LOGINSie rettete ihm mit zwölf Jahren das Leben. Seitdem sucht er nach ihr. Doch die Frau, die er nach Hause gebracht hat, ist nicht sie. Luna Vance war schon immer unsichtbar. Der falsche Zwilling. Die Dienerin. Diejenige, die niemanden interessiert. Als der Milliardär Ethan Blackwood eine Belohnung von 10 Millionen Dollar für das Mädchen aussetzt, das ihm vor vierzehn Jahren das Leben gerettet hat, beobachtet Luna die Nachricht aus dem Diner, in dem sie Kaffee serviert. Sie könnte die Belohnung beanspruchen. Doch sie tut es nicht. Sie weiß, dass er sich niemals an jemanden wie sie erinnern würde. Aber ihre Schwester Aurora erinnert sich. Und sie hat ihr ganzes Leben darauf gewartet, endlich wichtig zu sein. Jetzt lebt Aurora Lunas Leben. Und Luna rennt um ihr eigenes. Denn die Wahrheit hat ihren Preis. Und Aurora ist bereit, alles zu opfern, um ihr Geheimnis zu bewahren. Er hat sie zweimal gewählt. Doch zuerst muss er sie finden.
View MoreLunas POV — Rückblende
Seit fast einer Stunde fiel der Regen, doch die zwölfjährige Luna Vance wusste nicht, wohin sie gehen sollte.
Sie stand unter dem winzigen Vordach eines alten, geschlossenen Ladens und hielt sich selbst umschlungen, während kaltes Wasser aus ihren Haaren auf ihr zerrissenes Kleid tropfte. Ihre nackten Füße waren schmutzig und von den vielen Schritten durch die Straßen aufgeschürft, doch den Schmerz nahm sie kaum noch wahr.
Alles, was sie hören konnte, war Auroras Stimme, die sich immer wieder in ihrem Kopf wiederholte.
Geh raus!
Luna schluckte schwer.
Ihre Zwillingsschwester hatte sie wieder ausgesperrt.
Dieses Mal hatte ihre Mutter sie nicht davon abgehalten. Sie hatte Luna nur mit diesem müden, genervten Gesichtsausdruck angesehen und ihr gesagt, sie solle draußen bleiben, bis sie gelernt hatte, sich zu benehmen.
Luna verstand noch immer nicht, was sie falsch gemacht hatte.
Sie hatte versucht, es zu erklären. Sie hatte sich entschuldigt. Niemand hatte ihr zugehört.
Also war sie gegangen.
Plötzlich wurde der Regen noch stärker, sodass Luna sich nach einem anderen Ort zum Unterstellen umsehen musste. Zwischen zwei alten Gebäuden entdeckte sie eine schmale Gasse und eilte hinein. Dabei schlang sie die Arme um ihren Körper, während sie immer tiefer in die Dunkelheit ging.
Wenigstens war sie hier vor dem Regen geschützt.
Sie war kaum ein paar Schritte gegangen, als sie etwas hörte.
Ein leises Stöhnen.
Luna blieb stehen.
Sie sah sich in der Gasse um, während ihr Herz schneller zu schlagen begann.
„Hallo?“
Keine Antwort.
Vorsichtig setzte sie einen weiteren Schritt.
Dann hörte sie es wieder.
„Hilfe …“
Die Angst sagte ihr sofort, dass sie weglaufen sollte. Doch etwas anderes hielt sie zurück.
Langsam folgte Luna der Stimme, bis sie einen Jungen entdeckte, der mit dem Rücken an einer Ziegelwand auf dem nassen Boden saß. Er sah älter aus als sie, vielleicht fünfzehn oder sechzehn. Seine teure Kleidung war völlig durchnässt, und eine Hand presste er fest gegen seine Seite.
Seine Finger waren voller Blut.
Luna schnappte nach Luft.
„Du bist verletzt!“
Der Junge hob den Kopf. Sein Gesicht war blass, und über seiner Augenbraue lief Blut aus einer kleinen Schnittwunde.
„Mir geht's gut.“
Luna starrte ihn an.
„Du siehst aber nicht so aus.“
„Es geht schon.“
„Du blutest.“
„Ich weiß.“
„Dann geht es dir nicht gut.“
Einen Moment lang sah der Junge sie einfach nur an.
Dann hob sich trotz des Schmerzes in seinem Gesicht ein Mundwinkel.
„Du redest ziemlich viel.“
Luna runzelte die Stirn.
