Mag-log inDer Wald hielt den Atem an.
Lyra spürte es, noch bevor sie das Geräusch hörte. Dieses feine Ziehen entlang ihrer Wirbelsäule, das sie warnte, wenn sich das Gleichgewicht verschob. Rivens Körper spannte sich ebenfalls. Seine Hand an ihrer Taille wurde nicht fester – sondern ruhiger. Gefährlich ruhig. Dann knackte ein Zweig. Nicht nah. Aber auch nicht fern genug, um Zufall zu sein. Lyra löste sich keinen Zentimeter von ihm. Ihr Blick glitt über seine Schulter hinweg in die Dunkelheit. Der Mond stand zu hell. Der Schatten zu dünn. Jemand war hier. Jemand, der wusste, wie man sich bewegte. „Sie haben uns verfolgt“, murmelte Riven kaum hörbar. Lyra nickte. Keine Überraschung. Nur Bestätigung. „Nicht sie“, antwortete sie leise. „Er.“ Ihr Vater. Der Gedanke legte sich wie Eis um ihr Herz, doch ihre Haltung blieb aufrecht. Keine Flucht. Kein Rückzug. Eine Königin wich nicht, wenn sie gefunden wurde. Aus dem Unterholz löste sich eine Gestalt. Groß. Breit. In dunklem Umhang, die Schultern schwer vor Autorität. Zwei weitere folgten, Wachen mit gesenktem Blick, angespannt, bereit. Doch ihr Fokus lag nicht auf Riven. Er lag auf Lyra. Der Alpha-König trat ins Mondlicht. Sein Gesicht war hart wie gemeißelt, die Augen kalt, doch darin brannte etwas Gefährlicheres als Zorn. Enttäuschung. „Also ist es wahr“, sagte er langsam. Jede Silbe ein Urteil. „Der herrenlose Alpha.“ Riven bewegte sich endlich. Nicht vor, nicht zurück. Er stellte sich leicht schräg vor Lyra, ohne sie zu verdecken. Eine stille Geste. Schutz, ohne Besitz. „Ich habe sie nicht gezwungen“, sagte er ruhig. Lyra hob das Kinn. „Niemand zwingt mich.“ Der Blick ihres Vaters schnitt zu ihr. „Schweig.“ Der Befehl traf sie wie eine Ohrfeige – nicht wegen der Lautstärke, sondern wegen der Selbstverständlichkeit. Ein Befehl aus einer Zeit, die vorbei war. „Nein“, antwortete sie klar. Die Wachen hielten den Atem an. Selbst der Wald schien näher zu rücken. Der Alpha-König machte einen Schritt auf sie zu. „Du hast Regeln gebrochen. Gesetze. Dein Blut beschmutzt.“ Lyra trat aus Rivens Schatten. „Mein Blut gehört mir.“ Seine Augen verengten sich. „Du bist Alphaprinzessin. Deine Bindung ist politisch. Strategisch. Du wirst verbunden, wenn es dem Rudel dient.“ „Oder ich werde Königin“, erwiderte sie ruhig, „und entscheide selbst.“ Stille. Dann lachte er. Kurz. Hart. „Du glaubst, das hier“, sein Blick glitt zu Riven, „sei Stärke? Er ist ein Risiko. Eine ungezähmte Bestie.“ Riven knurrte leise. Tief. Unmissverständlich. Lyra spürte, wie die Gefährtenbindung reagierte. Heiß. Warnend. Sie legte instinktiv eine Hand an Rivens Arm. Nicht um ihn zu stoppen – um ihn zu halten. „Er ist mir ebenbürtig“, sagte sie. „Das ist es, was dich beunruhigt.“ Der Alpha-König trat näher, bis nur noch wenige Schritte zwischen ihnen lagen. „Was mich beunruhigt“, sagte er leise, „ist eine Tochter, die glaubt, sie könne das Rudel in Brand setzen, nur um ihren Hunger zu stillen.“ Lyra spürte, wie etwas in ihr riss. „Du hast mir beigebracht, keine Angst vor Feuer zu haben“, sagte sie. „Jetzt fürchtest du, dass ich es beherrsche.“ Ein Laut ging durch die Wachen. Unruhe. Zweifel. Der Alpha-König sah es. Und er wusste, dass er Zeit verlor. „Bring sie zurück“, befahl er scharf. „Jetzt.“ Die Wachen zögerten. Riven trat einen Schritt vor. „Nein.