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Kapitel 5

Author: Neunrausch
Johanna presste ihre zitternden Finger so fest zusammen, dass ihre Fingernägel die Haut ihrer Handflächen durchbohrten.

Es herrschte eine beinahe unheimliche Stille.

„Johanna? Johanna!“

Herr Berger rief ihren Namen mehrmals und zog dabei besorgt die Stirn in Falten.

Johanna wirkte wie eine regungslose Eisstatue.

Erst nach einer langen Weile bewegten sich ihre erstarrten Lippen.

Ihre Miene blieb vollkommen ruhig.

„Ja?“

Als Herr Berger sah, dass sie weder weinte noch einen Wutanfall bekam, machte er sich nur noch größere Sorgen.

Er fürchtete, sie konnte alles in sich hineinfressen und irgendwann daran zerbrechen.

Doch was er zu sagen hatte, musste gesagt werden.

Wie sie sich entschied, lag allein bei ihr.

Er schob einen Scheck über den Schreibtisch.

„Das ist die Entschädigung der Familie Winter.“

Die Botschaft war eindeutig.

Die Angelegenheit sollte im Stillen beendet werden.

Johanna warf einen Blick darauf.

Fünf Millionen.

Offenbar waren ihre Verletzungen eine Menge Geld wert.

Herr Berger sagte noch einige weitere Worte, um sie aufzumuntern.

„Gut. Ich habe verstanden.“

Johanna nahm den Scheck entgegen, stand auf und verließ das Büro.

Die Tür schloss sich leise hinter ihr.

Berger blickte noch lange darauf.

Seine Stirn blieb gerunzelt.

Früher stellte Johanna sich in ähnlichen Situationen stets frontal gegen ihre Gegner.

Sie wich niemals aus.

Doch diesmal nahm sie das Geld und schwieg.

Die Menschen hinter dem Angriff standen unter dem Schutz der Familie Falk.

Selbst wenn Herr Berger ihr helfen wollte, reichten seine Kontakte bei Weitem nicht an deren Einfluss heran.

Falls Johanna die Sache tatsächlich einfach auf sich beruhen ließ, war er ehrlich gesagt enttäuscht.

Damals vertraute er ihr gerade deshalb die schwierigsten Recherchen an, weil sie keine Angst vor Macht oder Konsequenzen hatte.

Um die dunklen Seiten der Gesellschaft aufzudecken, brauchte man genau diesen Mut.

Und nun wollte sie einfach das Geld nehmen?

Doch es war ihre Entscheidung.

Vielleicht hatte sie persönliche Schwierigkeiten.

Sie war nur ein junges Mädchen ohne Eltern und ohne Hintergrund.

Was konnte ein Außenstehender schon dazu sagen?

Zurück an ihrem Arbeitsplatz widmete Johanna sich sofort wieder ihren noch unfertigen Interviewskripten.

Bis Feierabend verließ sie den Sender kein einziges Mal.

Am nächsten Tag erschien sie wie gewohnt zur Arbeit.

Jeder wusste inzwischen von dem Angriff.

Einige Kollegen, mit denen sie sich gut verstand, kamen vorbei, erkundigten sich nach ihrem Befinden und schlugen vor, nach Feierabend gemeinsam essen zu gehen, um die schlechte Stimmung zu vertreiben.

Johanna lehnte jedes Angebot freundlich ab.

„Wenn ich beinahe zu Brei geschlagen worden wäre, hätte ich vermutlich auch keine Lust auf ein gemeinsames Abendessen.“

Vivian lehnte lässig an Johannas Schreibtisch. In der Hand hielt sie einen frisch gekauften Kaffee. Ihre langen, gewellten Haare verliehen ihr einen ausgesprochen charmanten Eindruck.

Sie war Johannas Rivalin und zugleich ihre größte Konkurrentin.

Bei der bevorstehenden Jahresbewertung wollten beide die Bestnote erreichen.

„Ich bin nicht beinahe zu Brei geschlagen worden, vielen Dank.“

Johanna nahm ihr den Kaffee aus der Hand, trank einen Schluck und kniff zufrieden die Augen zusammen.

„Danke. Genau mein Geschmack. Beobachtest du mich etwa schon länger?“

„Wer hat gesagt, dass der für dich war? Gib ihn zurück!“

Vivian sprang empört auf und tat so, als wolle sie ihn zurückerobern.

Johanna nahm demonstrativ noch einen Schluck.

„Ich habe ihn jetzt getrunken. Und nun?“

Vivian griff nicht wirklich danach.

Stattdessen musterte sie Johanna von oben bis unten.

„Zum Glück ist deine Haut so dick. Sonst hätte man dich wirklich bis zur Unkenntlichkeit verprügelt.“

Bei ihrer unbeholfenen Art konnte Johanna einfach nicht böse werden.

Im Gegenteil fand sie Vivian sogar ziemlich sympathisch.

Gerade als diese mit schwingenden Hüften davongehen wollte, rief Johanna ihr nach.

„Vivian, hast du nicht eine VIP-Karte für den JX-Club?“

„Wieso?“

Von einer Schönheit wie Johanna so genannt zu werden, hob ihre Laune augenblicklich.

„Willst du sie haben?“

Johanna zwinkerte ihr zu.

„Leih sie mir, und ich verrate dir, wo ich meine Doppel-Lidfalte habe machen lassen.“

Vivians Augen wurden groß.

„Ich wusste es! Du hast dich operieren lassen!“

Sie vermutete schon immer, dass niemand von Natur aus so perfekte Augenlider haben konnte.