„Du auch.“
Ein leises Lachen entwich ihm, doch die Bewegung ließ ihn sofort vor Schmerz das Gesicht verziehen.
Lunas Gesichtsausdruck veränderte sich.
„Tut es weh?“
Er nickte.
„Ja.“
Sie ging neben ihm in die Hocke.
„Was ist passiert?“
Der Junge warf einen Blick zum Eingang der Gasse, bevor er antwortete.
„Ich war auf dem Weg nach Hause. Der Fahrer meines Vaters sollte mich nach der Schule abholen. Wir waren fast zu Hause, als uns plötzlich ein schwarzes Auto folgte.“
Luna hörte aufmerksam zu.
„Dann haben sie unser Auto gerammt.“
Ihre Augen weiteten sich.
„Was?“
„Der Fahrer hat mir gesagt, ich soll weglaufen.“
Er senkte den Blick, als würde er sich wieder an alles erinnern.
„Ich wusste nicht, was ich sonst tun sollte, also bin ich gerannt.“
„Sind sie dir hinterher?“
„Einer von ihnen.“
„Warum?“
„Ich weiß es nicht.“
Seine Stimme wurde leiser.
„Er hat mich an der Ecke erwischt.“
Lunas Blick fiel auf seine Verletzung.
„Was hat er gemacht?“
„Er hatte ein Messer.“
Sie hielt sich die Hand vor den Mund.
„Ich habe versucht, wegzukommen, aber er hat mich gepackt und aufgeschnitten.“
Luna starrte ihn erschrocken an.
„Und wie bist du ihm entkommen?“
„Ich habe Schritte gehört.“
„Schritte?“
Er nickte.
„Jemand kam die Straße entlang. Der Mann sah sich um und bekam Angst, also rannte er weg.“
„Und du?“
„Ich bin auch gerannt.“
Er schenkte ihr ein schwaches Lächeln.
„Ich wusste nicht, wohin. Ich bin einfach weitergerannt, bis ich diese Gasse gefunden habe. Ich habe mich hinter den Kisten dort versteckt.“
Luna sah zu den Kisten in der Nähe.
„Du hast dich die ganze Zeit hier versteckt?“
„Ja.“
„Ganz allein?“
Er nickte.
Etwas in Luna wurde weich. Sie wusste, wie es sich anfühlte, allein zu sein, wenn man Angst hatte. Sie wusste, wie es war, an einem Ort zu sein, an dem niemand nach einem suchen würde.
Sie sah ihn wieder an.
„Wie heißt du?“
„Ethan.“
„Ich bin Luna.“
Ethans Blick wanderte zu ihren nackten Füßen.
„Warum bist du hier draußen?“
Luna senkte sofort den Blick.
Sie wollte nicht darüber reden.
„Meine Schwester hat mich ausgesperrt.“
Ethan runzelte die Stirn.
„Warum?“
„Ich weiß es nicht.“
„Hast du etwas angestellt?“
Luna schüttelte den Kopf.
„Ich glaube nicht.“
Sein Blick glitt über ihr zerrissenes Kleid und ihre nassen Haare.
„Dir ist kalt.“
„Dir auch.“
„Ich blute.“
„Und mir ist kalt.“
Ethan sah sie einen Moment lang an, bevor ihm ein leises Lachen entwich. Luna musste ebenfalls lächeln.
Es war nicht lustig. Keiner von ihnen hatte einen Grund zu lachen. Aber für diese wenigen Sekunden fühlten sich der Regen, die Angst und die Einsamkeit nicht mehr ganz so schwer an.
Dann bemerkte Luna wieder seine Wunde.
„Du brauchst Hilfe.“
„Ich kann nicht ins Krankenhaus.“
„Warum?“
„Sie könnten mich finden.“
„Die Leute, die dir das angetan haben?“
Er nickte.
Luna dachte einen Moment nach. Dann fiel ihr Blick auf den zerrissenen Saum ihres Kleides.
Ohne ein Wort zu sagen, packte sie den Stoff und zog daran.
Ratsch.
Ethans Augen weiteten sich.
„Was machst du da?“
„Ich werde die Blutung stoppen.“
„Das musst du nicht … und woher weißt du überhaupt, wie man eine Blutung stillt?“
„Ich weiß es, weil ich mich schon oft verletzt habe.“
Die Narbe an ihrem Hals fiel Ethan ins Auge, doch er schwieg. Er wollte sie nicht nach der Narbe fragen.