“ Das Wort hing schwer in der Luft. Der Alpha-König hob langsam die Hand. Macht sammelte sich. Alpha-Energie, alt, brutal, zwingend. Die Wachen senkten instinktiv die Köpfe. Der Boden schien zu vibrieren. Lyra stellte sich neben Riven. Nicht hinter ihn. Neben ihn. Ihre Aura entfaltete sich. Kühler. Klarer. Schärfer. Keine Kopie ihres Vaters – etwas Neues. Etwas, das nicht dominierte, sondern standhielt. „Wenn du mich heute zwingst“, sagte sie ruhig, „verlierst du mich. Nicht als Tochter. Als Königin.“ Sein Blick traf ihren. Zum ersten Mal flackerte Unsicherheit auf. „Und wenn du mich angreifst“, fügte Riven hinzu, „wirst du lernen, was eine Gefährtenbindung bedeutet.“ Stille. Ein Windstoß fuhr durch den Wald. Der Mond verschwand kurz hinter Wolken. Der Alpha-König senkte langsam die Hand. „Du kommst zurück“, sagte er schließlich zu Lyra. „Allein.“ Lyra sah Riven an. Ein Blick. Ein Versprechen. Kein Abschied. „Bei Sonnenaufgang“, sagte sie. „Nicht früher.“ Ihr Vater nickte knapp. „Sonnenaufgang.“ Die Wachen traten zurück. Der Wald atmete wieder. Als sie gingen, blieb Lyra noch einen Moment stehen. Ihre Finger fanden Rivens Hand. Ein kurzes Drücken. Stark. Lebendig. „Das war erst der Anfang“, flüsterte er. Lyra lächelte. Dunkel. Unerschrocken. „Ich weiß.“ Und tief im Rudel wusste jeder, der diese Nacht gespürt hatte: Die Balance war gebrochen. Und eine Königin war erwacht.Die Nacht legte sich schwer auf die Halle der Schwüre, wie ein schwarzer Vorhang, der das Licht verschluckte. Lyra spürte jeden Atemzug von Riven, jede Bewegung der Bestie, die unter seiner Haut lauerte. Das Band pulsierte stärker als je zuvor, ein unsichtbares, vibrierendes Netz aus Macht und Instinkt, das sie alle miteinander verband. Die Prüfungen des Königs hatten nicht nur ihre körperlichen Fähigkeiten auf die Probe gestellt, sondern ihr Vertrauen, ihre Geduld und die Kontrolle über das Band selbst.Sie stand in der Mitte der Halle, der Blick auf den König gerichtet, der auf seinem Thron saß wie ein Schatten aus Stahl. Die Fackeln flackerten, als wollten sie die Dunkelheit noch dichter machen. Jeder Schritt, den Lyra wagte, jeder Atemzug, wurde von der Bestie analysiert, von Riven gespürt und von ihr gelenkt. Es war ein Tanz aus Kontrolle und Instinkt, der nur funktionieren konnte, weil sie bereit war, mehr als nur ihre Angst zu akzeptieren.„Ihr habt das erste Spiel überlebt“, b
Die Halle war still, nur das Knistern der Fackeln und das entfernte Tropfen von Wasser hallte über den kalten Steinboden. Lyra spürte, dass die Ruhe trügerisch war. Jeder Atemzug konnte ihr letzter sein, jeder Herzschlag verriet Angst, die der König gnadenlos ausnutzen würde. Die Bestie in Riven war wach, lauernd, wie ein Schatten hinter seinem Atem. Lyra konnte die Welle der Instinkte spüren, die durch ihn floss – das Band reagierte sofort, pulsierte unter ihrer Haut, als hätte es die Gefahr bereits gerochen, bevor sie selbst sie wahrgenommen hatte.Ein Diener trat aus dem Schatten, schleppte einen schweren Krug. Das Geräusch von Metall auf Stein ließ die Luft vibrieren. Lyra erkannte sofort das Ritual: Blutopfer. Ein uraltes Zeichen der Loyalität, das der König verlangte, um Macht und Gehorsam zu prüfen.„Alphaprinzessin Lyra“, sagte der Diener und neigte sich leicht. „Du musst das Ritual vollziehen.“Lyra blieb stehen. Ihre Hand zitterte nicht. Nicht aus Angst, sondern aus wilder,
