LOGINDianeIch streckte die Hand aus und nahm ihm den Beutel ab. Der Samt fühlte sich schwer in meiner Handfläche an. Er war kühl – ein seltsamer Kontrast zu der Hitze auf meiner Haut. Ich blickte zu Dom auf, und meine Sicht verschwamm erneut. Die Tränen waren nicht mehr scharf. Sie waren sanft. Sie waren müde.„Danke“, flüsterte ich. Meine Stimme klang ganz klein gegen die Weite des Gartens. „Das hättest du nicht tun müssen, Dom. Nicht heute Nacht. Nicht nach all dem.“Dom rührte sich nicht. Er stand einfach nur da. „Es sind die ersten Stunden deines Geburtstags, Diane“, sagte er. „Der Tag ist frisch. Du solltest nicht weinen. Das bringt Unglück.“Ich wischte mir mit dem Handrücken eine verirrte Träne ab und spürte die krümeligen Reste meiner Wimperntusche. Ich blickte hinüber zur dunklen Silhouette des Palastes. „Die Gäste? Die Säle? Wie ist die Lage?“„Die Hallen sind leer“, sagte Dom voller Gewissheit. „Die meisten Gäste sind wohlbehalten angekommen. Der äußere Bereich ist gesichert. D
DianeDas große Fest ging nun endgültig zu Ende. Das schwere, rhythmische Wummern der Musik war zu einem leisen, melodischen Summen verblasst, und der eben noch brechend volle Festsaal glich nun einer Höhle aus ausrangierter Seide und leeren Champagnerflöten. Die meisten der hochrangigen Würdenträger hatten sich bereits in ihre privaten Gemächer zurückgezogen oder waren in den Gästeflügel gebracht worden.Ich stieg die breiten, weißen Marmorstufen des Palasteingangs hinab, während die kühle Nachtluft von Delta an meinen bloßen Schultern nagte. Mein goldenes Kleid fühlte sich schwer an – ein wunderschöner, schimmernder Käfig. Neben mir ging Onkel Anthor mit dem langsamen, rhythmischen Pochen seines Gehstocks mit Silberknauf.„Ein Triumph, Diane“, murmelte Anthor, seine Stimme rau vom Alter. „Dein Vater hätte geweint, wenn er dich heute Abend gehört hätte. Du hattest sein Feuer. Für einen Moment dachte ich, ich würde einen Geist sehen.“Ich lächelte, obwohl es sich zerbrechlich anfühlte
JulianDie Tür zum privaten Büro des Alphas fiel nicht einfach nur ins Schloss; sie knallte mit einer Wucht zu, dass die Porträts von Dianes verfluchten Ahnen an den Wänden wackelten. Hier drinnen war das verdammte Spielchen vom „perfekten Ehemann“ vorbei. Der „gütige Anführer“ war verflogen. Übrig blieb nur ein Biest in einem Tausend-Dollar-Anzug, das völlig den Verstand verlor.Ich fegte mit dem Arm über die glatte Holzoberfläche des Schreibtischs. Das schwere Kristalltintenfass, der silberne Brieföffner und das gerahmte Foto von Diane und mir an unserem Hochzeitstag flogen im hohen Bogen davon. Das Glas zerschellte auf dem Marmorboden mit einem scharfen, splitternden Knall, der von der hohen Decke widerhallte.„Wie?“, zischte ich, während mein Atem stoßweise und heiß ging. Ich krallte mich so fest an die Schreibtischkante, dass das Holz ächzte. „Wie kann sie da stehen? Wie kann sie sprechen? Wie zur Hölle stand sie da – völlig klar im Kopf und verdammt noch mal bester Dinge?“Mein
DianeDie schweren goldenen Vorhänge teilten sich. Das Brüllen des Delta-Rudels schlug mir entgegen wie eine spürbare Hitzewelle. Tausende Gesichter blickten zum Balkon empor, alle Augen starr auf mich gerichtet.Das Licht war blendend, es spiegelte sich im Silber und Glas des Palastes. Julians Hand lag in einem festen, besitzergreifenden Griff auf meinem Ellbogen. Er führte mich, stützte mich, als wäre ich eine Blinde, die den Weg nicht alleine fand.*Ich schaffe das nicht.* Dieser Gedanke hämmerte immer wieder aufs Neue in meinem Kopf.Mein Herz war ein gefangener Vogel – wild und panisch schlug es gegen meine Rippen, lauter als die Trommeln unten im Hof.*Werde ich wirklich vor all diesen Leuten zusammenbrechen?**Gleich kommt wieder dieser Nebel. Jeden Moment wird sich mein Verstand in Wasser auflösen, mir entgleiten – und Gott weiß, wie ich mich dann vor dem gesamten Rudel aufführe.*Ich erreichte das Podium. Die Mikrofone ragten steil, kalt und silbern vor mir auf. Ich krallte m
DomDer Flur vor den Gemächern der Luna fühlte sich an wie ein Tunnel aus Eis. Ich stand an den schweren Eichenflügeltüren, den Rücken gegen die kalte Steinwand gepresst. Im Ohrstöpsel summte das Treiben des Rudels, das sich unten im Hof versammelte. Ich hörte Lachen, das Klirren von Gläsern und die aufgeregte Stimmung aus dem großen Saal. Alle warteten. Warteten darauf, die Luna zu sehen. Darauf, ihre Stimme zu hören.Doch in diesem Haus wurde in genau diesem Moment ein Mord vorbereitet. Schande zog auf.Ich prüfte die Innentasche meiner Jacke. Der kleine Silberflakon war da. Gefüllt mit dem Tee, den Lyra zubereitet hatte – eine reine Kräutermischung, die exakt so aussah wie das braune Gift, von dem die Luna abhängig gemacht wurde. Er roch genauso, doch das Gift fehlte. Es waren nur Wasser und Blätter. Es war Leben. Etwas, das ihr den Verstand sichern würde, solange dieses Fest dauerte. Wie ein vorübergehendes Gegengift zu all den Eisenhut-Extrakten, die noch in ihrem Blut kreisten.
JulianIch saß in meinem privaten Arbeitszimmer; das Leder meines Stuhls fühlte sich kühl an meinem Rücken an. Mein Blick lag auf einer Akte auf dem Schreibtisch, aber meine Gedanken kreisten um den Geburtstag. Den Rudel-Geburtstag. Der Tag, an dem die Welt die Luna des Delta-Rudels wiedersehen würde.Oder genauer gesagt: Der Tag, an meinetwegen allen klar werden würde, wer hier wirklich die Fäden in der Hand hält.Ich lächelte.Ein leises Klopfen ertönte an der Tür.„Herein, Freda“, sagte ich, ohne aufzusehen. Ich kannte ihren Geruch – er schmeckte nach Angst und Unterwerfung.Die Tür knarrte auf. Freda trat ein. Sie blieb mitten auf dem Teppich stehen, die Hände vor dem Körper gefaltet, den Blick starr auf ihre Schuhe gerichtet. In diesem Raum sah sie immer nur auf ihre Schuhe.„Sie haben nach mir verlangt, Alpha?“, flüsterte sie. Ihre Stimme ging in der Stille des Raumes fast unter.Ich schloss die Akte langsam, stand auf und trat ans Fenster. Das Anwesen lag wunderschön im Abendli







