Und wenn ich es nicht tue?“ Seine Stimme wurde tiefer. „Dann gibt es kein Zurück.“ „Das gab es nie.“ Es war kein Kuss. Nicht sofort. Es war etwas Intimeres. Ihre Stirn berührte seine Brust. Sie spürte seinen Herzschlag, stark und ruhig. Seine Nähe war überwältigend, nicht erdrückend. Ihre Finger krallten sich in den Stoff an seinen Seiten, als müsste sie sich vergewissern, dass er real war. Die Gefährtenbindung zog sich zusammen. Heiß. Unerbittlich. Als würde etwas Unsichtbares sie enger aneinanderziehen. Riven senkte den Kopf, seine Stirn an ihrer. „Du bist Königin“, flüsterte er. „Und ich bin alles, was man dir verbietet.“ Lyra lächelte langsam. Gefährlich. „Dann lern, was es heißt, einer Königin ebenbürtig zu sein.“ Seine Hand fand endlich ihre Taille. Fest. Sicher. Nicht besitzergreifend – anerkennend. Ihr Körper reagierte sofort, schmiegte sich näher, als hätte er genau darauf gewartet. Ihre Haut brannte unter seiner Berührung, nicht vor Eile, sondern vor Spannung. Die Welt schrumpfte. Kein Vater. Keine Krone. Keine Regeln. Nur Hitze. Nähe. Zwei Mächte, die sich nicht unterwarfen, sondern verschränkten. Riven atmete scharf ein. „Wenn sie uns finden…“ „Dann brennt diese Welt“, unterbrach Lyra ihn ruhig. „Nicht wegen dir. Nicht wegen mir. Sondern weil sie dachte, sie könnte entscheiden, wem mein Blut gehört.“ Sein Griff wurde fester. Sein Mund nahe an ihrem Ohr. „Du bist gefährlich.“ „Ich weiß.“ Ein leiser Laut entwich ihr, kaum mehr als ein Atemzug, als er sie noch näher zog. Kein Kuss. Noch nicht. Das Warten war Teil der Qual. Teil der Macht. Teil der Bindung. In der Ferne heulte ein Wolf. Warnung. Versprechen. Omen. Lyra wusste: Diese Nacht war nur der Anfang. Und ihr Vater würde bald verstehen, dass man eine Königin nicht einsperrt. Schon gar nicht, wenn sie ihren Gefährten gefunden hatte.Die Nacht legte sich schwer auf die Halle der Schwüre, wie ein schwarzer Vorhang, der das Licht verschluckte. Lyra spürte jeden Atemzug von Riven, jede Bewegung der Bestie, die unter seiner Haut lauerte. Das Band pulsierte stärker als je zuvor, ein unsichtbares, vibrierendes Netz aus Macht und Instinkt, das sie alle miteinander verband. Die Prüfungen des Königs hatten nicht nur ihre körperlichen Fähigkeiten auf die Probe gestellt, sondern ihr Vertrauen, ihre Geduld und die Kontrolle über das Band selbst.Sie stand in der Mitte der Halle, der Blick auf den König gerichtet, der auf seinem Thron saß wie ein Schatten aus Stahl. Die Fackeln flackerten, als wollten sie die Dunkelheit noch dichter machen. Jeder Schritt, den Lyra wagte, jeder Atemzug, wurde von der Bestie analysiert, von Riven gespürt und von ihr gelenkt. Es war ein Tanz aus Kontrolle und Instinkt, der nur funktionieren konnte, weil sie bereit war, mehr als nur ihre Angst zu akzeptieren.„Ihr habt das erste Spiel überlebt“, b
Die Halle war still, nur das Knistern der Fackeln und das entfernte Tropfen von Wasser hallte über den kalten Steinboden. Lyra spürte, dass die Ruhe trügerisch war. Jeder Atemzug konnte ihr letzter sein, jeder Herzschlag verriet Angst, die der König gnadenlos ausnutzen würde. Die Bestie in Riven war wach, lauernd, wie ein Schatten hinter seinem Atem. Lyra konnte die Welle der Instinkte spüren, die durch ihn floss – das Band reagierte sofort, pulsierte unter ihrer Haut, als hätte es die Gefahr bereits gerochen, bevor sie selbst sie wahrgenommen hatte.Ein Diener trat aus dem Schatten, schleppte einen schweren Krug. Das Geräusch von Metall auf Stein ließ die Luft vibrieren. Lyra erkannte sofort das Ritual: Blutopfer. Ein uraltes Zeichen der Loyalität, das der König verlangte, um Macht und Gehorsam zu prüfen.„Alphaprinzessin Lyra“, sagte der Diener und neigte sich leicht. „Du musst das Ritual vollziehen.“Lyra blieb stehen. Ihre Hand zitterte nicht. Nicht aus Angst, sondern aus wilder,