Sofort kehrte sie zu ihrem Platz zurück, zog eine schwarze Karte aus ihrer Brieftasche und drückte sie Johanna in die Hand.

„Na los! Erzähl!“

Johanna beugte sich zu ihrem Ohr und flüsterte: „Meine Doppel-Lidfalte wurde im Mutterleib gemacht.“

Im Mutterleib?

Also von Geburt an?

Vivians Gesichtsausdruck wechselte innerhalb von Sekunden mehrmals.

„Johanna! Du hast mich reingelegt!“

„Danke für die Karte.“

Ohne sich umzudrehen, winkte Johanna ihr zu.

...

Nach der Arbeit fuhr Johanna zunächst in ein Einkaufszentrum.

Dort kaufte sie ein Outfit, das bequem und gleichzeitig perfekt für eine Party geeignet war.

Den empfohlenen Minirock tauschte sie gegen eine enge Hose aus, die die Blutergüsse an ihren Oberschenkeln verdeckte.

Dazu kombinierte sie hohe Stiefel.

Mit leicht verändertem Make-up wirkte sie gleichzeitig elegant und selbstbewusst.

Danach machte sie sich auf den Weg zum JX-Club.

Einem beliebten Treffpunkt für junge Leute.

Am Eingang wurde sie erwartungsgemäß vom Sicherheitspersonal angehalten.

Mit einer Hand am Lenkrad zeigte sie die VIP-Karte vor.

„Ich bin zur Geburtstagsfeier von Herrn Winter eingeladen.“

Heute feierte Adrian Winter seinen Geburtstag.

Die Veranstaltung fand genau hier statt.

Ihr modisches Outfit passte perfekt zu einer solchen Party.

Und die VIP-Karte war ohnehin die Eintrittskarte.

Der Wachmann ließ sie sofort passieren.

Je weiter sie hineinging, desto lauter wurde die Musik.

Der Bass ließ förmlich die Wände beben.

Johanna nahm sich ein Glas Alkohol von einem Tablett und tat so, wie sie trinken wollte.

Währenddessen suchte ihr Blick die Menge nach Adrian ab.

Adrian Winter war in Lindenfels als notorischer Unruhestifter bekannt.

Seine leuchtend roten Haare machten ihn leicht erkennbar.

Als plötzlich eine außergewöhnlich attraktive Frau auf der Feier auftauchte, zog sie sofort die Aufmerksamkeit auf sich.

Männer und Frauen gleichermaßen sahen zu ihr hinüber.

Johanna kleidete sich nur selten so.

Ihre Figur war makellos.

Die enge Hose schmiegte sich an ihre langen Beine, die hohen Stiefel verliehen ihr eine elegante Ausstrahlung, und ihre schmale Taille rundete das Bild ab. Sie war der Blickfang des gesamten Abends. Ihr Gesicht machte sie jedoch erst wirklich unvergesslich.

Deshalb trug sie bei Außeneinsätzen normalerweise eine Maske.

Sie mochte es nicht, im Mittelpunkt zu stehen.

Mehrere Männer versuchten, mit ihr ins Gespräch zu kommen.

Doch Johanna lächelte nur höflich.

„Entschuldigung. Ich bin auf Einladung von Adrian Winter hier.“

Sobald die Männer hörten, dass sie ein besonderer Gast des Geburtstagskindes war, zogen sie sich zurück.

Niemand wollte Adrian verärgern.

Schon bald entdeckte Johanna die rote Haarpracht mitten im Zentrum der Party.

Am Rand des Hallenpools.

Eine völlig durchnässte Frau wurde gerade ins Wasser gestoßen.

Adrian warf einen Stapel Geldscheine ins Becken.

„Hahaha!“

Er lachte laut.

„Das bisschen Kraft reicht doch nicht! Schlag fester zu!“

„Adrian.“

Plötzlich tippte ihm jemand auf die Schulter.

„Wer zum Teufel –“

Genervt drehte er sich um.

Im nächsten Augenblick wurde es vor seinen Augen schwarz.

Krach!

Eine Flasche zerschellte auf seinem Kopf.

Mehrere schrille Schreie ertönten.

Die Musik verstummte abrupt.

Die Atmosphäre gefror augenblicklich.

Selbst die Ohrfeigen am Pool hörten auf.

Blut lief Adrians Stirn hinunter, über seine Wange und tropfte schließlich ins Wasser.

Dort breitete es sich wie rote Blüten aus.

„Welcher Idiot will sterben?!“

Fluchend griff Adrian nach einer Flasche und schleuderte sie zurück.

Doch noch bevor er treffen konnte, krachte bereits eine zweite Flasche gegen seinen Kopf.

Eine klare, kalte Frauenstimme erklang: „Und du fragst noch, wer? Deine Großtante persönlich!“

Alle Anwesenden hielten den Atem an.

Niemand erwartete, dass Adrian Winter auf seiner eigenen Geburtstagsfeier derart öffentlich gedemütigt wurde.

Sein Körper schwankte.

Mit der Hand wischte er das Blut aus seinen Augen.

Durch den roten Schleier erkannte er schließlich ein außergewöhnlich schönes Gesicht.

Als er begriff, dass die Frau vor ihm Johanna war, verzerrte sich sein ohnehin blasses Gesicht vor Hass.

Seine Augen wurden finster.

„Sehr schön.“

Er lachte kalt.

„Neulich haben meine Leute es versäumt, dich totzuprügeln. Und jetzt kommst du freiwillig her, um zu sterben?“

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