Die Halle war noch immer erfüllt vom Nachhallen der Worte des Königs. Doch die Stille war trügerisch. Jeder Schatten, jedes Flackern der Fackeln konnte ein Signal sein, ein Zeichen von Verrat, ein verstecktes Messer. Lyra spürte die Bestie in Riven wie nie zuvor. Sie reagierte auf kleinste Bewegungen, auf den Herzschlag der Wachen, auf die unsichtbaren Schwingen des drohenden Chaos.„Bereit?“ flüsterte Riven. Seine Stimme war rau, knapp, doch hinter dem Ton lag das Wissen um die Gefahr. Seine Finger zuckten leicht, als wollte die Bestie jederzeit losbrechen.Lyra nickte, ihre Hand fest an seiner. Sie spürte die pulsierende Macht des Bandes. Nicht nur Verbindung – Kontrolle und Vertrauen, eine gefährliche Mischung. Jeder Schritt vorwärts fühlte sich wie ein Balanceakt auf einer Messerklinge an.Der König trat zurück, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. „Eure erste Aufgabe“, verkündete er, „ist nicht zu fallen – physisch oder geistig. Die Fallen sind zahlreich, die Illusionen tücki
Die Halle der Schwüre wirkte größer und bedrohlicher, als Lyra es je in Erinnerung gehabt hatte. Hochgewölbte Decken aus dunklem Holz, durchzogen von Runen, die das flackernde Licht der Fackeln aufsogen, ließen jeden Schritt hallen, als ob die Wände selbst atmeten. Sie spürte sofort, dass dies kein Ort für einfache Rituale oder höfische Höflichkeiten war – dies war ein Reich der Macht, der Kontrolle und der Urteile.Riven folgte dicht hinter ihr. Jeder Muskel in seinem Körper war angespannt wie ein gespannter Bogen. Die Bestie unter seiner Haut lag wachsam, ihre Sinne jede Bewegung in der Halle abtastend. Es war nicht nur die Wachen und der König, die sie beobachteten – die Bestie spürte jede Absicht, jeden Schatten, jedes verborgene Urteil. Lyra konnte die Spannung in ihm fühlen und ließ sich dennoch nicht einschüchtern.Am Ende der Halle stand der König selbst. Seine Präsenz war überwältigend, als er reglos hinter dem Thron stand. Die Krone glänzte matt im Fackelschein, ein Symbol d
Der König erwachte nicht schweißgebadet.Er tat das nie.Er öffnete die Augen in vollkommener Ruhe, als hätte etwas ihn gerufen, nicht erschreckt. Die Halle war still, das Feuer niedergebrannt, die Wachen ahnungslos. Doch tief unter seiner Brust lag ein Ziehen, alt und vertraut.Etwas hatte sich verschoben.Er setzte sich auf, langsam, würdevoll. Legte die Hand auf den geschnitzten Arm des Thrones neben dem Bett – uraltes Holz, getränkt mit den Schwüren vergangener Alphas.„Sie lebt“, sagte er leise.Nicht fragend.Feststellend.Ein Schatten löste sich aus der Dunkelheit der Halle. Der Späher kniete sofort.„Ja, Majestät. Und… sie ist nicht allein.“Der König verzog keine Miene.„Das war sie nie.“Er stand auf, trat barfuß über den kalten Stein. Jeder Schritt kontrolliert. Jeder Gedanke scharf. „Der Herrenlose?“Ein Zögern. Kaum wahrnehmbar.„Er lebt. Aber… anders.“Das ließ den König innehalten.„Erkläre.“Der Späher schluckte. „Die Bestie hat gehorcht.“Stille.Dann ein leises, gefä
Das Blut war längst getrocknet, doch das Gefühl blieb.Lyra saß allein am Rand der Lichtung, die Knie angezogen, die Hände im feuchten Laub. Riven schlief ein paar Schritte entfernt – erschöpft, notdürftig versorgt, sein Atem schwer, aber regelmäßig. Die Bestie ruhte ebenfalls. Zumindest oberflächlich.Doch in Lyra war etwas wach.Es war kein Gedanke. Kein fremder Wille.Es war ein Echo.Als sie die Augen schloss, sah sie nicht Dunkelheit, sondern Tiefe. Ein innerer Raum, weit und roh, als hätte jemand einen Teil von ihr geöffnet, den es gestern noch nicht gegeben hatte. Und dort war sie.Die Bestie.Nicht als Gestalt. Nicht als Monster.Als Präsenz.Du hast gerufen, vibrierte es.Nicht gesprochen. Erkannt.Lyra sog scharf die Luft ein. Ihr Herz schlug schneller – nicht vor Angst, sondern vor Klarheit. „Ich habe nicht befohlen“, dachte sie. „Ich habe gehalten.“Ein kurzes Innehalten.Dann etwas, das sich anfühlte wie… Zustimmung.Bilder flackerten auf. Keine Erinnerungen, sondern Empf