Die Halle war noch immer erfüllt vom Nachhallen der Worte des Königs. Doch die Stille war trügerisch. Jeder Schatten, jedes Flackern der Fackeln konnte ein Signal sein, ein Zeichen von Verrat, ein verstecktes Messer. Lyra spürte die Bestie in Riven wie nie zuvor. Sie reagierte auf kleinste Bewegungen, auf den Herzschlag der Wachen, auf die unsichtbaren Schwingen des drohenden Chaos.„Bereit?“ flüsterte Riven. Seine Stimme war rau, knapp, doch hinter dem Ton lag das Wissen um die Gefahr. Seine Finger zuckten leicht, als wollte die Bestie jederzeit losbrechen.Lyra nickte, ihre Hand fest an seiner. Sie spürte die pulsierende Macht des Bandes. Nicht nur Verbindung – Kontrolle und Vertrauen, eine gefährliche Mischung. Jeder Schritt vorwärts fühlte sich wie ein Balanceakt auf einer Messerklinge an.Der König trat zurück, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. „Eure erste Aufgabe“, verkündete er, „ist nicht zu fallen – physisch oder geistig. Die Fallen sind zahlreich, die Illusionen tücki
Die Halle der Schwüre wirkte größer und bedrohlicher, als Lyra es je in Erinnerung gehabt hatte. Hochgewölbte Decken aus dunklem Holz, durchzogen von Runen, die das flackernde Licht der Fackeln aufsogen, ließen jeden Schritt hallen, als ob die Wände selbst atmeten. Sie spürte sofort, dass dies kein Ort für einfache Rituale oder höfische Höflichkeiten war – dies war ein Reich der Macht, der Kontrolle und der Urteile.Riven folgte dicht hinter ihr. Jeder Muskel in seinem Körper war angespannt wie ein gespannter Bogen. Die Bestie unter seiner Haut lag wachsam, ihre Sinne jede Bewegung in der Halle abtastend. Es war nicht nur die Wachen und der König, die sie beobachteten – die Bestie spürte jede Absicht, jeden Schatten, jedes verborgene Urteil. Lyra konnte die Spannung in ihm fühlen und ließ sich dennoch nicht einschüchtern.Am Ende der Halle stand der König selbst. Seine Präsenz war überwältigend, als er reglos hinter dem Thron stand. Die Krone glänzte matt im Fackelschein, ein Symbol d
Der König erwachte nicht schweißgebadet.Er tat das nie.Er öffnete die Augen in vollkommener Ruhe, als hätte etwas ihn gerufen, nicht erschreckt. Die Halle war still, das Feuer niedergebrannt, die Wachen ahnungslos. Doch tief unter seiner Brust lag ein Ziehen, alt und vertraut.Etwas hatte sich verschoben.Er setzte sich auf, langsam, würdevoll. Legte die Hand auf den geschnitzten Arm des Thrones neben dem Bett – uraltes Holz, getränkt mit den Schwüren vergangener Alphas.„Sie lebt“, sagte er leise.Nicht fragend.Feststellend.Ein Schatten löste sich aus der Dunkelheit der Halle. Der Späher kniete sofort.„Ja, Majestät. Und… sie ist nicht allein.“Der König verzog keine Miene.„Das war sie nie.“Er stand auf, trat barfuß über den kalten Stein. Jeder Schritt kontrolliert. Jeder Gedanke scharf. „Der Herrenlose?“Ein Zögern. Kaum wahrnehmbar.„Er lebt. Aber… anders.“Das ließ den König innehalten.„Erkläre.“Der Späher schluckte. „Die Bestie hat gehorcht.“Stille.Dann ein leises, gefä
Das Blut war längst getrocknet, doch das Gefühl blieb.Lyra saß allein am Rand der Lichtung, die Knie angezogen, die Hände im feuchten Laub. Riven schlief ein paar Schritte entfernt – erschöpft, notdürftig versorgt, sein Atem schwer, aber regelmäßig. Die Bestie ruhte ebenfalls. Zumindest oberflächlich.Doch in Lyra war etwas wach.Es war kein Gedanke. Kein fremder Wille.Es war ein Echo.Als sie die Augen schloss, sah sie nicht Dunkelheit, sondern Tiefe. Ein innerer Raum, weit und roh, als hätte jemand einen Teil von ihr geöffnet, den es gestern noch nicht gegeben hatte. Und dort war sie.Die Bestie.Nicht als Gestalt. Nicht als Monster.Als Präsenz.Du hast gerufen, vibrierte es.Nicht gesprochen. Erkannt.Lyra sog scharf die Luft ein. Ihr Herz schlug schneller – nicht vor Angst, sondern vor Klarheit. „Ich habe nicht befohlen“, dachte sie. „Ich habe gehalten.“Ein kurzes Innehalten.Dann etwas, das sich anfühlte wie… Zustimmung.Bilder flackerten auf. Keine Erinnerungen, sondern Empf