Sie riss noch ein Stück Stoff ab. Luna drückte das Tuch auf seine Wunde.
Ethan sog scharf die Luft ein.
„Au.“
„Entschuldigung!“
„Du hast gesagt, du hilfst mir.“
„Das tue ich!“
„Du hast mich gerade fast umgebracht.“
Luna runzelte die Stirn.
„Du warst doch sowieso schon fast tot.“
Ethan starrte sie an.
Dann lachte er.
Diesmal war es ein echtes Lachen.
Luna musste unwillkürlich mit ihm lächeln. Vorsichtig band sie den Stoff um seine Wunde und setzte sich wieder zurück.
„So.“
Ethan blickte auf den improvisierten Verband hinunter.
„Du hast mich gerettet.“
„Ich habe nur mein Kleid benutzt.“
„Trotzdem.“
Er griff in seine Tasche und holte einen kleinen silbernen Anhänger heraus.
Lunas Blick fiel sofort darauf.
„Der ist hübsch.“
„Meine Mutter hat ihn mir geschenkt.“
Er hielt ihn ihr hin.
„Nimm ihn.“
Luna schüttelte den Kopf.
„Nein. Er gehört dir.“
„Ich möchte, dass du ihn hast.“
„Warum?“
Ethan zuckte mit den Schultern.
„Damit ich mich an dich erinnere.“
Luna sah ihn traurig an.
„Du wirst mich wahrscheinlich vergessen.“
„Werde ich nicht.“
„Du weißt nicht einmal, wo ich wohne.“
„Ich werde dich finden.“
Luna starrte ihn an.
Die Worte klangen seltsam aus dem Mund eines Jungen, den sie erst vor wenigen Minuten kennengelernt hatte. Doch er sagte es mit einer solchen Gewissheit, dass sie ihm beinahe glaubte.
Der Regen fiel weiter um sie herum.
Ethan schloss seine Finger um ihre Hand und legte den Anhänger in ihre Handfläche.
„Ich meine es ernst.“
Bevor Luna antworten konnte, hallten plötzlich Schritte irgendwo außerhalb der Gasse wider.
Ethans Lächeln verschwand.
Er blickte zum Eingang.
Lunas Herz begann heftig zu schlagen.
„Sind sie zurück?“
„Ich weiß es nicht.“
Die Schritte kamen näher.
Ethan drückte sich schnell gegen die Wand.
„Luna, du musst gehen.“
„Aber du bist verletzt.“
„Jetzt geht es mir besser.“
„Du hast doch gerade gesagt, dass es dir nicht gut geht.“
„Es wird schon gehen.“
Wieder war ein Geräusch von der Straße zu hören. Ethan sah sie erneut an.
„Geh.“
Luna wollte ihn nicht verlassen.
Doch sie hatte Angst und wusste, dass sie ihm nicht helfen konnte, wenn die Menschen zurückkamen, die ihn angegriffen hatten. Sie schloss ihre Finger fest um den Anhänger.
„Werde ich dich wiedersehen?“
Ethan nickte.
„Ich werde dich finden.“
Luna sah ihn noch einen letzten Moment an, bevor sie in den Regen hinauslief.
Sie wusste nicht, wer Ethan Blackwood wirklich war. Sie wusste nicht, dass er aus einer der mächtigsten Familien der Stadt stammte. Und sie ahnte erst recht nicht, dass der Junge, den sie blutend in dieser dunklen Gasse gefunden hatte, die nächsten vierzehn Jahre damit verbringen würde, sich an sie zu erinnern.
Alles, was Luna wusste, war, dass jemand sie in dieser Nacht zum ersten Mal so angesehen hatte, als wäre sie wichtig.
Und diese Erinnerung trug sie noch lange mit sich, nachdem der Regen aufgehört hatte.
Vierzehn Jahre später würde Ethan noch immer nach dem Mädchen suchen, das ihm das Leben gerettet hatte. Und Luna würde keine Ahnung haben, dass er das Versprechen, das er ihr in jener Nacht gegeben hatte, niemals vergessen hatte.
