LOGIN„Herr Becker, ich muss meine U-Bahn erwischen.“ Lunas Stimme war trocken. „Ich gehe jetzt.“Sie ging, und Julian hielt sie nicht. Nach wenigen Metern aber wurde das Hupen hinter ihr lauter, dichter, als spannten sich Seile, die sie zurückzogen.Ihr Schritt wurde langsamer. Schließlich blieb sie stehen, von einer unbeschreiblichen Gereiztheit erfasst, und drehte sich um.Julian stand noch immer an derselben Stelle, neben sich die Straßenlaterne. Er stand im Lichtkegel, regungslos.Wenn der hupende Fahrer noch nicht losgepoltert hatte, dachte Luna, dann lag das wohl am Wagen selbst und an Julians Ausstrahlung, die kaum nach einem gewöhnlichen Bürger aussah.Sie biss die Zähne zusammen, ging zurück, öffnete die Tür und stieg ein.Julian hob leicht die Mundwinkel und stieg ebenfalls ein. Der Wagen setzte sich endlich in Bewegung.„Wohin, Herr Becker?“, fragte der Fahrer.Julian sagte gleichmütig: „Frag sie.“Luna hatte die Nummer des Fahrers nicht und konnte ihm keinen Standort sc
Konrad zog eine Braue hoch und antwortete ohne zu zögern: „Selbstverständlich. Du bist meine Cousine.“„Merk dir, was du heute gesagt hast.“ Damaris legte auf. Konrad starrte aufs Handy, halb verärgert, halb belustigt. Wer sollte ihr schon etwas antun?Damaris’ Eltern hatten nur diese eine Tochter. Sie verhätschelten Damaris wie ihren größten Schatz. Wer es wagte, sie anzurühren, würde teuer dafür bezahlen.…Nach Feierabend ging Luna mit gesenktem Blick aufs Handy in Richtung U-Bahn.Saskia chattete mit ihr und fragte, wie der neue Job lief.Luna war ohnehin schlecht gelaunt und erzählte ihr den ganzen Ärger des Tages. Saskia war ein Pulverfass – ein Funke reichte. Noch im Chat schimpfte sie über Damaris und kam am Ende zu einem klaren Schluss.„Wer auf Julian fliegt, hat sowieso einen Knall.“ Tanja zum Beispiel. Oder Damaris. Oder…Saskia merkte selbst, dass der Satz Luna mit einschloss, räusperte sich und lenkte ein: „Außer dir natürlich.“Lunas Mundwinkel zuckten. „Du muss
„Ich bleibe dran und bringe den Vertrag so schnell wie möglich unter Dach und Fach.“ Mehr konnte Luna nicht versprechen.Matthias musterte sie kurz. „Schnell.“„Jawohl.“ Sie wandte sich zur Tür, da kam es ihr nach: „Ihre Monatsprämie ist gestrichen.“Luna schwieg.Insgeheim erklärte Luna Damaris endgültig zur Verrückten.Mit der ganzen aufgestauten Wut im Bauch ging sie an ihren Platz zurück.Seit sie im Berufsleben stand, hatte ihr nie jemand die Prämie gekürzt. Ausgerechnet im ersten Monat bei der Vogel-Gruppe. Der Vertrag weg, kaum dass sie Fuß gefasst hatte – und jetzt das Gerede der ganzen Etage. Es würde nicht leichter werden.Eine Weile brauchte sie, bis sie wieder ruhig war. Ihre Tasse war leer, sie stand auf und ging in die Teeküche.Teeküchen und Toiletten, das war überall auf der Welt dasselbe: Bühnen für Klatsch. Schon im Näherkommen hörte Luna zwei Kolleginnen tuscheln.„Die Frau vorhin – war das nicht diese Lenz von Biwolke? Wird schon stimmen, was sie gesagt hat
Luna hatte mit Bernd die Vertragsunterzeichnung für den nächsten Vormittag vereinbart.Sie war früh in der Firma, hielt mit der Rechtsabteilung und dem Vertrieb eine kurze Besprechung ab. Punkt zehn ging die Gruppe gemeinsam hinunter, um den Kunden zu empfangen.Bernd wagte keine großen Allüren mehr, doch der äußere Anstand musste gewahrt werden. Kaum kam sein Wagen in Sicht, ertönte hinter Luna ein Ruf: „Luna Mayer!“Luna drehte sich reflexartig um und sah Damaris auf sich zukommen. Sie zog leicht die Brauen zusammen.Damaris fixierte sie mit ihrem Blick: „Ich muss mit Ihnen reden. Lassen Sie uns irgendwohin gehen.“Luna blieb höflich: „Es tut mir leid, Frau Lenz, wir empfangen gerade einen Kunden. Ich habe jetzt keine Zeit.“Damaris’ Stimme wurde dunkel: „Heißt das, Sie wollen das nicht unter vier Augen klären, sondern hier vor aller Augen?“Drüben war Bernd bereits aus dem Wagen gestiegen. Luna warf der Vertriebsmitarbeiterin einen Blick zu, die nickte verstehend und ging Ber
Auch gut. Damaris hatte gesagt, er habe in diesem Hotel zwei Nächte schlecht geschlafen. Wahrscheinlich war er woanders übernachten gefahren.Der einzige Sohn der Familie Becker in Flussstadt, geschäftsführender Vorstand von Biwolke, musste sich nun wirklich nicht quälen.Luna fuhr allein hinauf, ging in ihr Zimmer, setzte sich nicht einmal hin, sondern nahm gleich frische Kleidung und ging ins Bad.Das warme Wasser strömte von oben über sie hinweg und spülte die Müdigkeit des Tages fort. Während sie duschte, ging sie noch einmal alles durch, was an diesem Tag geschehen war, und vor allem den seltsamen Julian.Er schien wirklich ein wenig anders geworden zu sein.Kaum hatte sie diesen Gedanken zugelassen, schöpfte sie sich eine Handvoll Wasser ins Gesicht.In der Natur tarnten sich viele Tiere, um ihre Beute zu täuschen und mit einem Schlag zu treffen: das Krokodil im Fluss, der Tiger im Dickicht, der Gecko am Baum.Und Julian, der sich als guter Mensch ausgab.Luna war überzeu
Die Schule, auf die sie damals gegangen war, gehörte zu den besten der Stadt. Viele Kinder aus wohlhabenden Familien gingen dorthin, sie galt als sogenanntes „Eliteinternat“. Luna hatte den Platz allein ihren hervorragenden Noten zu verdanken.Da dort viele Söhne und Töchter aus reichem Hause waren, war der Schulalltag entsprechend aufwendig. Heute spendete dieser junge Herr eine neue Sportausstattung, morgen ließ jenes Fräulein die Klaviere im Musikraum austauschen.Eine Zeitlang gab es sogar jemanden, der täglich der gesamten Schule einen Nachmittagssnack spendierte: Tag für Tag bekannte Marken-Backwaren und Heißgetränke. Luna hatte davon ein paar Pfund zugenommen.Verglichen mit allerlei Schnickschnack hatte sie sich damals wirklich aufrichtig gefreut. Essen war nun einmal das Praktischste. Sie hatten mittags früh zu Mittag gegessen, der Unterricht endete spät, und gegen vier oder fünf Uhr nachmittags war man wirklich hungrig.Wer das damals gestiftet hatte, hatte sie längst ver