Die nächsten zwei Tage verbrachte Luna wie in einem Zustand aus nackter Paranoia. Das dunkle Auto, das vor dem Haus ihrer Eltern im letzten Moment von ihr weggelenkt hatte, war in der Nacht verschwunden, doch die Botschaft war eindeutig: Sie war nicht länger nur ein unerwünschter Geist. Sie war zu einer Bedrohung geworden.Sie konnte sich nicht für immer verstecken. Es gab noch eine Person, der sie gegenübertreten musste – die Schwester, mit der sie einen Mutterleib geteilt hatte, das Mädchen, das sie sechsundzwanzig Jahre lang zu beschützen versucht hatte.Luna saß in einer abgeschiedenen Nische im hinteren Teil eines gehobenen Teehauses in der Innenstadt. Ihre Finger lagen um eine Tasse warmes Wasser, die sie noch nicht einmal angerührt hatte. Zehn Minuten später klingelte die Glocke über der Tür.Aurora kam herein, gekleidet in ein hellblaues Designer-Kleid und mit Diamantohrringen, die im Licht funkelten. Sie sah ganz wie die zukünftige Braut eines Milliardärs aus und strahlte jen
Die schwere Holztür des Vance-Hauses fühlte sich kälter an, als Luna sie in Erinnerung hatte.Drei Tage lang hatte Luna versucht, seit sie den Brief ihrer Großmutter gefunden hatte, einfach weiterzuatmen und die unglaubliche Wahrheit zu begreifen: Sie war keine Vance. Die Brandnarbe an ihrem Hals, die kalten Nächte, in denen sie im Regen ausgesperrt worden war, die endlosen Jahre, in denen man sie wie einen unerwünschten Schatten behandelt hatte – es lag nicht daran, dass mit ihr etwas nicht stimmte. Sie hatte einfach nie zu ihnen gehört.Ihre Finger zitterten, als sie auf die Klingel drückte.Im Inneren näherten sich schwere Schritte, dann wurde die Tür aufgerissen. Mrs. Vance stand im Eingangsbereich, in einen Seidenmorgenmantel gekleidet und mit einem Weinglas in der Hand. Ihr Blick glitt über Lunas schlichte Jacke vom Diner, und sofort zeichnete sich Abscheu auf ihrem Gesicht ab.„Was willst du hier?“, verlangte ihre Mutter zu wissen, ohne auch nur einen Schritt zurückzutreten, um
Die Stille in der kleinen Wohnung war schwer, beinahe erdrückend. Draußen hatte sich der Regen in einen leisen, unerbittlichen Nieselregen verwandelt, der gegen die Fensterscheibe prasselte.Luna saß auf der Kante der Matratze und hatte die Knie eng an die Brust gezogen. Auf der anderen Seite des Zimmers lehnte Marcus mit verschränkten Armen an der Wand und beobachtete sie mit einer stillen Sorge, die sich wärmer anfühlte als die Heizung unter dem Fenster. Ihr Geständnis über Ethan, die Gasse und Auroras gestohlene Identität hing noch immer zwischen ihnen in der Luft wie Rauch.Trotzdem wanderten ihre Hände immer wieder zu der staubbedeckten Schachtel zurück, die sie aus dem Schrank geholt hatte.Sie nahm das silberne Medaillon ihrer Großmutter in die Hand. Ihr Daumen strich wie von selbst über das matte, angelaufene Metall und folgte den verblassten Blumenmustern. Jahrelang war es für sie nur ein schmerzhaftes Andenken gewesen – eine Erinnerung an den einzigen Menschen, der sie jemal
Luna starrte auf die Nachricht, bis die Worte vor ihren Augen verschwammen.Bleib ruhig. Sag niemandem etwas. Sonst wird er es beim nächsten Mal nicht nach Hause schaffen.Ihr Daumen schwebte über dem Bildschirm. Sie las die Nachricht immer wieder. Ein leises Geräusch drang von irgendwo außerhalb der Wohnung herein, und Luna fuhr herum.Nichts.Langsam senkte sie ihr Handy.Marcus.Der Gedanke, dass er irgendwo ihretwegen verletzt liegen könnte, ließ sich ihr Magen zusammenziehen. Sie drückte auf die Anruftaste neben der Nummer.Es klingelte.Einmal.Zweimal.Dreimal.Keine Antwort.Luna wartete, bis der Anruf beendet wurde, und rief erneut an.Nichts.Ihre Finger schlossen sich fester um das Handy. Mit dem anderen Daumen fuhr sie sich nervös über die unteren Zähne, doch trotzdem speicherte sie die Nummer unter einem leeren Namen ab.Sie wusste nicht, wer dahintersteckte. Sie wusste nicht, woher diese Person von Marcus wusste. Aber sie wussten, wo sie arbeitete, und wer auch immer es


















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